Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag - Potthast, Jan Bj.

Jan Bj. Potthast 

Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag

Gegnerforschung und Völkermord im Nationalsozialismus. Diss.

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Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag

Ein jüdisches Museum der SS

Kurz nach Beginn der nationalsozialistischen "Endlösung" entstand im besetzten Prag ein jüdisches Museum unter Aufsicht der SS. Jan Björn Potthast analysiert in seiner Studie, was die Nationalsozialisten mit dem Aufbau des weltweit größten jüdischen Museums bezweckten.

Es klingt absurd: Die SS hatte in Prag Juden an einem jüdischen Museum arbeiten lassen und gleichzeitig ihre Ausrottung in ganz Europa betrieben. Ausstellungsobjekte waren die Hinterlassenschaften der Ermordeten und ihrer Vorfahren. Es waren die "Auszusterbenden" (H.G. Adler) selber, die unter Aufsicht der SS dieses Museum gebaut hatten. Jüdische Spezialisten arbeiteten hier mit der Sorgfalt und Kompetenz erfahrener Wissenschaftler und Ausstellungsgestalter.

Es liegt eine tragische Ironie in der Tatsache, dass ausgerechnet die SS für die Entstehung einer der bis heute größten und wertvollsten Sammlungen von Judaica verantwortlich ist. Unter Beteiligung von Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann wurde im Zuge der Deportationen die Sammlung, Ordnung und Lagerung des gesamten Besitzes aller Juden im Protektorat Böhmen und Mähren befohlen. Jedes einzelne Objekt im Prager Museum steht damit für seinen getöteten Besitzer.

Jan Björn Potthast geht in seiner Studie einer zentralen Frage nach: Wenn die Nationalsozialisten ihren Gegnern Ausstellungen widmeten, dann waren dies propagandistisch aufbereitete, aggressive "Schandausstellungen". Das Prager Museum passte jedoch überhaupt nicht in dieses Muster: es transportierte nicht die nationalsozialistische Ideologie, sondern es war ein ernsthaftes, seriöses Museum mit wissenschaftlichem Anspruch. Potthast untersucht diese Widersprüche und versucht zu klären, was die Nationalsozialisten mit diesem Museum gewollt haben könnten.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2 Abb.
  • Seitenzahl: 503
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 151mm x 34mm
  • Gewicht: 648g
  • ISBN-13: 9783593370606
  • ISBN-10: 3593370603
  • Best.Nr.: 10216197

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Eine absurde Fußnote der Geschichte ist das Jüdische Zentralmuseum in Prag nach Meinung der Rezensentin Sonja Zekri auf jeden Fall, denn es wurde von den Nazis mit Unterstützung von jüdischen Wissenschaftlern aufgebaut, während die jüdische Kultur außerhalb des Museums systematisch vernichtet wurde. Zwar ist diese Promotion nicht die erste Arbeit, die sich mit der Geschichte dieses absurden Ortes beschäftigt, bemerkt die Rezensentin, doch sie ist "wissenschaftlich fundiert" und bringt die Forschung zum Thema auf den aktuellen Stand. Dabei geht der Autor sowohl auf die Motive des Nazis als auch der Juden ein. Zudem sei das Buch "bemerkenswert flüssig geschrieben", wie Zekri erfreut bemerkt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.05.2003

Auf Wunsch der SS
Jan B.Potthast zeigt das
Jüdische Zentralmuseum in Prag
Unter allen Ungeheuerlichkeiten des Dritten Reich ist das Jüdische Zentralmuseum in Prag ganz sicher eine der verrücktesten: Während die SS die Vernichtung der Juden in ganz Europa betrieb, baute sie zugleich ein vergleichsweise unbedeutendes Regionalmuseum und einige Synagogen im Prager Judenviertel zu einem der größten jüdischen Museen der Welt aus. In Prag sammelten, archivierten und bewahrten jüdische Wissenschaftler und Museumsfachleute die Zeugnisse einer Kultur, deren Angehörige durch eben diese Auftraggeber millionenfach ermordet wurden. So entstand eine der größten und wertvollsten Sammlungen von Judaica, die gerade in ihrer Pracht und Fülle das Ausmaß des Verbrechens bezeugt. Es war der Vorläufer aller späteren Holocaust- Museen.
Wie dieser Wahnsinn geschehen konnte, welche Motive die Juden hatten, ihn nicht nur zu fördern, sondern sogar zu initiieren, was sich andererseits die SS von einer solchen Sammlung versprach, das hat Jan Björn Potthast für eine Promotion zu einer Studie zusammengetragen, die nicht nur wissenschaftlich solide fundiert, sondern auch …

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Jan Björn Potthast, Dr. phil., promovierte am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Er arbeitet als Historiker und Journalist in München.§§

