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7 Kundenbewertungen

Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die einmal aus Schwaben oder dem Allgäu nach Berlin gekommen sind. Herr Lehmann ist aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde. Denn bald ist sein dreißigster Geburtstag, und das ist fatal, wei man da langsam 'beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß.' Sven Stricker gelingt mit diesem Hörspiel der fulminante akustische Entwurf von Sven Regeners Berlin der 80er Jahre. Mit allem, was dazu gehört: Tragik, Komik und dazwischen ein lakonischer Herr Lehmann.…mehr

Hörbuch-Reihe (Audio-CD) - Frank Lehmann Trilogie von Sven Regener

Produktbeschreibung

Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die einmal aus Schwaben oder dem Allgäu nach Berlin gekommen sind. Herr Lehmann ist aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde. Denn bald ist sein dreißigster Geburtstag, und das ist fatal, weil man da langsam 'beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß.' Sven Stricker gelingt mit diesem Hörspiel der fulminante akustische Entwurf von Sven Regeners Berlin der 80er Jahre. Mit allem, was dazu gehört: Tragik, Komik und dazwischen ein lakonischer Herr Lehmann.

"Diese 140 Minuten Hörspiel sind besser als die Verfilmung von Leander Haussmann." -- Hochschul-Anzeiger

"Die Stimmen von Florian von Manteuffel, Florian Lukas und anderen, die Musik von Jan Peter Pflug, alles in der Regie von Sven Stricker, alles ist wunderbar lebendig. Ja, lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: eine Hörspielversion hat uns noch gefehlt. Kein Quatsch!" -- NDR Kultur

"Sven Stricker gelingt mit diesem Hörspiel der akustische Entwurf von Sven Regeners Berlin der 80er Jahre." -- Kieler Nachrichten
  • Produktdetails
  • Verlag: Dhv Der Hörverlag
  • ISBN-13: 9783867176347
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • ISBN-10: 3867176345
  • Best.Nr.: 29608033
  • Laufzeit: 116 Min.

Autorenporträt

Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. 1985 gründete er die Band "Element of Crime", die mit deutschsprachigen Alben wie "Damals hinterm Mond" und "Weißes Papier" eine große Popularität erlangte. Sven Regener ist Sänger und Texter der Gruppe. 2011 erhielt er den Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Sven Regener

Trackliste

CD 1
1Herr Lehmann00:05:05
2Herr Lehmann00:03:04
3Herr Lehmann00:04:45
4Herr Lehmann00:07:06
5Herr Lehmann00:05:13
6Herr Lehmann00:06:38
7Herr Lehmann00:05:00
8Herr Lehmann00:05:53
9Herr Lehmann00:04:59
10Herr Lehmann00:05:22
11Herr Lehmann00:05:41
CD 2
1Herr Lehmann00:03:35
2Herr Lehmann00:05:16
3Herr Lehmann00:05:21
4Herr Lehmann00:02:46
5Herr Lehmann00:07:00
6Herr Lehmann00:05:34
7Herr Lehmann00:05:33
8Herr Lehmann00:03:29
9Herr Lehmann00:04:46
10Herr Lehmann00:05:43
11Herr Lehmann00:06:44
12Herr Lehmann00:02:43

Rezensionen

Besprechung von 11.08.2001
Verwirrt, träge und verliebt
Leerstelle Revolution: Sven Regener verpaßt die Wende an Kreuzberger Tresen · Von Tilman Spreckelsen

Läuft die Zeit schneller ab, wenn man betrunken ist? Oder nimmt man die Umwelt verzögert wahr, so daß die Zeit langsamer verfließt? Die beiden, die sich über diese Frage unvermittelt in die Haare kriegen, haben sich kurz vorher kennengelernt, sind Ende Zwanzig und arbeiten für den gleichen Gastronom: die schöne Katrin als Köchin in der einen, Frank Lehmann, den alle nur "Herr Lehmann" nennen, hinter dem Tresen der anderen Kneipe. Sonst sind die beiden so verschieden, daß sie geradezu prädestiniert zu einem Liebespaar sind, das sich im September findet und im November wieder verliert. Katrin tut sich schließlich mit "Kristall-Rainer", einem unauffälligen Kneipengast, zusammen, während Frank sich erstmal ausschlafen möchte und fortwährend daran gehindert wird - Kreuzberg im Herbst 1989.

