Für die norwegische Sängerin Wencke Myhre nimmt das Album
"Eingeliebt - Ausgeliebt" eine Sonderstellung ein. Nicht
nur trug sie das finanzielle Risiko der Produktion allein, sie nahm
sich auch viel Zeit: Mehr als vier Jahre arbeitete sie zusammen mit
den Hamburger Produzenten und Autoren Rudolf Müssig und Christoph
Leis-Bendorff an neuen Songs. So entstand ein sehr persönliches
Statement der selbstbewussten Künstlerin. "Wir hatten keine
Ahnung, was am Ende dabei herauskommt und ob das je irgend jemand
veröffentlicht", erzählt Wencke Myhre im Gespräch mit
MusikWoche. Sie hatte Rudolf Müssig und Christoph Leis-Bendorff bei
der Produktion des Bestof-Albums "Hits und Raritäten - Das
Beste 1964-2004" (Koch Universal Music) kennengelernt. Dabei
keimte die Idee, später einmal weitere Songs aufzunehmen, was sie
dann auch während der Pausen der Tournee "Gitte, Wencke und
Siw" im Hamburger Studio von Leis-Bendorff in die Tat
umsetzten. "Das Schöne an dieser Produktion war, dass wir
keinen Zeitdruck hatten", berichtet die Künstlerin. "Wir
machten einfach das, was uns gefiel. Wenn wir Streicher oder Bläser
wollten, nahmen wir sie auf - ohne Rücksicht auf Zeit oder
Budget." Seit den frühen 60er-Jahren verzeichnet Wencke Myhre
in Deutschland und in ihrer skandinavischen Heimat Erfolge; mit
Songs wie "Er hat ein knallrotes Gummiboot" oder
"Beiß nicht gleich in jeden Apfel" schuf sie
Schlagerlegenden. Anfang 2010 stellten Myhre, Müssig und
Leis-Bendorff sowie Myhres Lebensgefährte, der einstige
Abba-Pianist Anders Eljas, der sich als Arrangeur zum Trio gesellt
hatte, fest, dass ihre Sessions bereits ein ganzes Album füllten.
Woraufhin die Künstlerin, die am 15. Februar ihren 63. Geburtstag
feierte, die Tracks zu Koch Universal schickte. Einst bei Polydor
unter Vertrag, ist sie dem Unternehmen seit 40 Jahren verbunden,
mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos bei BMG Ende der 70er-Jahre.
Das Koch-Team sei von den neuen Stücken begeistert gewesen, erzählt
Myhre, und alles ging anschließend ganz schnell: "Eingeliebt -
Ausgeliebt" erscheint am 5. März. Myhre gelang ein sehr
persönliches und abwechslungsreiches Album, das stilistisch
zwischen Chanson, Rock, Pop, Swing und Balladen pendelt, wobei aber
die lauten Töne überwiegen. "Ich wollte etwas Rockiges, und
die Jungs haben mich voll verstanden", sagt die Norwegerin.
Vor allem die "frechen" Texte von Rudolf Müssig, die in
langen Abenden und gemeinsamen Gesprächen entstanden, habe sie als
sehr befreiend empfunden. "Mir wurden immer Texte ange boten,
die mir bestimmte Altersklischees unterschieben wollten. Dabei sind
meine Gefühle und mein Spirit doch dieselben wie früher - nur dass
ich jetzt noch frecher bin." So finden sich auf dem Album
Stücke wie "Komm zu Bett", "Mann Mann Mann"
oder der Titelsong, in dem sie explizit die Dinge beim Namen nennt.
Zu den Höhepunkten der CD zählt der berührende Song "Papa,
lass mich los", in dem sie sich von ihrem früh verstorbenen
Vater musikalisch verabschiedet. "Die Aufnahmen zu diesem
Titel fielen mir im Studio sehr schwer, und auch beim fertigen Take
hört man noch, wie mir einmal die Stimme leicht umkippt", sagt
sie. Sie würde das neue Album gern live auf einer Clubtournee in
Deutschland vorstellen. Denn mit dieser Platte wollte sie ganz
bewusst Lieder aufnehmen, "die ich auf die Bühne bringen
kann." Dietmar Schwenger
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