Leseprobe zu "Die Alternative - Wege und Weltbild des..."
Weltprobleme – Zukunftschancen (S. 69-70)
Die Bücherschränke aufrechter Ökologen sind voll von deprimierenden Nachrichten. Da verstauben die Grenzen des Wachstums, Global 2000 und ganze Reihen von jährlichen Berichten zur Lage der Welt aus der Feder des Worldwatch Institute. Und wer sie aus dem Regal zieht, stellt beim Durchblättern am leisen Knacken des Einbands oft fest, dass sie noch nie gelesen wurden: Lexika der Apokalypse, in denen nur nachgeschaut wird, wenn es gar nicht anders geht.
Aus der systemischen Perspektive sind nicht der Treibhauseffekt, das Ozonloch oder das Artensterben das eigentliche Problem, sondern das Phänomen der Verdrängung. In den verschachtelten Regelkreisen gesellschaftlicher Systeme wirkt sie wie eine undurchsichtige Mauer, an der die Nachrichten über den Zustand der Welt abprallen. In lebenden Systemen hat dieser psychologische Schutzwall fatale Wirkungen: Er unterbricht den Mechanismus der Rückkopplung.
Wenn wir das, was passiert, nicht mehr wahrnehmen wollen, können wir auf das, was nicht passieren soll, nicht mehr reagieren.Wir gleichen dann einem Menschen, der die Hand auf der heißen Herdplatte liegen hat und den Qualm zwischen den Fingern aufsteigen sieht, aber die Hand nicht wegzieht.Wenn das Feedback unterbrochen wird, stirbt ein wesentliches Element lebender Systeme – der Mechanismus der Selbstkorrektur. Mehr noch: Arten, die sich im Netz des Lebens isolieren, gehen das Risiko ein, selbst abzusterben – ganz so wie eine isolierte Zelle im neuronalen Netz des Gehirns.
Die Bedeutung des gegenwärtigen Wandels, dessen Zeugen und Mitgestalter wir sind, liegt darin, dass überall auf der Welt Men schen und kleine Gemeinschaften daran arbeiten, die Feedback- Schleifen wieder zu öffnen. Diesen Impuls der Selbstkorrektur mag es schon immer gegeben haben. Doch in der globalisierten Welt, in der in Sekundenschnelle Informationen übermittelt und jede beliebige Entfernung in 24 Stunden überbrückt werden kann, besteht erstmals die Chance, nicht nur die komplexe Dynamik einer globalen Krise zu begreifen, sondern auch die vielen kleinen Heilungen am globalen System als einen Prozess wahrzunehmen.
Dabei sind die Einsichten in die Krise und die Formen der Selbstkorrektur ebenso miteinander verbunden wie der organische Müll eines Komposthaufens mit dem wertvollen Humus, der aus ihm entsteht.Was ist auf dem Komposthaufen der Gegenwart zu sehen? Was verrottet langsam, was zerfällt schnell, welcher Nährboden entsteht, wo wachsen neue Triebe? Am Anfang des 21. Jahrhunderts stehen wir vor vier riesigen Problemfeldern, die eng miteinander zusammenhängen:
1. die Existenz und die Verbreitung von Atomwaffen und anderen Mitteln zur Massenvernichtung, in die weltweit ungeheure Summen investiert werden, die bei den Investitionen in die Nachhaltigkeit fehlen,
2. Hunger und unvorstellbares Elend, von dem mindestens 20 Prozent der Menschheit betroffen sind, vorwiegend in Ländern, die wir als »Dritte Welt« kategorisiert haben,
3. Umweltverschmutzung und eine Vernichtung von Ökosystemen und Gattungen in einem Umfang, der die Prozesse der Selbstkorrektur in der Biosphäre überfordert und eine Rückkehr zum ökologischen Gleichgewicht akut bedroht,
4. die zunehmende Unterdrückung durch Regierungen, welche die fundamentalen Menschenrechte verweigern, und eine entsprechend wachsende Zahl von Menschen, die noch nicht einmal einen minimalen Teil ihre Potenziale entwickeln können.
Alle diese Grundprobleme sind nicht nur miteinander verbunden, sondern verstärken sich gegenseitig im Sinne der oben beschriebenen »positiven Rückkopplung«: Krieg führt zu Armut, Umweltzerstörung und Unterdrückung. Armut führt ihrerseits zu Umweltzerstörung und provoziert ebenso Revolten wie politische Unterdrückung. Umweltzerstörung löst Armut ebenso aus, wie zahlreiche von außen übergestülpte »Entwicklungsprojekte« zu Umweltzerstörung geführt haben.
