 | Besprechung von 30.04.2004 |
Erodierende Grenzen
Lars Rensmann erforscht den deutschen Antisemitismus
In den letzten Jahren ist es immer wieder zu Diskussionen über
Antisemitismus in Deutschland gekommen, wie zuletzt anlässlich der
Äußerungen von Jürgen Möllemann, Martin Walser und Martin Hohmann.
Mal waren es kleinere Debatten, mal größere Kontroversen. Dabei
wurde immer auch die Frage nach dem Verhältnis des Antisemitismus
zur politischen Kultur der Bundesrepublik aufgeworfen. Denn
Antisemitismus und Demokratie erscheinen auf den ersten Blick als
Widersprüche.
Der Berliner Politikwissenschaftler Lars Rensmann hat nun in einer
detaillierten und materialreichen Studie antijüdische Stereotype
und antisemitische Mobilisierungsversuche in der politischen Kultur
der Bundesrepublik untersucht. Seine Ergebnisse verdienen
Beachtung, denn Rensmann weist einen empirischen Zusammenhang
zwischen antisemitischen Einstellungen und nationalen
Identitätskonzepten, kulturellen Identifikationen sowie politischem
Autoritarismus nach. Er geht dabei deutlich über bisherige Studien
hinaus, da seine Untersuchung nicht auf eine einzelne politische
Strömung oder gesellschaftliche Schicht beschränkt …
Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension
Eine "bahnbrechende Studie", die das Zeug zum Standardwerk hat, sieht Rezensent Philipp Gessler in Lars Rensmanns Buch über "Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland". Der Politikwissenschaftler zeige, was Antisemitismus heute ausmache, wie er zu erkennen sei und in welchen Formen er in öffentlichen Debatten auftrete. Wie Gessler berichtet, sind die Antisemitismustheorien der Frankfurter Schule für Rensmann Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung. Danach entstehe der heutige, moderne Antisemitismus vor allem aus einem Reflex der Abwehr der Erinnerung an die schuldhafte deutsche Vergangenheit. Rensmann weise nach, dass alte antisemitische Klischees heute keineswegs verschwunden, sondern jederzeit und in großen Bevölkerungsteilen, wenn auch selten in offener Form, wieder abrufbar sind. In umfangreichen empirischen Analysen zeige Rensmann, wie aus antisemitischen Anspielungen politisch Kapital geschlagen wird, wie sich Diskursschranken verschieben, Tabus erodieren. "Eindrucksvoll" findet Gessler, wie Rensmann den Antisemitismus in den öffentlichen Konflikten der "Berliner Republik" und bei der Linken aufdeckt. Zu Gesslers Bedauern befasst sich Rensmann nicht wirklich mit dem muslimischen Antisemitismus in Deutschland. Zudem hätte er dem Autor hier und da ein aufmerksameres Lektorat gewünscht.
© Perlentaucher Medien GmbH
"Die Studie (...) ist hochaktuell und brisant zugleich: Anhand überregionaler Presse- und Medienberichten analysiert er (der Autor) die jüngsten Antisemitismus-Streits (...), die vergangenheitspolitischen Kontroversen (...) und die wachsende Israelfeindschaft. Außerdem bezieht die materialreiche Untersuchung jüngste empirische Umfragen ein, die ein deutliches Anwachsen des manifesten und latenten Antisemitismus feststellen. (...) Die wichtige soziologische Antisemitismus-Forschung besitzt bestimmte Defizite (...) Dem setzt rensmann eine theoretisch fundierte und empirisch-ergebnisoffene politische Kulturfoschung entgegen. Damit entwickelt der Politikwissenschaftler neue Maßstäbe für die aktuelle Antisemitismus-Forschung. Sein Buch verdient eine breite Rezeption in Wissenschaft, Politik, Medien und politischer Bildung." www.hsozkult.geschichte.hu-berlin.de, 21.10.2004<br/><br/>"Mit der theoretisch wie empirisch fundierten politischen Kulturforschung setzt Rensmann neue Maßstäbe für die aktuelle Antisemitismus-Forschung. Sein Buch hat eine breite Beachtung in Wissenschaft, Politik, Medien und politischer Bildung verdient." www.literaturkritik.de, 01.04.2005<br/><br/>"Das Buch stellt (...) einen wichtigen Beitrag zur Antisemitismusforschung und zur politischen Kulturforschung in der Bundesrepublik dar. (...) ein Muß für alle, die auf diesen Forschungsfeldern arbeiten." Jahrbuch Extremismus und Demokratie, 17/2005<br/><br/>"Rensmann gelingt es innerdemokratische, widersprüchliche Prozesse, Gelegenheitsstrukturen und Mobilisierungsversuche, die Akzeptanz und Grenzen des 'Sagbaren' präziser zu fassen (...)." Widerspruch, 44/2006<br/><br/>"(...) Lars Rensmann hat nun in einer detaillierten und materialreichen Studie antijüdische Stereotype und antisemitische Mobilisierungsversuche in der politischen Kultur der Bundesrepublik untersucht. Seine Ergebnisse verdienen Beachtung, (...)." Süddeutsche Zeitung, 30.04.2004<br/><br/>"Rensmann hat die Frage, 'wieviel antisemitismus sich die Demokratie erlaubt', zum richtigen Zeitpunkt aufgeworfen, differenzierte Antworten zur Diskussion gestellt und zugleich ein sicheres Fundament für weitere, international vergleichende Vorhaben gelegt, die er abschließend zu Recht anregt." ZfG - Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 09/2005
Lars Rensmann, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und zur Zeit Visiting Scholar/Research Affiliate für European Studies am Center for International and Area Studies der Yale University.
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