Mich hat keiner gefragt - Ayse

Ayse 

Mich hat keiner gefragt

Zur Ehe gezwungen - eine Türkin in Deutschland erzählt. Mit e. Vorw. v. Serap Cileli

Mit Renate Eder
Broschiertes Buch
 
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Mich hat keiner gefragt

Mutig, schockierend und zutiefst bewegend erzählt!

Ayse ist vierzehn Jahre alt, als sie verheiratet wird. Bei ihrem Mann Mustafa in Deutschland erwartet sie jedoch nicht das erhoffte Paradies, sondern die Hölle: Noch vor der Hochzeit vergewaltigt Mustafa sie. Entehrt geht Ayse in eine Ehe, die durch Ausbeutung, Schläge, und sexuelle Gewalt bestimmt ist. Sie bekommt vier Kinder und arbeitet bis zur Erschöpfung, ohne jedoch je selbst einen Cent zu erhalten. Denn Ayses Schwiegermutter behandelt sie wie eine Sklavin. Doch nach neunzehn Jahren gelingt ihr endlich die Flucht aus der Zwangsehe ...

"Ayses Geschichte, protokolliert von Renate Eder, wirkt über weite Strecken differenzierter als ähnliche Bestseller." - Süddeutsche Zeitung

"Es sind Bücher, die wachrütteln, Bücher wie Anklageschriften, Bücher von mutigen Frauen, die um ihre Freiheit kämpfen und die in ihrem eigenen Kulturkreis selten richtig verstanden werden." - Neue Ruhrzeitung über Ayse, 'Mich hat keiner gefragt' und andere Bücher zum Thema Zwangsehe

"Schockierend authentisch." - Darmstädter Echo.


Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 250 S., 1 Übers.-Kte.
  • Seitenzahl: 250
  • Blanvalet Taschenbuch Nr.36732
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 116mm x 23mm
  • Gewicht: 201g
  • ISBN-13: 9783442367320
  • ISBN-10: 3442367328
  • Best.Nr.: 20943823
"Ayses Schicksalsbericht aus der türkischen Parallelgesellschaft mitten in Deutschland ist mutig und bewegend zugleich." Nordexpress

"Schockierend authentisch."

"Schockierend authentisch."
Ayse wurde irgendwann im Frühjahr 1964 in Anatolien geboren. Ihre Mutter meldete das Kind erst ein Jahr später bei der zuständigen Behörde und gab als Geburtsdatum den 15. Januar an. Vierzehn Jahre später wird dieses Datum noch einmal manipuliert diesmal um sie älter und damit heiratsfähig zu machen. Im Juli 1978 wurde Ayse zwangsverheiratet und nach Deutschland gebracht. Hier erlebte sie 19 Jahre Ehehölle. Inzwischen ist sie geschieden. Sie lebt mit zwei ihrer vier Kinder in der Nähe von München.

Leseprobe zu "Mich hat keiner gefragt" von Ayse

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Leseprobe zu "Mich hat keiner gefragt" von Ayse

Aus meiner Sicht ist dieser Satz die Lizenz zur Zwangsheirat "im Namen Allahs". Bei den Männern hingegen ersetzt das Schweigen die Bejahung nicht, vielmehr gilt es als unmännlich, als "weibisch". Der Schlüssel zu diesem Rollenverständnis liegt zweifellos in der Erziehung. Der Raum, in welchem diese stattfindet, ist die Familie. Dort wird die "Erziehung zum Individuum" durch "Bevormundung" ersetzt. Die "Sorgeberechtigten", die Eltern oder die Familien, haben in der traditionellen türkischen Gesellschaft ungeheure Macht über ihr Kind. Von der absoluten Verfügungsgewalt bis hin zum Tötungsrecht. Sie entscheiden, was gut und was böse ist, was erlaubt und was verboten ist, welche Rechte und Pflichten die Kinder haben.