In seinem Debütroman zeichnet Sven Regener, Jahrgang 1961 und Sänger der Band "Element of Crime", die Welt nach, wie sie sich schemenhaft im Bewußtsein seines Helden niederschlägt. Dort manifestiert sie sich am liebsten als gewaltige Ruhestörung, als Hindernis auf dem Weg zum ersehnten Schlaf, das es zu umgehen gilt. Es ist eine kleine Welt - Lehmann verläßt nur ungern das enge Areal von Kreuzberg, und schon der Nachbarbezirk Neukölln ist ihm ein Graus. Lehmanns Kosmos bevölkern Kollegen, Kneipenbesitzer und -gäste, die sich eini sind im zähen Bestreben, keine Veränderung zuzulassen und die geübten Rituale gegen alle Anfechtungen von außen durchzuhalten.

Dabei steht der große Umbruch unmittelbar bevor und vollzieht sich hinter den Kulissen bereits auf mehreren Ebenen, wenn auch unmerklich für Lehmann: Da ist sein bester Freund Karl, der eine Ausstellung mit Skulpturen vorbereitet, für die sich niemand interessiert, und der darüber aus Erschöpfung zusammenbricht; da ist die Abkehr Katrins, die in Lehmann "so einen Typ, der alles werden könnte" gesehen hat und sich, weil er sich jeder Karriere beharrlich und eloquent widersetzt, einem wesentlich leichter zu formenden Verehrer zuwendet; da ist schließlich das Jahrhundertereignis der ostdeutschen Revolution, das bis zum vorletzten Kapitel so auffällig ausgespart ist, daß diese Leerstelle des Romans im Bewußtsein des Lesers, zumal aus dem Abstand von beinahe zwölf Jahren, eine ausgesprochene Dynamik entfaltet - und gleichzeitig die Frage aufwirft, ob dieses Desinteresse an den Ereignissen, die der Maueröffnung vorausgingen, nicht eine in Westdeutschland und vor allem in Westberlin durchaus verbreitete Haltung war.

Kein Zweifel, daß hier ein glänzender Wenderoman aus westlicher Sicht vorliegt, der ebendeshalb so überzeugt, weil die Ereignisse in der DDR im Bewußtsein der Hauptfigur, aus deren Perspektive durchgängig erzählt wird, nur in Spurenelementen vorkommen - um westliches Desinteresse darzustellen, so scheint es, hätte man kein besseres Millieu als Kreuzberg, keinen besseren Romanhelden als Lehmann wählen können. Das macht sich um so nachhaltiger bemerkbar, je näher die Handlung auf den neunten November 1989 zusteuert. Ein einziges Mal nämlich läuft selbst Lehmann Gefahr, der Weltgeschichte nicht mehr ausweichen zu können, die sich einige hundert Meter weiter jenseits der Spree vollzieht: Um auf Wunsch seiner Eltern einer entfernten Verwandten einen Umschlag mit Westgeld zu übergeben, macht sich Lehmann am fünften November, dem Morgen nach der großen Demonstation auf dem Alexanderplatz, auf den Weg nach Ostberlin. Er kommt aber nur bis zum Grenzübergang, wo er wegen Devisenvergehens festgehalten wird. Agiert er dabei so ungeschickt, um garantiert zurückgewiesen zu werden? Oder ist er so sehr gewohnt, über alles und jedes zu diskutieren, daß er sich fast lustvoll mit den Zöllnern streitet?

