Männer sind wie Pfirsiche - Martenstein, Harald

Harald Martenstein 

Männer sind wie Pfirsiche

Subjektive Betrachtungen über den Mann von heute mit einem objektiven Vorwort von Alice Schwarzer

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Männer sind wie Pfirsiche

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Produktinformation

  • Abmessung: 207mm x 134mm x 20mm
  • Gewicht: 295g
  • ISBN-13: 9783570009611
  • ISBN-10: 3570009610
  • Best.Nr.: 22815980
"Der perfekte Roman." (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Harald Martenstein hat ein Problem: Der Kolumnist ist viel beschäftigt für Zeit und Tagesspiegel, schrammt aber qualitativ immer knapp unterhalb der Gattungshelden Wiglaf Droste und Max Goldt vorbei. Man kann ihn scharfzüngig nennen, einen guten Beobachter, und das ist nicht so böse gemeint, wie es klingt - aber Martenstein ist ein Satiriker wie viele andere auch. Regelmäßige Tagesspiegel-Leser wissen, dass dieser Autor dann am besten ist, wo er eben nicht als Satiriker auftaucht, sondern als Theaterkritiker oder politischer Kommentator. "Männer sind wie Pfirsiche" versammelt gleichwohl ausschließlich Glossen. Glossen wie viele andere auch. (fis)

"Grandios!"
Harald Martenstein, geb. 1953, ist Autor der Kolumne 'Martenstein' im 'ZEITmagazin' und Redakteur beim Berliner 'Tagesspiegel'. 2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis. 2010 erhielt er den Curt-Goetz-Ring. Außerdem erschienen seine Kolumnensammlungen "Männer sind wie Pfirsiche.

Leseprobe zu "Männer sind wie Pfirsiche" von Harald Martenstein

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Leseprobe zu "Männer sind wie Pfirsiche" von Harald Martenstein

Was die Männer betrifft, so habe ich herausgefunden, dass ihr Verhalten in verblüffender Weise einem Pfirsich gleicht. Im Kern ist der Mann sehr wahrscheinlich monogam veranlagt. Ähnlich wie um den harten Kern des Pfirsichs herum eine dicke Schicht von weichem, saftigem Fruchtfleisch wächst, wird auch der harte, monogame Kern des Mannes von einer weichen, weniger monogamen Schicht umgeben. Wenn man einen Pfirsich isst, bleibt am Ende der Kern übrig. Das Leben isst uns Männer auf. Am Ende, wenn wir ein Methusalem sind, bleibt auch von uns nur noch der steinharte, vertrocknete Kern übrig, wir sind dann vollkommen monogam geworden. Ich finde, so poetisch hat das noch niemand ausgedrückt.

Meine Begegnung mit Martenstein

Es wäre "ihm eine große Ehre und ein großes Vergnügen zugleich", schreibt der Verlag, "wenn Sie das Vorwort schreiben würden".

Ich? Da steckt doch was dahinter! Will der Martenstein etwa testen, ob Feministinnen Humor haben? (Was bekanntermaßen nicht der Fall ist.) Will er bei seinen emanzipierten Freundinnen punkten? (Sein Verhältnis zu Autos scheint ja neuerdings entspannter als das zu Frauen.) Beschleicht ihn der Verdacht, dass seine Redaktion ihm zu häufig eine Montagsproduktion durchgehen lässt, statt ausschließlich Martenstein from his best zu drucken, und sucht er deshalb eine strengere Chefredakteurin? (Tja, das ist der Preis des Ruhms, wenn alles gedruckt wird.) Oder ist die Idee etwa von seiner cleveren Literaturagentin? (Wg. schnöder Auflage.)

However. Dass ich zu der Millionenschar seiner Fans und Fäninnen gehöre, weiß Martenstein. Nicht nur, weil ich ihn auch schon mal erfolgreich zu einer Glosse für EMMA überredet habe. Auch, weil ich jüngst bei einer seiner Lesungen war. Nein, nicht der Glossen, des Romans. Den habe ich aber nicht gelesen. Aus Prinzip. Ich missbillige es nämlich, wenn gute JournalistInnen Romane schreiben; schließlich gibt es viele RomanschreiberInnen, aber nur wenige gute JournalistInnen.

