Selina oder das andere Leben - Kappacher, Walter

Walter Kappacher 

Selina oder das andere Leben

Roman. Georg Büchner Preis 2009

Broschiertes Buch
 
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Selina oder das andere Leben

Stefan zieht in ein altes Bauernhaus in der Toskana und findet dort die ganze Welt - voller Liebe, Tod, Unsterblichkeit. Georg-Büchner-Preis 2009 für Walter Kappacher.

Stefan, Lehrer, nimmt das Angebot Heinrich Seifferts - den er im Jahr zuvor in Arezzo kennen gelernt hat - an, sein altes abgelegenes Bauernhaus in der Toskana zu bewohnen. Der Leser erlebt, wie Stefan sich das Haus und die Umgebung bewohnbar macht, wie er bekannt wird mit den Menschen im Dorf, wie er Heinrich besucht, der seine Nichte Selina aus Deutschland erwartet. Es sind die Jean-Paul'schen Themen Liebe, Tod und Unsterblichkeit, die sich langsam entwickeln.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2009
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 254 S.
  • Seitenzahl: 254
  • dtv Taschenbücher Bd.13872
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 122mm x 20mm
  • Gewicht: 218g
  • ISBN-13: 9783423138727
  • ISBN-10: 3423138726
  • Best.Nr.: 26484927
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.07.2009

In den Sommer mit Büchern von zu Hause

Sie wollen Buchtipps für die Ferien? Die Gegend, in der Sie leben, hält sie für Sie bereit. An Rhein und Main wohnen Schriftsteller, deren Bücher zum Urlaub passen, hier sind aber auch Literaturpreise zu haben, die Jahr für Jahr bedeutende Autoren nach Darmstadt oder Frankfurt locken. Sie alle haben uns in diesem Sommer das eine oder andere zu sagen.

Von Florian Balke

F. C. Delius:

Die Frau, für die ich den Computer erfand

In seinem neuen Roman, den Friedrich Christian Delius während seiner Zeit als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim beendet hat, geht es um hohe und gewichtige Dinge: um die Erfindung des Computers und eine große Liebe. Aber Delius wäre nicht er selbst, wenn das Hohe nicht ausgesprochen geerdet daherkäme. Eine ganze Nacht lang erzählt ein alter Mann, dessen Lebenslauf dem des deutschen Ingenieurs Konrad Zuse folgt, einem Journalisten von seiner Rolle bei der Erfindung des Computers. Und von seiner tiefen Zuneigung zu Lord Byrons Tochter Ada Lovelace, die sich schon im 19. Jahrhundert mit dem Bau einer Rechenmaschine herumschlug. Herausgekommen ist ein wundervoller …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als Ausnahmwerk feiert Rezensent Paul Ingendaay diesen Roman, der von Liebe, Tod und Unsterblichkeit handelt und dessen Autor aus seiner Sicht "das Schwierigste" kann: in einer Zeit, in der es "wenig Natur und noch weniger Naturgewissen gebe", stelle er seinen Protagonisten noch einmal "in eine natürliche Umwelt", samt "halbwegs gezähmter, aber ungemein fordernder" Tier- und Pflanzenwelt. Und das alles "ohne Schmock und Ökoverträumtheit". Es gebe keine Handlung im üblichen Sinne, lesen wir, vielmehr sehe man "in aller Ruhe das Bewusstsein eines Mannes durch drei Sommermonate treiben". In einem Dorf in der Toscana habe er Romanheld Stefan beim Leben zugesehen, schreibt Ingendaay mit gewissem melancholischem Phlegma, das er als Resultat des Lektüreerlebnisses beschreibt. Dankbar ist der Rezensent auch dafür, dass sich aus diesem Roman kein "bundesrepublikanisches Toscana-Gespenst" drohend erhebt. Vielmehr erweise sich der Autor als "phänomenaler Beobachter" winzigster Details und Gefühlsregungen. Der Rezensent muss in seinem literarischen Gedächtnis weit zurück gehen, um Ähnliches an Intensität und Bewusstseinsschilderung auszumachen und wird schließlich bei Adalbert Stifter und Henry James fündig.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Walter Kappachers Roman 'Selina oder das andere Leben' ist ein auf schöne Art ehrliches Buch, weil es mit dem silbernen Blinken der Sterne nicht astronomisch wuchert. Mit 'Selina' ist ihm das Kunststück gelungen, das einfach erscheinende Leben als großes kosmisches Kippbild zu zeichnen." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005 "Die Stärke von Kappachers Büchern liegt in der Sparsamkeit der erzählerischen Mittel. Die Zustände und Befindlichkeiten werden nicht reflexiv aufgefächert, sie werden in den knapp beschriebenen Szenen sichtbar." Evelyne Polt-Heinzl, Die Presse, 1.10.2005 "...ein zutiefst menschenfreundliches Buch und zugleich ein metaphysisches Lehrstück... ein kluges Buch, das an keiner Stelle mit seiner Klugheit prunkt." Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 04.11.2005