Mit den heranwachsenden Mädchen geht man besonders streng um: Sie werden zu Hause eingesperrt, damit sie später als Ehefrauen beherrschbar sind; sie werden ohne Ziele und Perspektiven erzogen, ohne Nahrung für das Selbstwertgefühl. Es wird ihnen beigebracht, Gefühle der Wut, des Zornes, des Ärgers zu unterdrücken. Diese unwürdige Erziehungsmethode führt zu Folgsamkeit und Unterwerfung.

Folglich wird das Schweigen als Zeichen für Treue, Unterwerfung und Gehorsam gewertet. In Wahrheit ist es aber der Beginn eines Lebens in Knechtschaft.

Wie Ayse wurde auch ich im Kindesalter verlobt. Während sie aus einem kleinen türkischen Dorf in das "gelobte Land" Deutschland verschachert wurde, wo sie den ganzen Tag in einer Fabrik und anschließend bis in die Nacht hinein als "Haussklavin" für ihre Schwiegermutter schuften musste, wurde ich aus dem Kreis meiner deutschen Schulfreundinnen gerissen und sollte als "Kindbraut" in die mir völlig fremde Welt Anatoliens zu einem zehn Jahre älteren Ehemann ziehen, um Kühe zu hüten und in einem Erdloch zu kochen.

Sowohl meine Familie als auch Ayses Schwiegereltern "spielten" nach außen hin eine moderne, in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integrierte Gemeinschaft. Doch hinter der Türschwelle waren wir Gefangene der archaischen Traditionen. Kopftuchzwang, häusliche Gewalt, patriarchalische Ehr- und Moralvorstellungen, Zwangsheirat und Ehrenmorde bestimmen das Leben der türkisch-muslimischen Frauen und Mädchen. Seit vier Jahrzehnten spielen sich diese Schicksale in Parallelwelten mitten in dem demokratischen Rechtsstaat Deutschland ab. Seit vier Jahrzehnten haben wir unter dem Deckmantel der Toleranz und des Schutzes der Privatsphäre Menschenrechtsverletzungen akzeptiert, mit dem bequemen Argument der Offenheit gegenüber fremden Kulturen, Traditionen und Religionen. Uns, und mit uns tausenden jungen türkischen Frauen, wäre eine Menge erspart geblieben, wenn die Politiker unser Leid als ihr Leid empfunden hätten.

Ayse hat es nach neunzehn Jahren erreicht, aus der Hölle der Zwangsheirat zu fliehen. Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, um die Stimme gegen meinen Vater zu erheben und seine Einwilligung zur Scheidung zu fordern. Vater drohte mir, mich eher in tausend Stücke zu zerreißen und mein Fleisch den Hunden zum Fraß vorzuwerfen als Schande über seinem Haus zuzulassen. Es sei meine Aufgabe als Frau, die Ehe in Tagen der Verlockung und Gereiztheit zu behüten, um diesen geheiligten Bund zu retten, bis dass der Tod mich ehrt.

Traditionelle türkische Väter betrachten geschiedene Töchter als Last und scheuen sich nicht davor, sich von dieser schändlichen Last zu befreien. Sei es durch eine erneute Zwangsheirat, durch Verstoßen aus dem Familienverband oder im Extremfall durch den Tod. Wer Glück hat, darf unter Aufsicht in lebenslanger Knechtschaft leben. Mit anderen Worten: Die Todesstrafe wird durch lebenslange Freiheitsstrafe ersetzt. Es geht hier um Selbstjustiz, um ein ungeschriebenes Gesetz, um die so genannte Ehre des Patriarchen und der Familie, um Leben und Tod.

