Die russische Konkubine - Furnivall, Kate

Kate Furnivall 

Die russische Konkubine

Roman

Aus d. Engl. v. Werner Schmitz
Broschiertes Buch
 
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Die russische Konkubine

Russland, Winter 1917: Die Revolution fordert ihren Blutzoll, und so muss die 5-jährige Lydia mit ihren aristokratischen Eltern aus der Heimat fliehen. Kurz vor der chinesischen Grenze nehmen jedoch Soldaten Lydias Vater gefangen und führen ihn zur Exekution ab, dem kleinen Mädchen zerreißt der letzte Anblick ihres Vaters das Herz. Nordchina, Sommer 1928: Trotz der Fremde und Armut ist Lydia zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen, die keine Gefahren scheut, um für sich und ihre Mutter zu sorgen. Nur ihr Herz ist immer noch gebrochen. Doch dann begegnet sie eines Tages dem Chinesen Chang. Es ist Liebe auf den ersten Blick, aber es ist auch eine Liebe, die ihrer beider Leben bedroht.

Das Land des Lächelns als Schauplatz einer Liebe, die alle Grenzen überwindet Russland, Winter 1917: Die Revolution fordert ihren Blutzoll, und so muss die fünfjährige Lydia mit ihren aristokratischen Eltern aus der Heimat fliehen. Kurz vor der chinesischen Grenze nehmen jedoch Soldaten Lydias Vater gefangen und führen ihn zur Exekution ab - dem kleinen Mädchen zerreißt der letzte Anblick ihres Vaters das Herz.Nordchina, Sommer 1928: Trotz der Fremde und Armut ist Lydia zu einer selbstbewussten jungen Frau herangewachsen, die keine Gefahren scheut, für sich und ihre Mutter zu sorgen. Nur ihr Herz ist immer noch gebrochen. Doch dann begegnet sie eines Tages dem Chinesen Chang. Es ist Liebe auf den ersten Blick, aber es ist auch eine Liebe, die ihrer beider Leben bedroht ...


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 636 S.
  • Seitenzahl: 640
  • Goldmann Taschenbücher Bd.47319
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 118mm x 45mm
  • Gewicht: 519g
  • ISBN-13: 9783442473199
  • ISBN-10: 3442473195
  • Best.Nr.: 29675293
»Eine packende Liebesgeschichte.« (BRIGITTE)

"Eine faszinierende Geschichte und ein großartiges Portrait dieser Zeit."
Kate Furnivall, 1950 in Penarth, England, geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Englischen Literaturwissenschaft viele Jahre in der Werbung und als TV-Produzentin. Das bewegte Leben ihrer Mutter Lily, die von Russland nach China flüchten musste, inspirierte sie zu ihrem ersten Roman »Die russische Konkubine«, der ein weltweiter Erfolg wurde. Die Autorin lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und fünf Katzen in der Nähe von Devon.

Leseprobe zu "Die russische Konkubine" von Kate Furnivall

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Leseprobe zu "Die russische Konkubine" von Kate Furnivall

PROLOG

Terror macht die Seele kaputt. Ich weiß das. Er kann die Seele eines ganzen Landes kaputtmachen, wenn man ihn lässt. Solche Macht hat er. Unendliche Macht. Ich weiß es. Ich habe es selbst erlebt. Welche Chance hatte ich also, ein dünnes kleines Mädchen mit rotem Haar und dem Hang, in einer Welt voller Rechtshänder die linke Hand zu benutzen.

Ich erinnere mich an manches. Anderes habe ich vergessen. Absichtlich vergessen. Aber eins sehe ich noch vor mir. Deutlich und in allen Einzelheiten. Kindheitstage, in denen Eis und Kälte und Wölfe herrschten, Kälte, die uns die Knochen fraß. Ich erinnere mich an die Angst, die Angst meiner Mutter. An ihre Kleider geklammert, atmete ich ihre Angst ein, und sie fror in meinen Lungen.

Oder war das der Schnee?

Ich erinnere mich an die Panik meiner Mutter. An ihren Zorn. An ihren Schrei.