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 20.01.2006

Das Buch von der Sterblichkeit
Die Dinge, die Einsamkeit und der Tod: Walter Kappachers taktvoll zurückhaltender Toskana-Roman „Selina”
Walter Kappacher hat für seinen wundervollen Roman „Selina” zwei Schutzengel angerufen, die mit je einem Motto wie Wächter vor dem Buch stehen und dem Leser seinen Weg in den Text weisen: Jean Paul und Adalbert Stifter. Wir schreiten aber erst einmal an den beiden Kustoden vorüber, grüßen nur stumm und berichten, worum es geht.
Es ist eine Geschichte aus dem österreichisch-italienischen Alltag der achtziger Jahre - die historische Umwelt ist fein, aber unmissverständlich markiert: Es gibt die Lira noch, und die Welt redet über die Waldheim-Affäre. Ein noch junger Lehrer aus dem Salzburger Land nimmt sich eine Auszeit und verbringt ein Vierteljahr auf einem verfallenden Bauernhof im toskanischen Pratomagno-Gebirge, historisch die Grenzscheide zwischen den Stadtrepubliken Florenz, Arezzo und San Sepolcro, geographisch die Wasserscheide zwischen Arno und Tiber, kulturgeschichtlich das Land Petrarcas und Piero della Francescas.
All das spielt hinein, aber was wir zunächst sehen, ist der Alltag dieses Mannes …

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Walter Kappacher wurde 1938 in Salzburg geboren. Der österreichische Schriftsteller erhielt 2004 den vom Verleger Hubert Burda gestifteten Hermann-Lenz-Preis für seine präzise Erzählweise. 2009 wurde Walter Kappacher mit dem Georg-Büchner-Preis für sein erzählerisches Lebenswerk ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Selina oder das andere Leben" von Walter Kappacher

Die erste Reise ins Valdarno, im letzten Sommer, hatte er völlig ahnungslos angetreten. Vor der Abreise war er die meiste Zeit schlaflos im Bett gelegen. Am Vorabend hatte er den Wagen, der mit umklappbaren Rücksitzen ausgestattet war, vollgepackt, auf dem Dachträger eine Matratze fest verschnürt. Um fünf Uhr früh hatte es geregnet. Als er zuletzt um den Wagen herumging, schien ihm, er sei überladen. Auf dem Beifahrersitz lag eine flache Schachtel für Papiere, Lire-Kleingeld, Traubenzucker, eine Landkarte. Ein Lehrerkollege hatte ihm geraten, sonntags zu fahren, sonntags sei wenig Schwerverkehr auf den italienischen Autobahnen. Die Abfahrt im Regen, noch im Dunklen: ein großer Moment. Den Motor starten, Gang einlegen, los. Die Nervosität plötzlich wie weggeblasen. Die nächtlichen Straßen der Stadt leer, das Licht der Lampen spiegelte sich auf der nassen Fahrbahn. Nach der Einmündung auf die Autobahn nahe dem Walserberg um in Richtung Rosenheim in das Inntal zu gelangen, fand er sich plötzlich inmitten einer zweispurigen Kolonne deutscher Urlauber, die aus Italien und Kärnten zurückkehrten, vermutete er. Beim Einlenken auf die Autobahn hätte ihn beinah ein alter Mercedes gerammt, welcher, ihn überholend, im Regenschleier mit hoher Geschwindigkeit schemenhaft, abstandslos an ihm vorbeischnitt und sich vor ihm positionierte. Erschrocken hatte er hinübergeschaut. Der Abstand von Wagen zu Wagen war höchstens ein paar Zentimeter; für einen Moment sah er, daß dieses alte Auto mit mindestens sechs oder sieben Personen besetzt war, der Kopf des vornübergebeugten Fahrers knapp über dem Lenkrad. Nach den ersten dreißig Kilometern in Bayern wurde ihm klar, daß er das Fahren auf der Autobahn hätte üben sollen; nun mußte er mithalten mit den hohen Geschwindigkeiten der übrigen Autofahrer, die ihn, der mit hundertzwanzig Stundenkilometern fuhr, der Reihe nach überholten. Die Sicht war schlecht und wurde erst nach dem Brenner besser. Vor dem Überholen fürchtete er sich bald, besonders vor dem Überholen von Schwertransportern, deren Räder über den gestrichelten Mittelstreifen herüberreichten und nur eine schmale Spur zwischen ihm und den Leitschienen freiließen. In den schnellen Kurven Oberitaliens irritierten ihn beim Überholen bei hundertdreißig Stundenkilometern die auf den Mittelstreifen zwischen den Leitschienen wachsenden Pflanzen und Sträucher, die der Wind hin und her bewegte; sie störten die Wahrnehmung, besser, die Koordination zwischen dem Wahrnehmen der rasend auf ihn zuschießenden bedrohlichen Außenwelt und dem richtigen Reagieren darauf mittels Lenkrad und Gaspedal; er fürchtete, die Kontrolle zu verlieren. Nach der Mittagspause auf einem Parkplatz zwischen Modena und Bologna merkte er, daß er sekundenlang abwesend gewesen war; was sich auf den letzten dreihundert oder mehr Metern ereignet hatte, war ihm nicht erinnerlich.