Ich beschloss, mich gegen die despotischen Forderungen der Ehrtradition zu wehren. Es war, als würde ich neben mir sitzen und ein Selbstgespräch führen: "Das musst du tun, koste es, was es wolle!" Nach dreiundzwanzig Jahren also erhob ich zum ersten Mal in meinem Leben die Stimme gegen meinen Vater: "Wenn du mir jetzt deine Einwilligung zur Scheidung nicht erteilst, werde ich meine Kinder und mich umbringen. Du wirst schon sehen, dass ich dazu in der Lage bin." Noch niemals in meinem Leben hatte ich eine solche Macht gespürt. Ich wollte die Sache für mich so oder so abschließen. Vater schwor zwar Rache, aber ich hatte Glück. Ich wurde nur vom Familienclan verstoßen! Das war mein Preis für die Verwirklichung der individuellen Freiheit. Ayse wurde nach ihrer Scheidung von ihrem eigenen Sohn aufgefordert, sich umzubringen, und sie muss heute damit leben, dass ihre beiden ältesten Söhne den Kontakt mit ihr abgebrochen haben. Doch andere Frauen sind nicht so glimpflich davon gekommen wie Ayse und ich.

Hatun Sönmez etwa konnte ihrem Schicksal nicht entrinnen. Sie wurde einundzwanzigjährig am 6. September 1993 in der Nähe der S-Bahn-Haltestelle Universität in Dortmund von ihrem siebzehnjährigen Bruder niedergestochen, weil Hatun sich verliebt hatte und mit ihrem Freund Heiratspläne schmiedete. Hatun empfand eine tiefe, innere Liebe für Erdal A. und musste - um die dadurch verletzte Familienehre rein zu waschen - dafür mit ihrem Leben bezahlen.

Um das Verhalten unserer Väter und Brüder nachzuvollziehen, muss man einen Blick auf das türkische Ehrverständnis werfen.

Die "Ehre des türkischen Mannes" steht höher als sein Leben, höher auch als das Leben seiner Schwestern, Mütter, Töchter und Frauen. Die Ehre der "Ehrenhüter und Vollstrecker" definiert sich zentral über die sexuelle Reinheit der Frauen in der Familie. Die Frau kann nur Anteil haben an "namus", der Ehre des Mannes, oder diese verunreinigen, z. B. wenn ihr Name in Verbindung gebracht wird mit schändlichem Benehmen, wenn sie sich gegen die Zwangsehe auflehnt oder durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, durch ihre Kleidung, durch vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehr Schande über die Familie bringt. Der Verkehr eines Mannes mit Frauen beschmutzt hingegen die Ehre der Familie nicht.

Selbst wenn eine Frau oder ein Mädchen innerhalb der Familie sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist, ist das Mädchen oder die Frau schuldig und muss bestraft werden. Die Täter werden jedoch oft nicht geächtet. Eine Frau kann ihre verlorene Ehre auch nicht wiederherstellen, das ist die Aufgabe des Mannes. Die "Ehre des türkischen Mannes" lässt sich indes nicht erwerben, sondern nur verlieren.

Wer die Ehre der Familie nicht verteidigt, der wird in den Augen des Familienclans und der Männer aus der Gemeinde zum "namussuz adam" - "zum ehrlosen Mann" - stigmatisiert, damit verbunden, bedeutet der Verlust der Familienehre für die Betroffenen den sozialen Tod. Immer wieder werden die männlichen Angehörigen von anderen Männern der Gemeinde dazu angehalten, ja regelrecht aufgehetzt, ihre Ehre wiederherzustellen.

Durch solchen Handlungsdruck betrachten sie ihre Schwestern, Mütter, Töchter und Frauen als Gegner, als "Feinde", die sich gegen die Gesetze des "freien Mannes" unfolgsam verhalten. Sie werden verpflichtet, die traditionelle Praxis aufrechtzuerhalten. Lieber nehmen sie Gefängnisstrafen in Kauf, als mit der befleckten Ehre zu leben. Und jeder Mord ist Warnung für die anderen jungen Mädchen und Frauen. Selbst ein Leben in einem aufgeklärten Staat wie Deutschland hat nichts an der Einhaltung dieser Tradition geändert.

