Ordnung schaffen - Leendertz, Ariane

Ariane Leendertz 

Ordnung schaffen

Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert. Diss.

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Ordnung schaffen

Die Geschichte der Raumplanung in Deutschland ist die Geschichte eines Jahrhundertprojekts. Es ist die Geschichte einer kleinen Gruppe von Experten und ihres unermüdlichen Versuchs, »Ordnung« zu schaffen. Wissenschaftlicher Idealismus und Opportunismus, Erfolg und Misserfolg lagen dabei dicht nebeneinander.Ariane Leendertz beschreibt die Kontinuitäten und Brüche raumplanerischen Denkens im 20. Jahrhundert: die Wurzeln des Projekts, seinen Gegenstand und dessen Erfassung, die Perspektiven auf Raum und Bevölkerung. Zugleich erzählt sie vom zähen Kampf einer Disziplin um Macht, Einfluss und Ressourcen bei dem Versuch, ihre Ideen Wirklichkeit werden zu lassen.Das »Dritte Reich« eröffnete den Raumplanern Chancen, die sie bereitwillig ergriffen und die im »Generalplan Ost« ihren fürchterlichen Höhepunkt erreichten. Die Nachkriegszeit war deshalb geprägt von Rechtfertigungen, vorsichtigen Neujustierungen und vom Ringen um eine nationale Raumordnungspolitik. Der Konjunktur der Raumplanung in der Bundesrepublik der sechziger Jahre folgte alsbald die Krise. Damit zeichnete sich im Laufe der siebziger Jahre das Ende eines Projekts der »klassischen Moderne« ab, dessen ideelle und materielle Voraussetzungen im Übergang zur postindustriellen Gesellschaft einem fundamentalen Wandel unterlagen.


Produktinformation

  • Verlag: Wallstein
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 496 S.
  • Seitenzahl: 459
  • Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts Bd.7
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 150mm x 36mm
  • Gewicht: 745g
  • ISBN-13: 9783835302693
  • ISBN-10: 3835302698
  • Best.Nr.: 23323017
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.04.2010

Nur das halbe Leben
Geschichte der deutschen Raumplanung im 20. Jahrhundert

Ordnung ist das halbe Leben. Und manchmal eine ganze Welt. Dieser Welt, jener vielfach verschlungenen Geschichte der deutschen Raumplanung im 20. Jahrhundert, geht Ariane Leendertz nach. Indem sie die Geschichte der Raumplanung vom ausklingenden Kaiserreich bis in die planungsseligen sechziger Jahre verfolgt, entwirft sie nicht nur das facettenreiche Bild einer nach Macht und Einfluss strebenden Wissenschaft, sondern leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Kontinuitäten und Brüche im politischen Ordnungsdenken des 20. Jahrhunderts. Zu Recht erzählt Frau Leendertz den Aufstieg und Fall der deutschen Raumplanung als die Geschichte eines "utopischen Großprojekts", das stets durch eine unauflösliche Verschränkung von Idealismus und Opportunismus geprägt war.

Ausgehend von der Perhorreszierung der Großstadt, die in den zwanziger Jahren nicht selten als alles verschlingender Moloch erschien, beförderte die Raumplanung bewusste Gegenentwürfe, die rasch an Einfluss gewannen und mit ihren Konzepten agrarisch strukturierter Siedlungen bald in die …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Carsten Kretschmann würdigt die Studie von Ariane Leendertz zur deutschen Raumplanung des 20. Jahrhunderts als "facettenreiches" Panorama einer Wissenschaft und als "wichtigen Beitrag zur Erforschung der Kontinuitäten und Brüche im politischen Ordnungsdenken" des vergangenen Jahrhunderts. Er lobt den Band für seine flüssige Schreibweise und attestiert den Darlegungen zumindest überwiegend große Überzeugungskraft. Die Autorin versteht ihr Buch als ein Stück "Ideengeschichte", erklärt der Rezensent einverstanden, der auch den "methodischen Eklektizismus", zu dem sich Leendertz bekennt, grundsätzlich gutheißt. Allerdings stellt er anhand mancher Passagen kritisch fest, dass dieser mitunter mehr behauptet als konsequent verfolgt wird. Denn es handelt sich auf keinen Fall um eine maßgeblich wissenschaftshistorische Arbeit, stellt Kretschmann klar, der das aber nicht weiter schlimm findet. Kritischer dagegen sieht er die implizite Behauptung der Autorin, die Raumplanung in Deutschland habe sich insgesamt vor allem aus einem konservativen Geist heraus entwickelt und eine antimoderne Stoßrichtung gehabt.

© Perlentaucher Medien GmbH

»Zu Recht versteht sich die flüssig geschriebene und über weite Strecken überzeugende Studie als ein Beitrag zu jener neuen Ideengeschichte, wie sie sich unter dem Leitbegriff einer »Verwissenschaftlichung des Sozialen« entwickelt hat.« (Carsten Kretschmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2010)
Ariane Leendertz, geb. 1976, Studium der Neueren Geschichte und Romanischen Philologie in Tübingen und Florenz, Promotion Tübingen 2006, 2003 bis 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen, 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg.

