Warten - Ha Jin

Ha Jin 

Warten

Ausgezeichnet mit dem National Book Award für Literatur 1999. Ausgezeichnet mit dem PEN/Faulkner Award 2000. Roman

Aus d. Engl. v. Susanne Hornfeck
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Warten

China, Mitte der 60er Jahre, kurz nach der Kulturrevolution. Der Militärarzt Lin Kong, dessen Ehe mit Shuyu von seinen Eltern und gegen seinen Willen arrangiert wurde, lernt im Militärkrankenhaus der Stadt Muji die junge attraktive Krankenschwester Mana Wu kennen. Da Ehebruch mit Entlassung und Ächtung bestraft wird, bleibt den beiden nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass Lin Kongs Frau eines Tages in die Scheidung einwilligen wird, denn erst nach 18 Jahren ist es einem Ehepaar erlaubt, sich ohne die Zustimmung des Partners scheiden zu lassen. Aus diesem Grund fährt Lin Kong, der Bücherfreund und Intellektuelle, 17 Jahre lang jeden Sommer aus der Stadt nach Hause in das rückständige Gänsedorf, um Shuyu zur Scheidung zu überreden. Hin- und hergerissen zwischen Verführung und Pflichtbewußtsein, verbringt Lin Kong die Jahre »wie ein Schlafwandler, geschubst und gestoßen von den Meinungen anderer Leute«. Doch nicht nur Lin Kong wartet auf die Scheidung - auch Manna Wu und Shuyu warten um der Liebe willen, jede auf ihre Weise. Was aber geschieht mit der Liebe selbst? »›Waiting‹ ist eine der herzzerreißendsten Liebesgeschichten, die ich kenne.« Ulla Hahn »In so leichter wie eleganter Sprache zeichnet der Chinese Ha Jin das Porträt eines Menschen, der sich in ein absurdes, Glück zerstörendes System fügt.« Marianne Wellershoff im ›Spiegel‹