Dieser Schrei, als ich aus ihren Armen gerissen wurde, drang wie ein Nagel in die jungen Windungen meines Hirns. Dort steckt er noch immer. Manchmal spüre ich ihn, seine Spitze, die sich nur immer tiefer eingräbt. Die Leute sagen, ich sei damals zu jung gewesen, unmöglich, dass ich mich daran erinnere. Was könne ich vom Albtraum dieser Reise wissen? Nichts. So reden die Leute. Aber sie irren sich.

Ich weiß, dass sie sich irren. Weil ich den Schrei immer noch höre. Und damals gelernt habe, dass man sich wehren muss, dass man sich gegen den Terror wehren muss.

Russland, Dezember 1917

Der Zug hielt fauchend an. Grauer Dampf quoll aus der ächzenden Lokomotive in den weißen Himmel, und die vierundzwanzig Güterwaggons dahinter kamen rumpelnd und kreischend zum Stehen. Pferdewiehern und laute Kommandos schallten durch die Stille der öden froststarren Landschaft.

"Warum halten wir?", flüsterte Valentina Friis ihrem Mann zu. Ihr Atem wehte zwischen ihnen wie ein eisiger Vorhang, und in ihrer Verzweiflung schien ihr diese Dampfwolke der einzige Teil von ihr, der noch die Kraft hatte, sich zu bewegen.

Sie umklammerte seine Hand. Nicht um sich zu wärmen, sondern weil sie sich vergewissern musste, dass er noch an ihrer Seite war. Er schüttelte den Kopf; sein Gesicht war ganz blau von der Kälte, weil er seinen Mantel fest um das schlafende Kind in seinen Armen gewickelt hatte, aber er schenkte seiner Frau ein Lächeln. Sie schoben sich an die grobe Holzwand des Viehwaggons und drückten die Augen an die schmalen Ritzen zwischen den Brettern. Verzweifelte Augen. Augen, die schon viel zu viel gesehen hatten.

"Die wollen uns umbringen", sagte der Bärtige rechts neben Valentina mit tonloser Stimme. Er sprach mit starkem georgischem Akzent und trug seine Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. "Warum sollten wir sonst auf freier Strecke anhalten?"

"Heilige Maria, Mutter Gottes, beschütze uns", jammerte eine alte Frau, die auf dem schmutzigen Boden kauerte; sie war in so viele Tücher gewickelt, dass sie wie ein dicker kleiner Buddha aussah. Aber unter den stinkenden Lumpen war nicht viel mehr als Haut und Knochen.

"Nein, Babuschka", sagte eine andere Männerstimme. Sie kam vom hinteren Ende des Waggons. Dort herrschte stets das meiste Gedränge, weil der Wagen dahinter ein wenig Schutz vor dem eisigen Wind bot, der Tag und Nacht erbarmungslos durch die Ritzen pfiff und ihnen den Frosthauch Sibiriens in die Lungen presste. "Nein, ich sage euch, die wollen uns zu essen geben. Das muss General Kornilow sein. Er weiß, dass wir in diesen gottverlassenen Waggons zu Tode verhungern, fünfzig von uns allein in diesem hier. Er wird uns nicht sterben lassen. Er ist ein großartiger Kommandant, das weiß man doch."

Zustimmendes Gemurmel erhob sich, und in den stumpfen Augen der hageren, dicht aneinander gekauerten Gestalten erglomm ein Hoffnungsfunken. Ein kleiner Junge mit schmutzigen blonden Haaren, der regungslos in einer Ecke gelegen hatte, sprang auf und begann vor Erleichterung zu weinen. Es war lange her, dass hier jemand seine Kraft für Tränen vergeudet hatte.

"Lieber Gott, ich bete, dass du Recht hast", sagte ein hohläugiger Mann, der nur einen Arm hatte. Er trug einen schäbigen abgewetzten Mantel und um den Stumpf des abgetrennten Arms einen dicken, fleckigen Verband. Nachts im Schlaf stöhnte er immerzu, tagsüber war er schweigsam und nervös. "Wir haben Krieg", sagte er knapp. "General Lawr Kornilow kann nicht überall sein."

"Aber ich sage dir, er ist hier. Du wirst schon sehen."

"Hat er Recht, Jens?" Valentina blickte zu ihrem Mann hoch.