Meine Teilnahme an der Martenstein-Lesung war einer glücklichen Fügung zu verdanken. Anlässlich eines Besuchs bei Freundinnen auf dem Land verkündeten die mit verhaltenem Stolz: Heute Abend liest der Martenstein in W. Martenstein? Na, das ist doch die Gelegenheit, sich den Mann mal anzusehen!

Wir zogen zu dritt los. In der kleinen, feinen Buchhandlung waren die Stühle schon enger gerückt. Ich landete in der zweiten Reihe. Vor mir nicht nur geneigte Köpfe, sondern auch drei faustgroße Holzwollschafe und ein Immergrün in weißer Porzellanschale auf dem Bord zwischen dem Autor und mir. Dahinter, neben der Kasse, wo sonst die Buchhändlerin sitzt, der Dichter aus der Hauptstadt.

Ich musste mich die ganze Lesung über recken, denn schließlich war ich ja auch gekommen, um etwas zu sehen. Was aber niemanden gestört hat, denn hinter mir hockten nur noch die Regale mit den Werken von Martenstein und anderen Romanciers. Nach einer knappen halben Stunde klappte der Autor sein 'uvre zu. Ein Raunen der Enttäuschung ging durch das sehr geneigte Publikum. Schon ...?

Noch Fragen? Und ob! Was nun folgte, war Martenstein pur. Los ging es mit dem üblich konfus-eitlen Selbstdarsteller, und es endete bei der ehrfürchtig-bewundernden Zeit-Abonnentin. So ein Fan-Publikum schwankt ja nicht nur in der Provinz zwischen Adoration und Aggression. Die Fallhöhe kann gewaltig sein für den Gegenstand der Zuneigung.

Nach der ersten nassforschen Anmache durch einen Mann, halten zwei, drei Damen es für angebracht, empört ihre uneingeschränkte Bewunderung kundzutun. Da reichte es dem zweiten der fünf Männer im Raum! (Das Geschlechterverhältnis bei Martenstein-Lesungen scheint ähnlich zu sein wie bei Schwarzer-Lesungen - oder ist es bei allen Lesungen so?) Jedenfalls ergriff der knapp Achtzigjährige nun energisch das Wort und fragte den erklecklich jüngeren Autor in harschem Ton, woher er all diese Dinge, die er da über die vierziger Jahre schreibe, denn überhaupt wissen wolle?! Schließlich sei er, der Autor, ja überhaupt nicht dabei gewesen, im Gegensatz zu ihm, dem Leser.

Da murmelte Martenstein was von "dichterischer Freiheit" - und machte ziemlich abrupt Schluss. Schließlich musste er ja auch noch weiter. Die örtliche Buchhändlerin hatte es nicht gewagt, den Autor im einzigen Hotel von W. unterzubringen, sondern ihren Ehrengast in einem zwanzig Kilometer entfernten Sterne-Hotel einquartiert, in dem jüngst auch die Handball-Weltmeister genächtigt hatten.

Als ich dann abends zu Hause in meinem Bettchen lag und an den Arbeitsberg dachte, der mich auf meinem Redaktionsschreibtisch erwartet, da wurde ich ganz melancholisch. Ich dachte: Der Martenstein hat's gut. Der muss als Glossenschreiber immer nur was erleben und das Ganze dann verdichtet in eine subjektiv-spielerische Form bringen, eben die äußere und innere Realität mit dem narrativen Band der Phantasie und Selbstironie verknüpfen. Und schon ist das Ding geritzt. 60 Zeilen à 60 Anschläge, einmal die Woche. Damit verdient der Kollege sein Geld. Und gutes Geld, wie ich der Tatsache entnehme, dass der Chefredakteur von Leben jüngst in seinem Editorial über die Martenstein-Honorare stöhnte.