Nachdem ich dem Diktat der Tradition entflohen war, habe ich stets nach Möglichkeiten gesucht, um betroffene Frauen und Mädchen aus türkischen Familien zu erreichen. Frauen und Mädchen, die in ihren eigenen vier Wänden gefangen sind. Frauen und Mädchen, die als Opfer in einem starren Rahmen aus Sünde, Ehre, Schande und Verboten leben.

Einer meiner Wege führte mich zum Schreiben. Ich spürte, wie meine Seele mit jedem niedergeschriebenen Wort um eine Last erleichtert wurde. Ich schrieb nicht nur für mich, sondern auch für meine Leidensgenossinnen. Um ihnen die Botschaft zu vermitteln, dass es immer Lösungen gibt und wir uns nicht dem Schicksal unterwerfen müssen. Um sie wachzurütteln, um ihnen den Weg zu zeigen durch das mir widerfahrene Unrecht. Denn nur die wenigsten wissen sich zu wehren, nur die wenigsten fordern ihre angeborenen Rechte, und die Mehrheit von ihnen leidet immer noch unter diesen traditionellen Wertvorstellungen.

Und ich habe stets die Frauen unterstützt, die sich durchgerungen haben, über das ihnen zugefügte Leid zu sprechen. So wie es Ayse mit diesem Buch tut, in dem sie mutig und offen ihre erschütternde Geschichte erzählt. Ein Zeugnis wie dieses zeigt den zwangsverheirateten und unterdrückten Frauen inmitten von Deutschland, dass sie nicht allein sind. Und dass sie das ihnen auferlegte Schicksal nicht um jeden Preis erdulden müssen. Dass es einen Ausweg gibt, und dass man, wie Ayse, aus eigener Kraft aus dem Tal der Tränen herausfinden kann.

Schließlich sind Bücher wie "Mich hat keiner gefragt" unerlässlich, um die deutsche Gesellschaft, die Politik, die Medien und die schützenden und helfenden Institutionen aufzurütteln und sie aufzufordern, ihr Schweigen zu beenden und nicht mehr zu tolerieren, dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und mitten unter ihnen die fundamentalsten Menschenrechte der moslemisch-türkischen Frauen verletzt werden.

Liebe Leidensgenossinnen,

suchen wir nach Wegen, die uns Frauen ein Leben aus eigener Macht erlauben, die unsere Töchter selbstbewusst in eine Welt hineinwachsen lassen, in der nicht länger traditionell patriarchalische Gesellschaftsstrukturen allein gültig und selbstverständlich sind. Wir müssen die Wehrlosigkeit, Manipulierbarkeit und Bereitwilligkeit, sich selbst zu verleugnen, abbauen. Wir müssen uns selbst finden, damit wir unsere Menschenwürde nicht mehr verleugnen. Wir müssen endlich von der Selbstentfremdung zur Selbstbestimmung kommen und völlig frei von inneren und äußeren Zwängen autonom handeln. Gemeinsam müssen wir nun Ansätze zur Verbesserung finden.

Wir müssen unseren Charakterpanzer aufbrechen und zur Individualität finden.

Wir müssen das verlorene Gleichgewicht unserer Persönlichkeit wieder finden, damit wir seelisch nicht veröden und versteinern. Die Frauen müssen bereit sein, Althergebrachtes hinter sich zu lassen. Auf eigenen Füßen stehen, mit beiden Augen sehen und Lust am Leben empfinden. Wir müssen den Aufbruch wagen. Mut zur Macht haben. An unseren eigenen Mut glauben und uns nicht davor fürchten. Denn die Befreiung unserer Töchter, liebe Frauen, ist an unsere Befreiung gebunden. Ich habe erst heute, als eine erwachsene Frau - bitter - gelernt, dass Unterwürfigkeit unter Vorschriften das Zeichen für eine versklavte Seele ist.