Der preisgekrönte Roman des chinesisch-amerikanischen Autors Ha Jin - National Book Award 1999
Als sich 1963 der siebenundzwanzigjährige Lin Kong und die ein Jahr jüngere Shuyu das Ja-Wort geben,ist es keine Heirat aus Liebe. Nach der ersten Begegnung mit der Braut, die seine Eltern für ihn ausgewählt hatten, wollte Lin die Verlobung rückgängig machen: Shuyu ist eine ungebildete,wenig anziehende Frau, die noch im "Neuen China" gebundene Füße und den traditionellen Haarknoten trägt. Doch die Eltern blieben unnachgiebig und Lin geht ohnehin stets den Weg des geringsten Widerstands. Da sich der Arzt für seine Frau schämt, untersagt er ihr, ihn im Militärkrankenhaus in Muji zu besuchen, wo er, eine Tagesreise vom Dorf entfernt, eine Stelle innehat: "Er liebte sie nicht und hasste sie auch nicht. Er behandelte sie wie eine Cousine."
Nur seine zwölf Tage Jahresurlaub verbringt er zu Hause bei Shuyu,die seine innere wie äußere Distanz klaglos erduldet. Wenig später lernt Lin Kong d ie Stationsschwester Manna Wu kennen, eine energische, moderne junge Frau. Erstmals empfindet Lin Kong so etwas wie Liebe - eine verwirrende Erfahrung. Die beiden werden ein Paar, doch es ist eine heimliche und sehr keusche Beziehung. Alles andere hätte zum Ausschluß aus der Armee geführt. Als sich der ewige Bedenkenträger Lin auf Drängen Manna Wus endlich aufrafft, die Scheidung von Shuyu zu verlangen, willigt jene zunächst ein, weigert sich aber im letzten Augenblick.
Fast zwanzig Jahre lang geht das so: "Jeden Sommer kehrte Lin Kong nach Gänsedorf zurück, um sich von seiner Frau Shuyu scheiden zu lassen." Doch was kann Erfüllung noch bedeuten nach so vielen Jahren des Wartens, der Geduld, Duldsamkeit und Entsagung?
Lin ist ein Wanderer zwischen zwei Sphären, die jeweils ihre Ansprüche auf völlige Unterordnung des Einzelnen erheben:
zu Hause das bäuerliche Milieu, das nur partiell in die neue kommunistische Gesellschaft eingebunden ist, im Krankenhaus dagegen die straff organisierte Welt des Militärs.
Der entschlussschwache, emotional träge Lin Kong bleibt passiv, gelähmt von Gefühlen der Schuld und der Verpflichtung gegenüber Shuyu und dem Staat - ein achtzehnjähriger Schwebezustand, unter dem alle Beteiligten zu leiden haben, auch die Frau, die er eigentlich liebt: Manna Wu.
Der chinesisch-amerikanische Schriftsteller Ha Jin erzählt in seinem mehrfach ausgezeichneten Roman die ungewöhnliche Liebesgeschichte dreier Menschen, die eine sehr unromantische Vorstellung von der Liebe haben. Etwas aus emotional und individuell motiviertem Antrieb zu wünschen oder gar zu tun, wagen alle drei Hauptfiguren kaum mehr. Unter dem enormen äußeren Druck gewinnt jede Geste, jeder Blick an Bedeutung, wird zur Ungeheuerlichkeit.
Dieser Selbstbeschränkung der Protagonisten, die auf die Kommunikation durch Unausgesprochenes setzt, entspricht die schnörkellose Darstellung. Mit seiner gleichsam poetisch komprimierten und anschmiegsamen Sprache schildert der Autor Menschen, die extremen seelischen Belastungen ausgesetzt sind und sie auf den ersten Blick mit kaum nachvollziehbarer Demut ertragen. Mit wenigen Sätzen gelingt es dem Autor, eine ruhige, aber spannungsgeladene Atmosphäre von der kargen Schönheit chinesischer Lyrik zu erzeugen, die mit feinen Irritationen der Ironie und der Erotik durchsetzt ist.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2008
  • 4. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 333 S.
  • Seitenzahl: 336
  • dtv Taschenbücher Bd.13210
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 19mm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783423132107
  • ISBN-10: 3423132108
  • Best.Nr.: 12424061
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
"L'amour est un oiseau rebelle" - wie mag es um diese ewige Wahrheit im zeitgenössischen China bestellt sein? Die Liebe in den Zeiten des Kommunismus, geregelt von der Tradition, gegängelt von der Partei, hintertrieben durch die Familie. Der sinoamerikanische Autor Ha Jin hat einen Roman über die Liebe geschrieben, der kaum ausdrücklich von Erotik, sehr viel aber von der Gesellschaft handelt. Eine Gesellschaft nämlich, die den Regungen des Individualismus, der Sphäre des Privaten zutiefst misstraut. Lin Kong, braver Arzt und Soldat, ein Urbild des Biedermanns und so gar nicht zum Rebellen geschaffen, begibt sich auf den schwierigen Weg des eigenen Gefühls: Jahrelang betreibt er die Scheidung von seiner ungeliebten, aber anhänglichen Frau Shuyu, um die kapriziöse Manna Wu zu ehelichen. Kaum gelingt ihm das, könnte der (vor)eilige Leser die Standardmoral vom triumphierenden Individuum erahnen und das Buch zuklappen. Aber zu früh: Der Autor hält noch eine Enttäuschung für ihn bereit, indem er zeigt, wie das kaum gewonnene Glück vom Alltag zermahlen wird. Von dieser Alltagstragik erzählt Ha Jin nüchtern und mit detailfreudiger Präzision. Intensität und eine gewisse …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.04.2001

Langer Marsch ins Unglück
Zwei Königskinder lassen sich scheiden: Ha Jins Roman "Warten" · Von Mark Siemons

Es ist nicht leicht, der Irritation auf die Spur zu kommen, die dieser auf englisch geschriebene Roman eines chinesischen Exilanten bewirkt. Nicht esoterische Dunkelheit und erst recht nicht verstiegene Prätention stürzen den Leser in Verwirrung, sondern im Gegenteil äußerste Einfachheit und Ruhe. Alles vollzieht sich so, als könne es anders nicht kommen, wie es kommt. Dabei ist das, was da erzählt wird, durchaus nicht selbstverständlich.

"Jeden Sommer kehrte Lin Kong nach Gänsedorf zurück, um sich von seiner Frau Shuyu scheiden zu lassen": Mit diesem Satz beginnt die merkwürdige Geschichte. Achtzehn Jahre lang wartet Lin Kong darauf, von seiner Frau geschieden zu werden, um die Geliebte zu heiraten. Schließlich bekommt er seinen Willen, und bestürzt muß er feststellen, daß er das Glück trotzdem nicht findet. So kurz kann man die Handlung zusammenfassen; das Grundmotiv wird schon im Prolog durchgespielt, um dann in drei Teilen über 36 Kapitel chronologisch entfaltet zu werden. Und obwohl der Leser so rasch mit den …

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»Ha Jin seziert die Gefühle dreier Menschen, deren Schicksal miteinander verknüpft ist. Damit gelingt ihm eine sehr genaue Beschreibung - und Kritik - der damaligen chinesischen Verhältnisse und Stimmung.« Focus Online
Susanne Hornfeck, Dr. phil, ist Germanistin und Sinologin, Autorin und Übersetzerin. Fünf Jahre lebte und lehrte sie in Taipei. 2007 wurde sie mit dem renommierten C.H. Beck Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Warten" von Ha Jin

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