Leseprobe zu "Die Alternative - Wege und Weltbild des..."
Der Alternative Nobelpreis
An wen werden sich künftige Generationen erinnern, wenn sie zurückblicken auf die Zeit des Jahrtausendwechsels? Welche Geschichten werden Eltern ihren Kindern von den Helden der Vergangenheit erzählen, um ihnen Vorbilder zu geben und sie zu motivieren, für den Schutz der Biosphäre, für Menschenrechte, Frieden und soziale Gerechtigkeit einzutreten? Wer werden sie sein, die Robin Hoods und Jeanne d'Arcs, die Dietrich Bonhoeffers und Sophie Scholls der Zukunft?
Werden es Menschen sein, die heute - weitgehend unbekannt - unter uns leben? Menschen, wie die englische Hausfrau Angie Zelter, die sich eines Tages entschloss, sich nicht länger von den gigantischen Atom-U-Booten im Hafen ihrer schottischen Heimat einschüchtern zu lassen, und kurzerhand begann, die atomare Abrüstung in die eigenen Hände zu nehmen, indem sie mit Schraubenzieher und Drahtschere in das Sperrgebiet eindrang und militärisches Gerät einfach ins Meer warf? Oder werden es moderne Märtyrer sein wie der Nukleartechniker Mordechai Vanunu, der nicht länger schweigen wollte, das Staatsgeheimnis des israelischen Atomwaffenprogramms an die Öffentlichkeit brachte, vom israelischen Geheimdienst verschleppt wurde und seit 16 Jahren in Einzelhaft sitzt? Vielleicht wird man sich auch an jene indischen Frauen erinnern, die es eines Tages einfach nicht mehr ertrugen, dass die alten Bäume rund um ihre Dörfer immer weiter abgeholzt wurden, ihre Arme um die Stämme legten, den anrückenden Waldarbeitern ihr Leben im Tausch für das Leben der Bäume anboten und so schließlich einen Rodungsstopp in allen Himalajastaaten durchsetzten.
Von solchen Menschen wird in diesem Buch die Rede sein: Männern und Frauen, die angesichts der Zerstörungen und Ungerechtigkeiten, der Fehlentwicklungen und Bedrohungen nicht den Kopf in den Sand steckten, sondern genau hinschauten und aktiv wurden. Menschen, die nicht darauf warteten, dass irgendwelche anderen Leute irgendwann sich des Problems annehmen würden. Ganz normale Leute, deren einzige Besonderheit darin bestand, dass sie sich von dem, was sie sahen, tief berühren ließen. So tief, dass es für sie einfacher, besser und gesünder war, etwas für die Veränderung des Unerträglichen zu tun, als weiterhin nur zuzuschauen.
Solche Menschen gibt es überall auf der Welt, in jedem Dorf, jeder Stadt, jedem Land. Menschen, die sich nicht vom No-Future-Pessimismus erdrücken lassen, aber genauso wenig vom naiv blinden Optimismus der Technokraten halten, die für jede Krise ein Patentrezept haben und der allwissenden Wissenschaft für jedes Problem eine technische Lösung zutrauen. Jakob v. Uexküll, der schwedisch-deutsche Menschenrechtler und Umweltschützer, hat für solche Menschen ein neues Wort geprägt. "Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, als dass man Pessimist sein kann. Es gibt natürlich auch allzu viele Krisen, als dass man einfach Optimist sein kann. Ich sage immer, ich bin Possibilist, ich sehe die Möglichkeiten."*
Ein Possibilist zu sein heißt, den kritischen Zustand der Welt anzuerkennen und trotzdem das zu tun, was möglich ist. Possibilisten sagen Nein zur Zerstörung der Natur, des Lebens, der Vielfalt, der Zukunft und Ja zu den Hoffnungen und Visionen, die jeder Mensch in sich trägt. Possibilisten gleichen jenen kleinen grünen Sprösslingen, die sich unaufhaltsam einen Weg durch die scheinbar undurchdringlichen Teerdecken der versiegelten Naturflächen suchen und mit ihren Wurzeln irgendwann die dicksten Mauern sprengen können. "Wollen wir denn wirklich als kriminelle Monster in die Geschichtsbücher unserer Enkel eingehen, weil wir ihre Welt zerstört haben, weil wir ihre Möglichkeiten nicht genutzt haben, um eine positive Zukunft zu bauen?", fragt Jakob v. Uexküll: "Ich glaube das will keiner, und dann wird es Zeit, dass wir etwas tun."
