Sogar Papageien überleben uns - Martynova, Olga

Olga Martynova 

Sogar Papageien überleben uns

Roman. Ausgezeichnet mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2011

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Sogar Papageien überleben uns

Ein verspielter und kluger Roman über eine russisch-deutsche Freundschaft mit ungewöhnlichen Ansichten des 20. Jahrhunderts in Russland.

Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht. Außerdem ist da ein Mann, der in Leningrad Russisch studierte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte lebte. Die Vergangenheit ist nicht vergangen und das gilt nicht nur für diese private Geschichte: »Ich habe Angst vor den Geheimnissen der Zeit.« Ein ganzes Jahrhundert (und manchmal auch mehr als das) passiert in den Assoziationen Marinas Revue, und nirgendwo sonst ist dieses letzte Jahrhundert vielfältiger, durch gewaltige Brüche im Sozialsystem fragmentierter gewesen als in Russland: vom Zarenreich über die Revolution, die Sowjetunion, die Weltkriege, die Belagerung Leningrads durch die Deutschen, die Perestrojka
Olga Martynova, Lyrikerin und Essayistin, fächert in ihrem ersten (und auf Deutsch geschriebenen) Roman mit bezaubernder Leichtigkeit das Schwierigste vor uns auf: die vielen Seiten der Vergangenheit, den »Grünspan der Zeit«, dieses Gleiten von Positionen und Ansichten, das nur die Literatur vermitteln kann. Wir lesen nicht nur von den literarischen Avantgardisten rund um Charms und Vvedenskij, von der Gegenwart des Jüdischen in vielen Bereichen der Alltagskultur, wir erfahren auch von Hippies und Landkommunen in Innerasien, von Autostopp-Reisen nach Sibirien und vom buddhistischen Kloster mit dem unverweslichen Lama. Martynovas genauer Blick fördert aber auch überraschende Beobachtungen an ihrer deutschen Umgebung zutage, an diesem an deutsch-russischen Kulturverbindungen interessierten Publikum.
"Sogar Papageien überleben uns" ist ein berührender und überraschender Roman, der auf paradoxe Art ignoriert, was seine Protagonistin einmal fordert, »dass man in den Büchern besser nicht von den komplizierten Sachen schreibt«. Und was wäre komplizierter als das Wandern in die Vergangenheit, als das assoziative Gewebe der Erinnerung, als die Arbeit der Dichter an unserem Gedächtnis?


Produktinformation

  • Verlag: Literaturverlag Droschl
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 208 S.
  • Seitenzahl: 208
  • Best.Nr. des Verlages: 765
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 140mm x 24mm
  • Gewicht: 350g
  • ISBN-13: 9783854207658
  • ISBN-10: 3854207654
  • Best.Nr.: 28071782

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Als "Blog zwischen zwei Buchdeckel" charakterisiert beeindruckt Christoph Keller diesen ersten, auf Deutsch verfassten Roman der in Frankfurt am Main lebenden russischen Lyrikerin. Die achtzig kurzen Texte dieses Prosadebüts wirkten dabei wie "poetische Schrapnelle" auf ihn, "abgefeuert, um sich im Hirn festzukrallen". Alles dreht sich um eine Petersburger Slawistin, lesen wir, die in Berlin an einem Kongress teilnimmt, der dem Petersburger Autor und Dadaisten Daniil Charms gewidmet ist. Dort beginne sie, über alles Mögliche zu räsonieren. Die assoziative Textform mit all ihren "mentalen Links" erinnert den Kritiker an die Struktur des Internets, mit dem der Text allerdings nicht das Geringste zu tun habe. Manchmal verliert er sich ein bisschen in der Struktur, manchmal auch in der Poesie dieses Buch, dem aus Kellers Sicht trotzdem Großes gelingt: nämlich nichts weniger als das russisch-sowjetische 20. Jahrhundert zu verhandeln und dessen "osmotisches Durchdringen der Gegenwart".

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.08.2011

Grenzen des Wunsches

Das Exemplarische und Mimetische hat Olga Martynova immer fasziniert. Die 1962 in Sibirien geborene Autorin, die seit 1991 in Frankfurt lebt, arbeitet als Lyrikerin, Essayistin und Kritikerin. In ihrem Debütroman erzählt sie von Marina, einer Germanistin, die 1986 in St. Petersburg Andreas kennenlernt, einen deutschen Slawistikstudenten. Obwohl die beiden ein Paar werden, wird Andreas zurück in Deutschland eine andere heiraten. Viel später erst besinnt er sich seiner Zuneigung zu Marina und wirbt um sie - doch nun ist viel Zeit vergangen. Die schwierige Liebe der beiden spiegelt sich an der Geschichte zweier Länder, die von unterschiedlichen politischen Systemen geprägt sind. Olga Martynova zeichnet die sich daraus ergebenden Kontraste scharf, Annähern und Befremden stehen im Verhältnis der Figuren aus Ost und West gegeneinander. Das Erzählgefüge, in dem die Denk- und Wahrnehmungssplitter durch prismatisch geformte Sätze vervielfacht scheinen, zeigt, dass es Martynova neben dem Rätsel der Zeit um die Nuancen der Sprache geht. Die Autorin setzt jedes Wort überlegt - und findet poetische Ausdrucksformen, um Gegenwart, Vergangenheit, Erinnerungen und Träume ihrer Protagonistin einzukreisen. (Olga Martynova: "Sogar Papageien überleben uns". Roman. Droschl Verlag, Graz 2010. 208 S., geb., 19, - [Euro].) btro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Olga Martynova, geb. in Sibirien, wuchs in Leningrad auf und studierte dort russische Sprache und Literatur. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt/Main. 2011 wurde sie mit dem Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Sogar Papageien überleben uns"

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Leseprobe zu "Sogar Papageien überleben uns" von Olga Martynova

Ein älteres Paar, aus dem hiesigen Adel, er in grüner Tracht, sie in rosa Chanel, wollte ausführlichere Informationen zu den russischen Sprüchen haben. Sie waren auch vor drei Jahren in Petersburg (»So eine schöne Stadt!« »Danke!« Ich muss mir das endlich abgewöhnen: zu danken, wenn jemand St. Petersburg oder die russische Sprache schön findet) und wollten nun wissen, wie eine Stadt sich eine so prachtvolle Feier leisten kann, wenn es so viele ungelöste soziale Probleme gibt.
Da war Katharina bereits auf meiner Seite (ich meine auf der Petersburgs): »Menschen brauchen doch Feiern«, sagte sie. »Wenn in einer Bauernfamilie eine Tochter heiratet, machen sie ein Riesenfest, obwohl es wahrscheinlich klüger wäre, eine Kuh zu kaufen.« Die ländlichen Bilder in Katharinas Argumentation erstaunten mich, überzeugten das Paar aber völlig. Die Dame wollte mir noch etwas Nettes sagen und wiederholte, wie großartig sie Petersburg fand. Dann fand sie noch ein Kompliment: Ihre Putzfrau sei eine Russin, eine ausgesprochen fleißige Frau!

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