Pferde stehlen - Petterson, Per

Per Petterson 

Pferde stehlen

Roman. Ausgezeichnet mit dem Independent Foreign Fiction Prize 2006 und mit dem International IMPAC Dublin Literary Award 2007

Aus d. Norweg. v. Ina Kronenberger
Broschiertes Buch
 
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Produktbeschreibung zu Pferde stehlen

Trond ist 67 und zieht sich nach Ostnorwegen zurück. Als ein Nachbar auftaucht, holen ihn die Ereignisse jenes Sommers vor mehr als fünfzig Jahren ein. Damals verbrachte er die Ferien mit seinem Vater in einer Hütte nahe der schwedischen Grenze. Es ist eine Gegend, in der man Pferde stehlen kann. Als in der Nachbarsfamilie ein schreckliches Unglück geschieht, entdeckt der Junge das wohlgehütete Lebensgeheimnis des Vaters.

Produktinformation


  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 246 S.
  • Seitenzahl: 256
  • Fischer Taschenbücher Bd.17518
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 125mm x 20mm
  • Gewicht: 246g
  • ISBN-13: 9783596175185
  • ISBN-10: 3596175186
  • Best.Nr.: 22813088
.

"Eine wunderschön erzählte Geschichte über die Liebe und das Glück, das Jungsein und das Alter, die Natur und die Einsamkeit. Das Schönste wäre, wenn einer auf die Idee käme, dieses Buch zu verfilmen. Das wäre ein Film, bei dem man ein bisschen weinen würde, aber gleichzeitig auch den Daumennagel anknabberte, weil es so spannend ist."

Christine Westermann, WDR, 01.02.06

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.03.2006

Wir entscheiden selbst, wann es weh tut
Hasenjagd auf die verlorene Zeit: Per Pettersons großes Vatersuchspiel

Es sagt einiges über unsere Zeit und ihre Bücher aus, daß die Natur als das Entlegene, Seltsame, Exotische erscheint und daß einem die Menschen weniger entlegen, seltsam und exotisch vorkommen, die mit ihren Neurosen, Sehnsüchten und Komplexen in den Städten aufeinanderhocken, obwohl sie da mindestens so einsam sind wie nur je ein Landbewohner fernab der Zivilisation. Nur so ist auch zu erklären, daß Per Pettersons Roman "Pferde stehlen" als ein stilles Werk bezeichnet werden kann, das in abgelegenen norwegischen Hütten spielt, in dem das Fällen und Flößen von Bäumen einen gewissen Raum einnimmt und Fünfzehnjährige ganz selbstverständlich mit eigenem Gewehr auf Hasenjagd gehen. Allein schon dadurch mutet diese Geschichte auf altmodische Weise bizarrer an als zum Beispiel eine aufgeregte Satire über die drängelnde Allgegenwart der Medien. Dabei ist "Pferde stehlen" alles andere als ein weltfremdes Werk.

Per Petterson, geboren 1952, ist trotz seines früheren Romans "Sehnsucht nach Sibirien" (1999) noch keine …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensentin Felicitas von Lovenberg mochte diesen Roman. In poetischer, rhythmischer Prosa sah sie darin eine zeitlos gültige Geschichte von "Liebe und Tod, Familie und Freundschaft, Politik und Verrat", aber auch von der Zerbrechlichkeit der Welt" erzählt. Doch weil die Geschichte ihrer Beschreibung zufolge in abgelegenen norwegischen Hütten spielt und "fernab jeglicher modischer Strömungen" erzählt wird, prophezeiht sie Per Petterson mit leichtem Bedauern ein Schicksal als Autor "für Fortgeschrittene und Liebhaber". Unaufgeregt reihe sich in der Geschichte von der retrospektiven Vatersuche eines fast siebzigjährigen Einsiedlers sich "eine ungeheuerliche Begebenheit an die nächste". Auch die "konzentrierte Anspannung" des Protagonisten, sich nicht nur von vergangenen Ereignissen sondern auch von sich selbst ein Bild zu machen, geben diesem Buch aus Sicht der Rezensentin "Sog und Größe". Gelobt wird auch Übersetzerin Ina Kronberger, die den Roman "so behutsam wie trittsicher" ins Deutsche gebracht hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 06.04.2006