Und es geschieht längst etwas: Je mehr sich die ökologischen, sozialen und politischen Krisen in den letzten 30 Jahren verschärft haben, desto häufiger hat jener eigenartiger Menschenschlag seine Kreativität entdeckt und sich auf den Weg gemacht, andere Wege in die Zukunft zu suchen. Neue Wege der wirtschaftlichen Entwicklung, des Schutzes der Natur, der Energiegewinnung, der Ermutigung.
Kein Bericht über die alternativen Ansätze der Possibilisten kann den Anspruch der Vollständigkeit haben. Und doch gibt es seit über zwei Jahrzehnten eine Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die besten und viel versprechendsten dieser Initiativen für eine nachhaltige, ökologisch verträgliche und gerechte Welt der Zukunft aufzustöbern, bekannt zu machen und zu fördern: die schwedische "Right Livelihood Foundation", die Jahr für Jahr vier Projekte oder Persönlichkeiten mit dem Right Livelihood Award, dem Preis für die richtige Lebensweise auszeichnet. Einem Preis, der schon nach wenigen Jahren als eine der bedeutendsten Auszeichnungen der Welt galt und allgemein als Alternativer Nobelpreis bezeichnet wird. Dieses Buch über alternative Wege in eine nachhaltige Zukunft basiert auf der Arbeit jener rund hundert Gruppen und Einzelpersonen, die den Alternativen Nobelpreis in den letzten 22 Jahren erhalten haben. (Um dem Leser den Überblick zu erleichtern, wird, wann immer einer der Preisträger Erwähnung findet, in Klammern das Symbol für den Preis - A - zusammen mit dem Jahr der Preisvergabe vermerkt.)
Die Right-Livelihood-Stiftung wurde von Jakob v. Uexküll Ende der 70er-Jahre gegründet. Er hatte an verschiedenen internationalen Konferenzen teilgenommen und mit Erstaunen festgestellt, dass die Kosten der Organisation solcher Begegnungen oft höher waren als die Summe, die für die Bewältigung der besprochenen Probleme bereitstand. Doch am Rande dieser Veranstaltungen begegnete er immer wieder Menschen, die - meist unbeachtet von der Öffentlichkeit - an Projekten arbeiteten, die sehr viel versprechende und praktische Lösungen für den Umgang mit der Umweltzerstörung, dem Verlust an fruchtbaren Böden, sozialen Ungerechtigkeiten, dem Mangel an Menschenrechten oder der Zerstörung indigener Kulturen erprobten.
Er schrieb an die schwedische Nobel-Stiftung und bot sein persönliches Vermögen an, um einen neuen Nobelpreis für die Umwelt zu ermöglichen, mit dem ebensolche Projekte ausgezeichnet werden sollten. Doch der konservative Vorstand der Nobel-Stiftung winkte ab, obwohl erst wenige Jahre zuvor der neue Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingeführt worden war: Es bestehe kein Interesse an einem solchen Preis. Jakob v. Uexküll, der von seiner Idee überzeugt war, entschied sich daraufhin, mit einer eigenen Stiftung einen eigenen Preis für die richtige Lebensweise auf den Gebieten der Arbeit für den Frieden, der nachhaltigen Entwicklung, der Erhaltung der Umwelt, der Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit und der Förderung der Menschenrechte auszuschreiben. Als finanzielle Grundlage der Stiftung diente zunächst der Erlös aus dem Verkauf einer Briefmarkensammlung.
1980, im ersten Jahr der Preisverleihung, suchte v. Uexküll die Preisträger noch selbst aus, die improvisierte Zeremonie fand in einer kleinen angemieteten Halle vor 35 geladenen Gästen statt. Schon im nächsten Jahr suchte eine gut besetzte internationale Jury die Hoffnungsträger aus aller Welt aus. 1985 war der Preis schon so berühmt, dass das schwedische Parlament seine Hallen für die Preisvergabe anbot, die jeweils eine Woche vor der Vergabe der Nobelpreise stattfand. Heute ist der Right Livelihood Award weltweit als "Alternativer Nobelpreis" anerkannt, Medien in aller Welt berichten regelmäßig über die Preisträger und ihre Projekte.
Doch längst schon ist der Alternative Nobelpreis mehr als nur die Summe der ausgezeichneten Projekte. Die Visionen und Ideen der Preisträger aus nunmehr 22 Jahren stehen für einen kulturellen Aufbruch in eine ganz andere, nachhaltige Welt. Gemeinsam weisen sie einen Weg aus der Sackgasse, in der die globale industrielle Wachstumsgesellschaft steckt. Sie spiegeln - wie die vielen Flächen eines Kristalls - die längst vorhandene Vielfalt der praktischen und erprobten Möglichkeiten, die schwer geschädigte natürliche Umwelt zu retten und Millionen von Menschen aus Armut, Rechtlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu befreien. Sie folgen keiner festen Ideologie - das wäre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und eines sich zu Tode siegenden Kapitalismus auch keine wirkliche Alternative. Ihre Stärke liegt in der Vielfalt.
