Versuch einer neuen Theorie des Vorstellungsvermögens
Mit seinem ersten Hauptwerk von 1789 schafft Reinhold die
Grundlagen für die Auseinandersetzung mit der Kantischen
Philosophie und damit für ein Denken, das die philosophische
Landschaft tiefgreifend verändern wird, nämlich für den deutschen
Idealismus.
Karl Leonhard Reinhold (1757-1823) trifft mit seinen populären
"Briefen über die Kantische Philosophie" (1786-1787)
haarscharf den Nerv der Zeit und setzt damit die kritische
Philosophie Kants für ein breiteres Publikum auf die philosophische
Agenda. Der Versuch einer neuen Theorie des menschlichen
Vorstellungsvermögens (1789) ist sein erstes großes theoretisches
Werk. Reinhold präsentiert es als einen Versuch, die kritische
Philosophie auf der Grundlage des Vorstellungsvermögens allgemeiner
verständlich zu machen. Zugleich ist auch bereits beabsichtigt, für
die an sich richtigen Resultate der kritischen Philosophie die von
Kant selbst nicht gelieferte Begründung zu finden. Daraus
entwickelt sich ab 1791 Reinholds Elementarphilosophie, für die die
kritische Philosophie (seiner Ansicht nach) nur noch Propädeutik
ist.
Reinholds Versuch besteht, neben einer langen "Vorrede",
aus drei Büchern. In der "Vorrede" und im ersten Buch
stellt der Autor die epochale Bedeutung der kritischen Philosophie
heraus. Im zweiten Buch folgt die eigentliche Theorie des
Vorstellungsvermögens, von der aus im dritten Buch Kants wichtigste
Entdeckungen in der Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787),
nämlich die Unterscheidung von Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft,
neu dargestellt werden. Hierbei liefert Reinhold u.a. eine eigene
und höchst originelle Ableitung der Kategorien und der Ideen.
In seiner Einleitung beschreibt der Herausgeber Reinhold in seiner
philosophischen Entwicklung hin zu einem eigenständigen Denker mit
einer ganz eigenen philosophischen Agenda, die er allerdings auf
eine sehr geschickte Weise mit dem philosophischen Anliegen Kants
zu verbinden vermochte. Damit wird das überkommene Reinhold-Bild
nuanciert: Reinholds Philosophie war alles andere als epigonal.
Dies wirft ein anderes Licht auf die enorme Bedeutung Reinholds für
die spätere Entwicklung des deutschen Idealismus.
Die erste neue Ausgabe des Versuchs bietet einen behutsam
modernisierten Text, mit den Textvarianten der Vorpublikationen in
verschiedenen Zeitschriften. Ein ausführlicher Kommentar erschließt
den Text.
Ernst-Otto Onnasch lehrt und forscht am philosophischen Institut
der Universität Utrecht. Schwerpunkt seiner Arbeiten ist die
Geschichte der Philosophie des 18. Jahrhunderts, insbesondere der
klassischen deutschen Philosophie.