Ich hatte einen Traum, den ich gerne mit euch teilen möchte:

Der Glaube an die von Gott verliehene Herrschaft des Mannes bröckelte, und Frauen brachen scharenweise auf aus der Hilflosigkeit zum Widerstand.

Serap Çileli

15. April 2005

Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre!, Neutor Verlag, Michelstadt 2002

Ballidere

Ballidere, der Ort, in dem ich geboren bin, ist ein kleines Dorf irgendwo mitten in den Bergen von Zentralanatolien. Unser Dorf ist klein. Siebzig, achtzig Häuser vielleicht, schmiegen sich in die sanften Hügel des Pontischen Gebirges. Viele kleine Bäche fließen ins Tal, und fruchtbare Felder und Äcker umgeben das Dorf. Die Bauern hier bauen Weizen, Roggen, Mais, aber vor allem Tabak an, der im heiß-feuchten Klima der nahen Schwarzmeerküste besonders gut gedeiht. Die Winter sind kalt, und der Wind pfeift über die Berge. Übersetzt heißt Ballidere übrigens Honigteich, aber hier ist nicht das Land, wo Milch und Honig fließen. Nein, in Ballidere wie in vielen anderen Dörfern meiner Heimat herrscht bitterste Armut. Ein bisschen Wohlstand ist nur bei jenen Leuten eingekehrt, deren Söhne und Töchter vor Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen sind.

Seit Jahrhunderten leben die Menschen unter härtesten Bedingungen. Sie bewohnen windschiefe, kleine Lehmhäuser, die, mit Holz und Steinen verstärkt, irgendwie stabil gemacht wurden. Ziegel- oder Betonbauweise kannte man lange Zeit gar nicht. Wie braune, kleine, quadratische Schachteln standen die Häuser früher an den holprigen Dorfstraßen. Unten, zur ebenen Erde, war der Stall, dort hausten ein paar Schafe und Ziegen, vielleicht noch ein Esel. Und oben, einen Stock höher, lebten die Menschen. Fünf, sechs, manchmal auch acht Personen teilten sich einen Raum. Hier wurde gekocht, gegessen und geschlafen, zu recht viel mehr hatten sie nach der harten Arbeit ohnehin keine Energie.

Auch ich bin in so einem Haus geboren worden. Das war irgendwann im Frühjahr 1964. Mein genaues Geburtsdatum kenne ich nicht. Mein offizieller Geburtstag ist der 15. Januar, der stimmt aber nicht, sagt meine Mutter. Man habe damals einmal im Jahr die Kinder beim zuständigen Amt gemeldet, und da sie den genauen Termin vergessen hatte, hat sie eben den 15.1. angegeben. Ich war das zweite Kind meiner Eltern. Zwei Jahre zuvor hatte meine Mutter einen Sohn zur Welt gebracht, zwei Jahre danach wurde meine kleine Schwester Hanife geboren. Danach kamen keine Kinder mehr, obwohl meine Mutter noch ein paar Mal schwanger war. Aber davon hatte ich - natürlich - nichts mitgekriegt. Diese Geschichten erfuhr ich erst sehr viel später.

Meine Geburt war schwierig gewesen. Tagelang hatte die Mutter Wehen gehabt, und irgendwann befürchtete man das Schlimmste. Drei Frauen standen ihr bei. Sie kochten Wasser ab, brachten saubere Tücher und versuchten, ihr über die ärgsten Schmerzen hinwegzuhelfen. Nein, mein Vater war nicht da. Er war - wie so oft - ins kahve gegangen. Das kahve ist ein Versammlungsort für Männer, wo sie hingehen, Tee oder Kaffee trinken, tavla, also Backgammon, spielen und sich unterhalten. Mein Vater verbrachte viele Stunden in der Woche dort.

