Zeiten und Sitten - Göttert, Karl-Heinz

Karl-Heinz Göttert 

Zeiten und Sitten

Eine Geschichte des Anstands

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Zeiten und Sitten

Anstand, Manieren und Höflichkeit haben gerade wieder Konjunktur. Aber mit dem Anstand ist das so ein Problem: Er lässt sich einfach nicht absolut begründen. Anders als Recht und Moral bleibt er wandelbar, ähnlich wie die Mode gibt er dem Zusammenleben immer wieder neu eine Form. Karl-Heinz Göttert erzählt in der ersten Geschichte des Anstands - von der Antike bis heute - auf unterhaltsame und lehrreiche Weise von diesem wandelbaren Miteinander und plädiert für formbewusste Toleranz.

Pressestimmen:

Ein anregendes Buch.
'Die Welt'

Eine sehr lesbare, populärwissenschaftliche Einführung über den Anstand.
'ARD Morgenmagazin'

Leseprobe:

Am Anfang war die Scham
Homer, 'Ilias'

Ganz am Ende von Homers 'Ilias', nach heutigem Wissen entstanden in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., kommt es zu einer berühmten Szene. Der Grieche Achill hat den Trojaner Hektor getötet und seine Leiche geschändet. Da taucht Hektors Vater Priamos im Lager der Griechen auf und bittet um Herausgabe des toten Sohnes. Er appelliert an Achills Mitleid und stützt sich auf etwas, das dieses Mitleid offenbar motiviert - auf Scheu bzw. Scham als Respekt vor den Forderungen der Götter:

    Also staunte Achilleus, als er Priamos sah, den gottgleichen,
    Staunten die anderen auch und schauten an da einander.
    Priamos wandte sich flehend an ihn und sagte die Worte:
    "Denke an deinen Vater, du göttergleicher Achilleus,
    Der so alt ist wie ich, an des Alters verderblicher Schwelle.
    Und es könnte wohl sein, dass Umwohner ihn da bedrängen,
    Und es findet sich keiner, der Not und Verderben ihm abwehrt.
    Aber wahrhaftig, wenn er dann hört, du seist noch am Leben,
    Freut er in seinem Mut sich und hofft darauf alle die Tage,
    Seinen geliebten Sohn aus Troja kommen zu sehen.
    Aber ich ganz Unselger; da zeugte ich Söhne, die Besten
    In dem geräumigen Troja, und keiner ist, sag ich, geblieben.
    Fünfzig hatte ich einst, als die Söhne der Danaer kamen;
    Neunzehn hatte der Leib von einer Mutter geboren,
    Aber die andren gebaren mir in den Hallen die Frauen.
    Vielen von ihnen löste der stürmische Ares die Glieder;
    Doch der mein Einziger war und selber die Stadt mir beschützte,
    Diesen erschlugst du jüngst, als er für das Vaterland kämpfte,
    Hektor; und seinethalb komme ich her zu den Schiffen Achaias,
    Ihn von dir loszukaufen mit unermesslichen Gaben.
    Scheue du aber die Götter, Achilleus, erbarme dich meiner,
    Deines Vaters gedenkend. Ich bin erbarmenswürdig;
    Denn ich erdulde, was nie ein anderer Mensch noch erduldet,
    Dass ich die Hand des Manns, der den Sohn mir mordete, küsste!"

