Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung - Wildt, Michael

Michael Wildt 

Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung

Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939

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Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung

Die "Volksgemeinschaft" hatte seit dem Ersten Weltkrieg in Deutschland in nahezu allen Parteien politische Konjunktur. Aber während der Begriff bei den Sozialdemokraten beispielsweise ein Synonym für die inkludierende Einheit aller Schaffenden darstellte, war die "Volksgemeinschaft" bei der Rechten, insbesondere bei den Nationalsozialisten, vor allem durch Exklusion bestimmt. Nicht so sehr die Frage, wer zur "Volksgemeinschaft" gehörte, beschäftigte sie, als vielmehr, wer nicht zu ihr gehören durfte, allen voran die Juden. Deshalb besaß der Antisemitismus für die praktische Volksgemeinschaftspolitik des NS-Regimes einen zentralen Stellenwert. Die bürgerliche Zivilgesellschaft in eine rassistische Volksgemeinschaft zu verwandeln, konnte nicht per "Führererlass" oder Gesetz erfolgen. Michael Wildt beschreibt diese Transformation als einen politischen Prozess und untersucht die Ereignisse nicht nur innerhalb der großen Städte, sondern gerade in der Provinz, in den Dörfern und kleinen Gemeinden. "Volksgemeinschaft" existiert nicht, sie wird hergestellt. In der politischen Praxis vor Ort hieß das, soziale Distanz herzustellen, jedwede Solidarität und Mitleid mit den Verfolgten zu stigmatisieren, um die Juden zu isolieren und für rechtlos, ja vogelfrei zu erklären. Der Boykott vom 1. April 1933 blieb in den kleinen Orten keineswegs auf einen Tag beschränkt, sondern entwickelte sich zu einem Instrument der lokalen Partei-, SA- und HJ-Gruppen, aggressiv und gewalttätig gegen jüdische Kaufleute, Bürger, Nachbarn wie auch gegen diejenigen vorzugehen, die noch Kontakt zu Juden hielten. Wer mittat, musste strafrechtliche Ahndung nicht fürchten, im Gegenteil, die Gewalttäter konnten sich der heimlichen wie offenen Komplizenschaft vieler anderer sicher sein. In den Gewalttaten ließ sich die eigene Übermacht erfahren. Die Herstellung der Volksgemeinschaft bedeutete sowohl die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als auch Partizipation als rassistische Selbstermächtigung: Alle Gewalt geht vom Volke aus.

Die »Volksgemeinschaft« hatte seit dem Ersten Weltkrieg in Deutschland in nahezu allen Parteien politische Konjunktur. Aber während der Begriff bei den Sozialdemokraten beispielsweise ein Synonym für die inkludierende Einheit aller Schaffenden darstellte, war die »Volksgemeinschaft« bei der Rechten, insbesondere bei den Nationalsozialisten, vor allem durch Exklusion bestimmt. Nicht so sehr die Frage, wer zur »Volksgemeinschaft« gehörte, beschäftigte sie, als vielmehr, wer nicht zu ihr gehören durfte, allen voran die Juden. Deshalb besaß der Antisemitismus für die praktische Volksgemeinschaftspolitik des NS-Regimes einen zentralen Stellenwert.

Die bürgerliche Zivilgesellschaft in eine rassistische Volksgemeinschaft zu verwandeln, konnte nicht per »Führererlass« oder Gesetz erfolgen. Michael Wildt beschreibt diese Transformation als einen politischen Prozess und untersucht die Ereignisse nicht nur innerhalb der großen Städte, sondern gerade in der Provinz, in den Dörfern und kleinen Gemeinden. »Volksgemeinschaft« existiert nicht, sie wird hergestellt.

In der politischen Praxis vor Ort hieß das, soziale Distanz herzustellen, jedwede Solidarität und Mitleid mit den Verfolgten zu stigmatisieren, um die Juden zu isolieren und für rechtlos, ja vogelfrei zu erklären. Der Boykott vom 1. April 1933 blieb in den kleinen Orten keineswegs auf einen Tag beschränkt, sondern entwickelte sich zu einem Instrument der lokalen Partei-, SA- und HJ-Gruppen, aggressiv und gewalttätig gegen jüdische Kaufleute, Bürger, Nachbarn wie auch gegen diejenigen vorzugehen, die noch Kontakt zu Juden hielten. Wer mittat, musste strafrechtliche Ahndung nicht fürchten, im Gegenteil, die Gewalttäter konnten sich der heimlichen wie offenen Komplizenschaft vieler anderer sicher sein. In den Gewalttaten ließ sich die eigene Übermacht erfahren.