Leseprobe zu "Ordnung schaffen" von Ariane Leendertz

VII. Reorganisation (S. 219-221)

Nach dem Ende des Krieges stand die deutsche Raumplanung vor vollkommen veränderten Rahmenbedingungen. Neben den räumlichen Folgen der Kriegsniederlage und der deutschen Teilung zog der Bruch auf der Ebene des politischen Systems den gravierendsten Einschnitt nach sich: Die Reichsstelle für Raumordnung wurde als oberste Reichsbehörde aufgelöst, und ihre Befugnisse gingen an die Länder über. Mit der Gründung der Bundesrepublik wurde weder eine Nachfolgeinstanz der Reichsstelle eingerichtet noch eine bundesgesetzliche Regelung der Raumordnung vorgenommen. Doch gerade um die Kriegsfolgen adäquat zu bewältigen, so der Konsens unter den führenden Raumplanern, bedurfte es einer zentralen räumlichen Planung, denn es hieß, Millionen Flüchtlinge nicht nur unterzubringen, sondern in den wirtschaftlichen Prozeß einzugliedern. Darüber hinaus galt es die Folgen der zunehmenden Bevölkerungsdichte – 1950 lebten auf dem Gebiet der Bundesrepublik bereits über acht Millionen mehr Menschen als 1939 – sowie der Zonenteilung für das räumliche Gefüge im westdeutschen Reststaat zu berücksichtigen. Anfang der fünfziger Jahre begann der lange Kampf der Raumplaner um eine Bundesraumordnung, der erst in den sechziger Jahren von Erfolg gekrönt sein sollte.

Ansonsten verlief der Übergang der Raumplanung in die Bundesrepublik auf der institutionellen wie auf der personellen Ebene nahezu bruchlos, wenngleich um die Nachfolge der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung 1949/50 ein Konflikt entbrannte, in den sowohl alte Animositäten zwischen RAG und Reichsstelle wie zwischen der niedersächsischen und der nordrhein-westfälischen Landesplanung hineinspielten. Aus der Reichsarbeitsgemeinschaft gingen schließlich das Institut für Raumforschung Bad Godesberg und die Akademie für Raumforschung und Landesplanung Hannover hervor. Deren erster Präsident Kurt Brüning war der letzte Obmann der RAG, der zudem seine Position als leitender niedersächsischer Landesplaner halten konnte. Diverse Mitarbeiter der Reichsstelle für Raumordnung wie etwa Gerhard Isenberg oder Hermann Roloff arbeiteten als Referenten in den Bundesministerien weiter, zahllose Landesplaner wie beispielsweise Gerhard Ziegler in Baden-Württemberg, Norbert Ley in Nordrhein-Westfalen oder Georg Keil in Schleswig-Holstein übernahmen führende Posten in den Landesplanungsbehörden der Bundesländer. Wie Friedrich Bülow bereits 1948 kam Konrad Meyer 1956 auf einem universitären Lehrstuhl wieder in Amt und Würden, womit auch die Galionsfigur nationalsozialistischer Raumforschung rehabilitiert war.

Übergänge

Nach beinahe drei Jahren Lagerhaft meldete sich Stephan Prager, nun bereits 69 Jahre alt, am 4. Juni 1945 aus Theresienstadt bei der Rheinischen Provinzialverwaltung und stellte sich erneut für den aktiven Dienst zur Verfügung. Am 1. September konnte er seine Arbeit als leitender Landesplaner mit dem Rang eines Landesoberbaurates wiederaufnehmen. 1949 übernahm er den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der Landesplaner der Westzonen (später: Bundesrepublik), die wie schon die Arbeitsgemeinschaft der preußischen Landesplanungsstellen zwanzig Jahre zuvor dem Erfahrungsaustausch der Landesplaner dienen sollte, und war maßgeblich am ersten, dem nordrhein-westfälischen Landesplanungsgesetz der Nachkriegszeit beteiligt, das 1950 verabschiedet wurde.

1949 ernannte die nordrhein-westfälische Landesregierung Prager zum Professor, 1951 zum Ministerialdirigenten und bezog sich in beiden Fällen sowohl auf seine Verdienste für die Landesplanung als auch auf seine Verfolgung in der NS-Zeit. Nur andeutungsweise offenbarte Prager 1945 in einem Brief an die Ehefrau von Hans Heinrich Gobbin, der ihm 1935 als leitender Landesplaner gefolgt, schon kurz nach Kriegsbeginn eingezogen worden war und sich im ersten Nachkriegsjahr in einem amerikanischen Internierungslager befand, den tiefen Einschnitt, den die vergangenen Jahre für ihn bedeutet hatten. Nach den bewußten Demütigungen und der versuchten Ehrabschneidung seit 1936 seien die vorausgegangen Jahre die schwersten seines Lebens gewesen, schwerer als die Kriegsgefangenschaft 1918/19.

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