Die 'Ilias' ist ein Urtext der europäischen Kultur, vergleichbar nur mit der Bibel. Ein Autor, der immer Homer genannt wurde, hat darin den Kampf um Troja vor damals rund 400 Jahren geschildert. Allerdings ist 'Schilderung' kaum das richtige Wort. Nicht nur, dass die Ereignisse der zehn Jahre von Sagen überwuchert sind. Es handelt sich auch sonst nicht um eine Reportage, vielmehr beschränkt sich Homer in 15000 Versen auf ganze 51 Tage und nicht einmal auf die letzten: Der Fall der Stadt kommt gar nicht mehr vor, sondern wird im Nachfolgewerk der 'Odyssee' eines ganz sicher anderen Dichters (der ebenfalls Homer genannt wurde) erzählt. Der eigentliche Inhalt der 'Ilias' ist nach Ausweis der ersten Zeile des Prologs vielmehr der Zorn des Achill - ein komplizierter, ein zweifacher Zorn. Zuerst zürnt Achill dem Anführer der Griechen, Agamemnon, weil dieser ihn zwingt, eine gefangene trojanische Frau herauszurücken, während er selbst eine Gefangene behält, die sogar die Ursache dafür ist, dass die Götter den Trojanern im Kampf helfen. Als jedoch Achills Freund (und Geliebter) Patroklos in der Schlacht fällt, besinnt sich der größte Held der Griechen. Er söhnt sich mit Agamemnon aus und zieht in die Schlacht - mit Rachegedanken. So trifft er auf den größten Helden der Trojaner, Hektor, und besiegt ihn im Zweikampf.
Nur ist auch 'Besiegen' wieder kaum das richtige Wort. Gewiss, es findet ein Kampf, ja eine Verfolgungsjagd um ganz Troja statt. Und beim abschließenden Aufeinandertreffen ist Achill der Überlegene. All dies aber geschieht unter dem Eingreifen der Götter, die sich auf die gegnerischen Seiten geschlagen haben und das Geschehen lenken. Hier nun spitzt es sich zu, und Zeus selbst fällt das Todeslos über Hektor, nachdem er von Anfang an den Griechen den Sieg bestimmt hatte. Zwar unterstützen Apoll und Athene ihren trojanischen Liebling, aber es hilft nichts gegen den Entschluss des obersten der Götter. Hektor fällt also, und es folgt auch noch ein brutales Nachspiel um die Leiche. Achill hat nichts dagegen, als seine Begleiter dem bereits Toten weitere Wunden hinzufügen. Er selbst durchbohrt Hektors Ferse und Knöchel, zieht einen Lederriemen hindurch und bindet ihn an sein Pferdegespann, um so wieder und wieder Patroklos' Leichnam zu umrunden - jeden Morgen. An Herausgabe ist also nicht zu denken. Schon vor dem Kampf hatte Achill Hektors Vorschlag zurückgewiesen, dass die Leiche des Unterlegenen den Angehörigen übergeben werden solle. Nach dem Kampf bittet Apoll darum und wird abgewiesen. Nur vor der Zerstörung kann er die Leiche bewahren - sie bleibt bei allem Wüten Achills unversehrt. Und dann diese Szene: der Auftritt von Priamos mit dem gleichen Ansinnen, mit dem Apoll gescheitert ist. Nun bittet nicht ein Gott, sondern ein Vater. Freilich ist er nicht ganz ohne Hilfe. Der Götterbote Hermes hat ihn unerkannt durch die feindlichen Linien geführt und ihm einen wichtigen Tipp gegeben: Priamos soll Achill an dessen eigenen Vater erinnern. So könne er vielleicht sein Herz bewegen.
Dies befolgt Priamos in jener ausufernden Detailliertheit wie bei Homer üblich - unser Textauszug bietet nur den Höhepunkt der Szene. Fürchterliches kommt dabei zutage. Fünfzig Söhne hat Priamos also verloren, zuletzt den ihm liebsten von allen, und zwar von der Hand dessen, vor dem er nun in die Knie sinkt. Ihm bietet Priamos Lösegeld, aber mitten in einer Welt des Mordens und der Gewalt vertraut er auf etwas anderes: darauf, dass Achill sich in den Bittenden hineinversetzen kann, auf ein Sehen mit den Augen des anderen. So hat es Hermes geraten. Und Priamos geht noch einen