Leseprobe zu "Wir alle sind Pilger" von Sebastian Painadath
Das Gebet ist der Herzschlag des religiösen Lebens. Im Gebet befindet sich der Mensch unmittelbar vor der göttlichen Wirklichkeit. Jedes echte Gebet setzt den Betenden in direkte Beziehung zu dieser höchsten Wirklichkeit. So gesehen, transzendiert das Beten die Grenzen der einzelnen Religionen. Es verbindet die Menschen miteinander über Grenzen hinweg in einer universellen geistlichen Pilgergemeinschaft. Die Gedanken und Gefühle, die Sorgen und Schmerzen, die im Gebet ausgedrückt werden, sind allgemeine Erfahrungen. Dank und Lobpreis, die im Beten zum Ausdruck kommen, sind universelle Antworten auf den (oder an den) Transzendenten. Im Gebet erfahren wir Menschen, dass unser Leben ein Prozess auf die letzte Einung mit dem höchsten Wesen hin ist, das in den meisten Religionen als Gott bezeichnet wird. Im Beten erfahren wir Menschen, dass wir alle wie Zweige an einem Baum sind: miteinander und mit dem göttlichen Grund verbunden.
Diese tiefe Einheit der Erfahrung trotz der unterschiedlichen Formen des Betens zu verdeutlichen, ist das Anliegen dieses Gebetbuches. Die hier gesammelten 100 Gebete sind in einem Zeitraum von 5000 Jahren der Entwicklung der Menschheit verfasst worden. Sie sind in voneinander weit entfernten Kulturräumen entstanden und von den einander unbekannten Religionen formuliert worden. In diesem Sinne sind sie eine Sammlung von fremden Gebeten. Die Anredeformen und die Gebetsanliegen, die Symbole und die Metaphern sind sehr vielfältig. Die zugrunde liegenden Gottesbilder und die sie tragenden Glaubensauffassungen sind sehr verschiedenartig.
Doch wer in die Tiefe spürt, nimmt die alles verbindende Erfahrungseinheit wahr. Wer sich mit einer Grundoffenheit gegenüber dem Geist, der weht, wo er will, die Gebete aneignen könnte und sie mit echtem Vertrauen als eigene Gebete zu verwenden sucht, wird ahnen, wie alle Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen in Gottes Gegenwart eigentlich eine einzige Gemeinschaft bilden. Die Unterschiede in den Formen und Sprachen der Gebete sollen respektiert und gleichzeitig sollen die in der Tiefe konvergierenden Spuren der mystischen Einheit wahrgenommen werden. Darum geht es in dieser Gebetssammlung.
Wenn Sie das Buch irgendwo aufschlagen, finden Sie zwei Gebete auf den beiden nebeneinanderstehenden Seiten. Lesen Sie die beiden Gebete meditativ, so werden Sie gemeinsame Gebetsanliegen und Erfahrungselemente in beiden Gebeten erkennen können. Manchmal vermutet man, die beiden Texte seien in einer Religion entstanden oder könnten von ein und demselben Verfasser stammen. Doch zwischen den beiden Gebeten liegen oft eine weite Welt, eine große Spanne in Zeit und Raum, eine weite Entfernung bezüglich der Kultur und Religion, in der sie entstanden sind. Am jeweiligen Signet erkennen Sie, aus welchem religiösen Mutterboden die einzelnen Gebete stammen. An der kurzen Erklärung zu jedem Gebet sehen Sie, aus welcher Kultur der Text kommt. Es ist faszinierend zu erkennen, wie echte spirituelle Erfahrungen sich in der Tiefe treffen und eine wachsende Einheit bilden.
