Leseprobe zu "Hindenburg" von Wolfram Pyta
Eine mehr als respektable Offizierskarriere
Paul von Hindenburg war schon fast 67 Jahre alt, als er ins Rampenlicht der Geschichte trat und aus dem preußisch-deutschen Offizier eine historische Figur wurde. Als man ihn nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus dem Ruhestand zurückholte, beförderte ihn nicht zuletzt der Zufall binnen kurzem an die Spitze der deutschen Truppen im Osten, wo er zum populärsten Deutschen aufstieg. Dieser wahrlich atemberaubende zunächst militärische und dann mehr und mehr politische Aufstieg Hindenburgs war nicht mehr zu erwarten gewesen. In seiner Berufslaufbahn deutete bis zum August 1914 nichts darauf hin, daß sein Name einstmals die Schlagzeilen beherrschen sollte. Infolgedessen sind die dokumentarischen Zeugnisse der 67 Jahre von 1847 bis zum August 1914 mehr als dürftig. Hindenburg führte bis dahin das unspektakuläre Leben eines preußisch-deutschen Militärs, der das Licht der Öffentlichkeit nicht suchte. Vor seiner militärischen Reaktivierung war er nur einem kleinen Kreis militärischer Insider bekannt; nach dem kometenhaften Aufstieg war jedoch ganz Deutschland begierig, mehr über den neuen Nationalhelden zu erfahren.
Die erste zuverlässige Biographie Hindenburgs erschien bereits 1915. Sie war das Werk seines literarisch ambitionierten elf Jahre jüngeren Bruders Bernhard und enthielt zahlreiche Dokumente und fotografische Zeugnisse. Aufgrund ihres Materialreichtums ist diese Schrift auch heute noch unentbehrlich, wenn man die beruflichen und privaten Schritte Paul von Hindenburgs von 1847 bis 1914 verfolgen will. Auch das hier vorliegende Werk stützt sich auf diese Publikation, reichert sie aber um zum Teil bislang unbekannte Dokumente an. Allerdings geht es hier nicht darum, das Leben Paul von Hindenburgs bis zum August 1914 in erschöpfender Ausführlichkeit nachzuzeichnen, denn dafür reicht die magere Quellenlage nicht aus. Vielmehr sollen die vorliegenden Zeugnisse daraufhin befragt werden, ob sich aus ihnen eine militärische und politische Grundauffassung herauslesen läßt, die dem Generalfeldmarschall des Jahres 1914 und dem späteren Reichspräsidenten als verläßlicher Kompaß diente. Die Frage lautet also: Gab es grundlegende Prägungen in Hindenburgs ersten 67 Jahren, die sein Leben als Feldmarschall und später als Reichspräsident bestimmt haben?
Betrachten wir zunächst die militärische Laufbahn Hindenburgs bis zur Übernahme eines Regiments im Jahre 1893. Bereits in diesen 36 Jahren hat der aufstrebende Offizier Grundauffassungen verinnerlicht, die sein militärisches Credo bestimmten und sich im Ersten Weltkrieg nachdrücklich bemerkbar machen sollten. Man wird Hindenburg nicht gerecht, wenn man ihn als reine Soldatennatur begreift, deren geistiger Horizont nicht über das preußische Exerzierreglement hinausreicht. Er selbst verstand sich als kriegswissenschaftlich ausgebildeter Militär, der die Schlachten gewissermaßen lesen konnte; und er fühlte sich den Nur-Soldaten, denen es an einer solchen fundierten Ausbildung fehlte, turmhoch überlegen. Schon in jungen Jahren zählte er zur militärischen Führungsreserve und konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine beachtliche militärische Karriere ausrechnen.