Schritt weiter. Er nennt einen Grund dafür, dass Achill Mitleid walten lassen sollte. Im Griechischen liegt ein Wort zugrunde ('aidós'), das als Scheu oder Scham übersetzbar ist, als Achtung vor dem, was man von den Göttern für geboten hält, als unangenehmes Gefühl, wenn man etwas tut, was man nicht tun darf. Achill soll also die Götter scheuen, Scham empfinden, dieses Vaterschicksal zu ignorieren. Man hat daraus eine Schamkultur abgeleitet, die der späteren Schuldkultur vorangegangen sei: ein Handeln aus Angst vor den Göttern statt aus Einsicht in die ihm innewohnende Gerechtigkeit. Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht, ganz so archaisch ist auch das Denken in diesem alten Text nicht. Achill wird die Götter scheuen, aber er erkennt auch den berechtigten Anspruch des Vaters, indem er an seinen eigenen denkt, ja sogar in wehmütiger Erinnerung an ihn so weint wie Priamos über den Verlust des Sohns. Das Ziel ist also erreicht, das Mitleid geweckt, ein Stück Zivilisiertheit in diese reichlich unzivilisierte Welt gebracht.
Nur muss man genau hinsehen: Es ist nicht christlich motiviertes Mitleid, was Achill antreibt, kein Mitleid um des anderen als des anderen willen. So genau hat sich Achill denn doch nicht in Priamos hineinversetzt. In dieser letztlich von den Göttern beherrschten Welt kommt das Mitleid eher aus der Erkenntnis, dass alle das gleiche Problem haben - Spielball zu sein. Achill erzählt anschließend seine eigene Geschichte, die so viel besser nicht ist als die Hektors. Sein eigener Vater hatte zwar nicht fünfzig Söhne, sondern nur einen. Und er verlor diesen auch nicht durch den Tod, sondern vorläufig nur durch den Krieg, der auch Achill zehn Jahre wegführte (und am Ende hinwegraffen wird). Gram also hier wie dort, Leiden unter diesem ewigen Austeilen guter und böser Lose bei beiden. Priamos habe letztlich sogar mehr gute Lose empfangen, jetzt sei ihm gerade ein böses zugefallen. Ja, er werde Hektor freigeben, aber Priamos solle sein Klagen aufgeben, sonst könne er, Achill, es sich noch einmal anders überlegen. Einer wie Achill hat auf Dauer kein Herz für jammernde Väter. Er denkt lediglich an dieses ewige Auf und Ab als Los des Menschen, das Leid zum natürlichsten Schicksal auf der Welt macht. Leid kann niemand verhindern, und Achill wäre der Letzte, der jemanden um seines Leides willen bedauerte, wie es Christen tun. Achill macht schlicht eine Ausnahme, die letztlich nicht auf seine eigene Entscheidung allein zurückgeht. Denn auch seine Mutter, die Göttin Thetis, hat ihn im Namen von Zeus um die Herausgabe gebeten. Diese beruht also weniger auf Achills Mitleid als auf der Erfüllung des göttlichen Befehls, auf der Scheu vor deren Gesetz. Achill weiß nicht, dass mehr als 10 000 Verse vorher, im 23. Vers des 1. Buches, schon einmal von einer solchen Scheu die Rede war. Agamemnon sollte den trojanischen Priester 'scheuen' und dessen (lebende) Tochter herausgeben, aber Agamemnon hatte sich geweigert und damit großes Unheil heraufbeschworen. Am Anfang also keine Scham, woraus prompt alles Unheil folgte. Jetzt Scham, die ein Stück Erlösung bringt. Im Übrigen ist Achill eher beeindruckt von der Situation insgesamt: Wie konnte einer dies wagen? Wie überhaupt lebend zu ihm gelangen?