Sie war erst vierundzwanzig, klein und zierlich, doch ein einziger Blick ihrer sinnlichen dunklen Augen konnte einen Mann, und wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Kälte und den nagenden Hunger und das Kind in seinen Armen vergessen lassen. Jens Friis, zehn Jahre älter als seine Frau und stets in Alarmbereitschaft, wenn die Horden vagabundierender Soldaten, die die Bolschewiken eine Armee nannten, auf ihr hübsches Gesicht aufmerksam wurden, beugte seinen Kopf und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

"Wir werden es bald wissen", sagte er.

Die roten Bartstoppeln auf seiner unrasierten Wange schabten rau an Valentinas rissigen Lippen, aber das war ihr ebenso willkommen wie der Geruch seines ungewaschenen Körpers. Das erinnerte sie daran, dass sie noch nicht gestorben und zur Hölle gefahren war. Denn es kam ihr vor wie die Hölle, was sie hier erlebte. Die Vorstellung, diese Albtraumfahrt über Tausende Kilometer durch Eis und Schnee könnte bis in alle Ewigkeit so weitergehen, dies sei die grausame Strafe für ihren Ungehorsam gegenüber Vater und Mutter, verfolgte sie Tag und Nacht.

Plötzlich wurde die große Schiebetür des Waggons aufgestoßen, und wütende Stimmen brüllten: "Wsje is wagona, bistro." Raus aus den Waggons.

Das Licht blendete sie. Es war einfach zu viel. Nach der ständigen Dämmerung im Innern des Waggons brach es jetzt aus der Weite des Himmels über sie herein, stach ihr aus dem Schnee in die Augen, so dass sie nichts mehr erkennen konnte. Sie blinzelte heftig, bis die Dinge vor ihr endlich Gestalt annahmen.

Und was sie dann sah, ließ ihr Herz gefrieren.

Eine Reihe Gewehre. Alle direkt auf die zerlumpten Passagiere gerichtet, die noch aus dem Zug kletterten und sich ängstlich in Gruppen zusammendrängten, die Mäntel gegen die Kälte und die Angst fest zugezogen. Jens wollte einer alten Frau aus dem Wagen helfen, doch ehe er ihre Hand zu fassen bekam, wurde sie von hinten gestoßen und landete kopfüber im Schnee. Sie gab keinen Laut von sich. Aber der Soldat, der den Waggon geöffnet hatte, riss sie unsanft hoch und schüttelte sie achtlos, wie ein Hund einen Knochen.

Valentina wechselte einen Blick mit ihrem Mann. Wortlos hoben sie ihre Tochter von Jens' Schultern und stellten sie zwischen sich, bargen sie in ihren langen Mänteln und gingen zusammen langsam weiter.

"Mama?" Ein Flüstern. Das Mädchen war erst fünf Jahre alt, hatte aber schon gelernt, dass man manchmal leise sein musste. Schweigen musste.

"Still, Lydia", murmelte Valentina, konnte aber nicht widerstehen, ihrer Tochter einen Blick zuzuwerfen. Sie sah nur zwei große hellbraune Augen in einem herzförmigen, kalkweißen Gesicht und zwei kleine Füße im Schnee. Das Gesicht verschwand, als sie sich näher an ihren Mann heran schob. Nur die kleine Hand in ihrer sagte ihr, dass die Tochter noch existierte.

Der Mann aus Georgien hatte Recht gehabt. Sie hatten wirklich auf freier Strecke angehalten. Eine gottverlassene Gegend, nichts als Schnee und Eis und hier und da ein Stück schwarz glitzernden Felsens. Ein paar kahle Bäume in der Ferne erinnerten daran, dass es auch hier Leben gab. Aber hier wollte niemand leben.

Und niemand sterben.

Die Reiter sahen nicht wie Soldaten aus. Nicht entfernt so schmuck wie die Offiziere, die Valentina immer in den Ballsälen und troikas von St. Petersburg oder beim Eislaufen auf der Newa gesehen hatte, wenn sie ihre schnittigen Uniformen und tadellosen Manieren spazieren führten. Diese Männer waren anders. Sie hatten nichts gemein mit der eleganten Welt, die sie hinter sich gelassen hatte. Sie waren feindselig. Bedrohlich. Etwa fünfzig von ihnen bewachten den Zug in seiner ganzen Länge, lauernd und gierig wie Wölfe. Sie trugen ein Sammelsurium verschiedener Mäntel, manche waren grau, andere schwarz, und einer war dunkelgrün. Aber alle hatten das gleiche langläufige Gewehr im Anschlag und denselben fanatischen Hass in den Augen.