"Natürlich ist das, worüber wir reden, komplexer, weil wir eben die Vielfalt des Lebens nicht auslassen", sagt Jakob v. Uexküll. "Das ist ja das Problem bei der herrschenden Ideologie: Diese Fundamentalisten lassen ja keine Komplexität zu. Es gibt für sie nur ein Modell, nur einen Weg, nur ein wirtschaftliches Modell, und dieses Modell soll zudem noch alle anderen Lebensbereiche kontrollieren. Weil ihr Modell so simpel ist, ist es auch schwierig, Gegenmodelle klar darzustellen. Die Herrschaft des Geldes können sie in zwei Minuten erklären, aber mit der Vielfalt der Alternativen muss man sich ein bisschen gründlicher auseinander setzen."
Jede dieser "Graswurzelinitiativen" beheimatet zahllose hoch engagierte Aktivisten, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, ihre Wunden sehen und sich entschieden haben, die Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Das macht sie immer zu Vorbildern und nicht selten zu "Helden der Gegenwart". Im Sinn haben sie solche Ehren nicht. In den allermeisten Fällen handeln sie, um ein dringendes Problem der Gegenwart zu lösen, das sie erkannt haben und lösen wollen. Doch in allen ist Hoffnung, die der erste Preisträger des Alternativen Nobelpreises, Steven Gaskin (1980), zum Ausdruck bringt, wenn er sagt:
"Wenn jemand in der siebten Generation nach uns aus einer lebenswerten, schönen und nachhaltigen Welt auf die heutige Zeit zurückschaut, dann glaube ich, dass dieses zukünftige Wesen all jenen mutigen Leuten zutiefst dankbar sein wird, die heute dafür sorgen, dass er auch übermorgen noch einen so schönen Planeten hat, um darauf zu leben." Zeiten des Wandels
Eines ist sicher: Wenn unsere Nachfahren in der siebten Generation aus einer gesunden, nachhaltigen und gerechten Welt tatsächlich mit Wohlwollen und Dankbarkeit auf die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts zurückblicken, dann werden sie sich staunend Geschichten von einer Zeit des großen Wandels erzählen.
In jener fernen Zukunft werden sich die Historiker den Kopf darüber zerbrechen, wie es möglich war, dass innerhalb von einem Jahrhundert sich weltweit demokratische Strukturen durchsetzten, die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) ein großes Mitspracherecht einräumten, um gemeinsam einen großen Teil der politischen Macht und die wirtschaftliche Entwicklung zu dezentralisieren, die Regionen zu stärken und das kulturelle wie politische Selbstbewusstsein der Menschen zu stärken. Friedensforscher werden Bücher schreiben darüber, wie die vielfache atomare Overkill-Kapazität einer hochgerüsteten Welt durch öffentlichen Druck abgebaut, durch regionale Sicherheitsbündnisse ersetzt und mit vertrauensbildenden Maßnahmen auch regionale, ethnische und religiöse Konflikte gelöst wurden. Am meisten aber wird man sich an den tief greifenden kulturellen Wandel jener Zeit erinnern, der dazu führte, dass die Menschen den inneren Wert der Natur erkannten, ihre Mitwelt als großen lebendigen Organismus schützten und am Modell der natürlichen Welt Lebensformen entwickelten, die auf Kooperation, Toleranz, persönlicher Entfaltung, gesundem Wachstum, Solidarität und gegenseitiger Abhängigkeit und Hilfe beruhten.
Alles Utopie? Keineswegs! Überall auf der Welt arbeiten zahllose Menschen seit Jahren und Jahrzehnten an genau diesen Zielen und haben in kleinem Maßstab große Teile dieser Zukunft bereits verwirklicht. Diese Pioniere, die noch viel zu oft im Verborgenen arbeiten, können längst Lösungen bereitstellen, auf die dann zurückgegriffen werden wird, wenn die Krisen der Gegenwart sich so weit verschärfen, dass auch den optimistischsten Pragmatikern des Status quo die Ideen ausgehen.
"Wir stehen vor einer einmaligen Aufgabe", sagt Jakob v. Uexküll. "Das gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit, dass wir eine Krise hatten, die derartig global war und so viele Gebiete umfasste. Es gibt keine technologischen oder ökonomischen, sondern nur politische und psychologische Blockaden, die uns daran hindern, eine friedliche und umweltgerechte Weltordnung zu schaffen. Diese Blockade können wir überwinden. Es sind durch den Menschen geschaffene Probleme, die durch den Menschen gelöst werden können. Und die Lösungen sind da."