Ebenfalls vorher, im 6. Buch, gab es eine ähnliche Situation, die deutlich macht, wie prekär in dieser heroischen Welt die Scham der Beteiligten ist. Der Grieche Menelaos hatte den Trojaner Adrestos besiegt. Der bietet seinem Überwinder Reichtümer an für den Fall der Verschonung. Tatsächlich wird Menelaos weich, sein Herz ist bewegt. Schon will er den Gegner als Gefangenen zu den Schiffen bringen lassen. Aber das bekommt Agamemnon mit und der macht Menelaos Vorwürfe. Niemand solle geschont werden, "auch nicht im Schoße das Knäblein, welches die Schwangere trägt". Homers Kommentar dazu lautet, sein (Agamemnons) Wort sei "gerecht" gewesen. Anschließend stößt Agamemnon Menelaos fort und bohrt dem unglücklichen Gegner die Lanze in den Bauch. Dann stemmt er ihm die Ferse auf die Brust und zieht die Lanze aus dem Körper. Nestor ermahnt nach dieser Tat seine Mitkämpfer dazu, mit Rauben und Töten nicht zu zaudern, auch nicht damit, anschließend die Leichen zu fleddern. Später schlägt Agamemnon auch anderen Überwundenen die Bitte um Gnade ab. Auf Achill selbst könnte man sich ebenfalls berufen. Im 21. Gesang bittet der überwundene Lykaon ihn um Gnade, umschlingt flehend seine Knie, erinnert ihn an die einstige Freundschaft, an die Tatsache, dass er kein leiblicher Bruder Hektors sei, also die Rache nicht verdiene. Aber Achill bleibt ungerührt. Vor Patroklos' Tod habe er Schonung geübt, sich mit Gefangennahme und Verkauf begnügt. Nun müsse jeder Trojaner sterben. Auch ihm selbst sei der Tod in der Schlacht einst sicher, was solle also die Klage? Dann kommt der Todesstoß mit dem Schwert in die Gurgel. Damit nicht genug, folgt ein "jauchzender Ruf" dem in den Fluss Geworfenen nach: Die Fische sollen ihm das Blut von der Wunde ablecken, das "weiße Fett schmausen". Morden genügt nicht, zum Morden gehört auch noch die Verhöhnung. Dem sterbenden Hektor hatte Achill ebenfalls mitgeteilt, er werde dessen Leiche den Hunden zum Fraß vorwerfen, so wie dieser es zuvor Patroklos angedroht hatte.
Also wenig Mitleid bei Achill und den anderen heroischen Kämpfern, aber doch diese Scham, diese letzte Scheu vor Höherem. Was soll daran den Anstand vorbereiten? Die Antwort lautet: Es geht um eine Sitte, um etwas, was man tut bzw. nicht tut. Leichen gibt man heraus, vor allem wenn es Götter befehlen. Es geht um eine Norm, an die sich auch ein Heros wie Achill halten muss. Wenige Jahrzehnte nach der 'Ilias' beschreibt ein anderer Autor, Hesiod, in gut 800 Versen den Landbau im Einklang mit der Welt der Götter ('Werke und Tage'). Und wieder taucht die Scham auf, diesmal in Verbindung mit dem Recht. Recht und Scham seien aus der Welt geflohen ("es herrscht das Recht der Fäuste"), heißt es, und gemeint ist: Die staatliche und die häusliche Ordnung sind zerfallen. Wieder einige Jahrhunderte später, in der 'Medea'-Tragödie des Euripides (aufgeführt 431 v. Chr., zur Blütezeit Athens), hören wir fast das Gleiche. Jason hat Medea mit ihren gemeinsamen Kindern verlassen. Der Chor beklagt ihr Schicksal. Glaube und Treue seien auf den Kopf gestellt, als würden die Flüsse aufwärtsfließen, heißt es. Und dann: "Der Eide Kraft schwand und die Göttin Scham / Weilt nicht mehr in dem griechischen Land. In den Himmel flog sie." Recht und Scham stellen auch hier die Säulen der Zivilisiertheit dar, als Doppelsäulen, die für die große (staatliche) und die kleine (häusliche) Ordnung stehen. Noch ist nicht nach göttlichem und menschlichem Gesetz unterschieden, nach universell Gültigem und dem, worauf man sich geeinigt hat. Aber es wird deutlich, dass die Scham zu dem tendiert, was bald als Sitte gilt, als das, was sich ziemt. Wo es daran fehlt, kommt es jedenfalls zur Tragödie. Jason hat dagegen verstoßen und Medea in eine Rasende verwandelt, die aus Rache ihre eigenen Kinder ermorden wird. Eine barbarische Tat nach Einbruch der Barbarei. Scham und Recht waren nicht mehr der Wall, der die Barbarei abwehrte. Die Zuschauer im Theater sind schockiert und gewarnt.