"Bolschewiken", flüsterte Jens, als sie zu einer Gruppe getrieben wurden, aus der leise verzagte Gebete drangen. "Zieh die Kapuze über den Kopf und versteck deine Hände."

"Meine Hände?"

"Ja doch."

"Warum meine Hände?"

"Genosse Lenin hat sie gern verschrammt und rau von jahrelanger ehrlicher Arbeit, wie er das nennt." Er berührte sie zärtlich am Arm. "Klavierspielen gehört wohl nicht dazu, Liebste."

Valentina nickte, zog sich die Kapuze über den Kopf und schob die freie Hand in die Tasche. Ihre Handschuhe, ihre einst so schönen Zobelhandschuhe, waren in den Monaten auf der Flucht zerschlissen, als sie nachts zu Fuß durch den Wald laufen und sich tagsüber von Würmern und Flechten ernähren mussten. Die Flucht hatte sie noch mehr gekostet als nur die Handschuhe.

"Jens", sagte sie leise, "ich will nicht sterben."

Er schüttelte heftig den Kopf und zeigte mit der freien Hand auf den großen Soldaten, der dort offenbar das Kommando führte. Der in dem grünen Mantel.

"Der da sollte sterben - weil er die Bauern in diesen Massenwahn getrieben hat, der Russland in Stücke reißt. Männer wie er öffnen die Schleusen der Brutalität und nennen das Gerechtigkeit."

In diesem Augenblick brüllte der Offizier einen Befehl, woraufhin noch einige seiner Soldaten von ihren Pferden sprangen. Gewehrläufe wurden in Gesichter gestoßen, in Rücken gerammt. Der Zug fauchte mächtig in der stillen Wildnis, und nachdem die Soldaten die vielen hundert Vertriebenen fünfzig Meter von den Gleisen entfernt zu einem dichten Pulk zusammengetrieben hatten, begannen sie, die Sachen aus den Waggons zu holen.

"Nein, bitte nicht", rief neben Valentina ein Mann, als ein Packen zerfetzter Decken und ein winziger Kochherd aus einem der vorderen Waggons geworfen wurden. Tränen liefen ihm über die Wangen.

Valentina streckte eine Hand aus, legte sie ihm auf die Schulter. Worte konnten hier nicht helfen. Um sie herum sah sie nur verzweifelte Gesichter, grau und angespannt.

Im Schnee vor den Waggons wuchsen die armseligen Häuflein der Habseligkeiten dieser Leute, sorgsam gehortete Gegenstände, die jetzt in Brand gesteckt wurden. Die Flammen, entfacht mit Kohlen aus dem Heizkessel der Lokomotive und einigen Spritzern Wodka, verschlangen die letzten Reste ihrer Selbstachtung. Kleider, Decken, Fotos, ein Dutzend liebevoll gehütete Ikonen der Heiligen Jungfrau und sogar eine Miniatur von Zar Nikolaus II. Alles geschwärzt, verbrannt, nur noch Asche.

"Ihr seid Verräter. Ihr alle. Verräter an eurem Land."

Die Anschuldigung kam von dem Offizier im grünen Mantel. Obwohl er außer den gekreuzten Säbeln an seiner Schirmmütze keinerlei Rangabzeichen trug, konnte kein Zweifel aufkommen, dass er hier das Kommando führte. Er saß hoch aufgerichtet auf einem kräftigen Pferd, das er mühelos mit einem gelegentlichen Schenkeldruck zu lenken wusste. Seine Augen waren dunkel und ungeduldig, als stelle ihn diese Ladung Weißer Russen vor eine Aufgabe, die ihm zuwider war.

"Keiner von euch hat zu leben verdient", sagte er kalt.

Ein tiefes Stöhnen erhob sich, und eine Schockwelle lief durch die Menge.

Er hob die Stimme. "Ihr habt uns ausgebeutet. Ihr habt uns misshandelt. Ihr habt geglaubt, es werde niemals dazu kommen, dass ihr euch vor uns zu verantworten habt, vor uns, dem russischen Volk. Aber ihr habt euch geirrt. Ihr wart blind. Wo ist euer Reichtum jetzt? Wo sind eure großen Häuser und eure feinen Pferde jetzt? Der Zar ist erledigt, und ich schwöre euch, dass ..."

