Leseprobe zu "Ordnung schaffen" von Ariane Leendertz
VII. Reorganisation (S. 219-221)
Nach dem Ende des Krieges stand die deutsche Raumplanung vor vollkommen veränderten Rahmenbedingungen. Neben den räumlichen Folgen der Kriegsniederlage und der deutschen Teilung zog der Bruch auf der Ebene des politischen Systems den gravierendsten Einschnitt nach sich: Die Reichsstelle für Raumordnung wurde als oberste Reichsbehörde aufgelöst, und ihre Befugnisse gingen an die Länder über. Mit der Gründung der Bundesrepublik wurde weder eine Nachfolgeinstanz der Reichsstelle eingerichtet noch eine bundesgesetzliche Regelung der Raumordnung vorgenommen. Doch gerade um die Kriegsfolgen adäquat zu bewältigen, so der Konsens unter den führenden Raumplanern, bedurfte es einer zentralen räumlichen Planung, denn es hieß, Millionen Flüchtlinge nicht nur unterzubringen, sondern in den wirtschaftlichen Prozeß einzugliedern. Darüber hinaus galt es die Folgen der zunehmenden Bevölkerungsdichte – 1950 lebten auf dem Gebiet der Bundesrepublik bereits über acht Millionen mehr Menschen als 1939 – sowie der Zonenteilung für das räumliche Gefüge im westdeutschen Reststaat zu berücksichtigen. Anfang der fünfziger Jahre begann der lange Kampf der Raumplaner um eine Bundesraumordnung, der erst in den sechziger Jahren von Erfolg gekrönt sein sollte.
Ansonsten verlief der Übergang der Raumplanung in die Bundesrepublik auf der institutionellen wie auf der personellen Ebene nahezu bruchlos, wenngleich um die Nachfolge der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung 1949/50 ein Konflikt entbrannte, in den sowohl alte Animositäten zwischen RAG und Reichsstelle wie zwischen der niedersächsischen und der nordrhein-westfälischen Landesplanung hineinspielten. Aus der Reichsarbeitsgemeinschaft gingen schließlich das Institut für Raumforschung Bad Godesberg und die Akademie für Raumforschung und Landesplanung Hannover hervor. Deren erster Präsident Kurt Brüning war der letzte Obmann der RAG, der zudem seine Position als leitender niedersächsischer Landesplaner halten konnte. Diverse Mitarbeiter der Reichsstelle für Raumordnung wie etwa Gerhard Isenberg oder Hermann Roloff arbeiteten als Referenten in den Bundesministerien weiter, zahllose Landesplaner wie beispielsweise Gerhard Ziegler in Baden-Württemberg, Norbert Ley in Nordrhein-Westfalen oder Georg Keil in Schleswig-Holstein übernahmen führende Posten in den Landesplanungsbehörden der Bundesländer. Wie Friedrich Bülow bereits 1948 kam Konrad Meyer 1956 auf einem universitären Lehrstuhl wieder in Amt und Würden, womit auch die Galionsfigur nationalsozialistischer Raumforschung rehabilitiert war.
Übergänge
Nach beinahe drei Jahren Lagerhaft meldete sich Stephan Prager, nun bereits 69 Jahre alt, am 4. Juni 1945 aus Theresienstadt bei der Rheinischen Provinzialverwaltung und stellte sich erneut für den aktiven Dienst zur Verfügung. Am 1. September konnte er seine Arbeit als leitender Landesplaner mit dem Rang eines Landesoberbaurates wiederaufnehmen. 1949 übernahm er den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Landesplaner der Westzonen (später: Bundesrepublik), die wie schon die Arbeitsgemeinschaft der preußischen Landesplanungsstellen zwanzig Jahre zuvor dem Erfahrungsaustausch der Landesplaner dienen sollte, und war maßgeblich am ersten, dem nordrhein-westfälischen Landesplanungsgesetz der Nachkriegszeit beteiligt, das 1950 verabschiedet wurde.
1949 ernannte die nordrhein-westfälische Landesregierung Prager zum Professor, 1951 zum Ministerialdirigenten und bezog sich in beiden Fällen sowohl auf seine Verdienste für die Landesplanung als auch auf seine Verfolgung in der NS-Zeit. Nur andeutungsweise offenbarte Prager 1945 in einem Brief an die Ehefrau von Hans Heinrich Gobbin, der ihm 1935 als leitender Landesplaner gefolgt, schon kurz nach Kriegsbeginn eingezogen worden war und sich im ersten Nachkriegsjahr in einem amerikanischen Internierungslager befand, den tiefen Einschnitt, den die vergangenen Jahre für ihn bedeutet hatten. Nach den bewußten Demütigungen und der versuchten Ehrabschneidung seit 1936 seien die vorausgegangen Jahre die schwersten seines Lebens gewesen, schwerer als die Kriegsgefangenschaft 1918/19.
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