Wir leben heute in einem dialogischen Zeitalter der geistigen Entwicklung der Menschheit. Weltweit wächst das Bewusstsein der spirituellen Einheit der Menschheit. Das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) erkennt an, dass - trotz aller Unterschiede - die Menschheit eine Familie bildet. Darum will die katholische Kirche "die geistlichen Güter und ethischen Werte der anderen Religionen anerkennen, wahren und fördern" (Nostra Aetate, 1-2). Im Jahr 1977 veröffentlichte der Weltkirchenrat die Richtlinien für den Dialog mit anderen Religionen. Dort heißt es: "Wir Christen sollen mit Reue und Demut, mit Freude und Glaubwürdigkeit mit den Andersglaubenden umgehen, denn wir stellen bei ihnen eine echte Spiritualität fest, ein Engagement sowie eine Weisheit und Barmherzigkeit, die unsere Überheblichkeit, mit der wir über andere Urteile fällen, infrage stellt." Eine glaubwürdige Form, die geistigen Erfahrungen und religiösen Symbole der anderen Religionen zu respektieren, ist, ihre Gebete zu schätzen. Das Beten artikuliert die Grundsehnsucht des Menschen nach Heil und daher verbindet es die Herzen der Menschen über alle Grenzen hinweg. Der Gebetstag der Weltreligionen in Assisi, 1986, war ein zukunftweisendes Ereignis. Im Rückblick darauf sagte Papst Johannes Paul II.: "Im Beten können wir den wunderbaren Ausdruck der Einheit erkennen, die uns über die Unterschiede der Religionen hinweg verbindet. Jedes authentische Gebet ist vom Heiligen Geist hervorgerufen, der auf geheimnisvolle Weise im Herzen eines jeden Menschen präsent ist" (Rom, 22.12.1986).
Viele der hier gesammelten Gebete sprechen die unbenennbare, unbegreifliche, geheimnisvolle Wirklichkeit des Göttlichen an. Sie erinnern uns ständig daran, dass das Göttliche letztlich durch kein Bild dargestellt und durch keinen Namen angesprochen werden kann. Deus semper maior! Gott ist immer größer! Gott ist größer als unsere Herzen und Religionen, größer als unsere Gebete und Gedanken. Darum geht es letztlich in diesen Gebeten: sich von diesem unfassbaren Geheimnis des Göttlichen in Stille und im Staunen treffen lassen, denn es wird als das Eine grundsätzlich im Schweigen wahrgenommen.
In vielen Gebeten wird dieses Eine als Person angesprochen, denn der Mensch als personhaftes Ich sehnt sich nach einer Begegnung mit dem göttlichen Du. Indem eine Ich-Du-Beziehung die Grundstruktur des Betens bildet, finden wir in allen Kulturen und Religionen Du-hafte Formen des Formlosen. Im Beten wird das formlose Göttliche zum formhaften Gott. Im Beten wird Gott als personales Gegenüber angesprochen, während in der kontemplativen Stille das Göttliche als tragender Seinsgrund wahrgenommen wird. Die Gottesbilder entfalten sich in Namen und Symbolen, die sich auf Naturkräfte, mythische Gestalten sowie geschichtliche Personen beziehen. Die Vielfalt der Gottesbilder und Gebetsformen soll respektiert werden und sie dürfen als Bestandteile des geistigen Entwicklungsprozesses der gesamten Menschheit betrachtet werden. So gesehen gehören alle diese Gebete zum gemeinsamen geistigen Erbe der gesamten Menschheit.
In der Frühphase der geistigen Entwicklung der Menschheit haben unsere Vorväter und Vormütter die Kräfte der Natur angesprochen und um Heil und Segen gebetet. Vor allem wurden die Sonne und die Erde angesprochen. Es geht in solchen naturverbundenen Gebeten nicht um die Vergöttlichung der Gegenstände der Natur; eher hat man die Leben spendende Kraft des Göttlichen durch die Kräfte der Natur wahrgenommen. Man betrachtete den Kosmos als einen sakralen Raum und ging mit den Dingen der Natur in Achtung und Dankbarkeit um. So ist das Beten in staunender Zuwendung zur Sonne eine universale Bitte um Licht und Kraft. Die Gebete, die an die Erde gerichtet werden, erwecken Dankbarkeit für Schutz und Speise.