Produktinformation

  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 286 S.
  • Seitenzahl: 287
  • Best.Nr. des Verlages: 10703
  • Deutsch
  • Abmessung: 202mm x 133mm x 25mm
  • Gewicht: 396g
  • ISBN-13: 9783150107034
  • ISBN-10: 3150107032
  • Best.Nr.: 25632444
Ein anregendes Buch. 'Die Welt' Eine sehr lesbare, populärwissenschaftliche Einführung über den Anstand. 'ARD Morgenmagazin'

Ein anregendes Buch. -- Die Welt

Eine sehr lesbare, populärwissenschaftliche Einführung über den Anstand. -- ARD Morgenmagazin

"Ein anregendes Buch." -- Die Welt "Eine sehr lesbare, populärwissenschaftliche Einführung über den Anstand." -- ARD Morgenmagazin
Karl-Heinz Göttert, geboren 1943 in Koblenz, studierte Geschichte und Germanistik und ist Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die Themenfelder Rhetorik, Magie und Alltag im Mittelalter, zu denen er bereits verschiedene Bücher veröffentlichte. Er hat zuletzt 14 Jahre an der historischen Orgel einer kleinen romanischen Kirche den Dienst versehen.

Leseprobe zu "Zeiten und Sitten" von Karl-Heinz Göttert

Am Anfang war die Scham

Homer, Ilias

Ganz am Ende von Homers Ilias, nach heutigem Wissen entstanden in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., kommt es zu einer berühmten Szene. Der Grieche Achill hat den Trojaner Hektor getötet und seine Leiche geschändet. Da taucht Hektors Vater Priamos im Lager der Griechen auf und bittet um Herausgabe des toten Sohnes. Er appelliert an Achills Mitleid und stützt sich auf etwas, das dieses Mitleid offenbar motiviert - auf Scheu bzw. Scham als Respekt vor den Forderungen der Götter:

Also staunte Achilleus, als er Priamos sah, den gottgleichen,

Staunten die anderen auch und schauten an da einander.

Priamos wandte sich flehend an ihn und sagte die Worte:

"Denke an deinen Vater, du göttergleicher Achilleus,

Der so alt ist wie ich, an des Alters verderblicher Schwelle.

Und es könnte wohl sein, dass Umwohner ihn da bedrängen,

Und es findet sich keiner, der Not und Verderben ihm abwehrt.

Aber wahrhaftig, wenn er dann hört, du seist noch am Leben,

Freut er in seinem Mut sich und hofft darauf alle die Tage,

Seinen geliebten Sohn aus Troja kommen zu sehen.

Aber ich ganz Unselger; da zeugte ich Söhne, die Besten

In dem geräumigen Troja, und keiner ist, sag ich, geblieben.

Fünfzig hatte ich einst, als die Söhne der Danaer kamen;

Neunzehn hatte der Leib von einer Mutter geboren,

Aber die andren gebaren mir in den Hallen die Frauen.

Vielen von ihnen löste der stürmische Ares die Glieder;

Doch der mein Einziger war und selber die Stadt mir beschützte,

Diesen erschlugst du jüngst, als er für das Vaterland kämpfte,

Hektor; und seinethalb komme ich her zu den Schiffen Achaias,

Ihn von dir loszukaufen mit unermesslichen Gaben.

Scheue du aber die Götter, Achilleus, erbarme dich meiner,

Deines Vaters gedenkend. Ich bin erbarmenswürdig;

Denn ich erdulde, was nie ein anderer Mensch noch erduldet,

Dass ich die Hand des Manns, der den Sohn mir mordete, küsste!"