Denn Lehnmann rechtet permanent: mit seinen Freunden, mit Polizisten aus Ost- und Westberlin, mit Katrin, mit Busfahrern oder Kneipengästen und vor allem mit sich selbst. All diesen Diskussionen gemein ist aber, daß sie vollkommen fruchtlos bleiben. Lehmann ist eine überaus sympathische Oblomow-Gestalt, ein Mann ohne Antrieb, dem "das Hinlegen in den letzten Jahren selbst zu einer Lieblingsbeschäftigung geworden war", dem aber genau dies den Roman über verwehrt bleibt: zur Ruhe zu kommen. Der auf ihn einstürmenden Welt begegnet er am liebsten mit Sprachkritik, weil diese Form der Auseinandersetzung garantiert folgenlos bleibt.

So ist der Roman auch geprägt von der verbalen Orientierungssuche des Helden: Lehmann versucht, Ordnung zu schaffen - in der Welt und vor allem im eigenen Kopf. Ist er berauscht, neigt Lehmann zu schlichten Postulaten wie: "Alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch."  Oder: "Am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt" - Sentenzen, die das Staunen des Bezechten über die Möglichkeit, überhaupt Wahrheiten zu formulieren, deutlich zeigen. Am liebsten aber beschäftigt Lehmann sich mit sich selbst und seinen eigenen, eben geformten Gedanken: "Herr Lehmann freute sich darüber, daß ihm dieses Wort in den Sinn kam, er hatte es lange nicht mehr gehört oder gedacht." Oder: "Das, dachte Herr Lehmann, ist der dümmste Gedanke, den ich in den letzten zehn Jahren gehabt habe."

Auch der Beginn der Liebesbeziehung zu Katrin ist bestimmt von einer ins Äußere gewendeten Version seiner endlosen Selbstgespräche und gedanklichen Klärungsversuche. Der Disput über die Wahrnehmung der Zeit ist geprägt von einer aggressiven Diskussionshaltung ("romantisch ist das nicht, dachte er, romantisch ist was anderes"), die dem Grunddissens der beiden geschuldet ist: Katrin verwendet absichtslos das Wort "Lebensinhalt", einen Begriff, den Lehmann als solchen in Frage stellt, zumindest für die eigene Person. Daß seine erregte Rechtfertigung am Ende nur noch wenig mit Katrins Äußerung zu tun hat, erkennt er immerhin: "Ich rede gar nicht mit ihr, dachte Herr Lehmann bedauernd, eigentlich rede ich mit dem Rest der Welt, und sie bekommt es ab."

 Der Roman zerfällt in lauter einzeln ausgemalte Szenen, jede in sich abgerundet und bisweilen von hoher Komik. Regener gerät kaum einmal in die Gefahr, seinem Helden distanzlos zu begegnen, läßt ihn aber selbst um der Pointe willen nicht sonderlich skurril erscheinen, sondern ist sichtlich um eine gelassene Schilderung der beiden Herbstmonate bemüht. Seine Stärke sind die vielstimmigen Diskussionen, etwa bei Lehmanns Abendessen mit seinen aus Westdeutschland angereisten Eltern in einer Kneipe, wo er, wie er seinen Eltern zuvor vorgelogen hatte, Geschäftsführer ist und wo sich der wachsende Argwohn seines Vaters, die Beschwichtigungsversuche Lehmanns und die liebevollen Sottisen des befreundeten Kellners mischen.

 Vor diesem Hintergrund des Beharrungsvermögens eines Milieus und vor allem seines Repräsentanten angesichts einer historischen Wende gewinnt auch die Diskussion der Liebenden um die Zeitwahrnehmung im Rausch eine neue Relevanz. Beider Freund Karl, dem Frank und Katrin diese Frage zur Entscheidung vorlegen, findet jedenfalls eine salomonische Lösung: "Ich glaube, sie läuft schneller. Aber am nächsten Morgen gleicht sich das wieder aus."

Sven Regener: "Herr Lehmann". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2001. 300 S., geb., 36,- DM.