Die Herkunft der Handgriffe
Von Menschen in ihrer Landschaft: Per Pettersons lebenskluger Roman „Pferde stehlen”
„Pferde stehlen”, der Romantitel suggeriert, erst recht in Verbindung mit dem Autorennamen Per Petterson und dem Umschlagfoto, auf dem wir ein einsames Holzhaus am Fjord erkennen, ein nordisches Idyll. Schaut man sich den jüngsten Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson genauer an, so wird diese Erwartung zugleich bestätigt und unterlaufen. Tatsächlich ist „Pferde stehlen” ein Roman, in dem die nordische Landschaft, präziser das norwegisch-schwedische Grenzland, so plastisch hervortritt, wie es in der Darstellungsart der Literatur überhaupt nur möglich ist. Die Weite, die Härte, die Schönheit und die Gleichgültigkeit dieser Natur hat sich bei Petterson in eine rhythmische, frei atmende, manchmal wehmütige und fast schmerzhaft konkrete Sprache verwandelt. „Anfang November. Neun Uhr. Die Kohlmeisen knallen gegen das Fenster”, so fängt der Roman an. „Manchmal fliegen sie nach dem Zusammenprall wie benommen davon, dann wieder fallen sie in den Neuschnee und mühen sich ab, bevor sie erneut auf die Flügel kommen.” Die …

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Per Petterson, geb. 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte.

Leseprobe zu "Pferde stehlen" von Per Petterson

Ich roch den Duft von frisch gefällten Bäumen. Er breitete sich von der Straße zum Fluß her aus, erfüllte die Luft, trieb übers Wasser, drang überallhin, und ich wurde davon ganz benommen und wirr im Kopf. Ich war mitten drin. Ich roch nach Harz, meine Kleider, meine Haare und meine Haut rochen noch nach Harz, wenn ich nachts im Bett lag und schlief. Ich schlief damit ein und wachte damit auf und roch es den ganzen Tag. Ich war Wald. Ich lief bis zu den Knien durch Tannenreisig und schlug mit der Axt die Äste ab, wie mein Vater es mir gezeigt hatte: dicht am Stamm, damit nichts mehr herausstach und das Schäleisen behindern, sich verhaken oder denjenigen an den Füßen verletzen konnte, der vielleicht über die Stämme laufen mußte, wenn sich das Floß verfing und im Fluß aufstaute. In einem unwiderstehlichen Rhythmus schwang ich die Axt nach rechts und nach links. Es war schwere Arbeit, es war, als würde von allen Seiten zurückgeschlagen, und nichts wich von selbst, aber das kümmerte mich nicht, ich war erschöpft, ohne es zu merken, und machte einfach immer weiter. Die anderen mußten mich zurückhalten, sie faßten mich bei der Schulter, schoben mich auf einen Baumstumpf und sagten, ich müsse unbedingt eine Weile darauf sitzen bleiben und ausruhen, aber ich bekam Harz an den Po, es kribbelte in den Beinen, und ich machte mich mit einem ratschenden Laut von dem Baumstamm los und griff nach der Axt. Die Sonne brannte, und mein Vater lachte. Ich war wie berauscht.

Jons Vater war da und Jons Mutter Teile des Tages mit ihren hellblonden Haaren vor den dunkelgrünen Zweigen, sie kam mit Essen in einem Korb vom Boot zu uns herauf, und ein Mann, der Franz hieß, mit z, war da. Er hatte gewaltige Unterarme, und unten auf dem linken Arm hatte er einen Stern auftätowiert, und er wohnte in einem kleinen Haus direkt neben der Brücke und sah jeden Tag das ganze Jahr hindurch den Fluß vorbeifließen und wußte alles, was es zu wissen gab über das, was auf dem Wasser geschah. Und mein Vater und ich und Brona waren da. Jon war nicht dabei, sie sagten, er sei wenige Tage nach der Beerdigung mit dem Bus in die Distriktstadt gefahren, aber was er dort machte, sagten sie nicht, und ich fragte nicht. Ich überlegte damals nur, ob ich ihn je wiedersehen würde.

