Produktbeschreibung zu Halbmond und Hakenkreuz
Hier liegt die erste Gesamtdarstellung der Beziehungen zwischen dem
nationalsozialistischen Deutschland und dem arabischen Nahen Osten
vor. Sie beleuchtet ein Verhältnis, das zwischen rassistischer
Ideologie, Politik und Religion genügend Raum für Zündstoff lässt,
was in seiner Tragweite bisher kaum erkannt wurde.
Rezension:
Mallmann, Klaus-Michael; Cüppers, Martin: Halbmond und Hakenkreuz.
Das "Dritte Reich", die Araber und Palästina (=
Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität
Stuttgart, Bd. 8).
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006. ISBN
978-3-534-19729-3; 288 S.; EUR 49,90.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johannes Platz, Universität Trier
E-Mail:
Klaus Michael Mallmann und Martin Cüppers haben ein
richtungsweisendes Buch vorgelegt, das in Deutschland neben der
vorzüglichen Studie von Klaus Gensicke über den Großmufti von
Jerusalem, Amin Al Husseini, und den Studien von Matthias Küntzel
seinesgleichen sucht.[1] Mallmann und Cüppers, beide an der
Forschungsstelle Ludwigsburg und mit einer Zahl an wichtigen
Studien zur Shoah und zur Täterforschung an die wissenschaftliche
Öffentlichkeit getreten, nehmen sich eines Themas an, das in
Deutschland bisher, wenn überhaupt, von Orientalisten und Arabisten
angepackt wurde und dann auch eher selten in kritischer
Perspektive.
Mallmann und Cüppers haben auf der Grundlage vorrangig deutscher
Quellen ein Thema erschlossen, das in der deutschsprachigen
Forschung noch unterbelichtet ist: Die Beziehungen der arabischen
und insbesondere der palästinensischen Nationalbewegung zu
Nazideutschland. In einem knappen einführenden Kapitel skizzieren
sie den arabischen Kampf gegen die Juden Palästinas von den 1920er
bis in die 1930er-Jahre. Der jüdischen Besiedelung Palästinas
begegneten die arabischen Einwohner in dieser Zeit mit zunehmender
Gewalt. Erste Massaker spielten sich im April 1920 in Jerusalem ab,
bei dem acht Juden getötet und 216 verletzt wurden. Ein größeres
Massaker folgte 1929, das von Jerusalem auf Hebron übergriff und
zur Ermordung und Vertreibung der dort seit über 1000 Jahren
lebenden Juden führte. Die dritte Welle der Gewalt begann
schließlich im Jahr 1936 mit dem palästinensischen Aufstand und
währte mit Unterbrechungen bis 1939. Mallmann und Cüppers weisen
nach, dass es im Nahen und Mittleren Osten breite Sympathien für
das Dritte Reich gab.
Auf der Grundlage deutscher Quellen loten sie das Verhältnis der
deutschen Seite zu den arabischen Anwärtern auf ein tiefergehendes
Bündnis aus. Dabei zeigt sich, dass die deutsche Seite der
palästinensischen Nationalbewegung gegenüber zunächst vorsichtig
agierte. Zum einen geschah dies aus außenpolitischer Rücksichtnahme
auf die Briten, mit denen man in den 1930er-Jahren in dieser Frage
keine Konfrontation eingehen wollte. Zum anderen verfolgte man
innenpolitisch das antisemitisch motivierte Ziel der Auswanderung
der Juden – unter anderem in das britische Mandatsgebiet in
Palästina.
Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich diese Lage aber grundlegend,
denn erstens trat man den Briten nun offensiv als Feind entgegen
und bedurfte deswegen keiner Rücksichtnahme mehr. Zweitens
verabschiedete man sich sukzessive vom Ziel einer Auswanderung nach
Palästina und favorisierte die Vertreibung in den Osten, bis dann
im Jahr 1941 an die Stelle der Aussiedlungspläne endgültig die
Vernichtungspläne traten. Hinzu kam, dass sich auf dem
Kriegsschauplatz Entscheidendes änderte. Mit dem Fall Barbarossa
wurde die Eroberung der Sowjetunion auf der Liste der Kriegsziele
offensichtlich, und mit den Fortschritten auf dem
Mittelmeer-Kriegsschauplatz rückte man dem britischen Mandatsgebiet
Palästina immer näher. Mittelfristig war eine Zangenbewegung vom
Kaukasus aus im Osten auf den Nahen und Mittleren Osten sowie von
Ägypten aus im Westen auf Palästina geplant. Die Gegenwehr der
Briten auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz erwartete man
stärker als sie dann zunächst tatsächlich war.
