Das dunkle Schiff - Fatah, Sherko

Sherko Fatah 

Das dunkle Schiff

Roman. Preis der Leipziger Buchmesse 2008, Shortlist

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Das dunkle Schiff

Ein junger Iraker gerät unter die Gotteskrieger und flieht nach Deutschland. Ein kluger Abenteuerroman, der mit Spannung zeigt, wie ein kleines Leben von großen Umwälzungen erfaßt wird.

Das Buch erzählt die Geschichte des jungen Kerim, von Beruf Koch, der sich aus dem irakischen Grenzland auf die beschwerliche und gefährliche Reise nach Europa macht. Von früh an der Idee verfallen, sich zu verwandeln, hat er noch andere Gründe für seine Flucht, war er doch unter die Gotteskrieger geraten und mit ihnen durch das Land gezogen, bevor er sich von ihrem Weg der Gewalt lossagte. Kerim, bemüht, in Deutschland ein neues Leben zu beginnen, kann, obwohl er in dem fremden Land auch Zuwendung und sogar seine erste Liebe findet, die Vergangenheit nicht abschütteln, vielmehr scheint diese sich fortwährend auf ihn zuzubewegen.
In diesem Roman geht es nicht um den Islam, sondern um den Extremismus, der viele Erscheinungsformen haben kann, um seine Verführungsmacht und die Folgen. Extremismus entsteht nicht in einem Kopf, sondern unter realen Lebensbedingungen. So ist Kerims Geschichte die eines kleinen, konkreten Lebens inmitten großer Umwälzungen, und sein spirituelles wie auch seine realen Abenteuer sind nicht so außergewöhnlich, wie sie aus europäischer Sicht scheinen mögen. Viele haben sich wie er auf den Weg gemacht, viele sind auch wie er verstrickt worden, wenn schon nicht immer aus nachvollziehbaren Gründen, so zumindest doch auf eine Weise, welche auch die besten Nachrichtenbilder uns nicht zeigen können.


Produktinformation

  • Verlag: Jung Und Jung
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 420 S.
  • Seitenzahl: 440
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 126mm x 38mm
  • Gewicht: 495g
  • ISBN-13: 9783902497369
  • ISBN-10: 390249736X
  • Best.Nr.: 23321240
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.03.2008

Die Leiden des Migrationsmelancholikers
Sherko Fatahs beklemmender Terror-Roman / Von Wolfgang Schneider

Ein getretener Hund krümmt sich und würgt eine menschliche Hand heraus. Dergleichen kommt vor im Straßenleben des Iraks. Dort sind Teile zerfetzter Menschenkörper keine ganz seltene Beute für die Tiere.

Es sind solche Szenen, die sich ins Lesergedächtnis einbrennen bei der Lektüre von Sherko Fatahs deutsch-irakischem Roman "Das dunkle Schiff". Ein fabelhaftes, spannendes Buch, sehr zu Recht ein Kandidat für den Preis der Leipziger Buchmesse. Egal, ob es die Auszeichnung erhält oder nicht - Fatah ist eine Entdeckung. Vor sieben Jahren debütierte er mit dem Roman "Im Grenzland". 1964 in Ost-Berlin geboren, hat er nicht nur durch seinen Vater einen irakischen Migrations-, sondern zudem einen DDR-Hintergrund. Eine Biographie, die einen Schriftsteller formen kann.

Einen dermaßen starken Romananfang voll Schönheit und Schrecken hat man jedenfalls lange nicht gelesen: Ein Sommertag im bergigen Nordirak, eine Landschaft "wie eine geöffnete Hand", Wolken ziehen "wie Luftschiffe durch den tiefblauen Himmel". Lachend und schwatzend …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Bewegt, begeistert und sichtlich ist Jens Jessen von diesem Roman, den er zwar voller Spannung verschlungen hat, aber auch immer wieder beiseite legen musste - um gegen die Tränen anzukämpfen! Wie Sherko Fatah das macht? Ganz einfach, er erzählt absolut schmucklos, in einem "asketischen Realismus" von einem echten Schicksal, dem Schicksal eines Kurden, dem vom Autor vielleicht ein bisschen viel für ein Leben aufgebürdet wurde, dafür aber in "ungeheurer Plausibilität", wie Rezensent Jessen schwärmt: Kerim, irakischer Kurde, flieht nach der Ermordung seines Vaters durch Saddams Schergen, wird gefangener islamistischer Gotteskrieger, denen er sich erst anschließt, um später auch sie zu fliehen. Als Schiffbrüchiger wird er an die Küsten Europas gespült, nach Berlin, wo er in die Fänge einer jungen Studentin gerät. Damit gelinge Sherko Fatah das, was sonst nur Victor Hugo und Robert Louis Stevenson oder geschafft hätten: das "Abenteuerliche in die hohe Kunst" zu führen. Aber auch an Dostojewskis Figuren, die das Böse als etwas Gutes empfinden, oder den Parsifal fühlt sich der Rezensent hier erinnert.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.02.2008