Wir fingen morgens kurz nach sieben an und arbeiteten bis zum Abend, bis wir ins Bett fielen und wie Tote schliefen, mit dem ersten Licht erwachten und wieder anfingen. Einige Zeit sah es so aus, als würden die Bäume nie aufhören, denn man kann einen Pfad entlanglaufen und denken, um einen herum sei ein hübscher kleiner Wald, aber wenn jede Fichte mit Fuchsschwänzen gefällt werden soll und du anfängst zu zählen, kannst du leicht den Mut verlieren und glauben, daß du nie zu einem Ende kommst. Aber wenn du mitten drin steckst und sich alle im richtigen Rhythmus befinden, haben Anfang und Ende keine Bedeutung, nicht dort, nicht da, und wichtig ist nur, daß du dranbleibst, bis sich alles zu einem eigenen Puls verbindet, der pocht und von selbst schlägt, und du machst zur richtigen Zeit Pause und arbeitest weiter und ißt genug, aber nicht zuviel, und trinkst genug, aber nicht zuviel, und schläfst gut, wenn es Zeit dafür ist: acht Stunden nachts und mindestens eine am Tag.

Ich schlief am Tag, und mein Vater schlief, und Jons Vater und Franz schliefen, nur Jons Mutter nicht. Wenn unsere Pause kam und wir uns in die Heide legten, jeder unter einen Baum, und die Augen schlossen, ging sie zum Boot und ruderte nach Hause zu Lars, um sich um ihn zu kümmern, und wenn wir wach wurden, war sie in der Regel zurück, oder wir hörten die Ruderschläge vom Fluß und wußten, daß sie auf dem Weg war. Dann hatte sie oft Dinge mit, die wir brauchten, Werkzeug, das zu holen ihr aufgetragen worden war, oder etwas zu essen im Korb, was sie gebacken hatte und worüber wir uns alle freuten, und ich verstand nicht, wie sie das durchhielt, denn sie arbeitete unermüdlich und so hart wie ein Mann. Und jedesmal sah ich meinen Vater mit halboffenen Augen daliegen und sie beobachten, wenn sie zurückkam, und das tat ich auch, ich konnte nicht anders, und weil wir es taten, tat es auch Jons Vater, auf eine andere Art, als ich es früher an ihm gesehen hatte, und das war wohl nicht sehr erstaunlich. Aber ich glaube nicht, daß wir das gleiche sahen, denn, was er sah, machte ihn sichtlich betreten und verwunderte ihn. Was ich sah, machte mir Lust darauf, den höchsten Baum zu fällen, ihn kippen und mit einem Rauschen und lautem Krachen fallen zu sehen, das im Tal widerhallte, und ihn selbst in Rekordzeit zu entästen und ohne Pause zu entrinden, auch wenn das die härteste Arbeit war, und ihn mit bloßen Händen auf meinem eigenen Rücken zum Fluß zu schleifen, ohne daß mir ein Pferd oder ein Mann halfen, und ihn mit den Kräften, die ich plötzlich in mir spürte, hineinzuwerfen, und das Wasser sollte so hoch spritzen wie ein Haus in Oslo.

