Zur Linderung unerträglichen Verlangens - Englander, Nathan

Nathan Englander 

Zur Linderung unerträglichen Verlangens

Erzählungen

Aus d. Amerikan. v. Martin Richter
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Zur Linderung unerträglichen Verlangens

Kraftvolle Geschichten über den Irrwitz des Lebens - kühn, treffsicher, brillant

Mit diesen neun Erzählungen wurde Nathan Englander als 28jähriger in den USA zum Star der Literaturszene. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinem schwarzen Humor nimmt der junge Autor den jüdischen Alltag aufs Korn, ob in New York oder in Jerusalem, in Russland oder in Polen, und erzählt, was passiert, wenn die Jahrtausende alte Tradition des jüdischen Glaubens mit der modernen Welt in Kollision gerät. So fragt ein Mann, dessen geliebte Frau ihre sogenannte unreine Zeit ins Unendliche ausdehnt, seinen Rabbi um Rat und ist perplex, als dieser ihm vorschlägt, ein Bordell in der Stadt der Sünde aufzusuchen - zur 'Linderung unerträglichen Verlangens' ...

"Englanders Prosa ist knapp und von kristalliner Schönheit." Publishers Weekly

"Englanders Storys sind kleine Meisterwerke: punktgenaue Dialoge, lapidarer Witz, plastische Charaktere - was will man mehr?" Brigitte

"Einen brillanten Erstling hat der 29-jährige Amerikaner geschaffen, neun kraftvolle Geschichten blitzen einem aus den Seiten entgegen. Englander ist ein virtuoser Erzähler, er schreibt Prosa von kristalliner Schönheit." SonntagsZeitung

Mit diesen neun Erzählungen wurde Nathan Englander als 28jähriger in den USA zum Star der Literaturszene. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinem schwarzen Humor nimmt der junge Autor den jüdischen Alltag aufs Korn, ob in New York oder in Jerusalem, in Russland oder in Polen, und erzählt, was passiert, wenn die Jahrtausende alte Tradition des jüdischen Glaubens mit der modernen Welt in Kollision gerät. So fragt ein Mann, dessen geliebte Frau ihre sogenannte unreine Zeit ins Unendliche ausdehnt, seinen Rabbi um Rat und ist perplex, als dieser ihm vorschlägt, ein Bordell in der Stadt der Sünde aufzusuchen zur Linderung unerträglichen Verlangens


Produktinformation

  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 229g
  • ISBN-13: 9783630621357
  • ISBN-10: 363062135X
  • Best.Nr.: 23334055
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Gerade erst wurde Nathan Englanders erster Roman "Das Ministerium für besondere Fälle" ins Deutsche übersetzt - nun erscheint fast parallel die Erzählungssammlung "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" des Amerikaners. Das ist schön, denn normalerweise dauert es gefühlte Ewigkeiten, bevor der Backkatalog eines großartigen Autors veröffentlicht wird. Die neun Texte dieses Buches schrieb Englander bereits 1999, wurde dafür mit Preisen überschüttet und vom New Yorker zu einem der 20 wichtigsten Autoren fürs 21. Jahrhundert ernannt. Verdientermaßen: Englanders tragikomische Geschichten strotzen vor pointierten Personen- und Alltagsbeschreibungen, vor hintergründigen Dialogen, aus denen hervorgeht, wie seine jüdischen Helden mit ihrer Identität und den Anforderungen ihres Glaubens hadern. Mal treibt einem das Lach-, mal Kummertränen in die Augen, ist in jedem Fall extrem kurzweilig - und macht es fast unumgänglich, als nächstes den 450 Seiten starken Roman des Mittdreißigers zu lesen, der von einer Familientragödie während der argentinischen Militärdiktatur in den 70er-Jahren handelt. (jul)