Wenn die Tiere die Menschen fressen
Ein Gespräch mit dem Autor Sherko Fatah über und seinen Roman „Das dunkle Schiff”, die Kurden in der DDR und die Gotteskrieger im Nordirak
Der Schriftsteller Sherko Fatah ist mit seinem neuen Roman „Das dunkle Schiff” für den Preis der Leipziger Buchmesse 2008 nominiert. Der Roman schildert die Welt der Kurden im Nordirak. Im Gespräch mit der SZ gibt Sherko Fatah Auskunft über sein Selbstverständnis als deutscher Autor und sein Interesse an den im Nordirak agierenden Gotteskriegern.
SZ: Sie sind 1964 in Ost-Berlin geboren, haben über Ihren Vater eine kurdische Herkunft, den vielzitierten „Migrationshintergrund”, Deutsch ist ihre Muttersprache. Sie sind ein kurdischer Berliner mit DDR-Hintergrund. Wie sehen Sie sich selbst?
Sherko Fatah: Für mich ist das keine Frage. Ich bin deutscher Schriftsteller. Ich thematisiere zwar mein Erbe, aber ich versuche, Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und das literarisch fruchtbar zu machen.
SZ: Es gab nicht viele Kurden in der DDR. Was hat Ihr Vater da gemacht?
Fatah: In den 60er Jahren hat die DDR den Beschluss gefasst, kurdischen …

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"Ein für die deutsche Gegenwartsliteratur ungewöhnlicher, herausragender Roman." Die Welt

"Ein fabelhaftes, spannendes Buch. Fatah ist eine Entdeckung. Einen dermaßen starken Romananfang voll Schönheit und Schrecken hat man lange nicht gelesen."
Sherko Fatah, geboren 1964 in Berlin, aufgewachsen in der DDR, 1975 Übersiedlung nach West-Deutschland. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin. Auszeichnungen: 2001 mit dem aspekte-Literaturpreis und dem Deutschen Kritikerpreis.

Leseprobe zu "Das dunkle Schiff" von Sherko Fatah

Es war ein Sommertag, heiß, aber doch so windig, dass man es nicht wirklich spürte. Wolkenschatten eilten dunkel über die Ebenen und Hänge, als schwebten Luftschiffe durch den tiefblauen Himmel. Vielleicht war es der schönste Tag seines Lebens, nicht des leichten Lichtes und des sanften Windes wegen, nein, an diesem späten, saumselig vergehenden Tag verspürte er ein erstes Mal die tiefe Ruhe, welche die Schönheit gewährt, und erfuhr zugleich ihre Vergeblichkeit.

Um diese Jahreszeit zogen die alten Frauen hinaus, um Heilkräuter zu sammeln. Sie wussten, wann sie für welches Gewächs an einen bestimmten Ort zu gehen hatten. Weit mussten sie nicht hinaufsteigen, nur auf die Hügel. Dort sah er sie, eine kleine Kolonne, die wie so oft schon den nie ganz überwucherten Pfaden folgte. Sie sprachen und lachten laut, hier draußen waren sie endlich ganz unter sich, für ein paar Stunden fern von Räumen und Regeln. Hätten sie umhergeschaut, auch ihnen wäre die Unberührbarkeit der wilden Gräser, der Dolden und der warmen Steine aufgefallen. Doch sie schwenkten ihre Körbe, und ihre farbenfrohen Gewänder wehten im Wind, sie waren zu sehr miteinander beschäftigt. Fast beneidete er sie darum, so selbstvergessen hineingestellt zu sein in den Tag, der wie ein riesiges, geöffnetes Fenster um sie stand. Er lief ihnen nach, als sie hinter den Hügeln verschwanden, nur einfach, um sie weiterhin zu sehen, winzig, doch nicht verloren, und blieb auf dem Hügel stehen. Er fühlte nicht mehr die Abgeschiedenheit hier draußen, nicht mehr die raue Einöde, er sah die Landschaft wie eine geöffnete Hand. Er atmete schwer. Ich bin noch ein Kind, dachte er kurz, meine Lungen sind nicht weit genug für diesen Tag. Und selbst wenn sie es wären, so ahnte er, dann könnte ich doch niemals weit genug in ihn hineingehen.