Die Herstellung der Volksgemeinschaft bedeutete sowohl die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als auch Partizipation als rassistische Selbstermächtigung:
Alle Gewalt geht vom Volke aus.


Produktinformation

  • Verlag: Hamburger Edition
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 411 S. m. Fotos u. Dok.
  • Seitenzahl: 411
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 154mm x 40mm
  • Gewicht: 670g
  • ISBN-13: 9783936096743
  • ISBN-10: 3936096740
  • Best.Nr.: 22505051
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.10.2007

Ausnahmezustand von unten
Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939

Die nationalsozialistische Judenpolitik gehört zu den zentralen Untersuchungsgegenständen der Geschichtswissenschaft. Geraume Zeit stand das exekutive Handeln des "Dritten Reiches" dabei im Vordergrund des Interesses. Inzwischen geht die Historiographie weit darüber hinaus auch den spezifischen Bedingungen nach, welche die Untaten des Regimes, was die Haltung der Bevölkerung angeht, ermöglichten, erleichterten, ja sogar beförderten. In dieser Perspektive untersucht Michael Wildt in einer scharfsinnig argumentierenden Darstellung das Phänomen der "Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz" zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das Datum der "Machtergreifung" charakterisiert er als "unhintergehbare" Zäsur: Bis dahin trafen antisemitische Ausschreitungen auf den Widerstand des Rechtsstaates; danach wurde aus strafwürdigem Unrecht das nationalsozialistische Recht jener "Volksgemeinschaft", die für sich ebenso verblendet wie zutreffend den Anspruch erhob: "Wir sind die neue Zeit."

Der aus den Jahren des Ersten Weltkriegs …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.12.2008

Gewalt als Politik
Wie sich der NS-Rassismus auf den Dörfern ausbreitete
Frieda Pinto, die Schwester des jüdischen Metzgers Levy Pinto, lebte in Jengum, einem 1200 Einwohner zählenden Dorf in Ostfriesland. Als 1935 bekannt wurde, dass sie mit ihrem Verlobten Adolf Cohen aus Wittmund zusammenziehen wollte, bildete sich nach dessen Ankunft ein Demonstrationszug. Am Haus der Pintos wurden Fensterscheiben eingeschlagen, und die Menge skandierte antisemitische Parolen. Sie forderte, dass Cohen sich nicht im Ort niederlassen dürfe – mit Erfolg. Nachdem der Bürgermeister und der Dorfpolizist mit dem Metzger gesprochen hatten, sagte Cohen, er werde den Ort innerhalb einer halben Stunde verlassen. Eine größere Menschenmenge folgte ihm bis zur Fähre.
Gerade in der Provinz war laut Michael Wildt die Verfolgung der jüdischen Nachbarn als „Volksfeinde” das zentrale Instrument, um die bürgerliche Ordnung anzugreifen und eine rassistische „Volksgemeinschaft” zu etablieren. In den kleinen Orten, wo die Nationalsozialisten zwar die Führungspositionen erobert, aber nicht immer auch die politische Macht errungen hatten, lasse sich die Herstellung der …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Diesem Band des Historikers Michael Wildt kann Anke Schwarzer Aufschlussreiches über die Manifestation des Antisemitismus im "Volksgemeinschaftsprojekt" zwischen zwischen 1919 und 1939 entnehmen. Was Wildt unter anderem mittels einer (von Schwarzer als weniger ertragreich empfundenen) Gegenüberstellung von Stadt und Land, vor allem aber durch die systematische Auswertung von 3744 Quellendokumenten (Ortsgruppenberichte deutsch-jüdischer Verbände, Lageberichte von Gestapo, Landräten und Bürgermeistern) über die alltägliche Praxis ans Licht bringt, lässt Schwarzer erkennen, dass antisemitische Gewalt "Ziel und Mittel" der Volksgemeinschaft war und "durch Ausschluss hergestellt" wurde. Die vom Autor vorgeschlagene Fokussierung weniger auf die staatlichen Stellen und ihre Verordnungen, als auf das Verhalten von Kollegen, Nachbarn, Kund- und Bekanntschaft, erscheint Schwarzer sinnvoll.

© Perlentaucher Medien GmbH
Michael Wildt, Dr. phil, geboren 1954, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung, Lehrbeauftragter an der Universität Hannover

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