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Sehr eingenommen ist Hans-Peter Kunisch von Nathan Englanders Erzählband "Zur Linderung unerträglichen Verlangens", der dem Autor in den USA den Ruf eines der "größten Talente der gegenwärtigen amerikanischen Literatur" einbrachte. Nicht zu Unrecht, wie Kunisch findet, der den Erfolg gut verstehen kann. Denn die Geschichten sind zu seiner Freude höchst originell, haben kaum etwas mit hinglänglich bekannten amerikanischen Stories gemein. Er attestiert dem Autor, meisterlich in sich logische, aber im Grunde völlige verrückte, groteske Welten zu erschaffen. Besonders hebt er die Erzählung "Der siebenundzwanzigste Mann" hervor, in der sich in einem stalinistischen Gefängnis 26 bekannte Schriftsteller jiddischer Sprache wiederfinden. Kunisch hebt hervor, dass es Enlander, der streng jüdisch-orthodox erzogen wurde, gelingt, in jeder Geschichte eine "eigene Atmosphäre" zu schaffen. Andererseits hat er, je weiter der Band fortschreitet, durchaus das Gefühl, Plots, Motive und Scherze wirkten zunehmend absehbar. Nichtsdestoweniger hat ihn der Band mit seinen "köstlichen Erzählungen" überzeugt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.07.2008

Der orthodoxe Kummer
Nathan Englanders köstliche Erzählungen „Zur Linderung unerträglichen Verlangens”
Nicht der Roman „Das Ministerium für besondere Fälle” hat dem 1970 geborenen New Yorker Nathan Englander in den USA den Ruf eines der größten Talente der gegenwärtigen amerikanischen Literatur eingebracht. Es war der schon neun Jahre alte Erzählband „Zur Linderung unerträglichen Verlangens”, der jetzt parallel zum Roman auf Deutsch erschienen ist. Man kann, gerade nach den ersten Erzählungen, den Erfolg verstehen. Schon „Der siebenundzwanzigste Mann” hat wenig mit dem zu tun, was amerikanische Stories traditionellerweise ausmacht. Es ist keine trocken-seelenvolle Alltagsgeschichte, eher eine Groteske in außergewöhnlichem Ambiente, spielt sie doch in einem stalinistischen Gefängnis, in dem sich 26 bekannte Schriftsteller jiddischer Sprache wiederfinden, einer Laune des Diktators gemäß.
Jedes Detail der Erzählung, so Englander, ist erfunden. Aber die Verhaftung der jiddischen Schriftsteller fand 1952 statt. Meist waren es renommierte Autoren, die sich untereinander kannten. Nur der siebenundzwanzigste der Geschichte, Pinchas …

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"Die literarische Entdeckung des Jahres - ein überragendes Debüt." New York Times Book Review<br/><br/>"Englanders Prosa ist knapp und von kristalliner Schönheit." Publishers Weekly<br/><br/>"Englanders Storys sind kleine Meisterwerke: punktgenaue Dialoge, lapidarer Witz, plastische Charaktere - was will man mehr?" Brigitte<br/><br/>"Prosa von einer halluzinatorischen Sicherheit und Dichte - vom Rang eines Isaac B. Singer oder Saul Bellow ... Nathan Englanders überragendes Talent tritt in den komischen Erzählungen genauso überwältigend hervor wie in denen, die ernste Töne anschlagen." Kirkus Review<br/><br/>"Englander füllt jede dieser Erzählungen mit sprudelndem Leben, mit Charakteren, die einem aus den Seiten entgegenspringen." Newsday<br/><br/>"Einen brillanten Erstling hat der 29-jährige Amerikaner geschaffen, neun kraftvolle Geschichten blitzen einem aus den Seiten entgegen. Englander ist ein virtuoser Erzähler, er schreibt Prosa von kristalliner Schönheit." SonntagsZeitung<br/><br/>"Magier des Wortes: Englander beschenkt den Leser ideensprühend, großzügig mit Weisheiten und Wortwitz ... Wenn er den jüdischen Seiten der menschlichen Tragödie nachsinnt, verhandelt er die universellen Fragen nach Liebe und Haß, Scham und Frustration, Macht und Ohnmacht ... Wenn die Lobeshymnen nicht so erdrückend wären, würde man sich den Vergleichen mit Israel Bashevis Singer, Saul Bellow und Bernard Malamud nur zu gerne anschließen. Auch im Humor entwickelt Englander vergleichbar bizarre, originelle Züge - eine erzählerische Entdeckung." Ellen Presser in Allgemeine Jüdische Wochenzeitung
Nathan Englander wurde 1970 geboren und wuchs in einer jüdischen Gemeinde in Long Island auf. Er studierte an der Hebrew University in Jerusalem und an der Binghamton Universität Englische Literatur und Jüdische Geschichte. Er arbeitete als Fotograf, Strandreiniger, Schuhverkäufer, Lektoratsassistent und Fremdenführer. Mittlerweile lebt Nathan Englander in Jerusalem und bezeichnet sich selbst als "vollständig weltlich". Für seine Erzählung Zur Linderung unerträglichen Verlangens erhielt er 1997 den Pushcart Prize.