Manchmal denke ich, ich wollte nicht in diese Welt. Vielleicht habe ich damals schon geahnt, was mich erwartet. Aber irgendwann - mitten in der Nacht - bin ich dann doch gekommen. Als meine Mutter mich schließlich in den Armen hielt, war sie überglücklich. Ich war ihr Wunschkind gewesen. Bei meinem Vater war das anders. Ich glaube, dass er weder mich noch meinen Bruder geliebt hat. Im Gegenteil, manchmal denke ich, er hat uns gehasst. Erst als meine kleine Schwester zur Welt kam, habe ich erfahren, dass auch mein Vater zu so etwas wie Vaterliebe fähig war. Aber ich habe davon nie etwas abgekriegt. An mir ließ er nur seine Wut aus. Und zornig war mein Vater oft. Wenn er wütend wurde, brüllte er das halbe Dorf zusammen, und dann haute er zu. Zuerst meine Mutter, später auch uns, meinen Bruder und mich. Nur Hanife hat er nie geschlagen. Sie war eben sein Lieblingskind.

"Warum hast du so viele Kinder gekriegt?", habe ich meine Mutter einmal gefragt. "Weil ich immer gehofft habe, dass es dann besser wird", hat sie geantwortet. Und das wurde es wohl auch - kurzfristig zumindest. Immer wenn sie ein Kind unter ihrem Herzen trug, schien er etwas milder gestimmt. Er schrie nicht mehr so viel, und auch geschlagen hat er sie nicht. Aber nur bis zur Geburt. Danach ging es weiter wie zuvor. Mit jeder Schwangerschaft hat sie auch ein bisschen Hoffnung verloren.

Ich war ein ruhiges, pflegeleichtes Kind. Im ersten Sommer hat mich meine Mutter mit aufs Feld genommen und mir zwischen den Bäumen eine Schaukel gebaut. So hat sie mich den ganzen Tag bei sich gehabt. Während mein Bruder schon laufen konnte und in ihrer Nähe spielte, habe ich selig in meinem Babysitz geschlummert. Das waren die wenigen Momente des Glücks im Leben meiner Mutter.

Kinder großzuziehen, das war damals schwierig. Die Erwachsenen mussten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schwer arbeiten, und zu essen hatten sie immer zu wenig. Lebenserleichternde Mittel wie Babynahrung oder gar Pampers gab es damals natürlich auch nicht. So hatten die Mütter bei uns ein ganz eigenes System der Säuglingshygiene entwickelt: Meine Geschwister und ich wurden als Babys in eine Wiege mit Erde gelegt, ein Tuch drüber und fertig. War das Tuch schmutzig, wurde es gesäubert und gewaschen. Und hin und wieder hat anne, meine Mutter, die Erde ausgetauscht. Gestillt hat sie uns alle, aber nicht besonders lange. Dazu war sie wohl selbst zu schlecht ernährt. Nach der Stillzeit hat sie uns mit Mehlsuppe aufgepäppelt.

Als ich zwei Jahre alt war, bin ich sehr krank geworden. Ich hatte hohes Fieber, war apathisch und habe mich kaum mehr bewegt. Völlig panisch ist meine Mutter damals zu ihrer Schwägerin und Freundin Songül gelaufen. Zu Songül verband sie in jener Zeit eine innige Freundschaft, das sollte sich im Laufe der Jahre ändern, aber das ist eine andere Geschichte. Damals jedenfalls standen sich die beiden Frauen nah, sie waren verschwägert und lebten Tür an Tür. Songül hat also ihren Mann, meinen Onkel, organisiert, der dann die beiden Frauen und mich mit dem Traktor über eine holprige Schotterpiste in die nächste Stadt gefahren hat. Als sie uns schließlich beim Arzt abgesetzt hatten, ist Songül einfach weitergefahren. Wahrscheinlich hat sie gedacht, das werde sowieso nichts mehr mit diesem Kind. Aber da sollte sie sich geirrt haben. Der Arzt untersuchte mich gründlich und fand auch schnell die Ursache, ich hatte eine eitrige Angina und Fieberkrämpfe. Er gab meiner Mutter Medizin und schickte sie wieder nach Hause. Dort erwachten meine Lebensgeister relativ schnell. Als ich nach Brot verlangte, wusste meine Mutter, 'jetzt ist sie über dem Berg!. Mit meiner Tante Songül hat sie darüber nicht mehr gesprochen. Sie war einfach nur froh, dass ich überlebt hatte.