Die Grundlagen für Hindenburgs Laufbahn wurden früh gelegt. Schon als Kind lernte er das militärische Leben kennen, und er hat sich wohl niemals etwas anderes gewünscht, als Offizier zu werden. Das Soldatische lernte er aus nächster Nähe durch seinen Vater Robert kennen, der sich ebenfalls dem Dienst im Waffenrock verschrieben hatte. Als Paul von Hindenburg am 2. Oktober 1847 in Posen das Licht der Welt erblickte, war sein Vater dort als Leutnant stationiert. Angesichts der Neigungen des Knaben war es nur konsequent, daß der junge Paul 1859 in eine Kadettenschule - im schlesischen Wahlstatt - eintrat. In diesen Einrichtungen verband man die schulische Ausbildung auf dem Niveau eines Realgymnasiums mit der Einübung militärischer Grundfertigkeiten. Paul von Hindenburg hat während der Kadettenzeit Pflichtbewußtsein und Ausdauer erkennen lassen, ohne im schulischen oder militärischen Unterricht durch herausragende Leistungen zu glänzen. Im April 1863 setzte er seine Ausbildung auf der Hauptkadettenanstalt in Berlin fort, wurde zwei Jahre später in die höchste Klasse, die Selekta, versetzt und erwarb damit das Anrecht, unmittelbar nach bestandenem Fähnrichsexamen in das Offizierskorps einzutreten. Das war der schnellste Weg zum Leutnant. Als Hindenburg im April 1866 in das gerade gebildete 3. Garderegiment zu Fuß als Leutnant aufgenommen wurde, hatte er sein erstes Ziel erreicht: Mit 18 Jahren war er in das prestigeträchtige preußische Offizierskorps aufgerückt. Nun standen ihm alle militärischen Aufstiegsmöglichkeiten offen.
Für Hindenburgs persönlichen Reifeprozeß spielten der Preußisch-Österreichische Krieg von 1866 und der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 eine entscheidende Rolle. Hier sammelte er praktische Kriegserfahrungen, was auch bedeutete, sein Leben aufs Spiel zu setzen - aus seiner Sicht eine Selbstverständlichkeit für einen Berufssoldaten, der den Eid auf den preußischen König geschworen hatte. Vor Beginn der Kampfhandlungen auf dem böhmischen Kriegsschauplatz vertraute er seinen Eltern an: "So freue ich mich doch über diese bunt belebte Zukunft, für einen Soldaten ist ja der Krieg der Normalzustand und außerdem stehe ich in Gottes Hand. Falle ich, so ist es der ehrenvolle und schönste Tod, eine Verwundung muß ja auch nur zum Besten dienen, und kehre ich unverletzt zurück, um so schöner." Fast hätte er bei diesem Feldzug sein Leben hingegeben, als am 3. Juli 1866 in der entscheidenden Schlacht bei Königgrätz eine feindliche Kugel seinen Helm durchschlug, seinen Kopf aber nur streifte. Daß er um Haaresbreite dem Tod entronnen war, nahm er kaltblütig zur Kenntnis und erledigte seine Aufgabe ungerührt weiter.
Als das preußische Gardekorps vier Jahre später im Deutsch-Französischen Krieg eingesetzt wurde, stand die nächste Bewährungsprobe für den jungen Leutnant bevor. Hindenburg hat in zwei ausschlaggebenden Gefechten an vorderster Front mitgefochten: am 18. August 1870 bei der Einnahme von St. Privat und zwei Wochen später bei der Schlacht von Sedan, die den französischen Kaiser Napoleon III. Freiheit und Thron kostete. Hindenburg verschloß dabei die Augen keineswegs vor den Schrecken des Krieges, denn er beklagte die "entsetzlichen Verluste" des Gardekorps in der Schlacht von St. Privat. Doch die ihm eigene Nüchternheit, die zu einem hervorstechenden Charakterzug werden sollte, ließ ihn auch im lautesten Schlachtengetümmel Gleichmut bewahren: "Ich begreife selbst nicht, wie ich bei der ganzen Aktion so kaltblütig bleiben konnte."
In dieser Zeit schälten sich die Konturen seiner politischen Grundanschauung heraus. Daß Hindenburg infolge seiner Sozialisation und seines Werdegangs königstreu sowie gut preußisch fühlte und dachte, bedarf keiner besonderen Begründung.