Leseprobe zu "Zur Linderung unerträglichen Verlangens"

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Leseprobe zu "Zur Linderung unerträglichen Verlangens"

Die Anweisungen kamen aus Stalins Landhaus in Kunzewo. Er erteilte sie dem diensthabenden Geheimpolizisten mit nicht größerer Regung, als wenn es um die Ermordung von Kulaken, Priestern oder den allzu freimütigen Ehefrauen enger Freunde gegangen wäre. Die Beschuldigten waren am gleichen Tag festzunehmen, gleichzeitig ins Gefängnis einzuliefern und im selben Moment mit einem Keuchen und einem letzten Atemzug durch eine einzige knatternde Gewehrsalve in die Verdammnis zu schicken.

Es ging nicht um Hass, bloß um Gehorsam, denn Stalin wusste, dass man nur einer einzigen Nation treu sein konnte. Über die Namen der Schriftsteller auf der Liste wusste er weniger gut Bescheid. Als ihm der schriftliche Befehl am nächsten Morgen vorgelegt wurde, unterschrieb er ihn dennoch, obwohl es nun siebenundzwanzig waren und nicht mehr sechsundzwanzig wie noch am Tag zuvor.

Es kam nicht darauf an, außer vielleicht für den siebenundzwanzigsten.

Die Anweisungen erlaubten kaum Abänderungen und keinerlei Verzögerung. Sie waren geheim und gleichzeitig auszuführen - Letzteres wurde noch einmal besonders hervorgehoben. Doch wie sollten die Geheimpolizisten die Männer aus Moskau und Gorki, Smolensk und Penza, Schuja und Podolsk genau zum selben Zeitpunkt in das Gefängnis nahe dem Dorf X bringen?

Der diensthabende Geheimpolizist war sehr von seinen Führungsqualitäten eingenommen, aber die Rolle des Strategen delegierte er an seinen Hut. Er schnitt die Liste in Streifen, warf diese in den frisch gepressten Hut und mischte sie vorsichtig, um ihn nicht aus der Form zu bringen. Die meisten dieser Schriftsteller hielten sich gegenwärtig in Moskau auf. Die wenigen, die sich in ihren Heimatdörfern befanden, irgendwo zur Kur waren oder sich in eine Hütte eingeschlossen hatten und versuchten, ein bahnbrechendes Werk zu vollenden, würden bestimmt kräftig Prügel kassieren, wenn zwei von der anstrengenden Fahrt gereizte Geheimpolizisten eintraten.

Nach der Lotterie wurden die Beamten, die einen Namen gezogen hatten, der eine lange Reise bedeutete, von ihren Freunden mit gutmütigem Spott bedacht. Für die meisten würde es ein leichtes Spiel sein, sie hatten kaum mehr zu tun, als einen alten Rebellen in den Wagen zu stoßen, mussten vielleicht erdulden, dass ihnen auf dem Land bei einer Szene des Sich-Sträubens und Haareausraufens vor einem Haufen abergläubischer Bauern die Hemden zerknittert wurden.

Andere hatten es schwer, wie die beiden Geheimpolizisten, die Wassily Korinsky zugewiesen waren. Korinsky sah keinen Ausweg und war bereit, sein Schlafzimmer leise zu verlassen, aber seine Frau Paulina schlug dem kleineren Beamten eine orientalische Messingvase über den Kopf. Es kam zu einem Handgemenge, Paulina wurde überwältigt, der kleine Beamte bewusstlos hinausgetragen, und eine wertvolle Stunde der zur Verfügung stehenden Zeit war vergeudet.

Dann war da das Paar, das für Moische Bretzky zuständig war. Er liebte den Wodka ebenso aufrichtig wie das Land, aus dem dieser stammte. Auf den ersten Blick hätte man ihn kaum als einen der empfindsamsten jiddischen Lyriker aller Zeiten erkannt. Er war von gewaltigem Umfang, ungepflegt und stank wie ein Pferd. Einmal im Jahr kam ihm während der zehn Bußtage vor Jom Kippur sein sündiges Leben zu Bewusstsein, und er entsagte dem Alkohol bis zu diesem Tag. Nach dem Fasten ergriff er Federhalter und Notizblock und schrieb wochenlang fieberhaft in der stickigen Küche seiner Schwester, den schmerzenden Kopf noch immer in den Gebetsschal gehüllt. Das vollendete Werk wurde mit einem randvollen Gläschen Wodka begrüßt. Dann erwachte Bretzkys Durst von neuem, und er verschwand für ein weiteres Jahr. Sein Schwager hätte diesem alljährlichen Ritual einen Riegel vorgeschoben, wären die von Bretzky zurückgelassenen schweißgetränkten Blätter nicht bares Geld wert gewesen.