Aus der Mitte der Menge kam eine einzelne Stimme. "Gott segne den Zaren. Gott schütze die Romanows."

Ein Schuss krachte. Das Gewehr in der Hand des Offiziers zuckte. Jemand aus der ersten Reihe stürzte zu Boden, ein dunkler Fleck im Schnee.

"Dieser Mann hat für euren Verrat bezahlt." Sein feindseliger Blick schweifte über die erstarrten Menschen. "Leute wie ihr waren Schmarotzer auf dem Rücken der darbenden Arbeiter. Ihr habt eine Tyrannei errichtet, eine grausame Welt, wo die Reichen sich von den Armen abgewandt haben. Und jetzt verlasst ihr euer Land wie Ratten das brennende Schiff. Und ihr wagt es, die Jugend Russlands mit euch zu nehmen." Er schwenkte sein Pferd herum und entfernte sich von dem Gedränge hagerer Gesichter. "Jetzt gebt eure Wertsachen ab."

Ein knappes Nicken genügte, und die Soldaten gingen zu den Gefangenen. Systematisch sammelten sie Schmuck, Uhren und silberne Zigarettenetuis ein, alles, das irgendeinen Wert hatte, natürlich auch Geld in jeglicher Form. Dreiste Hände schoben sich in Kleider, unter Arme, in Münder und zwischen Brüste und tasteten nach sorgfältig verborgenen Stücken, die für ihre Besitzer das Überleben bedeuteten. Valentina verlor den Smaragdring, den sie in den Saum ihres Kleides genäht hatte, und Jens musste die letzte Goldmünze aus seinem Stiefel herausgeben. Als es vorbei war, ließ sich nur noch vereinzelt gedämpftes Schluchzen vernehmen, sonst nichts. Aller Hoffnung beraubt, hatten sie keine Stimme mehr.

Aber der Offizier war zufrieden. Der angewiderte Zug verschwand aus seinem Gesicht. Er drehte sich um und gab dem Reiter hinter ihm ein knappes Kommando. Sogleich schob sich eine Hand voll Reiter in die Menge und trieb sie auseinander. Valentina klammerte sich an die winzige Hand ihrer Tochter und wusste, Jens würde eher sterben, als die andere kleine Hand freigeben. Einmal stieß das Kind einen leisen Schrei aus, als ein großer Brauner auf sie zuschwenkte und seine mit Eisen beschlagenen Hufe ihnen gefährlich nahe kamen, ansonsten aber hielt es sich erbittert fest und blieb mucksmäuschenstill.

"Was machen sie?", flüsterte Valentina.

"Sie nehmen die Männer. Und die Kinder."

"O Gott, nein."

Aber er hatte Recht. Nur alte Männer und Frauen wurden ignoriert. Die Übrigen wurden aussortiert und fortgetrieben. Ängstliche Schreie zerrissen das Schweigen der eisigen Einöde, und irgendwo hinter dem Zug schlich sich, bereits angelockt vom Blutgeruch, ein Wolf an.

"Jens, nein, sie dürfen dich nicht mitnehmen. Oder sie", flehte Valentina.

"Papa?" Ein kleines Gesicht tauchte zwischen ihnen auf.

"Still, mein Liebling."

Ein Gewehrkolben krachte auf Jens' Schulter, gerade als er seinen Mantel wieder über den Kopf des Kindes zog. Er taumelte, hielt sich aber auf den Beinen.

"Du. Da rüber." Der Soldat auf dem Pferd sah aus, als sehne er eine Gelegenheit herbei, auf den Abzug zu drücken. Er war sehr jung. Sehr nervös.

Jens wich nicht von der Stelle. "Ich bin kein Russe." Er griff in seine Manteltasche, ganz langsam, um den Soldaten nicht zu beunruhigen, und zog seinen Pass hervor.

"Sehen Sie", sagte Valentina drängend. "Mein Mann ist Däne." Der Soldat runzelte unsicher die Stirn, aber sein Kommandant hatte scharfe Augen. Ihm entging das Zögern nicht. Er jagte sein Pferd in die verängstigte Menge und blieb neben dem jungen Gefreiten stehen.