Was mein Vater dachte, wußte ich nicht, aber auch er legte sich besonders ins Zeug, wenn Jons Mutter anwesend war, und das war sie oft, so daß wir beide im Verlauf der Tage ziemlich müde wurden. Aber er scherzte und lachte, und so tat ich es auch. Wir waren guter Dinge und lachten, ohne recht zu wissen, warum, jedenfalls wußte ich es nicht, und auch Franz war in bester Stimmung, und mit geschwollenen Muskeln und dröhnender Stimme warf er mit allerlei Kraftworten um sich und schwang dabei die Axt, sogar als er einmal etwas unvorsichtig war und um ein Haar unter einen fallenden Baum geraten wäre und ein Ast ihm die Mütze vom Kopf schlug. Er ließ die Axt los, wirbelte wie ein Tänzer herum, die Arme zur Seite gestreckt, grinste breit und rief:

"Ich habe mein Blut mit dem Schicksal vermischt und nehme, was kommt, mit ausgestreckten Armen entgegen!" Und ich sah deutlich vor mir, wie er unter einem fallenden Baum stand, der schwer war und vor betäubendem Saft nur so strotzte, und wie er ihn mit bloßen Händen auffing, und das Blut, das glänzend aus dem roten Stern auf dem Unterarm lief. Mein Vater kratzte sich am Kinn und schüttelte den Kopf, aber er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

"Dein Vater spielt mit dem Feuer", sagte Franz in einer Pause. Ich saß auf einem Stein am Flußufer, massierte meine schmerzenden Schultern und sah über das Wasser, als er plötzlich

neben mir stand und sagte: "Dein Vater spielt mit dem Feuer, wenn er mitten im Hochsommer Bäume fällen und sie sofort den Fluß hinunterschicken will. Sie stehen voller Saft, wie du vielleicht gemerkt hast." Das hatte ich gemerkt, es war nicht zu übersehen, und das machte die Arbeit schwerer, denn jeder Stamm hatte ein Eigengewicht, das annähernd doppelt so groß war wie zu einer anderen Jahreszeit, und die alte Brona konnte nicht so viel auf einmal ziehen, wie sie sonst geschafft hätte.

"Das Holz könnte sinken. Auch ist der Wasserstand nicht gut, und er nimmt ab. Mehr sage ich nicht. Aber wenn er es jetzt machen will, machen wir es jetzt. Für mich ist das in Ordnung. Dein Vater ist hier der Chef."

Und das war er. Ich hatte ihn eigentlich noch nie so gesehen, mit erwachsenen Männern in einer Situation, in der eine Arbeit getan werden mußte, und er hatte eine Autorität, die andere abwarten ließ, was er zu sagen hatte und wie er es haben wollte, und dann taten sie, was er sagte, als sei es das Natürlichste der Welt, auch wenn sie es selbst besser wußten und sicher mehr Erfahrung hatten. Bis dahin war es mir nicht in den Sinn gekommen, daß auch andere ihn so erlebten und akzeptierten, daß es etwas anderes und mehr war als nur das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

Der Polter am Fluß wuchs immer höher, bis wir keine Stämme mehr auf ihn schichten konnten und einen neuen Stapel begannen. Brona kam vom oberen Teil des Waldes herunter auf den Platz vor dem Fluß, wo wir arbeiteten, und das Pferd war dunkel und warm und schwitzte in großen Flecken und roch stark, wie nur ein Pferd riechen kann, und anders als alles, was ich jemals in der Stadt gerochen hatte. Es roch gut, fand ich, und wenn es nach einem Schleppvorgang mit hängendem Kopf reglos dastand, legte ich bisweilen meine Stirn auf seine Flanke und spürte, wie die steifen Haare an der Haut scheuerten, und atmete nur, dicht an ihm dran, und niemand mußte es führen und nicht einmal begleiten, denn nach ein paar Durchgängen wußte es genau, wie alles zu laufen hatte, aber Jons Vater ging dennoch mit und hielt es an losen Zügeln, und am Fluß stand mein Vater bereit, mit einem Flößerhaken in der Hand, lang wie eine Lanze auf einem Bild von einem englischen Ritterturnier. Zusammen bugsierten sie die Stämme so hoch sie konnten, und am Anfang war es einfach, doch dann wurde es schwerer und mehr als das, aber sie gaben nicht auf, und allmählich war zu erkennen, daß sie angefangen hatten, miteinander zu konkurrieren. War der eine kurz davor aufzugeben und meinte, sie kämen nicht höher, wollte der andere weitermachen.