Die beiden Geheimpolizisten brauchten die ganze Nacht, um Bretzky zu finden. Sie folgten seiner Spur zu einem der Bordelle, die es nicht gab, und wenn es sie doch geben sollte, wurden sie gewiss nicht von Beamten der Geheimpolizei betreten. Dennoch schlichen sie unbemerkt in sein Zimmer. Bretzky lag bewusstlos auf dem Bauch, während unter jedem seiner Arme ein lächelndes Mädchen eingeklemmt lag. Der zeitraubende Vorgang, die Huren zu befreien, Bretzky auf die Beine zu stellen und in den Korridor zu bugsieren, trieb dem jüngeren Mann die Tränen in die Augen.

Der ältere Geheimpolizist ließ den Körper in der Obhut seines Kollegen und ging auf ein Schwätzchen mit der Chefin. Er stellte sich mehrmals vor, als wären sie einander noch nie begegnet, erklärte seine Notlage und zog ein Dutzend Frauen zur Unterstützung heran.

Zwölf der stärksten Damen des Hauses mit rosa oder roten Roben, Flitterpantoffeln und lackierten Zehennägeln trugen den Bären unter lautem Gekicher zum wartenden Auto. Wäre Bretzky bei Bewusstsein gewesen, hätte er einen solchen Aufruhr über alle Maßen genossen.

Die einfachste unter den mühsamen Entführungen war die von Y. Zunser, dem ältesten der Gruppe. Gegen ihn hatte sich 1949 einer der ersten gefährlichen Angriffe wegen Kosmopolitentums gerichtet. In der Literaturnaja Gazeta vom 19. Februar war er als überholter Autor kritisiert, des Anti-Sowjetismus bezichtigt und wegen seines Künstlernamens gescholten worden, der seine jüdischen Wurzeln verstecken sollte. Im gleichen Heft wurde sein wahrer Name, Melman, mitgeteilt und ihm so die Privatsphäre geraubt, die er bis dahin sehr genossen hatte.

Drei Jahre später holten sie ihn ab. Die beiden Geheimpolizisten waren von diesem Auftrag alles andere als begeistert. Auf der Oberschule hatten sie beide einen jüdischen Literaturlehrer gehabt, den sie trotz seiner Abstammung bewunderten und der ihnen sogar ein oder zwei Gedichte abgerungen hatte. Beide waren recht anständige Burschen, und die Gefangennahme eines einundachtzigjährigen Mannes passte nicht ganz in ihr Bild vom mutigen Dienst an der Partei. Sie führten bloß ihre Befehle aus. Dennoch verbarg sich irgendwo unter ihren Rechtfertigungen eine tiefsitzende Furcht vor Strafe.

Es war noch vor Sonnenaufgang, und Zunser saß bereits angezogen vor einer Tasse Tee am Tisch. Die Beamten baten ihn, freiwillig aufzustehen, wobei der eine es mit dem Namen Zunser versuchte und der andere Melman beschwor. Er weigerte sich.

"Ich werde mich weder wehren noch mithelfen. Die Verantwortung ruht ganz allein auf Ihrem Gewissen." "Wir haben unsere Befehle."

"Ich habe nicht gesagt, Sie hätten keine Befehle. Ich sagte, Sie müssen die Verantwortung selber tragen."

Zuerst versuchten sie ihn an den Armen hochzuheben, aber Zunser war zu zerbrechlich dafür. Dann packte der eine seine Fußknöchel, während der andere ihn um den Brustkasten fasste. Zunsers Kopf fiel zurück. Die Geheimpolizisten fürchteten ihn umzubringen, was man ihnen untersagt hatte. Sie legten ihn auf den Boden, und der größere der beiden hob ihn auf und trug den alten Mann wie ein Kind in den Armen.

