Fliehen - Toussaint, Jean-Philippe

Jean-Philippe Toussaint 

Fliehen

Roman

Aus d. Französ. v. Joachim Unseld
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Fliehen

Eine Liebesgeschichte, der man nicht entfliehen kann

Marie und der namenlose Erzähler haben in Toussaints letztem Roman 'Sich lieben' versucht, sich zu trennen. Nun sucht er sein Heil in der Fremde und reist nach Shanghai, wo er sich in amouröse Verwicklungen verstrickt - kann er vor seiner Liebe, vor Marie fliehen? Ein einziger Anruf wird alles ändern ...

'Die fesselnde Trauerfeier einer verzweifelten Liebe, die ihren Ort in der Welt nicht finden wird.' FAZ

'Ein Meisterwerk voller Anmut, Melancholie und Schönheit.' Neue Zürcher Zeitung

'Ein bildgewaltiger, dicht gewobener und zuweilen hocherotischer Bericht über eine Reise und über Liebe ohne Nähe.' 3Sat

Marie und der namenlose Erzähler haben in Toussaints letztem Roman "Sich lieben" versucht, sich zu trennen. Nun sucht er sein Heil in der Fremde und reist nach Shanghai, wo er sich in amouröse Verwicklungen verstrickt - kann er vor seiner Liebe, vor Marie fliehen? Ein einziger Anruf wird alles ändern.


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 168 S.
  • Seitenzahl: 168
  • btb Bd.73801
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 190g
  • ISBN-13: 9783442738014
  • ISBN-10: 3442738016
  • Best.Nr.: 23810618
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 19.03.2007

Wenn Elba zweimal klingelt
Jean-Philippe Toussaint und sein Handy-Roman „Fliehen”
Gerade noch hat der namenlose Erzähler in Jean-Philippe Toussaints Roman „Fliehen” an Marie gedacht – „Hört das denn nie auf?”, diese Geschichte mit ihr –, da lernt er bei seinem halb geschäftlichen, halb vergnügungsorientierten Aufenthalt in Shanghai Li Qi kennen. Eine Frau ohne erkennbaren Beruf, die ebenfalls bei einer Vernissage herumsteht. Die beiden verlieben sich ineinander. Sie bittet ihn, sie für ein paar Tage nach Peking zu begleiten, wo sie zu tun hat. Er nimmt das Angebot an. Doch aus dem geplanten Flitter nach Feierabend wird nichts. Als die beiden sich in der Zugtoilette gerade hastig ein erstes Mal näher kennen lernen, klingelt das Handy des Erzählers. Er muss unbedingt hin. Marie ist dran. Sie ist in Paris, ihr Vater ist vor Elba, wo er seit langem lebte, ertrunken.
Das Telefon hat, glaubt man Franz Kafka, seit seinen Anfängen eine gespenstische Wirkung. Weil es nur vorgibt, die Menschen einander näher zu bringen, entfernt es sie voneinander. Und die neuere Literatur entdeckt, dass sich mit der Veränderung der Telefone auch andere Beziehungen …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 18.02.2007

Das Land der Dinge
Die weite Reise zum langen Abschied - Jean-Philippe Toussaints Roman "Fliehen"

Als vor drei Jahren Sofia Coppolas "Lost in Translation" in die Kinos kam, hätte man schwören wollen, dass sie zuvor ein Buch gelesen hatte, den Roman "Faire l'amour" von Jean-Philippe Toussaint; dass dieser Roman vielleicht in einem der Hotelzimmer des "Park Hyatt" in Tokio herumgelegen hatte, wo sie drehen sollte - ein Hotelroman über ein europäisches Paar, eine französische Modeschöpferin und einen Ich-Erzähler, die, wie Scarlett Johansson und Bill Murray, nachts durch die Straßen von Tokio taumelten, ein letztes Mal. Es braucht Zeit, um den Menschen nicht mehr zu lieben, den man nicht mehr liebt. Bei Toussaint dauerte es einen Roman lang. "Sich lieben" war die Geschichte einer Trennung.