Diese mehr als zehnstündige Autobahnfahrt über den Brenner nach Bologna und Florenz bis zur Ausfahrt San Giovanni Valdarno, der eine weitere fünfzigminütige Fahrt auf Landstraßen und zuletzt Güterwegen folgte, war für ihn Ahnungslosen ungefähr von Bozen bis Florenz das Fürchterlichste, was er je erlebt hatte, und er dachte sich auf dem Parkplatz bei San Giovanni, während er den Rest des warm gewordenen Mineralwassers trank und auf der Landkarte die Orte Terranuova und Paterno suchte: Da du das überstanden hast, kann dir im Leben nicht mehr arg viel geschehen. Währenddessen waren auf dem sonst leeren, schattigen Parkplatz drei junge Männer damit beschäftigt gewesen, in größter Eile alte Möbel, Lampen, Bilder aus einem Lieferwagen mit neapolitanischem Kennzeichen in einen anderen aus Mailand umzuladen. Während er ums Auto herum, dessen Türen er aufgespreizt hatte, gymnastische Streckübungen machte, näherte sich einer und fragte ihn nach Wasser.

Hätte er sich diese Autobahnfahrt vorher ausmalen können, wäre er vermutlich nie nach Gello Biscardo gereist. Besonders schrecklich hatte er die Fahrt über den Apennin empfunden. Kaum waren die ersten kurvigen Steigungen überwunden, hatte der Himmel sich immer mehr verdunkelt. Nebeldunst fiel ein, und nach der Ausfahrt Rioveggio begann es heftig zu schütten. Auf der rechten Fahrspur zogen holländische, deutsche, italienische Wohnwagen mit fünfzig Stundenkilometern dahin; er mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen, immer wieder überholen, was riskant war, da die italienischen Autofahrer, die mit hundertdreißig und mehr die Überholspur beanspruchten, sie so gut wie nie verließen und ohne Scheinwerferlicht fuhren. Wenn er schließlich nach einem Überholvorgang zögerte, diese linke Fahrspur zu verlassen, weil weitere Schwerlaster oder Busse zu überholen waren oder weil eine Kolonne von Lastzügen mit Anhängern auf der rechten Spur keine Lücke zum Einordnen ließ, blinkten die wie von Teufeln gehetzten Lenker, hupten im Dauerton und fuhren bis zur hinteren Stoßstange heran, so daß ihm die Knie zu zittern begannen und er Mühe hatte, sich auf das Lenken zu konzentrieren. Er hatte genug zu tun gehabt, wenigstens vor sich etwas wahrnehmen zu können; im Rückspiegel war außer einer Regengischt selten etwas zu erkennen gewesen; die Scheibenwischer seines Simca bewältigten kaum die Wassermassen, die die Räder der Fahrzeuge vor ihm in Schüben auf die Windschutzscheibe des Wagens spritzten. Einmal dachte er, genausogut könntest du beim Überholen die Augen schließen. Kurz vor dem Scheitelpunkt, der Paßhöhe, vor einem Tunnel dann auf der Gegenfahrbahn ein Unfall: Kreuz und quer stehende und auf dem Dach liegende verbeulte Autos; ein Wagen ragte an die Mittelleitschiene gequetscht schräg in die Höhe. Leute standen herum, dahinter staute sich der Verkehr. Im Vorbeifahren sah er einen alten Mann - lebendig oder tot - angeschnallt in einem Wagen ohne Tür sitzen, die Hälfte seines blutenden Gesichts war fleischig-rot, als sei ihm die Haut abgezogen worden. Das alles mußte kurz zuvor passiert sein, kein Polizei- oder Rettungswagen war zu sehen.