Als sie an einem Bild seiner gestorbenen Frau vorbeigingen, bat Zunser sie, einen Augenblick stehen zu bleiben. Ihm schien, das Foto habe einen neuen Ausdruck von Gram angenommen, als wollten sich die sepiafarbenen Augen mit Tränen füllen. Er sagte laut: "Es macht nichts, Katja. Mit deinem Tod war mein Leben vorbei; alles, was danach kam, war Nostalgie." Der Geheimpolizist verlagerte das Gewicht des Romantikers auf seinen Armen und ging zur Tür hinaus.

Die einzige komplizierte Entführung außerhalb Moskaus hätte die einfachste von allen siebenundzwanzig sein sollen. Die simple Aufgabe bestand darin, Pinchas Pelovitz aus dem Gasthaus zu holen, an dem die Straße zum Dorf X und zum Gefängnis vorbeiführte.

Pinchas Pelovitz hatte sich seine eigene Welt mit einem mitfühlenden Gott und einer bunten Menge von Gläubigen geschaffen. Die Menschen dieser Welt stellte er durch moralische Zwangslagen und Tragödien - und manchmal auch noch wirkungsvoller durch Freude und Glücksfälle - auf die Probe. In seinen Notizbüchern zeichnete er die Prüfungen und Ereignisse dieser Welt in Erzählungen und Romanen, Essays und Gedichten, Liedern, Hymnen, Märchen, Witzen und ausführlichen Geschichtsbüchern auf, die bis zu seiner eigenen Epoche reichten.

Seine Eltern wussten nie, was sie von ihrem Sohn halten sollten, der den ganzen Tag schrieb, aber nichts veröffentlichte, der über seinen Romanen lachte und weinte, aber im alltäglichen Leben Sinn für scharfe Logik bewies. Was sie aber wussten, war, dass Pinchas gewiss nicht das Gasthaus übernehmen würde.

Als sie zu alt wurden, um es weiterzuführen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als es zu einem lächerlich niedrigen Preis zu verkaufen - vorausgesetzt, die neuen Besitzer würden dem Jungen sein Zimmer lassen und ihm zu essen geben, wenn er hungrig war. Selbst als das Haus Staatseigentum wurde, ließ man Pinchas in seinem Träumerzimmer in Frieden: was soll's, der ist harmlos; er ist wie ein Glücksbringer für das Gasthaus; niemand weiß, dass er überhaupt da ist; vielleicht schreibt er die Geschichte dieses Lokals auf, und wir werden noch alle berühmt. Er schrieb sie nicht auf, aber wer weiß, vielleicht hätte er es einmal getan, wenn sein Name, den Reisende flüsternd weitertrugen, nicht auf Stalins Liste gelangt wäre.

Die beiden Geheimpolizisten erreichten das Gasthaus in einer klapprigen Droschke und gaben sich als Söhne verarmter Landbesitzer aus, ein Einfall, von dem sie hofften, dass er ihre Vorgesetzten erheitern könnte. Der eine hatte eine Luger (ein Andenken aus dem Krieg), der andere trug einen Gummiknüppel im Stiefel. Sie fanden den schmalen Korridor, der zu Pinchas' Zimmer führte, und klopften an die Tür. "Keinen Hunger", war die Antwort. Der Geheimpolizist mit der Luger stieß mit der Hüfte gegen die Tür, sie bewegte sich nicht. "Versuch's mit der Klinke", sagte die Stimme. Er tat es, und die Tür ging auf.

"Du kommst mit uns", sagte der mit dem Knüppel im Stiefel.

"Kommt nicht in Frage", stellte Pinchas sachlich fest. Der Geheimpolizist fragte sich, ob sein "Du kommst mit uns" ebenso überzeugend geklungen habe.

"Leg das Buch auf den Stapel, zieh die Schuhe an und komm." Der Beamte mit der Pistole sprach langsam. "Du bist wegen anti-sowjetischer Aktivitäten festgenommen."

Dieser Vorwurf machte Pinchas sprachlos. Er dachte einen Moment nach und kam zu dem Ergebnis, es gebe nur eine einzige Verfehlung, mit der er zu tun gehabt habe, obwohl es ihm etwas übertrieben schien, dafür eingesperrt zu werden.