Sofia Coppola hat nie gesagt, dass sie dieses Buch kannte, das in so vieler Hinsicht die Sprache ihres Films zu sprechen schien: Keine Handlung trieb es voran, sondern die zögernden Bewegungen der Protagonisten, ein Nach- und Nebeneinander von Empfindungen, wahrgenommenen und sich verselbständigenden Details. Und vielleicht spielt es auch keine Rolle; …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nicht allein aus "hocherotischen" Aufladungen ziehe dieser Roman seine Energie, auch aus Spannungsbögen beispielsweise zwischen dem Louvre und der Toilette des Nachtzugs Schanghai-Peking. Hier telefoniere Marie und erzähle vom Tod ihres Vaters, während dort ihr Freund mit einer Chinesin namens Li Qi beschäftigt sei. Auch sonst zeige sich Jean-Philippe Toussaint als Liebhaber "krasser" oder auch schlichtweg "großartiger" Bilder, wenn bei der Beerdigung des Vaters zum Beispiel Marie den Sarg zu Pferde begleite. Und noch großartiger sei dann der unerhörte erzähltechnische Kunstgriff, wenn der Held und Ich-Erzähler sich selbst zum Verschwinden bringe. All das, steigert der Rezensent Martin Krumbholz seine Hymne, setze Toussaint mit gleichsam chinesischer "Diskretion" ins Werk, so dass man als Leser schon selbst eins und eins zusammenzählen müsse, um über die geheimen Verstrickungen im Bilde zu bleiben. Ob nun ein "Meisterwerk" oder ein Werk voller "Wunder" vermag der entrückte Rezensent nicht zu entscheiden, jedenfalls begegne man als Leser einem Füllhorn aus "Anmut, Melancholie und Schönheit". Und dank gelungener Übertragung durch Joachim Unseld sei von all dem nichts verloren gegangen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Toussaint lebt heute abwechselnd in Brüssel und auf Korsika. In der FVA erschienen u.a. seine Romane: "Das Badezimmer", "Der Photoapparat", und "Sich lieben". "Fliehen" wurde 2005 mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Fliehen" von Jean-Philippe Toussaint

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Leseprobe zu "Fliehen" von Jean-Philippe Toussaint

Hört das denn nie auf mit Marie? Im Sommer vor unserer Trennung hatte ich ein paar Wochen in Shanghai verbracht, es gab dafür nicht wirklich berufliche Gründe, ich unternahm die Reise eher zu meinem eigenen Vergnügen, auch wenn Marie mich mit einem bestimmten Auftrag betraut hatte (aber ich habe keine Lust, auf Einzelheiten einzugehen). Am Tag meiner Ankunft in Shanghai empfing mich Zhang Xiangzhi, der sich vor Ort um die Geschäfte Maries kümmerte, am Flughafen. Ich hatte ihn zuvor erst einmal gesehen, in Paris, in Maries Büro, doch ich erkannte ihn sofort wieder, er unterhielt sich hinter den Schaltern der Paßkontrolle mit einem uniformierten Polizeibeamten. Er mußte um die vierzig sein, hatte rundliche Wangen, aufgedunsene Gesichtszüge, eine glatte, rötlichbraune Haut und trug eine sehr dunkle Sonnenbrille, die den oberen Teil seines Gesichts verdeckte. Beide warteten wir am Gepäckband auf meinen Koffer und hatten seit meiner Ankunft vielleicht gerade ein oder zwei Worte in schlechtem Englisch gewechselt, als er mir ein Handy überreichte. Present for you, sagte er zu mir, was mich in eine fürchterliche Verlegenheit brachte. Ich verstand nicht, warum es notwendig sein sollte, mich mit einem Handy auszustatten, einem gebrauchten Gerät, ziemlich häßlich, in einem stumpfen Grau, ohne Verpackung und ohne Bedienungsanleitung. Wollten sie mich ständig überwachen, wissen, wohin ich ging, mich nicht aus den Augen lassen? Ich weiß es nicht.

Schweigend folgte ich ihm durch die Gänge des Flughafens und verspürte eine schwer faßbare Unruhe, die meine Müdigkeit nach der langen Reise und die Aufregung, in einer unbekannten Stadt anzukommen, noch verstärkten.