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Nach überschwenglichem Lob aus der ersten Riege des deutschen Feuilletons, lag es natürlich nahe, "Herr Lehmann" auch als Lesung zu präsentieren. Sven Regener, mikrophonbewährt als Frontmann der Berliner Kultband Element Of Crime, intoniert seinen Debütroman selbst. Allerdings, Aufmerksamkeit und Konzentration sind im besonderen Maße Bedingung, um den Geschichten seines Helden folgen zu können. Was Herr Lehmann in der Wendezeit in Berlin erlebt, das trägt Regener fast gehetzt schnell vor, lässt sich und dem Zuhörer keine Pausen, auch seine oftmals abgehackte Betonung ist gewöhnungsbedürftig. Und was im Buch irgendwann zum Stilmittel wird, das stete "dachte Herr Lehmann", das erreicht in der akustischen Präsentation den Rand des Nervigen. So verliert zwangsläufig das Buch als Hörbuch hier viel von seiner Wirkung, was eine gelegentlich technisch nicht saubere Aufnahme, leichte "Versprecher" sind geblieben, noch unterstützt. Inhaltlich können Buch und die vom Autor leicht bearbeitete Leseversion hingegen durchaus überzeugen: Das Wiedererkennen von Situationen, die Beobachtung von Alltäglichem, prägnant beschrieben, dies verschafft eine gewisse Verbundenheit zu Herrn Lehmann, egal, was für ein Kauz er auch sein mag. (rs)
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(c) bunkverlag
Besprechung von 17.08.2001
Aber dann, aber dann: Kreuzberger Hosenträger sind lang
Der Einzug des guten Onkels in die neueste deutsche Literatur: Sven Regener kehrt bei Herrn Lehmann, dem Zapfer, ein und spendiert ihm einen Roman und zwanzig Biere
Es soll vor der Wende ein Tal der Ahnungslosen gegeben haben. Es lag im Südosten der Deutschen Demokratischen Republik, irgendwo hinter Dresden, und wurde so genannt, weil keine Antenne mehr ausreichte, um ein Fernseh- oder Rundfunkgerät mit Sendungen aus dem Westen zu versorgen. Dass es auch im Westen ein solches Tal ohne Nachrichten, ohne Veränderung, eine solche Welt der ewigen Wiederholung des Gleichen gegeben haben soll, war bislang nicht bekannt. Sven Regener, gerade noch Sänger und Texter der Popgruppe Element of Crime will dieses Tal nun entdeckt haben: im äußersten Osten West-Berlins, in SO 36, im tiefen Kreuzberg. Dort ist „Herr Lehmann” in den achtziger Jahren zu Hause gewesen, als Zapfer in einer Kneipe namens „Einfall”, und vielleicht zieht er dort noch heute seine mehr oder minder schwankenden Kreise.
Der Untertitel weist das Buch (Eichborn Berlin, Berlin 2001) als „einen Roman” aus, und der unbestimmte Artikel ist von Bedeutung. Hier tastet sich einer an eine Form heran, die ihm noch nicht geheuer ist – und gibt zugleich zu erkennen, dass er auf etwas Großes hinauswill (was aber nur geht, weil die Anforderungen an einen Roman so klein geworden sind.) Denn „Herr Lehmann” ist ein historischer Roman: Er spielt im Herbst 1989, in de Monaten vor der Öffnung der Mauer.