"Sie können sie haben, aber eigentlich gehören sie mir gar nicht. Sie steckten in einem Buch von Zunser, das ein Gast vergessen hat, und ich wusste nicht, wo ich sie hinschicken sollte. Trotzdem hab ich sie mir genau angesehen. Sie können mich mitnehmen." Er reichte den Geheimpolizisten fünf Postkarten. Drei waren detaillierte Federzeichnungen einer Geisha in wechselnden Stellungen mit weit gespreizten Beinen. Die beiden anderen waren identische Fotos einer drallen russischen Maid vor gemaltem Tropenhintergrund, die einen Hularock trug und vergeblich versuchte, ihre Brüste zu bedecken. Pinchas begann seine Notizbücher aufzustapeln, während die Geheimpolizisten die Plastikkarten unter sich aufteilten. Er war traurig, der Versuchung nicht widerstanden zu haben. Er würde seine Spaziergänge vermissen und das Schreibpult, auf dessen buntgesprenkelter Platte er geschrieben hatte.

"Darf ich mein Pult mitnehmen?"

Der Mann mit der Luger wurde allmählich nervös. "Du brauchst nichts, zieh bloß deine Schuhe an."

"Meine Bücher wären mir lieber als die Schuhe", sagte Pinchas. "Im Sommer geh ich manchmal ohne Schuhe spazieren, aber nie ohne einen Roman. Setzen Sie sich, während ich meine Notizen ordne -", und Pinchas fiel vom Knauf der Pistole getroffen zu Boden. In eine Bettdecke gerollt, aus der seine nackten Füße hervorlugten, wurde er aus dem Gasthaus geschleppt.

Als Pinchas erwachte, hatte er von dem Schlag und der allzu engen Augenbinde Kopfschmerzen. Sie wurden schlimmer durch das Geräusch des brechenden Eises unter den Droschkenrädern, wie es typisch für die Straße am Fluss westlich von X war. "Auf dieser Straße ist die Brücke unpassierbar", sagte er. "Am besten nehmen Sie die Abkürzung durch Bunakow. Das machen im Winter alle."

Der Gummiknüppel wurde aus dem Stiefel gezogen, und Pinchas bekam einen weiteren Schlag über den Kopf. Die Vorstellung, ihr Gefangener könne gleich bei der Ankunft den Namen des Geheimgefängnisses ausposaunen, war demütigend. Um ihn zu verwirren, bogen sie auf eine offensichtlich unbenutzte Landstraße. Es hat seine Gründe, wenn unbenutzte Straßen nicht benutzt werden. Keinen halben Kilometer weiter brach ein Rad, und es ging zu Fuß weiter zu einer nahe gelegenen Schweinezucht. Der Beamte mit der Pistole beschlagnahmte einen Eselskarren und ließ einen wütend fluchenden und gegen die Stallwand tretenden Schweinezüchter zurück.

Bei der Ankunft waren alle drei ein wenig erleichtert: Pinchas, weil ihm aufging, dass diese Sache mit mehr als bloß seinem kleinen Vergehen zu tun hatte, und die Geheimpolizisten, weil drei andere Wagen nur wenige Minuten vor ihnen eingetroffen waren - allesamt sträflich verspätet.

Beim Eintreffen der Nachzügler hatte sich der erste Schrecken der dreiundzwanzig anderen schon gelegt. Die Situation war ernst und gespannt, aber auch einzigartig. Eine bedeutende Auswahl der überlebenden jiddischen Schriftsteller Europas wurde in einem Raum von den Ausmaßen einer weiträumigen Kammer festgehalten. Hätten sie gewusst, dass sie sterben würden, wäre es vielleicht anders gewesen. Da sie es nicht wussten, wollte I. J. Manger nicht, dass Mani Zaretzky ihn wegen Rachmones weinen sah. Er hatte auch gar keine Zeit dazu. Pjotr Koljasin, der berühmte Atheist, hatte ihn bereits in eine hitzige Diskussion darüber verwickelt, was es bedeute, wenn man Gottes Willen einsetze, um in eine zuvor "logische" Handlung drastisch einzugreifen. Manger verstand das als Angriff auf sein Werk und fragte Koljasin, ob er alles, was er nicht verstehe, als "unlogisch" bezeichne. Auch die gegenwärtige Lage war zu besprechen, außerdem alte Rivalitäten, neue Gedichte, umstrittene Rezensionen, Zeitschriften, die auch schon mal besser gewesen waren, vielversprechende Redakteure und natürlich der Klatsch, denn hatten sie nicht gehört, Lew habe sein letztes Manuskript zum Feueranzünden verwendet?