Als sich die deutschen Truppen unter Erwin Rommel Palästina
näherten, wurden die Planungen konkreter. Im Jahr 1942 bildete man
ein SS-Einsatzkommando bei der Panzerarmee des Afrikakorps, das den
Auftrag hatte, die Ermordung des Jischuw, der jüdischen Bevölkerung
in Palästina, vorzubereiten. Diese Entdeckung in den Akten hat
Mallmann und Cüppers bereits vor dem Erscheinen ihrer Monographie
einige Aufmerksamkeit eingebracht, wurde ein Artikel, den sie in
der Festschrift für Konrad Kwiet veröffentlicht hatten, doch
mehrere Male in der Tagespresse und in einer Monatszeitschrift
besprochen.[2] Aus den Aktenstudien von Mallmann und Cüppers geht
hervor, dass sich das noch kleine Einsatzkommando in Athen
bereithielt, um beim Einmarsch der Panzerarmee das
Vernichtungsprogramm im britischen Mandatsgebiet in Palästina
aufzunehmen. Aus der Tatsache, dass das Kommando noch klein war, zu
schließen, die Nazis hätten es ausgerechnet mit ihren
Vernichtungsplänen für das Mandatsgebiet nicht so ernst gemeint und
Rommel hätte das sicherlich im letzten Moment zu verhindern
gewusst, ist freilich naiv. Die Arbeitsteilung in anderen
rückwärtigen Gebieten und an der Front auf den Kriegsschauplätzen
im Osten lässt anderes vermuten.
Schließlich waren der schnelle Aufbau und die Ausweitung der
Einsatzkommandos auch auf dem östlichen Kriegsschauplatz häufiger
zu beobachten. Hinzu kommt, dass das Einsatzkommando mit seinem
Kommandanten, SS-Obersturmannführer Walther Rauff, einen
ausgewiesenen Experten des Völkermords an seiner Spitze hatte.
Rauff hatte auf dem östlichen Kriegsschauplatz am Einsatz der
Gaswagen zur mobilen Tötung von Juden führend mitgewirkt. Dass das
Einsatzkommando in Palästina nicht zum vorbestimmten Einsatz kam,
ist der Initiative der Briten sowie der Tatsache zu verdanken, dass
diese die Panzerarmee bei El Alamein entscheidend schlugen und dann
zurückdrängten. Das Einsatzkommando unter Rauff war übrigens danach
in Nordafrika weiter tätig, indem es die Juden Tunesiens
drangsalierte und terrorisierte, wenn auch die Kapazitäten für
Vernichtung und Deportation dieser Gruppe in dieser Phase des
Krieges zunehmend schwanden.
Neben diesen Kriegsschauplätzen des Mittelmeers untersuchen die
Autoren intensiv die Politik des führenden Vertreters der
palästinensischen Nationalbewegung, des Großmufti von Jerusalem,
Amin Al Husseini. Dabei gelingt es ihnen nachzuweisen, von welchem
eliminatorischen Antisemitismus der Großmufti, der sich ab November
1941 in Berlin im Exil aufhielt, getrieben war. Der Mufti hielt
flammende Reden gegen die Juden und versuchte die arabische
Nationalbewegung für das Dritte Reich zu mobilisieren. Einigende
Faktoren waren der strenge Führerglauben in Teilen der arabischen
Nationalbewegung, panislamische Vorstellungen von der islamischen
Ummah, die dem Gedanken der Volksgemeinschaft ähnelte, vor allem
jedoch der radikale Antisemitismus, den der Mufti mit den
Nationalsozialisten teilte. Aber nicht nur im Raum des Politischen
wirkte der Mufti mobilisierend. Auch praktisch setzte er sich für
den Nationalsozialismus ein, indem er zu seiner militärischen
Flankierung auf dem südosteuropäischen Kriegsschauplatz für einen
muslimischen Sektor in der Wehrmacht, der Sicherheitspolizei und
der Waffen-SS sorgte. Schließlich lassen sich handfeste
Verbindungen und Interventionen dieses einflussreichen arabischen
Führers im Bereich der Judenvernichtung nachweisen. Im Epilog der
Studie werden die Nachkriegskarrieren der Hauptakteure skizziert,
die für die meisten relativ bruchlos verliefen.