Sechzig Jahre, so hatte Walter Scott verlangt, sollten zwischen dem Erzählen und der erzählten Zeit liegen, und diese Frist wird hier weit unterboten. Wie wenig sind zwölf Jahre: eine knappe Schulzeit, vier Weltmeisterschaften im Fußball. Zwölf Jahre – das ist wie gerade erst gewesen, und doch verwandelt Sven Regener diese Zeit in tiefste Vergangenheit. Man wundert sich, wie Lebensumstände, die so kurz zurückliegen, so viel liebenswürdige Patina angesetzt haben können. Doch ist es gerade diese Sicht zurück in die vergangenen Jahrzehnte, die sich unter den jüngeren deutschen Autoren heftig auszubreiten scheint. Den Anfang hatte Michael Kumpfmüller im vergangenen Jahr gemacht, mit einem Helden namens „Hampel”, einem Schwerenöter, Frauenhelden und Trunkenbold, der aus dem Westen in den Osten flüchtete, um Ruhe vor seinen Gläubigern zu haben. In diesem Herbst wird „Arbogast” erscheinen, der neue Roman von Thomas Hettche, und er wird vom Glück erzählen, eine „Isabella” von Borgward zu fahren. Allen drei literarischen Historikern gemein ist die sagenhafte Milde, mit der sie sich in der jüngsten Vergangenheit umschauen.
Was ist das auch für einen Idee, einen literarischen Helden von knapp dreißig Jahren „Herrn Lehmann” zu nennen? Noch vor zehn Jahren hätte man an diesem Wort zuerst die darin versteckten Sockenhalter wahrgenommen. Und doch ist dieser Titel gut gewählt, denn Sven Regener hat tatsächlich eine Welt entdeckt: den unerbittlichen Konservativismus eines Milieus, das man offenbar zu Unrecht für eine „alternative Szene” gehalten hat. Nun lässt sich der Dichter auf ihrem besten Sofa nieder und blättert ein Familienalbum auf: Da ist Frank Lehmann, der Zapfer, da ist sein Freund, der große, dicke Karl, der eigentlich Künstler ist und vielleicht auch nicht, und da ist Katrin, die schöne Köchin mit den breiten Hüften, die Herr Lehmann recht vergeblich liebt. Ruhig, ordentlich und friedlich ist diese Welt, und nur eines fällt hier unangenehm auf: die Ruhestörungen, der sich Lehmanns Fluchten allesamt verdanken.
An diesem Buch müsste man nur ein paar Attribute austauschen, und es käme daher, als sei es in den zwanziger Jahren entstanden. Vor allem ist es die Milde, die diesen Eindruck erweckt, der betuliche Ton eines ebenso langmütigen wie teilnehmenden Beobachters, den man sich eigentlich immer als dicken Mann mit Hosenträgern vorgestellt hat. Sein erzählerisches Prinzip ist die Anekdote, am besten die mit Pointe. Auch das war bei Michael Kumpfmüller schon so: Dessen Held war schließlich Bettenverkäufer. Thomas Hettche schickt nun einen Vertreter für Billardtische auf die Walz. Bei Herrn Lehmann könnten sie beide einkehren. Er ist der Zapfer ohne Ehrgeiz. Pausenlos in Selbstgespräche oder sprachkritische Debatten verstrickt – denn nichts hält die Zeit so schön auf wie ein guter innerer Monolog – , bewegt er sich durch eine ebenso skurrile wie von Grund auf harmlose Welt.
Am Ende sind es zwanzig Anekdoten, aus denen dieses Buch besteht. Eine jede ist wie ein Popsong: Sie hat eine eingängige Melodie, ein Refrain und ein kleines Solo. Zwölf von ihnen hätten ein hübsches Album ergeben, aber zwanzig sind ein bisschen viel. Am Ende hat der Erzähler etwas von einem heiteren Partygast, über dessen Pointen sich man eine ganze Weile amüsiert hat, bis der Kerl mit den Witzen nur noch unerträglich ist.
Kaum mehr als ein Jahrzehnt ist seit dem Mauerfall vergangen, und schon kommen die Erzählungen von der Zeit davor im Gestus der Archäologie daher. In dieser Vorzeit gibt es keine Mobiltelefone, keine Computer, und das Bier wird aus der Flasche getrunken. „Herr Lehmann” ist ein Buch der Verweigerung, eine Huldigung an alte, vergangene Rituale und auch ein Roman der Beschwichtigung. „Bumm, bumm” – schon trommelt der frühe Techno aus den Lautsprechern. Wenn Sven Regener allerdings das Lied von „Herrn Lehmann” singen müsste, käme etwas heraus, dass „A Dedicated Follower of Tradition” heißen müsste und eine Rockballade wäre.