"Komm schon!" rief Jons Vater, und sie rammten die Haken in je ein Ende des Stamms, und mein Vater rief:

"Hoch!" Und Jons Vater rief zurück:

"Hau ruck und hopp, verdammt noch mal!" Er hatte seine Stimme kaum unter Kontrolle, und ich begriff plötzlich, daß er die Autorität meines Vaters herausforderte, und sie legten sich ins Zeug und zogen und ruckten, daß ihnen der Schweiß lief und das Hemd am Rücken langsam dunkel wurde und die Adern auf der Stirn, am Hals und an den Armen hervortraten, so blau und dick wie Flüsse auf einer Weltkarte: Rio Grande, Brahmaputra, Yangtze Kiang. Zum Schluß war es völlig unmöglich, sie kamen nicht höher, und es war auch sinnlos, wir konnten ja mit einem neuen Stapel beginnen, und dieser wäre ohnehin der letzte, denn wir arbeiteten seit einer Woche, und jetzt sahen wir das Ende des Einschlags, und das, was wir geschafft und am Ufer an Baumstämmen gestapelt hatten, gelb und entrindet, war so beeindruckend für mich, daß ich fast nicht begreifen konnte, daß ich dabeigewesen war. Aber sie gaben nicht auf. Sie wollten noch einen Stamm nach oben hieven, und noch einen, zumindest einer von ihnen wollte das, und wer der eine war, schien zu wechseln. Sie rollten ihn auf zwei Querhölzern hoch, die schräg gegen den Stapel gestemmt waren, und es war so steil, daß sie eigentlich mit Stricken hätten arbeiten müssen, oben stehen und die Stricke irgendwo befestigen müssen und dann zwei Schlingen nach unten werfen, um den Stamm legen und wieder nach oben ziehen, wie eine Seilrolle, so daß das Gewicht halbiert würde, wenn sie den Stamm an seinen Platz zogen. Franz hatte mir gezeigt, wie man es machte. Aber das taten sie nicht, sie benutzten von beiden Seiten nur die Flößerhaken, und es ging jetzt so schwer, daß es anfing, gefährlich zu werden, denn die Füße hatten keinen festen Halt, und es war fast unmöglich, einen Takt zu finden.

Eigentlich sollte jetzt Pause sein. Ich hörte Franz von der Straße oben mit gespielt verzweifelter Stimme rufen:

"Kaffee! Ich sterbe!", und ich stand mit schmerzenden Armen da und starrte auf die beiden erwachsenen Männer, die immer weitermachten, und sie stöhnten laut in der Hitze und wollten nicht aufgeben, und Jons Mutter kam auf dem Weg zum Boot, um nach Hause zu Lars zu rudern, ebenfalls nach unten, aber sie blieb neben mir stehen und sah zu.