An dieser Stelle habe ich eine Pause eingelegt und die Glossen zu Ende gelesen. Mit großem Vergnügen! Kaum eine Montagsproduktion. Ich weiß auch gar nicht, wie ich darauf komme, Martenstein habe neuerdings ein angespanntes Verhältnis zu Frauen. Nur weil er nach Kreuzberg gezogen ist. Im Gegenteil: Der Mann weiß noch im größten Gendertrouble, worum es geht. Und das - oder weil? - er mit einer Schwäbin verheiratet ist. Auch sein fünfzehnjähriger Sohn liefert zunehmend Stoff. Das kann heiter werden. Für uns.

Eines schätze ich ganz besonders an Martenstein (und das unterschiedet ihn fundamental von der Titanic-Clique): seine durchgängige Sensibilität für Pornografisches und Menschenfeindliches. In echt. Denn das ist ja immer das Geheimnis eines wirklich guten Humors: sein ernster Kern.

Meine drei Lieblingsglossen sind übrigens "Über Feminismus", "Über Friseurbesuche" und die Sache mit Weihnachten. Aber bei uns fing der Streit nicht erst um dreiundzwanzig Uhr, sondern schon um fünfzehn Uhr an. Wegen der krummen Tanne. Jedes Jahr eine krumme Tanne. Behauptete zumindest meine Großmutter. Darum habe ich seither immer eine gerade. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Alice Schwarzer

Über Anfänge

Die soeben gebildete große Koalition übernimmt ein schweres Erbe.

Nein, so kann man's beim besten Willen nicht ausdrücken. Schweres Erbe - das klingt klischeehaft. Höchstens könnte man sagen: "Sie übernimmt ein leichtes Erbe" oder, noch besser: "Die Koalition übernimmt ein mittelgroßes Erbe mit zwei Henkelchen dran", also das Klischee umdrehen oder ironisch konterkarieren, das geht, aber in diesem Fall passt "leichtes Erbe" inhaltlich leider überhaupt nicht. Inhaltliche Korrektheit erwartet der Leser schon, Gott sei's geklagt. Gunther Sachs hat ein leichtes Erbe übernommen, das ginge. "Soeben gebildete große" klingt auch viel zu schwer, da möchte man wahrlich kein Substantiv sein, mit so viel Zeug um den Hals. Substantive sind die Neger der Sprache, das ist von Adorno oder von Oscar Wilde, oder ist es am Ende gar von mir selber?

Die große Koalition, welche ... nein, "welche" wirkt denn doch zu altfränkisch und zu verspielt in diesem Politzusammenhang. Der Bratschist Fridolin Hafelspütz, welcher das Bratschenspiel mit einer solchen Leidenschaft betrieb, dass eines Frühsommertages mitten in einer F-Dur-Sonate der Bratschenbogen zu grünen begann und frische Triebe aus ihm hinaussprossen ... perfekt. Hier aber möchte ich straight beginnen, mehr wie ein Song von Bruce Springsteen.

Wir haben jetzt eine große Koalition.

Moment mal, welches "wir" spricht hier eigentlich? "Wir"-Anfänge sind hypertroph, Hybris, Hype. Da ist es weniger eitel, gleich unverblümt "ich" zu sagen.

Ich habe jetzt eine große Koalition.

Das klingt vielleicht doch eine Spur zu eitel. Gott könnte so reden. Die Formulierung "große Koalition" ist ja, wenn man darüber nachdenkt, als solche schon problematisch, selbst schon Klischee, vernutzt, oft gehört, löst keine Emotion aus, Politikersprache. Distanzlos. Eklig.

SPD und CDU bilden gemeinsam die Regierung.

Gewiss. Und weiter? Bei diesem Satz vibriert nichts, er klingt so antörnend wie eine Staumeldung im Verkehrsfunk. Außerdem gibt es einen störenden Nebensinn. Nehmen wir an, die Regierung sei gänzlich kenntnislos, hinter den Bergen aber lebten zwei kluge Mädchen, "CDU" und "SPD" genannt, die durch den dunklen Wald zur Regierung gehen und sagen, du dumme Regierung, komm her, wir bilden dich ... na ja.

Die Großen machen's nun also gemeinsam.