"Grodenski, was vergeudest du hier deine Zeit?", fragte er.

Aber seine Aufmerksamkeit war nicht auf den Soldaten gerichtet, sondern auf Valentina. Als sie den Kopf gehoben hatte, um zu dem berittenen Soldaten zu sprechen, war ihre Kapuze nach hinten gerutscht, so dass nun jeder ihre langen dunklen Haare und die hohe Stirn mit der makellosen weißen Haut sehen konnte. Monate des Hungerns hatten die Wangenknochen hervortreten und die Augen sehr groß werden lassen.

Der Offizier stieg ab. Aus der Nähe wirkte er jünger als hoch zu Ross; er mochte noch in den Dreißigern sein, doch seine Augen waren die eines viel älteren Mannes. Er nahm den Pass und betrachtete ihn flüchtig. Dann zuckte sein Blick zwischen Jens und Valentina hin und her.

"Aber du", sagte er grob zu Valentina, "du bist Russin?"

Hinter ihnen ertönten die ersten Schüsse.

"Der Geburt nach, ja", antwortete sie, ohne sich nach dem Lärm umzudrehen. "Aber jetzt bin ich Dänin. Durch die Eheschließung." Sie wollte näher an ihren Mann heranrücken, um das Kind zwischen ihnen besser zu verbergen, wagte aber nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Finger krampften sich fester um die kleine kalte Hand in ihrer.

Ohne Vorwarnung rammte der Offizier ihrem Mann das Gewehr in den Magen. Jens krümmte sich und stöhnte vor Schmerz, aber dann warf ihn ein weiterer Schlag an den Hinterkopf in den Schnee. Blut spritzte auf das eisige Weiß.

Valentina schrie.

Plötzlich riss sich die kleine Hand von ihr los, und sie sah, wie ihre Tochter sich mit dem Ingrimm einer wütenden Wildkatze auf die Beine des Offiziers stürzte, kratzend und beißend wie eine Wahnsinnige. Und wie in Zeitlupe sah sie den Gewehrkolben auf den kleinen Blondschopf niederschweben.

"Nein", schrie sie und zog das Kind hoch, bevor der Schlag sein Ziel fand. Aber stärkere Hände rissen ihr den jungen Körper aus den Armen.

"Nein, nein, nein", kreischte sie. "Das Kind ist Dänin. Keine Russin."

"Sie ist Russin", erklärte der Offizier und zog seinen Revolver. "Sie kämpft wie eine Russin." Gleichgültig hielt er dem Kind die Mündung der Waffe an die Stirn.

Das Mädchen erstarrte. Nur die Augen verrieten ihre Furcht. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst.

"Töten Sie sie nicht, ich flehe Sie an", rief Valentina. "Bitte, töten Sie sie nicht. Ich ... ich tue alles ... alles, wenn Sie sie am Leben lassen."

Ihr Mann, der zusammengekrümmt zu ihren Füßen lag, gab ein tiefes Stöhnen von sich.

"Bitte", flehte sie leise. Sie sah dem Offizier starr ins Gesicht und machte den obersten Mantelknopf auf. "Alles."

Der Bolschewik streckte eine Hand aus und strich ihr übers Haar, über die Wange, die Lippen. Sie hielt den Atem an. Wollte sein Begehren erzwingen. Jetzt habe ich ihn so weit, blitzte es in ihr auf. Dann aber fiel sein Blick auf seine Männer, die schon gierig zu warten schienen, die hofften, nach ihm an die Reihe zu kommen, und er schüttelte den Kopf.

"Nein. Du bist es nicht wert. Nicht einmal einen Kuss von deinen schönen Lippen. Nein. Das würde unter meinen Leuten nur Unfrieden stiften." Er zuckte mit den Schultern. "Eine Schande." Seine Finger spannten sich um den Abzug.

"Dann will ich sie Ihnen abkaufen", sagte Valentina hastig.

Als er fragend die Augenbrauen zusammenzog, wiederholte sie: "Ich will sie Ihnen abkaufen. Sie und meinen Mann."