Ich spürte, wie sie da stand, warme Haut und ausgewaschenes Kleiderblau, und weil sie nicht wie gewohnt direkt zum Boot ging, sich hineinsetzte und die Riemen in die Hand nahm, war ich sicher, daß etwas passieren würde, daß es ein Zeichen war, und ich dachte darüber nach, meinem Vater zuzurufen, er solle mit dem Quatsch, in den er sich hineinmanövriert hatte, aufhören. Aber ich war nicht sicher, ob er es so sehr mögen würde, auch wenn er oft auf meine Meinung hörte und auf sie Rücksicht nahm, wenn ich etwas Vernünftiges vorbringen konnte, was häufig geschah. Ich drehte mich um und betrachtete Jons Mutter, die jetzt nichts mit Jon zu tun hatte, oder vielleicht hatte sie es doch, war zwei verschiedene Personen, und wir waren gleich groß und hatten nach mehreren Wochen in der glühenden Sonne gleich helle Haare, aber das Gesicht, das gerade offen gewesen war, ja entblößt, war jetzt verschlossen, nur die Augen hatten einen verträumten Ausdruck, als wäre sie nicht da und würde nicht das gleiche sehen wie ich, sondern etwas, was dahinter lag, etwas Größeres, für das ich keine Worte hatte, aber mir wurde klar, daß auch sie nichts sagen wollte, um die beiden Männer zu stoppen, daß sie ihretwegen bis zum Äußersten gehen konnten, um ein für allemal etwas zu entscheiden, wovon ich keine Ahnung hatte, dass es vielleicht genau das war, was sie wollte. Und es erschreckte mich ein wenig. Doch anstatt mich davon abstoßen zu lassen, ließ ich mich einfangen, wo sonst sollte ich mit mir hin? Ich konnte nirgendwohin, nicht allein, und ich trat einen Schritt näher und stand ganz dicht neben ihr, so daß meine Hüfte ihre Hüfte leicht berührte. Ich glaube nicht einmal, daß sie es merkte, aber ich merkte es wie einen Stoß, der durch den Körper ging, und die beiden auf dem Holzstapel merkten es, und sie sahen zu uns herunter und stockten einen Augenblick, und dann tat ich etwas, was mich überraschte. Ich legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie zu mir heran, und die einzige, bei der ich das bisher getan hatte, war meine Mutter, aber das hier war nicht meine Mutter. Es war Jons Mutter, die nach Sonne und Harz duftete, wie ich sicher auch, aber noch nach etwas anderem, was mich schwindeln ließ, wie mich der Wald schwindeln ließ und fast zu Tränen rührte, und ich wollte nicht, daß sie jemandes Mutter war, weder lebend noch tot. Und das Merkwürdige war, daß sie sich nicht entzog, sondern meinen Arm liegen ließ und sich leicht an meine Schulter lehnte, und ich verstand nicht, was sie wollte, was ich selbst wollte, aber ich hielt sie noch fester, sterbensbange und glücklich, und vielleicht geschah es nur, weil ich am nächsten stand und einen Arm hatte, den sie brauchte, oder weil ich jemandes Sohn war, und zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich nicht jemandes Sohn sein. Nicht der Sohn meiner Mutter in Oslo, nicht der Sohn des Mannes, der dort auf dem Holzstapel stand und so überrascht aussah über das, was er zu sehen bekam, daß er sich aufrichtete und ihm der Flößerhaken ein winziges Stück aus den Händen glitt, obwohl sie mitten in einem Hauruck-Vorgang waren, aber es reichte schon, und Jons Vater, der ebenso überrascht aussah, versuchte, nicht locker zu lassen. Aber er schaffte es nicht, und der Stamm schwang wie ein Propeller herum und traf ihn an den Füßen, bevor er schräg über die Kante rollte, und ich hörte, daß sein Bein wie ein trockener Ast brach, bevor er vornüber kippte, mit den Schultern zuerst auf die Seite des Holzstapels fiel und mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden landete. Das alles ging so schnell, daß ich es erst begriff, als es vorbei war. Ich sah es nur. Mein Vater stand allein und um sein Gleichgewicht ringend auf dem Polter, wedelte mit dem Flößerhaken in der einen Hand, der Fluß strömte hinter ihm vorbei, und der wolkenlose Himmel war fast weiß vor Hitze. Jons Vater lag auf der Erde und stöhnte herzzerreißend, und seine Frau, die ich einen Augenblick zuvor noch so hart und weich um die Schulter gefaßt hatte, war aus ihrem Traum erwacht, hatte sich losgerissen und lief zu dem Stapel hinüber. Sie sank auf die Knie, beugte sich über ihren Mann und legte seinen Kopf in ihren Schoß, aber sie sagte nichts, schüttelte nur den Kopf, als wäre er zum siebenhundertfünfzigsten Mal ein ungehorsamer Junge gewesen, und sie würde nun resignieren, zumindest sah es so aus, von dort, wo ich stand. Und zum ersten Mal spürte ich meinem Vater gegenüber einen Hauch von Bitterkeit, weil er den vollkommensten Augenblick in meinem bisherigen Leben zerstört hatte, und plötzlich war ich ganz davon erfüllt, bis zur Grenze der Raserei, meine Hände zitterten, und ich begann mitten an dem heißen Sommertag zu frieren, und ich weiß nicht einmal mehr, ob mir Jons Vater leid tat, der sichtbar Schmerzen hatte: in dem Bein, das er gebrochen hatte, und in der Schulter, auf der er gelandet war. Und dann begann er zu brüllen. Das trostlose Brüllen eines erwachsenen Mannes, der Schmerzen hatte und der gerade einen Sohn verloren hatte und dem ein zweiter von zu Hause fortgegangen war, vielleicht für immer, was wußte er schon, und für den im jetzigen Augenblick alles nur trostlos aussah. Das war nicht schwer zu verstehen. Aber ich glaube trotzdem nicht, daß er mir leid tat, denn ich war so erfüllt von meinen eigenen Dingen, daß ich kurz vorm Bersten war, und seine Frau schüttelte nur den ihm zugeneigten Kopf, und hinter mir hörte ich Franz, der mit ausholenden Schritten den Weg herunterkam. Sogar Brona schüttelte ihre Mähne und zerrte am Geschirr. Von jetzt an wird nichts mehr so sein wie früher, dachte ich.