Bei uns im Dorf gibt es einen Brauch: Wenn ein Kind schwer krank ist oder sich schlecht entwickelt, soll es Brot von sieben verschiedenen Familien essen. Die Zahl sieben ist wichtig, aber ich weiß bis heute nicht wieso. Das haben sie damals mit mir also auch gemacht. Nachdem ich die Krankheit einigermaßen überwunden hatte, aber noch ziemlich schwach war, kamen sieben Nachbarn und brachten mir Brot, das ich mit großem Appetit verspeist haben soll. Danach wurde ich vollständig gesund.Nur mit dem Laufen hatte ich es nicht eilig. Ich war inzwischen drei Jahre alt, aber verbrachte die meiste Zeit sitzend oder bewegte mich krabbelnd vorwärts. Erklären konnte sich das niemand. Eines Tages, es muss im März oder April gewesen sein, kam eine Tante zu Besuch. Ich saß wie üblich in einer Ecke des Raumes und spielte ruhig vor mich hin. Sie stand in der Nähe des Ofens und plauderte mit meiner Mutter, da nahm sie plötzlich das Schüreisen und warf es nach mir. Ich war wohl so entsetzt, als ich das Eisenteil in meine Richtung fliegen sah, dass ich kurzerhand aufsprang und aus dem Raum lief. Von da an war ich nur noch sehr selten zu Hause.

Kundenbewertungen zu "Mich hat keiner gefragt" von "Ayse"

8 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.6 von 5 Sterne bei 8 Bewertungen **** ausgezeichnet)
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Bewertung von Kerry aus Berlin am 04.01.2012 ***** ausgezeichnet
Irgendwann im Frühjahr 1964 wurde Ayse in einem kleinen Dorf namens Ballidere in Zentralanatolien geboren. Ihre Eltern waren arme Bauern. Der Vater schlug die Mutter und die Kinder, lediglich die jüngste Schwester wurde von ihm geliebt und von daher nie mit Strafen belegt. Ab ihrem 6. Lebensjahr musste sie auf den gepachteten Feldern ihrer Eltern mitarbeiten, die Schule besuchte sie nur unregelmäßig. Mit 9 Jahren wird sie mit ihrem Cousin verlobt, mit 14 Jahren muss sie ihn heiraten - gefragt wurde sie nicht. Sie ist nur eine Frau, deren Meinung nicht zählt!

Doch anstelle einer großen Hochzeitsfeier, wird in der Türkei nur standesamtlich geheiratet. Die große Feier soll in Deutschland, dem "gelobten" Land nachgeholt werden. 15 Tage nach ihrer Ankunft soll die Hochzeit stattfinden und somit die Ehe offiziell geschlossen werden. Doch bereits an ihrem 2. Abend in Deutschland wird sie von ihrem Cousin / zukünftigen Ehemann vergewaltigt.

Am Morgen nach der Hochzeit kommt ans Licht, dass sie keine Jungfrau mehr war! Ihre dominante Schwiegermutter beschimpft sie fortan als *Hure*, auch nachdem ihr Sohn gestanden hat, dass er es war, der ihr vor der Hochzeit die Unschuld nahm.

Nach der Hochzeit wird es immer schlimmer. Ihr Mann schlägt und vergewaltigt sie regelmäßig und ihre dominante Schwiegermutter zwingt sie von morgens bis abends zu arbeiten - Lohn bekommt sie allerdings keinen. Alles Geld, was Ayse und ihr Mann verdienen, geht auf das Konto der Schwiegermutter. Mit 15 bekommt sie ihr erstes Kind.