Was ist den jungen deutschen Schriftstellern, die in den vergangenen Jahren ihr Debüt hatten, nicht alles nachgesagt worden: dass sie die Enkel von Günter Grass, ein Fräuleinwunder oder gar der Anfang einer rundum neuen, erfolgreichen Literatur seien. Hier aber treten auf: Die alten und gar nicht bösen Onkel der neuesten deutschen Literatur. Und wenn man dem Buch eines vorwerfen kann, dann einen fatalen Hang zur willkürlichen Besinnlichkeit. Herrn Lehmann kostet so viel Gemüt schließlich die literarische Seele. Auch er ist eine Figur, der man nicht in die Augen schauen möchte, weil da nichts ist – außer einem Bedürfnis nach sehr viel Schlaf und sehr viel Bier. Und natürlich geht die Geschichte nicht gut aus, schließlich wird Herr Lehmann dreißig Jahre alt, und die Mauer steht dann auch nicht mehr. Aber was heißt das schon? Irgendwann ist Schluss mit gemütlich, und es beginnen die Jahre der Reife.
„Herr Lehmann” ist ein freundliches, leichtes und gekonnt belangloses Buch, das es im einzelnen nicht an Originalität und Kraft fehlen lässt. Michael Kumpfmüller hat die Kritik den Tort angetan, sein Werk neben das von Heiner Müller zu rücken. Es wäre schön und nützlich, wenn es Herrn Lehmann erspart bliebe, dafür gelobt zu werden, einen „Wahnsinn” von Buch geschrieben zu haben, „als hätten sich die Pickwickier und Gregor Samsa zusammengetan, um eine Party mit Gustav Gans zu feiern”. Was, es ist schon geschehen? Das ist schade, wirklich schade.
THOMAS STEINFELD
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Thomas Steinfeld hält diesen Band für ein "freundliches, leichtes und gekonnt belangloses Buch", bei dem ihm offenbar besonders gut gefällt, dass der Autor hier einen "unerbittlichen Konservatismus" der alternativen Szene ins Visier nimmt, in der vor allem eines wichtig ist: dass man nicht gestört wird in seinem eingerichteten Leben. Steinfeld ist der Ansicht, dass dieses Buch beinahe genauso gut in den zwanziger Jahren hätte geschrieben werden können, vor allem wegen der "Milde, (...) dem betulichen Ton eines ebenso langmütigen wie teilnehmenden Beobachters, den man sich eigentlich immer als dicken Mann mit Hosenträgern vorgestellt hat". Dass der Roman letztlich aus zwanzig Anekdoten besteht, hat zwar nach Steinfeld seinen Reiz, doch findet er, das zwölf durchaus gereicht hätten. Irgendwann bei der Lektüre schien es Steinfeld so, als ob man einem Partygast zuhört, der lustige Dinge erzählt, einem jedoch ab einem gewissen Punkt nur noch auf die Nerven geht. Auch ein bisschen mehr "literarische Seele" hätte dem Herrn Lehmann nicht geschadet, findet Steinfeld. Doch insgesamt überwiegt das positive Urteil in der Rezension, zumal Steinfeld zum Schluss noch lobend auf die "Originalität und Kraft" dieses Buch hinweist.

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"Hier entsteht die Komik scheinbar wider Willen, im Unabsichtlichen liegt die erzählerische Eleganz. Man hält den Atem an, man ist verblüfft, man lacht sich schief. Alles popkulturelle Berlin-Geschwätz fegt der Autor mit einem Wisch vom Tisch, und wir schmeißen die einschlägige Partyliteratur gleich hinterher. Denn bei Sven Regener, da ist der Alltag noch phänomenal, die Stadtdarstellung noch einen Blick wert."