Blick ins Buch "Pferde stehlen"

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Kundenbewertungen zu "Pferde stehlen" von "Per Petterson"

Durchschnittliche Kundenbewertung 5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** ausgezeichnet
(aus 1 Bewertung)

Bewertung von Ruth Justen aus Leipzig am 25.11.2011 ***** ausgezeichnet
Wenn ich eine Zeit in einer einsamen Hütte in Norwegen verbringen und einen Rucksack mit Büchern mitnehmen dürfte, "Pferde stehlen" von Per Petterson wäre auf jeden Fall dabei.

Der Roman spielt in der Idylle des ländlichen Norwegens nahe der schwedischen Grenze. Trond lebt hier im Alter. Einsam aber nicht unzufrieden zieht er seine Lebensbilanz. Die Sehnsucht nach den geborgenen Teenagertagen im letzten gemeinsamen Sommer mit seinem Vater trieb ihn zurück an diesen Ort. 50 Jahre nach dem Verschwinden seines Vaters findet er die Hintergründe heraus und kann sich endlich mit seinem Vater und damit mit sich aussöhnen.

"Pferde stehlen" ist ein wunderbarer Familienroman und zugleich ein Geschichtsbuch über die Auswirkungen der deutschen Besatzung auf die norwegische Bevölkerung. Das Buch ist voller Wärme für seine Protagonisten geschrieben.

Carl Hanser Verlag 2003

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Pferde stehlen

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Trond ist 67 und zieht sich nach Ostnorwegen zurück. Als ein Nachbar auftaucht, holen ihn die Ereignisse jenes Sommers vor mehr als fünfzig Jahren ein. Damals verbrachte er die Ferien mit seinem Vater in einer Hütte nahe der schwedischen Grenze. Es ist eine Gegend, in der man Pferde stehlen kann. Als in der Nachbarsfamilie ein schreckliches Unglück geschieht, entdeckt der Junge das wohlgehütete Lebensgeheimnis des Vaters.