Als er auf der anderen Seite des Apennins aus einem langen Tunnel ins Freie fuhr, blendete das Sonnenlicht, der Himmel jetzt nur mehr leicht bewölkt, und er beschloß, an der nächsten Raststätte wieder eine Pause zu machen.

Als er gegen fünf, die Hitze hatte noch nicht nachgelassen, ein paar Kilometer hinter San Giustino auf die Paßstraße Richtung La Crocina abzweigte, eine steile Bergstraße mit engen Kurven, dröhnte der Auspuff des Wagens immer stärker. An einer schattigen von Piniennadeln bedeckten Ausweiche hielt er an, um den Motor ein wenig abkühlen zu lassen; er war so heiß, daß er nach dem Abstellen, dem Drehen des Zündschlüssels, eine Weile unregelmäßig weiterlief, ehe er abstarb. Gello Biscardo war nur noch wenige Kilometer entfernt. Nach einer Viertelstunde hatte er damals eine Seite des Simca mit dem Wagenheber angehoben, war unter das Chassis geschlüpft und hatte gesehen, daß das lange Auspuffrohr an einer Stelle gebrochen war; mit einem Stück Isolierband hatte er es notdürftig geflickt und sich die Finger verbrannt. Hinter dem Ortsschild zweigte rechts eine schmale Straße ab, führte in vielen Biegungen steil hinunter. In einer Kurve erblickte er talseitig inmitten von Olivenhainen den Ort, der von seiner höher gelegenen Kirche überragt wurde. Wegen des Auspuffdröhnens hatte er sich geniert, bis zum Ortseingang zu fahren, hatte den Simca am Straßenrand stehen lassen, war die letzten paar hundert Meter zu Fuß gegangen. Für die Dorfbewohner mußte er seltsam ausgesehen haben: durchgeschwitzt und krumm, mit ungelenken Beinen. Am Dorfeingang sah er ein paar alte Männer, die um den Brunnen herumstanden, ein aus einer Mauer ragender Wasserhahn und ein Marmor-Becken; er war so aufgeregt, daß er außer buon giorno nichts sagen konnte. Als sie gleichgültig mit buona sera antworteten, wurde ihm klar, daß er nicht einmal korrekt grüßen konnte. Er hatte nach Mario gefragt; dieser, hatte Herr Seiffert ihm erklärt, sei eine Art Capo von Gello, an ihn solle er sich wenden, er wisse Bescheid über das Anwesen Mora, habe den Schlüssel, und in seinem Haus befinde sich auch das öffentliche Telefon.

Der Simca war dann nicht mehr angesprungen. Mario, den er bei seinem Neubau fand, hatte versprochen, abends Francesco, den Sohn der Bindis, der in Fibocchi eine Werkstatt besitze, anzurufen, der werde sich den Wagen in der Früh ansehen. Stefan hatte sich die beiden Reisetaschen mit den wichtigsten Sachen umgehängt und war, in einer Hand eine geschenkte Flasche Wein, zu Fuß auf dem Güterweg nach Mora gewandert, hatte die in einer Kurve befindliche zugewachsene Abzweigung zum Haus hinunter übersehen und umkehren müssen. Als er endlich, schwindlig vor Erschöpfung, im tiefen Gras zur Haustreppe gestapft war, dämmerte es schon. Auf der Treppe sitzend hatte er die halbe Flasche Wein ausgetrunken, war dann die Stufen hinaufgetorkelt und hatte sich in der Küche auf den mit Stroh bedeckten Ziegelboden gelegt.

Kundenbewertungen zu "Selina oder das andere Leben" von "Walter Kappacher"

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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 25.02.2006 ***** ausgezeichnet
Es geschieht nicht viel in diesem Roman - erst wenn man das Buch ausgelesen hat, erinnert man sich an die wunderbare gelassene Atmosphäre und den Hauch von Unendlichkeit. Ein großer Gewinn!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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