Als wir die Glastüren des Flughafengebäudes hinter uns gelassen hatten, machte Zhang Xiangzhi ein lautloses, knappes Zeichen mit der Hand, und sofort fuhr ein nagelneuer, silbergrauer Mercedes vor und parkte in Zeitlupe vor uns ein. Während er den Chauffeur, einen jungen Kerl mit einer an Nichtdasein grenzenden Gegenwart, mein Gepäck verstauen und hinten einsteigen ließ, setzte er sich ans Steuer. Vom Fahrersitz aus winkte mir Zhang Xiangzhi zu, ihm Gesellschaft zu leisten, ich nahm also neben ihm auf dem bequemen, mit Armstützen versehenen Sitz aus cremefarbenem, nach neuem Auto riechendem Leder Platz, während er auf einem Touchscreen herumspielte und die Klimaanlage einschaltete, die sich langsam und vibrierend in Gang setzte. Ich reichte ihm den kartonierten Briefumschlag, den mir Marie für ihn mitgegeben hatte (er enthielt fünfundzwanzigtausend Dollar in bar). Er öffnete ihn, blätterte mit dem Daumen über die Scheine, zählte das Geld schnell nach, verschloß dann den Umschlag wieder und ließ ihn in der hinteren Hosentasche verschwinden. Er schnallte sich an, und in langsamer Fahrt verließen wir das Flughafengelände, nahmen die Autobahn Richtung Shanghai. Wir sprachen kein Wort, er konnte kein Französisch, und sein Englisch war miserabel. Er trug ein gräuliches, kurzärmeliges Sporthemd, um den Hals ein Goldkettchen mit einem Anhänger in Form einer stilisierten Drachenklaue oder Drachenkralle. Auf meinen Knien lag immer noch das Handy, das er mir geschenkt hatte, ich wußte nicht, was ich damit anfangen sollte, und fragte mich, warum man es mir gegeben hatte (ein schlichtes chinesisches Willkommensgeschenk?). Zhang Xiangzhi, soviel war mir bekannt, machte seit einigen Jahren im Auftrag von Marie in China Immobiliengeschäfte, möglicherweise dubiose oder gar illegale Geschäfte, Vermietung und Verkauf gewerblicher Räume, Weiterverkauf von Grundstücken in zu Bauland umgewidmeten Gebieten, das Ganze war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Sumpf von Korruption und Schmiergeldern. Marie hatte nach ihren ersten Erfolgen in Asien, in Korea und Japan, auch in Hongkong und Peking Niederlassungen gegründet und plante nun, neue Läden in Shanghai und weiter im Süden des Landes, in Shenzen und Canton, zu eröffnen, Projekte, die schon weit gediehen waren. Aber bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt war mir nicht zu Ohren gekommen, daß Zhang Xiangzhi Verbindungen zum organisierten Verbrechen unterhielt.

Am Hotel Hansen angekommen, wo ein Zimmer für mich reserviert war, parkte Zhang Xiangzhi den Mercedes im Innenhof, holte meinen Koffer aus dem Kofferraum und begleitete mich zur Rezeption. Er hatte mit der Reservierung des Zimmers nichts zu tun gehabt, das war von einem Pariser Reisebüro aus geschehen (eine einwöchige Pauschalreise, Flug und Hotel inbegriffen, an die ich zu meinem Vergnügen noch eine Woche drangehängt hatte), aber hier nahm er alles in die Hand und unterband jede Initiative von meiner Seite. Er wies mich an, mich in ein Sofa etwas abseits zu setzen, und ging allein zur Rezeption, um an meiner Stelle die Formalitäten zu erledigen. Neben einer trübseligen Reihe verstaubter Grünpflanzen, die in Kübeln vermoderten, wartete ich nahe dem Eingang auf ihn und sah mit müden Augen zu, wie er mein Anmeldeformular ausfüllte. Nach einer Weile kam er eilig, mit sorgenvollem Gesicht und ausgestreckter Hand zu mir herüber und bat mich um meinen Paß. Er kehrte an die Rezeption zurück, und ich verfolgte beunruhigt, wie mein Paß dort von Hand zu Hand ging, ich befürchtete schon, daß er wie beim Hütchenspiel plötzlich unter der Hand eines der Hotelangestellten verschwand, die hinter dem Tresen geschäftig hin- und herhuschten. Nach weiteren Minuten des Wartens kam Zhang Xiangzhi mit dem Zimmerschlüssel zurück, einer Karte mit Magnetstreifen, die in einem kleinen Etui aus rotem und weißem, mit fein gezeichneter Schrift verziertem Karton steckte, aber er gab sie mir nicht, behielt sie in seiner Hand. Er nahm meinen Koffer, forderte mich auf, ihm zu folgen, und wandte sich zu den Aufzügen, um mich auf mein Zimmer zu begleiten.