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Die Herkunft der Handgriffe
Von Menschen in ihrer Landschaft: Per Pettersons lebenskluger Roman „Pferde stehlen”
„Pferde stehlen”, der Romantitel suggeriert, erst recht in Verbindung mit dem Autorennamen Per Petterson und dem Umschlagfoto, auf dem wir ein einsames Holzhaus am Fjord erkennen, ein nordisches Idyll. Schaut man sich den jüngsten Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson genauer an, so wird diese Erwartung zugleich bestätigt und unterlaufen. Tatsächlich ist „Pferde stehlen” ein Roman, in dem die nordische Landschaft, präziser das norwegisch-schwedische Grenzland, so plastisch hervortritt, wie es in der Darstellungsart der Literatur überhaupt nur möglich ist. Die Weite, die Härte, die Schönheit und die Gleichgültigkeit dieser Natur hat sich bei Petterson in eine rhythmische, frei atmende, manchmal wehmütige und fast schmerzhaft konkrete Sprache verwandelt. „Anfang November. Neun Uhr. Die Kohlmeisen knallen gegen das Fenster”, so fängt der Roman an. „Manchmal fliegen sie nach dem Zusammenprall wie benommen davon, dann wieder fallen sie in den Neuschnee und mühen sich ab, bevor sie erneut auf die Flügel kommen.” …

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Kundenbewertungen zu "Pferde stehlen" von "Per Petterson"

Durchschnittliche Kundenbewertung (aus 1 Bewertung):
5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen *****
ausgezeichnet
Bewertung von Ruth Justen aus Leipzig am 25.11.2011
*****
ausgezeichnet
Wenn ich eine Zeit in einer einsamen Hütte in Norwegen verbringen und einen Rucksack mit Büchern mitnehmen dürfte, "Pferde stehlen" von Per Petterson wäre auf jeden Fall dabei.

Der Roman spielt in der Idylle des ländlichen Norwegens nahe der schwedischen Grenze. Trond lebt hier im Alter. Einsam aber nicht unzufrieden zieht er seine Lebensbilanz. Die Sehnsucht nach den geborgenen Teenagertagen im letzten gemeinsamen Sommer mit seinem Vater trieb ihn zurück an diesen Ort. 50 Jahre nach dem Verschwinden seines Vaters findet er die Hintergründe heraus und kann sich endlich mit seinem Vater und damit mit sich aussöhnen.

"Pferde stehlen" ist ein wunderbarer Familienroman und zugleich ein Geschichtsbuch über die Auswirkungen der deutschen Besatzung auf die norwegische Bevölkerung. Das Buch ist voller Wärme für seine Protagonisten geschrieben.

Carl Hanser Verlag 2003
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Perlentaucher-Notiz zur FAZ-Rezension

04.03.2006

Rezensentin Felicitas von Lovenberg mochte diesen Roman. In poetischer, rhythmischer Prosa sah sie darin eine zeitlos gültige Geschichte von "Liebe und Tod, Familie und Freundschaft, Politik und Verrat", aber auch von der Zerbrechlichkeit der Welt" erzählt. Doch weil die Geschichte ihrer Beschreibung zufolge in abgelegenen norwegischen Hütten spielt und "fernab jeglicher modischer Strömungen" erzählt wird, prophezeiht sie Per Petterson mit leichtem Bedauern ein Schicksal als Autor "für Fortgeschrittene und Liebhaber". Unaufgeregt reihe sich in der Geschichte von der retrospektiven Vatersuche eines fast siebzigjährigen Einsiedlers sich "eine ungeheuerliche Begebenheit an die nächste". Auch die "konzentrierte Anspannung" des Protagonisten, sich nicht nur von vergangenen Ereignissen sondern auch von sich selbst ein Bild zu machen, geben diesem Buch aus Sicht der Rezensentin "Sog und Größe". Gelobt wird auch Übersetzerin Ina Kronberger, die den Roman "so behutsam wie trittsicher" ins Deutsche gebracht hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

Rezension

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Rezensionen und Kritik

"Eine wunderschön erzählte Geschichte über die Liebe und das Glück, das Jungsein und das Alter, die Natur und die Einsamkeit. Das Schönste wäre, wenn einer auf die Idee käme, dieses Buch zu verfilmen. Das wäre ein Film, bei dem man ein bisschen weinen würde, aber gleichzeitig auch den Daumennagel anknabberte, weil es so spannend ist."

Christine Westermann, WDR, 01.02.06

Autorenporträt zu "Per Petterson"

Per Petterson, geb. 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte.

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