Leseprobe zu "Das jüdische Zentralmuseum der SS in Prag"

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Inhaltsangabe

Einleitung

Von Mördern und einem Museum
Der Stand der Forschung
Quellen und Ziele

1. Forschung und Vertreibung: Die Gegnerforscher und das Sammeln von Studienmaterialien im NS-Staat bis 1939
1.1 Aspekte der nationalsozialistischen Gegnerforschung, dargestellt am Beispiel der Ausstellung "Der ewige Jude"
1.2 Der Sicherheitsdienst und sein Freimaurermuseum
1.3 Das Wiener Modell der Eichmann-Männer

2. Zwischen Verbtreibung und Vernichtung: Die "Judenpolitik" im Protektorat Böhmen und Mähren bis zum Beginn der Deportationen 1939 bis 1941

2.1 Herrschaftsstrukturen im Protektorat

2.2 Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung
2.2.1 Eichmann in Prag
2.2.2 Hans Günther und die Mitarbeiter der Zentralstelle

2.3 Karl Hermann Frank und die SS

2.4 Oberhaupt der Opfer: Die jüdische Kultusgemeinde in Prag
2.4.1 Exkurs: Das jüdische Museum in Prag
2.4.2 Die Freistellung der Kultusgegenstände

2.5 Die Etablierung der Zentralstelle für jüdische Auswanderung

2.6 Die "Endlösung der Judenfrage"
2.6.1 Zur Forschungsdiskussion
2.6.2 Theresienstadt und der Beginn der Deportationen

3. Forschung und Vernichtung: Die Gegnerforschung und der Beginn des Massenmordes

3.1 Rosenberg
3.1.1 Die Eröffnung des Instituts zur Erforschung der Judenfrage
3.1.2 Pläne, Projekte und Probleme der Dienststelle Rosenberg
3.1.3 Rosenberg und das Protektorat

3.2 Die Schutzstaffel

4. Das Jüdische Zentralmuseum in Prag 1941 bis 1943
4.1 Die deutsche Kunst- und Museumspolitik im Protektorat
4.2 Die Treuhandstelle
4.3 Entstehung und Anfangszeit des Zentralmuseums
4.3.1 Überlegungen zur Vorgeschichte des Projektes
4.3.2 Die Vorbereitungen
4.3.3 Die Situation und Ziele der Museumsmitarbeiter

4.4 Arbeitsweise und Methodik
4.5 Veränderungen im Protektorat
4.6 Die erste Ausstellung des Zentralmuseums in der Hochsynagoge
4.7 Die zweite Ausstellung in der Klausensynagoge
4.8 Die Altneusynagoge als Ausstellungsraum und Drehort
4.9 Die Pläne für die Pinkas-Synagoge und das Dreieck Prag - Theresienstadt - Berlin

5. Die Gegnerforschung im totalen Krieg
5.1 Himmler, Heydrich und die SS
5.1.1 Das Reichssicherheitshauptamt
5.1.2 Die Reinhard-Heydrich-Stiftung

5.2 Rosenbergs Schlussoffensive im Weltanschauungskampf
5.2.1 Konkurrenz in chaotischen Zeiten
5.2.2 Finaler geistiger Angriff auf das Judentum: Die Pläne für einen antijüdischen Kongress in Krakau 1944
5.2.3 Ein Museum in Eisenstadt

6. Das Ende des Zentralmuseums 1943 bis 1945
6.1 Die Deportationen im Sommer 1943
6.2 Die vierte Ausstellung des Zentralmuseums: Das Ghetto-Museum
6.3 "Die Arbeiten wurden fortgesetzt"...- Das Ende
6.4 Der Zusammenbruch in Prag - Hans Günthers Tod

7. Nach 1945
7.1 Das Nachkriegsschicksal der Täter
7.2 Schlaglicht: Bestandsaufnahme in Frankfurt
7.3 Das Jüdische Museum in Prag nach 1945

8. Forschung, Vernichtung und Erinnerung: Das Jüdische Zentralmuseum im Kontext der nationalsozialistischen "Judenpolitik"

8.1 Die Entstehung des Zentralmuseums: Eine Initiative der Jüdischen Kultusgemeinde
8.2 Trophäenkammer, Tauschobjekt, Museum einer untergegangenen Rasse? Das Jüdische Zentralmuseum und die "Endlösung der Judenfrage"
8.2.1 Darwinismus und Dämonen
8.2.2 "Heute gehört uns Europa"... Nationalsozialistische "Endlösungen" für die Judenfrage und die Erinnerung
8.2.3 "...und morgen die ganze Welt!" Die Schule der Vernichtung, oder: Der Kampf gegen die Juden geht weiter

Anhang
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