Die Frauen hatten sich in der Ferne verteilt und mit dem Sammeln der Kräuter begonnen. Wie ein schwaches Echo, von den Felsen mehr verschluckt als zurückgeworfen, erhob sich das Geräusch. Es war ein Helikopter, angestrahlt vom späten Licht, das selbst seine Tarnfarbe fröhlich erscheinen ließ. Er beschirmte seine Augen mit der Hand und blickte hinauf. Er sah den Haupt- und den Heckrotor und vernahm das anschwellende Donnern. Doch nichts, auch nicht diese Maschine war fähig, den tiefen Frieden über den Hügeln zu stören. Der Helikopter flog vorüber, kam zurück und zog einen weiten Kreis über ihm. An der offenen Seitenluke kauerten zwei Soldaten, einer winkte ihm zu. Alles konnte geschehen an diesem Tag, und so winkte er ohne Furcht zurück. Der Helikopter zog seine Bahn und sank unwirklich langsam zur Erde nieder. Im Geheimen hatte er den Kinderwunsch verspürt, und nun wurde er wahr; er landete, weit entfernt zwar, aber er landete. Vielleicht nehmen sie mich mit, war sein nächster Gedanke, vielleicht kann ich mit ihnen fliegen.

Er lief los, winkend und rufend, scharfkantige Steine und spitze Distelsträucher waren in seinem Weg, doch nichts ließ ihn stolpern, und nichts stach ihn. Weit vor ihm wurde der Helikopter eingehüllt von aufgewirbeltem Sand, trockene Halme segelten durch die Luft. Es ist zu weit, ich schaffe es nicht, dachte er, als er die beiden Soldaten herausspringen und geduckt zu den Frauen hinüberlaufen sah. Diese hatten ihre Körbe abgestellt, die Hände in die Hüften gestützt oder an die Stirn gelegt und blickten den Männern entgegen. Er sah, wie die Soldaten sie zum Helikopter trieben, sah es undeutlich durch den Staub, und da blieb er stehen. Ich schaffe es nicht, dachte er noch einmal bedauernd, doch tröstete ihn, dass es überhaupt geschehen war, das ganz und gar Außergewöhnliche. Er stand und sah sie abheben, ruckartig erst, dann unaufhaltsam, wie in den Himmel gezogen, bis sie die Staubwolke unter sich ließen. Ganz leicht legte sich der Helikopter auf die Seite und flog erneut seine weite Kurve, schraubte sich allmählich höher und höher, bis er befreit im Himmel dahinschwamm. Er blickte ihnen nach und winkte wieder. Und tatsächlich kam die Maschine erneut heran, das Donnern wurde laut und lauter, bis er sich die Ohren zuhielt. Den Kopf im Nacken sah er die Frauen. Da fielen sie, eine nach der anderen stürzte aus der Luke, mit gebreiteten Armen glänzten sie auf im Licht, und wie um sie aufzuhalten, riss an ihren Gewändern der Wind.

Erster Teil Kerim erinnerte sich an das immer gleiche Ritual. Seine Mutter rief ihn und seine Brüder zusammen. Gemeinsam holten sie eine alte, vom Waschen zerschlissene Wolldecke hervor und breiteten sie auf dem Boden aus. Manchmal taten es auch Zeitungsbögen. Sie stellten die Töpfe und Schalen in die Mitte und setzten sich wie um ein Lagerfeuer auf den Boden. Es gab Löffel, aber da sie meist unter sich waren, wurde mit den Händen gegessen. Jeder nahm, so viel er wollte, und griff ohne zu zögern in die Töpfe.

Manchmal, in schwachen Augenblicken, kam es Kerim vor, als wäre die Erinnerung an diese Art des Essens alles, was ihm von seiner Familie geblieben war. Denn wenn er daran zurückdachte, standen sie alle, deutlich wie sonst nie, vor seinen Augen: Seine Mutter, die immer dabei war, doch die er kaum je essen sah. An ihre Hände erinnerte er sich und an die zarten Unterarme, die hervorsahen, weil sie die Ärmel zurückgezogen hatte. Imat, den älteren seiner Brüder, sah er vor sich, schmal und blass, wie er den Reis in winzigen Portionen nahm und selbst die Okraschoten nach Größe aussuchte, bevor er sie sich zaghaft, als wären seine Lippen wund, in den Mund schob. Ali dagegen kam schon mehr nach ihm, Kerim, und seinem Vater. Immer hungrig und nah bei seiner Mutter, griff er aus der Deckung zu. Er aß gern und für sein Alter recht viel. Schließlich tauchte auch sein Vater vor Kerims innerem Auge auf, müde meist nach den langen Arbeitstagen. Der schwere, vorgewölbte Bauch ließ ihn zusammengesackt erscheinen, wenn er am Boden saß. Kerim erinnerte sich an die Ringe unter seinen Augen, die im Flimmern des Fernsehlichtes deutlich hervortraten.

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