Ich muss mich gleich übergeben. Dieses Pseudoflotte, leicht Schlüpfrige, pfui Spinne. Das Semikolon ist übrigens der Monegasse der Sprache, weil es selten vorkommt. Ja, genau - warum nicht mit einer These beginnen? In medias res, wie Adorno sagen würde?

Die große Koalition denkt klein; groß ist sie schließlich selber.

Hat was. Nur das Semikolon steht allzu prätentiös da.

Außerdem wirkt das Spiel mit "groß" und "klein" billig, CDU und SPD können nichts dafür, dass man ihre Zusammenarbeit "groß" nennt, no jokes on names. Oder ich frage ganz einfach: CDU und SPD, was nun? Dies wäre eine Anspielung auf "Kleiner Mann, was nun", Sozialkritik, Fallada. Passt von der Assoziation her recht gut, schade nur, dass es seit etwa 1960 total unoriginell klingt.

Dies alles schreibe ich, damit Sie sehen, wie schwierig es schon am Anfang oft ist.

Über Alice Schwarzer

Zur sexuellen Revolution und ihren Folgen für den Verbraucher nur kurz dieses: Im Antiquariat der Leipziger Buchmesse wurden, erwartungsgemäß, zahlreiche alte Bücher verkauft. Inmitten der schweinsledernen Pretiosen, Trouvaillen und Petitessen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert fiel ein abgegriffenes Taschenbuch relativ neuer Bauart auf, welches in diese Umgebung nicht hineinpasste. Es handelte sich um das Sex-Buch. Das Sexbuch des Sexexperten Günter Amendt kam in den späten siebziger Jahren heraus, es war eine damals extrem freizügige Aufklärungsschrift für Jugendliche und gehörte, gemeinsam mit Amendts ähnlich ausgerichtetem Buch Sexfront, zur Standardausrüstung fortschrittlich denkender BRD-Haushalte. Aus Neugierde schaute ich nach dem Preis. Er belief sich auf 280 Euro. Ich dachte, ich spinne.

Der Antiquar näherte sich. Er sagte: "Dieses Exemplar hat Günter Amendt der Feministin Alice Schwarzer gewidmet, und sie hat es mit, ähem, privaten Anmerkungen versehen." Tatsächlich stand auf Seite eins, mit Kugelschreiber: "Für Alice. Ich bin sehr gespannt, was Du zu diesem Buch sagst, ehrlich ... !" Wirklich war das Sex-Buch verschwenderisch mit Anmerkungen ausgestattet, zum Beispiel: "A. betrachtet Sex ziemlich technisch." Meistens aber hatte die Leserin die ausschweifenden Orgasmustheorien von Amendt am Seitenrand entweder mit dem knappen Wort "Gut!" oder mit "Stuss!" gekennzeichnet, beides etwa im Verhältnis halbe-halbe. Hin und wieder nur tauchte die Formulierung "Sehr gut!" auf, ebenso sparsam scheint die prominente Frauenrechtlerin sympathischerweise mit der Formulierung "Totaler Stuss!" umzugehen.

Ich sagte: "Da wird der Günter aber sauer sein, dass die Alice sein Sexbuch weggegeben hat." Der Antiquar antwortete: "Nach dreißig Jahren? Is' doch normal." Kurz dachte ich daran, das Buch zu kaufen, womöglich als Dauerleihgabe für das Sexmuseum am Bahnhof Zoo. Andererseits hätte die Buchbesitzerin auch eine andere Alice sein können, etwa die Tänzerin Alice Kessler. Ich dachte, dass dies eine Geldvermehrungsmethode der Leipziger Antiquare sein könnte. Wie leicht könnte auch ich eines meiner Werke mit der Widmung "Für Angela" versehen, dann schreibe ich an den Rand "M. betrachtet Kolumnen ziemlich technisch" und lasse das Ganze, völlig legal, für 280 Euro im Antiquariat feilbieten.