Er lachte. Raues Gelächter auch von den Soldaten. "Womit?""Damit." Valentina steckte sich zwei Finger in den Hals und erbrach einen Schwall warmer Galle aus ihrem leeren Magen. In dem gelben Schleim, der sich auf der Schneekruste ausbreitete, lagen zwei winzige, in Baumwolle gewickelte Päckchen. Nicht größer als Haselnüsse. Auf einen Wink des Kommandanten hob ein bärtiger Soldat sie auf und legte sie ihm, schmutzig und feucht, in seinen schwarzen Handschuh.

Leseprobe zu "Die russische Konkubine" von Kate Furnivall

Terror macht die Seele kaputt. Ich weiß das. Er kann die Seele eines ganzen Landes kaputtmachen, wenn man ihn lässt. Solche Macht hat er. Unendliche Macht. Ich weiß es. Ich habe es selbst erlebt. Welche Chance hatte ich also, ein dünnes kleines Mädchen mit rotem Haar und dem Hang, in einer Welt voller Rechtshänder die linke Hand zu benutzen.
Ich erinnere mich an manches. Anderes habe ich vergessen. Absichtlich vergessen. Aber eins sehe ich noch vor mir. Deutlich und in allen Einzelheiten. Kindheitstage, in denen Eis und Kälte und Wölfe herrschten, Kälte, die uns die Knochen fraß. Ich erinnere mich an die Angst, die Angst meiner Mutter. An ihre Kleider geklammert, atmete ich ihre Angst ein, und sie fror in meinen Lungen. Oder war das der Schnee?
Ich erinnere mich an die Panik meiner Mutter. An ihren Zorn. An ihren Schrei.
Dieser Schrei, als ich aus ihren Armen gerissen wurde, drang wie ein Nagel in die jungen Windungen meines Hirns. Dort steckt er noch immer. Manchmal spüre ich ihn, seine Spitze, die sich nur immer tiefer eingräbt. Die Leute sagen, ich sei damals zu jung gewesen, unmöglich, dass ich mich daran erinnere. Was könne ich vom Albtraum dieser Reise wissen? Nichts. So reden die Leute. Aber sie irren sich.
Ich weiß, dass sie sich irren. Weil ich den Schrei immer noch höre. Und damals gelernt habe, dass man sich wehren muss, dass man sich gegen den Terror wehren muss.