19 Jahre lang erträgt sie dieses Leben, 4 Kinder bekommt sie von ihrem Mann, doch dann hat er sie einmal zu oft misshandelt. Sie beschließt zu fliehen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch dann verschleppt ihr Ehemann die jüngsten Kinder in die Türkei ...

Was für ein erschütterndes Buch! Aus den Medien hören wir viel über Zwangsheirat und Ehrenmorden, doch hier spricht ein Opfer. Hauptsächlich ein Opfer der Traditionen und ihrer Umwelt. Ayse schildert ihr Leben, von den ersten Jahren an in der Türkei, bis zur Gegenwart in Deutschland. Deutlich hervorgehoben sind die Kämpfe, die sie nicht nur mit sich, sondern auch mit ihrer Umwelt ausgetragen hat. Der Schreibstil des Buches ist sehr packend geschrieben, ohne übermäßig emotional zu wirken. Alles in allem hat mich dieses Buch sehr nachdenklich zurück gelassen.

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Bewertung von Biene aus Kleve am 19.12.2010 ***** ausgezeichnet
Sehr aufschlussreich und traurig zu gleich, man kann sich nicht vorstelen, dass Frauen soviel über sich ergehen lassen, nur weil es so Tradition ist. Und kaum vorstellbar, dass die Tradition heute noch weit verbreitet ist und praktiziert wird.

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Bewertung von fricla aus Baden Württemberg am 03.03.2010 ***** ausgezeichnet
Habe selten so ein interessantes Buch gelesen,man kann es fast nicht aus der Hand legen.Man konnte sich total in diese Frau versetzen,wie sie sich fühlt !!!

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Bewertung von schatzibaby aus Deutschland am 29.12.2009 ***** gut
Ich fand das Buch wirklich super, toll erzählt und man kann es kaum aus der Hand legen. Man fühlt mit der Frau mit....
Allerdings kann ich einfach nicht verstehen dass diese Frau ihrer Tochter dasselbe Schicksal antun möchte. Das und viele andere Auffälligkeiten lassen mich an dem Wahrheitsgehalt der Buches Zweifeln...

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Bewertung von Hans aus Heinsberg am 09.08.2009 ***** sehr gut
Gut geschrieben und beschrieben läßt das Buch kaum los. Man fühlt mit und leidet mit.

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Bewertung von nadine aus Lindau am 05.02.2009 ***** ausgezeichnet
Sehr spannendes buch.
schrecklich das heut zu tage noch eine
zwangsehe in deutschland möglich ist.

dieses buch bringt einen sehr zum nachdenken

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Bewertung von Sonia D. aus Engelskirchen am 23.01.2008 ***** ausgezeichnet
Ich bin hin und weg von diesem Buch. Es ist super geschrieben und man konnte es sich bildlich vorstellen. Es war einfach packend. Ich habe es in weniger als zwei Tagen gelesen. Ich bin selber türkin aber habe solche Geschichten weder selber erlebt noch in meiner Verwandtschaft gehört. Da kann ich wohl von Glück sprechen. Deshalb bin ich noch immer fassungslos, das es so etwas noch immer gibt. Es ist schrecklich und ich hoffe das alle Frauen die Kraft finden und es wie Ayse schaffen.

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Bewertung von kristin aus sw am 18.08.2007 ***** ausgezeichnet
ein wirklich ergreifendes buch, das über das gesamte leben (gut 43 Jahre) der hauptperson geht. am anfang bekommt man einen wahnsinnnig intressanten einblick in die kindheit des mädchens und kann kaum glauben, unter welchen umständen sie leben musste. und später kann man das buch einfach nicht mehr aus der hand legen weil man wissen möchte was die arme frau noch alles erdulden musste. ein ergreifendes buch.

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