Im Hotel wollte ich, um das Thema zu wechseln, den Fernseher einschalten. Es war ein extrem edles Hotel. Neben dem Fernseher wies ein geschmackvolles Pappschild darauf hin, dass auf Kanal 13 gegen Bezahlung "hochwertige Vollerotik" zu sehen sei. Ich fand es rührend, das brave Heizdeckenverkäuferwort "hochwertig", dreißig Jahre nach dem Sex-Buch, in solchen Zusammenhängen verwendet zu sehen und dass sich die Hotelleute die kulturelle Mühe gegeben hatten, "Hardcore" ins Deutsche zu übertragen. Sprachkolumnenschreiber und Anglizismengeißler, reist nach Leipzig, schaut euch im Hotel hochwertige deutsche Vollerotik an. Wenn die Darsteller den Höhepunkt erreichen, rufen sie wahrscheinlich: "Blüh im Glanze dieses Glückes!"

Über Altachtundsechziger

Der alte, schwarze Kater, den ich vor einiger Zeit von meiner verstorbenen Alt-68er-Tante geerbt habe, ist irgendwie gestört. Als sie jung war, hat meine Tante ähnlich gut ausgesehen wie Uschi Obermaier. Sie besaß ein erweitertes Bewusstsein und die Platten von Bob Dylan, sie rauchte bewusstseinserweiternde Dinge und trug Blumen im Haar. Dies alles hat den Kater nicht davor bewahrt, gestört zu werden. Purple Haze is in his brain.

Der Kater kann nur schlafen, wenn sein Schlafplatz der höchste Punkt im Raum ist und wenn er seinen Blick von oben über die Wohnung schweifen lassen kann wie der König der Löwen auf seinem Felsen. Wenn er nicht am höchsten Punkt des Raumes liegen kann, wandert er die ganze Nacht heiser schreiend und mit glühenden Augen umher wie Behemoth. Ich nehme an, er fühlt sich nur ganz weit oben sicher vor den anderen, jüngeren Katern. Ich kenne dieses Gefühl. Oder es hat gesellschaftliche Ursachen.

Wir haben ihm überall in der Wohnung Katzenkörbe mit Polsterung angeboten, er aber hat sie auf seine gestörte Weise verschmäht und wollte in das Wohnzimmer, wo das Bücherregal steht.

Der Kater ist auf die Stereoanlage gesprungen, die sich neben dem Bücherregal befindet, und dann, um in den alten Gelenken warm zu werden, einige Male auf ein niedrig gelegenes Regalbrett und wieder zurück, schließlich mit einem großen Satz ganz oben auf das Regal. Aber er hat das Regal nur mit seinen Vorderpfoten erreicht, und sein dürrer, schlaffer Altherren-Hinterleib pendelte frustriert in der Luft. Daraufhin hat der Kater seine Technik verändert; er ist jetzt von der Stereoanlage, die inzwischen stark verkratzt ist, schräg an die Wand gesprungen, von der Wand hat er sich mit allen vier Pfoten abgedrückt, und so ist er relativ easy auf das Regal gekommen. Der Sprung sieht spektakulär aus. An der Wand hängt jetzt die Tapete in Fetzen herunter, und die Wand hat Dellen. Das kann ich nicht hinnehmen. Ich habe die Stereoanlage und den Stereoschrank in die Mitte des Wohnzimmers gerückt, damit der Kater sie nicht mehr als Absprungrampe benutzen kann.

Daraufhin hat der Kater in der Wohngemeinschaft die Machtfrage gestellt und die ganze Nacht pausenlos geschrien, weil seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Lenin sagte: Wer wen. Ich habe aus dem Keller die alte rostige Leiter geholt, jetzt hinkt der Kater mit knackenden Knochen über die Leiter auf das verdammte Regal, und die rostige Leiter steht Tag und Nacht im Wohnzimmer. An bürgerliches Wohnen ist in diesem Wohnzimmer nicht mehr zu denken. Im Badezimmer kann ich nicht mehr baden, weil das Katzenklo zu stark riecht. Mein Sohn macht es regelmäßig sauber, um Verantwortung zu lernen, aber irgendwas stimmt nicht mit dem Kot dieses Katers; ich kenne doch Katzen, dieser Kot aber riecht wie kein Kot, den ich je kannte. Der Kater hat ein Verdauungsproblem. Oder es ist ein Drogenproblem.

