Neue Mitte - Schimmang, Jochen
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Jochen Schimmang 

Neue Mitte

Roman

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Neue Mitte

Jochen Schimmang entwirft mit deutlicher "Lust am Text" ein Zukunftsszenario für Deutschland: Nach dem Zusammenbruch der Juntaherrschaft von 2016 bis 2025 befindet sich das Land in einem Übergangszustand. In der alten neuen Mitte Berlins hat sich auf dem Gelände des ehemaligen Regierungssitzes ein bunter Haufen von Menschen zusammengefunden, doch die Idylle wird durch einen neuen Putschversuch bedroht


Produktinformation

  • Verlag: Edition Nautilus
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 254 S.
  • Seitenzahl: 254
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 135mm x 30mm
  • Gewicht: 395g
  • ISBN-13: 9783894017415
  • ISBN-10: 3894017414
  • Best.Nr.: 33390720

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Jochen Schimmang verlegt sein Kernthema - die Klage über verpasste Chancen im alten Westen - hier in das Berlin des Winters 2029/30, erzählt Rezensent Michael Stallknecht. Während Deutschland nach einer neunjährigen Diktatur übergangsweise von England regiert wird, hat sich mitten in Berlin eine herrschaftsfreie Enklave gebildet, in welcher der ziellose, an Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnernde Protagonist Ulrich mit einigen Überlebenskünstlern und ehemaligen Junta-Mitgliedern eine Bibliothek aufbauen will, um die Bücher vor dem drohenden Verschwinden zu retten, berichtet der Kritiker. Er liest den Roman als vielschichtiges Referenzsystem, in dem nicht nur immer wieder an reale Personen, wie etwa Carl Schmitt, angelehnte Personen auftreten, sondern auch verschiedene Zeiten überblendet werden. Das gelinge Schimmang zwar "faszinierend elegant", allerdings findet der Rezensent die verharmlosende Collage diverser Diktaturen, etwa der afghanischen, italienischen oder deutschen, "extrem problematisch". Schimmangs Generation der 68er kommt dem Rezensenten nach der Lektüre etwas müde und mutlos vor.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.09.2011

Im Bannkreis des Totalitarismus

Jochen Schimmangs "Neue Mitte" ist das Gegenstück zu seinem Bonn-Roman "Das Beste, was wir hatten". Der Autor entwirft darin ein düsteres Zerrbild deutscher Geschichte in der Zukunft.

Von Andreas Platthaus

Der Name der Stadt, fällt er tatsächlich nur dieses eine Mal, auf Seite 117 des Romans? Und dann ausgerechnet in der Passage, mit der dessen Protagonist Ulrich Anders die Erklärung für diese Benennungsscheu liefert? "Erst jetzt fiel mir auf, was für ein ausgeprägtes Sonderbewusstsein wir alle hatten. Für uns war das exterritoriales Gelände, eine Insel mitten in Berlin, das wir fast nie beim Namen nannten, weil wir nicht das Gefühl hatten, zu seinen Bewohnern zu gehören." Es ist, als läge in Jochen Schimmangs Roman "Neue Mitte" ein dunkles Geheimnis über der deutschen Hauptstadt, an das man besser nicht rührt.

Und tatsächlich: Eine kleine Clique skrupelloser Männer hatte dort die Macht usurpiert und ein Folter- und Bespitzelungssystem in Deutschland installiert, das erst durch den Einmarsch der alliierten Nachbarländer wieder beendet werden konnte. Seitdem liegt das Zentrum Berlins in …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 30.11.2011

Sie würden gern noch einmal zuschlagen und wissen nicht, wohin
Jochen Schimmangs Roman „Neue Mitte“ spielt im Winter des Jahres 2029/30 – und ist von aufreizend ausgestellter Achtundsechziger-Müdigkeit
Dass das Buch verschwinden könnte, war von je einer der zentralen Topoi des dystopischen Romans. Eine Bibliothek, genannt „Alte Bestände“, ist es denn auch, was die Figuren in „Neue Mitte“ nach einer Diktatur wieder aufbauen. Jochen Schimmangs neuer Roman spielt im Winter des Jahres 2029/30. Deutschland hat eine neunjährige Diktatur hinter sich, seit vier Jahren kontrollieren Internationale Befriedigungstruppen und eine Übergangsregierung unter englischer Führung das Land. Auf dem aufgelassenen Gelände des ehemaligen Machtzentrums haben sich neben dem Ich-Erzähler ein paar Überlebenskünstler und Aufsteiger mitten in Berlin die Enklave eines halblegalen Raums geschaffen. Doch auch Mitglieder der ehemaligen Junta tauchen immer wieder auf.
„Alte Bestände“, das meint freilich gleichzeitig auch die Struktur dieses Romans. Schimmang, der selbst auch als Literaturkritiker tätig ist, streut nicht nur immer wieder andere Textformen ein, …

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Jochen Schimmang, geboren 1948 in Northeim im südöstlichen Niedersachsen, aufgewachsen in Leer (Ostfriesland), lebte von 1969 bis 1999 nacheinander in Berlin, Köln und Paris und kehrte im Sommer 1999 nach Leer zurück.

Leseprobe zu "Neue Mitte" von Jochen Schimmang

Wir waren nicht mehr Enklave oder Exklave, nicht mehr Zwischenraum oder Peripherie; wir waren mittendrin. Vielleicht waren wir sogar das, was keiner von uns sein wollte, die neue Mitte. Sander gab mir die Hand und zog mich ins Haus, genauer: zwischen die Mauern, die stehen geblieben waren. Wir brauchten fast eine Viertelstunde, um am anderen Ende der Ruine anzukommen. In manchen Räumen war ein Teil des Mobiliars zurückgelassen worden: Stühle, Sessel, Schreibtische, die nun teilweise völlig verwittert und verschimmelt waren. Andere Stücke hatten die neuen Bewohner an sich genommen und aufgearbeitet, erzählte Sander. "Bei uns ist praktisch jedes Handwerk vertreten", sagte er, "sonst könnten wir gar nicht existieren. Das Gerümpel, das hier noch herumsteht, wird bald entsorgt werden." An einer der Wände hing noch immer das offizielle Bild des Generals. Jedes Mal, wenn er daran vorbeikam, wollte Sander es abnehmen und auf den Müll werfen, winkte dann aber ab und ging weiter. Das Foto war stark nachgedunkelt und ganz leicht gewellt, aber es zeigte den General, wie ihn die ganze Welt gekannt hatte: im Halbprofil, das kurze Haar streng gescheitelt und mit einem Blick, der zugleich Entschlossenheit und Güte ausdrücken sollte. Sein Leibfotograf war bei der Flucht der Regierung nicht mehr mitgekommen, sondern gefasst worden .Man hatte ihn jedoch nicht an die Wand gestellt, sondern sich sein Können und seine Dienste für die neuen offiziellen Legenden gesichert.

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