Nicht auszuschließen ist dabei, dass dieser grundlegende Wandel zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Welt erst möglich sein wird nach einer tiefen, existenziellen Krise der Weltwirtschaft und dem weitgehenden Zusammenbruch sozialer, politischer und ökologischer Systeme im 21. Jahrhundert. Durchaus möglich, dass das auf gnadenloser Konkurrenz, uneingeschränktem Profitstreben, persönlichen Vorteilen und Machtgier basierende Weltbild der Gegenwart sich erst zu Tode siegen muss, bevor die Ideen der Pioniere für eine andere Zukunft die breite Öffentlichkeit erreichen. Denn der Wandel, den es braucht, bis die Zukunft nachhaltig wird, ist gewaltig. Darin liegen Gefahr und Chance zugleich: Trotz aller düsteren Prognosen befindet sich die Menschheit mitten in einem evolutionären Umsturz alles Gewohnten, der kaum aufregender und spannender sein könnte.
So stellt Lester Brown, Gründer des Worldwatch Institute, den Wandel der Gegenwart mahnend in eine Reihe mit den großen kulturellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte: Nach dem Jahrtausende dauernden Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zur sesshaften Agrarkultur und der Jahrhunderte währenden technischen und industriellen Revolution bleiben uns jetzt nur wenige Jahrzehnte für den großen Wandel zur Nachhaltigkeit, der jeden Bereich unserer Kultur berühren und verändern wird.
"Nachhaltige Entwicklung", "biologische Diversität", "Förderung des lokalen Selbstbewusstseins", "ökologisches Bewusstsein" - all diese Lockrufe des Wandels klingen hohl, weil sie nur wenig Verbindung haben zum kulturellen und politischen Alltagsgeschäft. Es scheint sogar, als wäre nur den wenigsten unserer Politiker wirklich die Dimension des radikalen Wandels bewusst, von dem sie mit ihrem polierten ökologischen Vokabular sprechen. Sie ähneln Reisenden, die sich mit einem kleinen Sprachführer in einem unbekannten Land durchschlagen und gerade einmal in der Lage sind, nach dem Weg zu fragen, dann aber die Antworten, die sie erhalten, nicht verstehen und sich noch weniger nach ihnen richten können.
Es scheint dringend erforderlich, diesem orientierungslosen Gestammel aus einem falsch verstandenen Reiseführer in die Zukunft neue Landkarten und einen tieferen Einblick in die Kultur des Wandels entgegenzusetzen. Und dieses umfassende und praktische Verständnis von Nachhaltigkeit und Ökologie wird nicht in den hochgezüchteten akademischen Denkfabriken der Regierungen entwickelt, sondern häufig an den Orten in der Welt, wo die Auswirkungen der globalen Krise am deutlichsten spürbar sind: Dort, wo die Bodenerosion die Landschaft versteppen lässt, die Verelendung in den Slums der Großstädte zunimmt, die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, die Luftverschmutzung krank macht. Zwischen diesen Praktikern, die am Bodensatz und den "Graswurzeln" des Wandels arbeiten, und den Entscheidungsträgern, die händeringend nach neuen Konzepten suchen, gilt es zu vermitteln und zu dolmetschen, um politische Bedingungen herzustellen, in denen jene viel versprechenden Experimente sich einerseits entwickeln können und andererseits als Modelle bereitstehen.
Doch nicht nur die Entscheidungsträger sind betroffen. Vielmehr befindet sich eine ganze Kultur in jenem "Ausland", in dem alte Sicherheiten nicht mehr gelten und sich die meisten nicht mehr auskennen: Die Menschen pendeln hin und her zwischen den Mahnungen der einen und den Beschwichtigungen der anderen, sorgen und beruhigen sich, ahnen die heraufziehende Gefahr und stürzen sich aus dem Gefühl der Hilflosigkeit hektisch in die aktuellen Geschäfte des Alltags. Die dunklen Wolken, die wir auf dem Weg in die Zukunft vor uns sehen, verleiten viele dazu, jammernd am Wegesrand sitzen zu bleiben und den hoffnungslosen Zustand der Welt zu beklagen oder sich ohne Visionen abseits des Wegs in den süßen Nebel der oberflächlichen Ablenkung zu stürzen, den die Unterhaltungsindustrie der Spaßgesellschaft mit Milliardensummen bereitstellt.
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