Als der Lärm zu groß wurde, öffnete ein Wärter das Guckloch in der Tür und sah, dass eine allgemeine Diskussion im Gange war. Dies führte dazu, dass die anderen bei der Ankunft von Nummer vierundzwanzig bis siebenundzwanzig bereits auf kleinere Zellen verteilt worden waren.

Jede Zelle sollte vier Gefangene aufnehmen und enthielt drei verrottete Matten zum Schlafen. Die hölzernen Bretterwände hatten rohe Löcher, und es war schwer zu sagen, ob diese von den Wärtern zur Belüftung gebohrt worden waren oder ob frühere Gefangene sie mühsam herausgekratzt hatten, um sich der Existenz der Außenwelt zu versichern.

Die vier Nachzügler hatten sich sofort hingelegt, Pinchas auf den nackten Boden. Er war benommen und zitterte, unterdrückte aber sein Stöhnen, damit die anderen schlafen könnten. Seine Zellengenossen dachten nicht einmal an Schlaf: Wassily Korinsky aus Sorge, was aus seiner Frau werden würde, Zunser, weil er sich an die gewandelte Lage anzupassen suchte (die einzige Veränderung, die er in seiner Alltagsroutine geplant hatte, war der Tod gewesen, und der im Schlaf), und Bretzky, weil er gar nicht richtig wach gewesen war.

Außer Pinchas hatte keiner eine Ahnung, wie lange sie gefahren waren, ob von morgens bis abends oder bis zum nächsten Tag. Pinchas versuchte seine Reise als Rettungsanker zu benutzen, verlor in der Dunkelheit aber bald das Zeitgefühl. Er lauschte dem Atem der anderen, um sicherzugehen, dass sie lebten.

Die Glühbirne, die an einem zerschlissenen Kabel von der Decke hing, ging an. Es war eine Erlösung: nicht nur ein Ende der Dunkelheit, sondern ein Einschnitt, eine Naht in der scheinbaren Unendlichkeit.

Ohne zu blinzeln, starrten sie in das matte Leuchten der Birne und hatten Angst, von ihr im Stich gelassen zu werden. Alle außer Bretzky, dessen massiger Körper bereits nach einem Wodka dürstete und der sich nicht traute, die Augen zu öffnen.

Zunser sprach als Erster. "Mit dem Morgen kommt die Hoffnung."

"Auf was?", fragte Korinsky aus dem Mundwinkel. Sein Auge war an ein Loch in der Rückwand gepresst.

"Auf einen Ausweg", antwortete Zunser. Er beobachtete die Glühbirne und fragte sich, wie viel Strom das Kabel führte, wie er herankommen könnte und für wie viele von ihnen er ausreichen würde.

Korinsky missverstand diese Worte als einen Ausdruck von Optimismus. "Ihr Ausweg und Ihr Morgen, pah! Draußen ist es stockdunkel. Entweder ist es Nacht, oder wir sind an einem Ort ohne Sonne. Ich werde hier noch erfrieren."

Alle waren ein wenig schockiert, als Bretzky zu reden begann. "Abgesehen davon, dass du keine von den Huren bist, die ich bezahlt habe, und dass das hier nicht das Bett ist, in das wir gefallen sind, blicke ich nicht durch. Egal wie die Umstände sind, ich werd sie aushalten, aber nicht, wenn du vor einem alten Mann in Hemdsärmeln und diesem mageren Burschen ohne Schuhe rumjammerst, dir wär kalt." Seine Beobachtungsgabe kehrte bereits zurück, obwohl Jom Kippur noch Monate entfernt war.

"Mir geht's gut", sagte Pinchas. "Ein Buch wär mir lieber als Schuhe."

Alle runzelten die Stirn und musterten ihn, sogar Bretzky stützte sich auf dem Ellbogen auf.Zunser lachte, dann fielen die anderen drei ein. Ja, es wäre viel besser, ein Buch zu haben. Ein Buch von wem? Sicher nicht die Broschüre von diesem Narren Horiansky - ein wohlbekannter und aktueller Fehlschlag. Ihr Gelächter wurde lauter. Korinsky verstummte aus Sorge, einer der anderen Männer in der Zelle könne Horiansky sein. Zum Glück befand sich Horiansky in einer Zelle am anderen Ende des Ganges, und so blieb ihm diese tiefste Demütigung vor seinem Tod erspart.

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