Russland, Dezember 1917

Der Zug hielt fauchend an. Grauer Dampf quoll aus der ächzenden Lokomotive in den weißen Himmel, und die vierundzwanzig Güterwaggons dahinter kamen rumpelnd und kreischend zum Stehen. Pferdewiehern und laute Kommandos schallten durch die Stille der öden froststarren Landschaft.
»Warum halten wir?«, flüsterte Valentina Friis ihrem Mann zu. Ihr Atem wehte zwischen ihnen wie ein eisiger Vorhang, und in ihrer Verzweiflung schien ihr diese Dampfwolke der einzige Teil von ihr, der noch die Kraft hatte, sich zu bewegen.
Sie umklammerte seine Hand. Nicht um sich zu wärmen, sondern weil sie sich vergewissern musste, dass er noch an ihrer Seite war. Er schüttelte den Kopf; sein Gesicht war ganz blau von der Kälte, weil er seinen Mantel fest um das schlafende Kind in seinen Armen gewickelt hatte, aber er schenkte seiner Frau ein Lächeln. Sie schoben sich an die grobe Holzwand des Viehwaggons und drückten die Augen an die schmalen Ritzen zwischen den Brettern. Verzweifelte Augen. Augen, die schon viel zu viel gesehen hatten.
»Die wollen uns umbringen«, sagte der Bärtige rechts neben Valentina mit tonloser Stimme. Er sprach mit starkem georgischem Akzent und trug seine Pelzmütze tief über die Ohren gezogen. »Warum sollten wir sonst auf freier Strecke anhalten?«
»Heilige Maria, Mutter Gottes, beschütze uns«, jammerte eine alte Frau, die auf dem schmutzigen Boden kauerte; sie war in so viele Tücher gewickelt, dass sie wie ein dicker kleiner Buddha aussah. Aber unter den stinkenden Lumpen war nicht viel mehr als Haut und Knochen.
»Nein, Babuschka«, sagte eine andere Männerstimme. Sie kam vom hinteren Ende des Waggons. Dort herrschte stets das meiste Gedränge, weil der Wagen dahinter ein wenig Schutz vor dem eisigen Wind bot, der Tag und Nacht erbarmungslos durch die Ritzen pfiff und ihnen den Frosthauch Sibiriens in die Lungen presste. »Nein, ich sage euch, die wollen uns zu essen geben. Das muss General Kornilow sein. Er weiß, dass wir in diesen gottverlassenen Waggons zu Tode verhungern, fünfzig von uns allein in diesem hier. Er wird uns nicht sterben lassen. Er ist ein großartiger Kommandant, das weiß man doch.«
Zustimmendes Gemurmel erhob sich, und in den stumpfen Augen der hageren, dicht aneinander gekauerten Gestalten erglomm ein Hoffnungsfunken. Ein kleiner Junge mit schmutzigen blonden Haaren, der regungslos in einer Ecke gelegen hatte, sprang auf und begann vor Erleichterung zu weinen. Es war lange her, dass hier jemand seine Kraft für Tränen vergeudet hatte.
»Lieber Gott, ich bete, dass du Recht hast«, sagte ein hohläugiger Mann, der nur einen Arm hatte. Er trug einen schäbigen abgewetzten Mantel und um den Stumpf des abgetrennten Arms einen dicken, fleckigen Verband. Nachts im Schlaf stöhnte er immerzu, tagsüber war er schweigsam und nervös. »Wir haben Krieg«, sagte er knapp. »General Lawr Kornilow kann nicht überall sein.«
»Aber ich sage dir, er ist hier. Du wirst schon sehen.«
»Hat er Recht, Jens?« Valentina blickte zu ihrem Mann hoch.
Sie war erst vierundzwanzig, klein und zierlich, doch ein einziger Blick ihrer sinnlichen dunklen Augen konnte einen Mann, und wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Kälte und den nagenden Hunger und das Kind in seinen Armen vergessen lassen. Jens Friis, zehn Jahre älter als seine Frau und stets in Alarmbereitschaft, wenn die Horden vagabundierender Soldaten, die die Bolschewiken eine Armee nannten, auf ihr hübsches Gesicht aufmerksam wurden, beugte seinen Kopf und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.
»Wir werden es bald wissen«, sagte er.
Die roten Bartstoppeln auf seiner unrasierten Wange schabten rau an Valentinas rissigen Lippen, aber das war ihr ebenso willkommen wie der Geruch seines ungewaschenen Körpers. Das erinnerte sie daran, dass sie noch nicht gestorben und zur Hölle gefahren war. Denn es kam ihr vor wie die Hölle, was sie hier erlebte. Die Vorstellung, diese Albtraumfahrt über Tausende Kilometer durch Eis und Schnee könnte bis in alle Ewigkeit so weitergehen, dies sei die grausame Strafe für ihren Ungehorsam gegenüber Vater und Mutter, verfolgte sie Tag und Nacht.
Plötzlich wurde die große Schiebetür des Waggons aufgestoßen, und wütende Stimmen brüllten: »Wsje is wagona, bistro.« Raus aus den Waggons.
Das Licht blendete sie. Es war einfach zu viel. Nach der ständigen Dämmerung im Innern des Waggons brach es jetzt aus der Weite des Himmels über sie herein, stach ihr aus dem Schnee in die Augen, so dass sie nichts mehr erkennen konnte. Sie blinzelte heftig, bis die Dinge vor ihr endlich Gestalt annahmen.
Und was sie dann sah, ließ ihr Herz gefrieren.
Eine Reihe Gewehre.

Kundenbewertungen zu "Die russische Konkubine" von "Kate Furnivall"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.5 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen **** ausgezeichnet)
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Bewertung von Kristin aus SW am 29.07.2008 ***** ausgezeichnet
Farbenfroh geschrieben, spannend und rührend. Ein schönes Buch für den Sommerurlaub oder auf der Couch. Gut, es ist kein Meisterwerk, aber man fühlt sich sofort in die Geschichte hineinversetzt. Es ist gut zum Lesen, es gibt keine langweiligen Passagen und die Chraktäre sind gut dargestellt. Man hat dabei also ein wirkliches hohes Lesevergnügen.

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Bewertung von Dorthee aus Münster am 02.01.2008 ***** sehr gut
Ein wirklich gut gelungendes spannendes Buch!!
Von der ersten Seite an Spannung pur!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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