Alles in allem handelt es sich bei der Studie von Mallmann und
Cüppers um ein Pionierwerk innerhalb der deutschen
Forschungslandschaft. Auf der Grundlage vor allem militärischer und
außenpolitischer Quellen informiert sie über hierzulande meist
wenig beachtete Vorgänge, kommt dabei aber anders als die derzeit
en vogue befindlichen postkolonialen Studien zu hochbrisanten
Erkenntnissen über Bündnisse, die von vermeintlich kolonialisierten
und unterdrückten Völkern bisweilen mit den verbrecherischsten
Machthabern der Geschichte eingegangen wurden.
Dabei gelingt es Mallmann und Cüppers, die Quellen über den
Antisemitismus der Araber gegenüber den Juden zum Sprechen zu
bringen.
Gelungen ist zudem die Verbindung zwischen handfester
Militärgeschichte und weiterreichenden Fragen zu den Gesellschaften
des nahen Ostens. Erst wenige Studien haben sich dieser Art von
Kollaborationen angenommen, vor allem für die Nachkriegszeit gibt
es einige Studien, die sich beispielsweise des komplizierten
Verhältnisses der arabischen Nationalbewegung zur radikalen
deutschen Linken angenommen haben.[3] Man wünscht sich eine Reihe
von Folgestudien auf diesem Arbeitsfeld „antikolonialer“
Widerstandsbewegungen.
Anmerkungen:
[1] Gensicke, Klaus, Der Mufti von Jerusalem, Amin Al Husseini, und
die Nationalsozialisten. Frankfurt am Main 1988. Dieses wichtige,
aber leider nur in Fachkreisen beachtete Buch erscheint dieses Jahr
in einer Neuauflage in der Reihe der Forschungsstelle Ludwigsburg;
Küntzel, Matthias, Djihad und Judenhass. Über den neuen
antijüdischen Krieg.
Freiburg 2002; ders., Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus
und Antisemitismus in der arabischen Welt, in: Rabinovici, Doron;
Speck, Ulrich; Sznaider, Natan (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine
globale Debatte. Frankfurt am Main 2004, S. 271-293.
[2] Mallmann, Klaus-Michael; Cüppers, Martin, Beseitigung der
jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina. Das Einsatzkommando bei
der Panzerarmee Afrika 1942, in: Matthäus, Jürgen; Mallmann,
Klaus-Michael (Hrsg.), Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust
in Geschichte und Gegenwart, Darmstadt 2006, S. 153-176. Dazu z.B.:
Eschrich, Kerstin, Imam Hitler. Neue Erkenntnisse über die
strategischen Planungen der Nationalsozialisten für den Nahen
Osten, in: Konkret 4/2006, S. 15.
[3] Vowinckel, Annette, Der kurze Weg nach Entebbe oder die
Verlängerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten, in:
Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 1,
2004, S. 236-254; Kraushaar, Wolfgang, Die Bombe im jüdischen
Gemeindehaus, Hamburg 2005.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Dirk van Laak
URL zur Zitation dieses Beitrages
Produktinformation
- Deutsch
- ISBN-13: 9783534197293
- ISBN-10: 3534197291
- Best.Nr.: 20851503
Klaus-Michael Mallmann, geb. 1948, ist Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg und Professor für Neuere Geschichte in Stuttgart. Bei der WBG erschienen von ihm zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: »Karrieren der Gewalt«, »Genesis des Genozids« und »Deutsche, Juden, Völkermord«.
Martin Cüppers, geb. 1966, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle Ludwigsburg. Bei der WBG erschien zuletzt »Wegbereiter der Shoah«.
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