Über das Alter

Ja, gut, ich habe ein bisschen Angst vor dem Alter. Vor einer bestimmten Sache habe ich besonders viel Angst. Ich möchte nicht gern eine Windel tragen. Obwohl, ich weiß ja gar nicht, wie es ist. An das Windeltragen als Säugling kann man sich in der Regel nicht mehr erinnern. Man würde aber nie auf die Idee kommen, dass für so einen Säugling das Windelwechseln eine demütigende Sache ist, im Gegenteil, man sagt, das ist ein Säugling, da gehört die Windel dazu wie das Katzenklo zur Katze. Beide, der Säugling und die Katze, werden trotzdem für süß gehalten.

Mich werden sie nicht für süß halten. Ich bin als Greis bestimmt sehr unangenehm.

Ich werde im Heim sitzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Sohn mich zu sich nimmt. Er ist ein guter Sohn, aber er ist auch klug und mag es bequem, deswegen wird er es nicht tun. Ich werde im Heim sitzen und die Pfleger tyrannisieren. Ich werde ständig das Essen zurückgehen lassen, weil ich glaube, eine Stubenfliege hat sich auf den Teller gesetzt. Seit meiner Kindheit kann ich von einem Teller, auf dem eine Stubenfliege gesessen hat, nichts essen. Das ist eine Marotte von mir. Im Alter werden Marotten stärker. Die Pfleger werden irgendwann genug haben von meiner Marotte und mich zwingen, trotzdem den Fliegenbrei zu essen. Ein Pfleger hält den Kopf fest, der andere füllt Brei ein. Ich werde, während der Fliegenbrei mein Kinn hinabrinnt, rufen: "Ich war Kolumnist! Ich verlange Respekt!", aber sie werden nur lachen. Ich werde rufen: "Ich habe Ludwig Erhard interviewt!", bis die anderen Alten die Pfleger rufen, und die Pfleger schieben mich dann mit meinem Rollstuhl in die Besenkammer, damit die anderen in Ruhe fernsehen können. Die Pfleger werden sauer auf mich sein, weil ich sie dauernd auf Trab halte. Beim Windelwechseln werden sie mich unauffällig, aber fest in den Po zwicken, um es mir heimzuzahlen. Wenn ich dann jammere und zetere, werde ich kalt geduscht.

Einmal im Monat kommt mein Sohn. Seine Lebensgefährtin hasst mich, weil ich immer noch nicht gestorben bin und das gesamte Erbe für die Heimkosten draufgeht. Ansonsten ist das natürlich ein süßes Mädchen, und ich bin sehr froh für meinen Sohn. Er bringt mir eine Flasche meines Lieblingsweins mit. Ich weine vor Rührung. Nachdem er gegangen ist, nehmen mir die Pfleger die Flasche wieder weg und flößen mir lachend Fencheltee ein. Alle zwei Monate wird eine ehemalige Lebensgefährtin von mir aus der Toskana, der Uckermark oder von sonstwo anrufen, aber wegen der Beruhigungsmittel, die ich von den verfluchten Pflegern bekomme, werde ich Unsinn reden; ich werde fragen: "Regiert Ludwig Erhard immer noch bei euch in der Toskana?" Die Lebensgefährtinnen werden denken, der Arme ist völlig dement, und werden nicht mehr anrufen, stattdessen schicken sie Fencheltee, obwohl ich überhaupt nicht dement bin, nur sediert.Klar, ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Alter.

