The Lost Tapes (Box-Set) - Can
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Produktbeschreibung

  • Produktdetails
  • EAN: 5099962448420
  • Best.Nr.: 35809709
  • Artikeltyp: Musik
  • Anzahl: 3
  • Datenträger: CD
  • Erscheinungstermin: 13.07.2012
  • Hersteller: GoodToGo

Trackliste

CD 1
1Millionenspiel00:05:49
2Waiting for the streetcar00:10:08
3Evening all day00:06:57
4Deadly Doris00:03:10
5Graublau00:16:46
6When darkness comes00:03:47
7Blind mirror surf00:08:39
8Obscura primavera00:03:19
9Bubble rap00:09:23
CD 2
1Your friendly neighbourhood whore00:03:42
2True story00:04:30
3The agreement00:00:36
4Mignight sky00:02:44
5Desert00:03:19
6Spoon (Live)00:16:46
7Dead pigeon suite00:11:46
8Abra cada braxas00:10:12
9A swan is born00:03:00
10The loop00:02:32
CD 3
1Godzilla fragment00:01:59
2On the way to mother sky00:04:35
3Midnight men00:07:35
4Networks of foam00:12:36
5Messer, scissors, fork and light00:08:23
6Barnacles00:07:46
7E.F.S. 10800:02:07
8Private nocturnal00:06:49
9Alive00:01:56
10Mushroom (Live)00:08:18
11One more Saturday night (Live)00:06:34

Rezensionen

Besprechung von 11.08.2012
Teamfähig sind sie ja
Can entmystifizieren sich mit "The Lost Tapes" selbst

Von Felix Johannes Enzian

Sie gaben sich esoterische Namen wie Popol Vuh, Guru Guru oder Amon Düül. Ihre Jamsessions dehnten sich über so viele Stunden, dass man ihren langen Haaren und Bärten quasi beim Wachsen zusehen konnte. Manchmal schlurfte ein Bandmitglied mitten im Spiel aufs Klo und nahm anschließend den Dienst an Gitarre, Synthesizer, Flöte, Bongo oder sonstigem hippieeskem Instrumentarium wieder auf. "Krautrock" nannte die britische Fachpresse, mitunter abschätzig, die improvisierten Klangexperimente deutscher Musiker, die auf Ausdrucksformen und Strukturen angloamerikanischer Rockmusik mehr oder weniger verzichteten.

Die meisten dieser Gruppen aus den siebziger Jahren sind heute vergessen, denn ohne den Einfluss der damals populären Halluzinogene, deren Wahrnehmungsverzerrungen amorphes Gedudel in kosmische Harmonie zu verwandeln schienen, langweilen viele Krautrockaufnahmen sehr bald. Eine der großen Ausnahmen macht auch für das nüchterne Gehör - neben Kraftwerk und Neu! - die Kölner Formation Can, obwohl oder gerade weil ihr gesamtes Werk aus exzessiven Improvisationen entstanden ist. Was war es, das Can im Vergleich zu künstlerisch verwandten, aber uninteressanteren Bands so einzigartig klingen ließ? Die Gründungsmitglieder bezogen ihre Inspiration überwiegend nicht aus der Rockmusik. Keyboarder Irmin Schmidt und Bassist Holger Czukay ware Stockhausen-Schüler, Schlagzeuger Jaki Liebezeit stammte aus der Free-Jazz-Szene. Nur der inzwischen verstorbene Michael Karoli verstand sich als Rockgitarrist. Was alle vier auszeichnete, ließe sich mit "teamfähig" umschreiben.

In der Musik von Can gibt es keine solistischen Angeberleistungen. Jeder Instrumentalist nahm sich extrem zurück und warf meistens nur zwei, drei minutenlang wiederholte Noten oder Akkorde in das gemeinsame Spiel. Die Kombination aus Minimalismus und Repetition schuf einen hypnotischen Sog und nahm Entwicklungen mehrerer Jahrzehnte vorweg. Fast jeder, der in Post-Punk, Independent-Rock und Elektronik Rang und Namen hat, beruft sich auf das Vorbild Can. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die neue Veröffentlichung "The Lost Tapes".

Seit 1979 ist die Gruppe überwiegend inaktiv. Seit dem Reunionsalbum "Rite Time" von 1989 ist kein unbekanntes Material mehr von ihr erschienen. Nun kommen in einer Box versammelt gleich drei CDs mit durchweg unveröffentlichten Studio- und Live-Aufnahmen aus Cans produktivster Periode zwischen dem Gründungsjahr 1968 und 1977. Verloren waren die alten Tonbänder allerdings nicht. Sie lagen wohlbehütet in einem klimatisierten Schrank. Der mittlerweile 75 Jahre alte Irmin Schmidt und sein Schwiegersohn Jono Podmore haben aus fünfzig Stunden Musik dreißig Stücke ediert. Wie es in einem Begleittext heißt, könne die Auswahl "mit den besten Arbeiten dieser Band mithalten". Aber man darf im Einzelnen auch anderer Meinung sein. Etwa fünfzehn Stücke sind strenggenommen entbehrlich, darunter eine geblödelte Stegreif-Erzählung auf fiependem Orgelteppich oder eine Geräuschcollage mit gurgelnder Toilettenspülung. Einige Spontankompositionen werden nach kurzer Zeit ausgeblendet oder dümpeln richtungslos vor sich hin.

Auf durchaus interessante Weise entmystifizieren die "Lost Tapes" das Schaffen von Can. Offenbar kreierte dieser hochsensible Musik-Organismus wie jede durchschnittliche Band beim Improvisieren nicht immerzu magische Momente. Vergleicht man die auf den CDs enthaltenen Vorarbeiten zu Klassikern wie "Sing Swan Song", "Mother Sky" oder "Vitamin C" mit deren bekannten Fassungen, dann wird deutlich: Can haben diese Songs keineswegs in einem genialen Wurf geschaffen, sondern rearrangiert und neu eingespielt.

Die fünfzehn besseren Stücke sind großartig: Montagen aus Filmsoundtracks, eine sechzehnminütige Bühnen-Interpretation von Cans Chartserfolg "Spoon" sowie die velvet-underground-haft rohen Jamsessions "Waiting for the Streetcar" und "Deadly Doris". Es ist stets eine Freude, den rätselhaften Mantren der Sänger Malcolm Mooney und Damo Suzuki zu lauschen oder zu erleben, wie Jaki Liebezeits sparsam-präzises Schlagzeugspiel die Mitmusiker auf Linie bringt.

Im Gesamteindruck bleiben die "Lost Tapes" Fragmente. Wer Can in vollständiger Schönheit kennenlernen möchte, sollte sich besser an die musikalisch und konzeptionell stärker durchkomponierten Studioalben halten.

Can,

The Lost Tapes

3 CDs. Mute Records 2742629 (Goodtogo)

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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