Leseprobe zu "Männer sind wie Pfirsiche" von Harald Martenstein

Meine Begegnung mit Martenstein / / Es wäre "ihm eine große Ehre und ein großes Vergnügen zugleich", schreibt der Verlag, "wenn Sie das Vorwort schreiben würden". / Ich? Da steckt doch was dahinter! Will der Martenstein etwa testen, ob Feministinnen Humor haben? (Was bekanntermaßen nicht der Fall ist.) Will er bei seinen emanzipierten Freundinnen punkten? (Sein Verhältnis zu Autos scheint ja neuerdings entspannter als das zu Frauen.) Beschleicht ihn der Verdacht, dass seine Redaktion ihm zu häufig eine Montagsproduktion durchgehen lässt, statt ausschließlich Martenstein from his best zu drucken, und sucht er deshalb eine strengere Chefredakteurin? (Tja, das ist der Preis des Ruhms, wenn alles gedruckt wird.) Oder ist die Idee etwa von seiner cleveren Literaturagentin? (Wg. schnöder Auflage.) / However. Dass ich zu der Millionenschar seiner Fans und Fäninnen gehöre, weiß Martenstein. Nicht nur, weil ich ihn auch schon mal erfolgreich zu einer Glosse für EMMA überredet habe. Auch, weil ich jüngst bei einer seiner Lesungen war. Nein, nicht der Glossen, des Romans. Den habe ich aber nicht gelesen. Aus Prinzip. Ich missbillige es nämlich, wenn gute JournalistInnen Romane schreiben; schließlich gibt es viele Romanschreiberinnen, aber nur wenige gute Journalistinnen. / Meine Teilnahme an der Martenstein-Lesung war einer glücklichen Fügung zu verdanken. Anlässlich eines Besuchs bei Freundinnen auf dem Land verkündeten die mit verhaltenem Stolz: Heute Abend liest der Martenstein in W. Martenstein? Na, das ist doch die Gelegenheit, sich den Mann mal anzusehen! / Wir zogen zu dritt los. in der kleinen, feinen Buchhandlung waren die Stühle schon enger gerückt. Ich landete in der zweiten Reihe. Vor mir nicht nur geneigte Köpfe, sondern auch drei faustgroße Holzwollschafe und ein Immergrün in weißer Porzellanschale auf dem Bord zwischen dem Autor und mir. Dahinter, neben der Kasse, wo sonst die Buchhändlerin sitzt, der Dichter aus der Hauptstadt. / Ich musste mich die ganze Lesung über recken, denn schließlich war ich ja auch gekommen, um etwas zu sehen. Was aber niemanden gestört hat, denn hinter mir hockten nur noch die Regale mit den Werken von Martenstein und anderen Romanciers. Nach einer knappen halben Stunde klappte der Autor sein uvre zu. Ein Raunen der Enttäuschung ging durch das sehr geneigte Publikum. Schon ...? / Noch Fragen? Und ob! Was nun folgte, war Martenstein pur. Los ging es mit dem üblich konfus-eitlen Selbstdarsteller, und es endete bei der ehrfürchtig-bewundernden Zeit-Abonnentin. So ein Fan-Publikum schwankt ja nicht nur in der Provinz zwischen Adoration und Aggression. Die Fallhöhe kann gewaltig sein für den Gegenstand der Zuneigung. / Nach der ersten nassforschen Anmache durch einen Mann, halten zwei, drei Damen es für angebracht, empört ihre uneingeschränkte Bewunderung kundzutun. Da reichte es dem zweiten der fünf Männer im Raum! (Das Geschlechterverhältnis bei Martenstein-Lesungen scheint ähnlich zu sein wie bei Schwarzer-Lesungen - oder ist es bei allen Lesungen so?) Jedenfalls ergriff der knapp Achtzigjährige nun energisch das Wort und fragte den erklecklich jüngeren Autor in harschem Ton, woher er all diese Dinge, die er da über die vierziger Jahre schreibe, denn überhaupt wissen wolle?! Schließlich sei er, der Autor, ja überhaupt nicht dabei gewesen, im Gegensatz zu ihm, dem Leser. / Da murmelte Martenstein was von "dichterischer Freiheit" - und machte ziemlich abrupt Schluss. Schließlich musste er ja auch noch weiter. Die örtliche Buchhändlerin hatte es nicht gewagt, den Autor im einzigen Hotel von W. unterzubringen, sondern ihren Ehrengast in einem zwanzig Kilometer entfernten Sterne-Hotel einquartiert, in dem jüngst auch die Handball-Weltmeister genächtigt hatten. / Als ich dann abends zu Hause in meinem Bettchen lag und an den Arbeitsberg dachte, der mich auf meinem Redaktionsschreibtisch erwartet, da wurde ich ganz melancholisch.

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