Die Ilias ist ein Urtext der europäischen Kultur, vergleichbar nur mit der Bibel. Ein Autor, der immer Homer genannt wurde, hat darin den Kampf um Troja vor damals rund 400 Jahren geschildert. Allerdings ist 'Schilderung' kaum das richtige Wort. Nicht nur, dass die Ereignisse der zehn Jahre von Sagen überwuchert sind. Es handelt sich auch sonst nicht um eine Reportage, vielmehr beschränkt sich Homer in 15000 Versen auf ganze 51 Tage und nicht einmal auf die letzten: Der Fall der Stadt kommt gar nicht mehr vor, sondern wird im Nachfolgewerk der Odyssee eines ganz sicher anderen Dichters (der ebenfalls Homer genannt wurde) erzählt. Der eigentliche Inhalt der Ilias ist nach Ausweis der ersten Zeile des Prologs vielmehr der Zorn des Achill - ein komplizierter, ein zweifacher Zorn. Zuerst zürnt Achill dem Anführer der Griechen, Agamemnon, weil dieser ihn zwingt, eine gefangene trojanische Frau herauszurücken, während er selbst eine Gefangene behält, die sogar die Ursache dafür ist, dass die Götter den Trojanern im Kampf helfen. Als jedoch Achills Freund (und Geliebter) Patroklos in der Schlacht fällt, besinnt sich der größte Held der Griechen. Er söhnt sich mit Agamemnon aus und zieht in die Schlacht - mit Rachegedanken. So trifft er auf den größten Helden der Trojaner, Hektor, und besiegt ihn im Zweikampf.

Nur ist auch 'Besiegen' wieder kaum das richtige Wort. Gewiss, es findet ein Kampf, ja eine Verfolgungsjagd um ganz Troja statt. Und beim abschließenden Aufeinandertreffen ist Achill der Überlegene. All dies aber geschieht unter dem Eingreifen der Götter, die sich auf die gegnerischen Seiten geschlagen haben und das Geschehen lenken. Hier nun spitzt es sich zu, und Zeus selbst fällt das Todeslos über Hektor, nachdem er von Anfang an den Griechen den Sieg bestimmt hatte. Zwar unterstützen Apoll und Athene ihren trojanischen Liebling, aber es hilft nichts gegen den Entschluss des obersten der Götter. Hektor fällt also, und es folgt auch noch ein brutales Nachspiel um die Leiche. Achill hat nichts dagegen, als seine Begleiter dem bereits Toten weitere Wunden hinzufügen. Er selbst durchbohrt Hektors Ferse und Knöchel, zieht einen Lederriemen hindurch und bindet ihn an sein Pferdegespann, um so wieder und wieder Patroklos' Leichnam zu umrunden - jeden Morgen. An Herausgabe ist also nicht zu denken. Schon vor dem Kampf hatte Achill Hektors Vorschlag zurückgewiesen, dass die Leiche des Unterlegenen den Angehörigen übergeben werden solle. Nach dem Kampf bittet Apoll darum und wird abgewiesen. Nur vor der Zerstörung kann er die Leiche bewahren - sie bleibt bei allem Wüten Achills unversehrt. Und dann diese Szene: der Auftritt von Priamos mit dem gleichen Ansinnen, mit dem Apoll gescheitert ist. Nun bittet nicht ein Gott, sondern ein Vater. Freilich ist er nicht ganz ohne Hilfe. Der Götterbote Hermes hat ihn unerkannt durch die feindlichen Linien geführt und ihm einen wichtigen Tipp gegeben: Priamos soll Achill an dessen eigenen Vater erinnern. So könne er vielleicht sein Herz bewegen.

Dies befolgt Priamos in jener ausufernden Detailliertheit wie bei Homer üblich - unser Textauszug bietet nur den Höhepunkt der Szene. Fürchterliches kommt dabei zutage. Fünfzig Söhne hat Priamos also verloren, zuletzt den ihm liebsten von allen, und zwar von der Hand dessen, vor dem er nun in die Knie sinkt. Ihm bietet Priamos Lösegeld, aber mitten in einer Welt des Mordens und der Gewalt vertraut er auf etwas anderes: darauf, dass Achill sich in den Bittenden hineinversetzen kann, auf ein Sehen mit den Augen des anderen. So hat es Hermes geraten. Und Priamos geht noch einen Schritt weiter. Er nennt einen Grund dafür, dass Achill Mitleid walten lassen sollte. Im Griechischen liegt ein Wort zugrunde (aidós), das als Scheu oder Scham übersetzbar ist, als Achtung vor dem, was man von den Göttern für geboten hält, als unangenehmes Gefühl, wenn man etwas tut, was man nicht tun darf. Achill soll also die Götter scheuen, Scham empfinden, dieses Vaterschicksal zu ignorieren. Man hat daraus eine Schamkultur abgeleitet, die der späteren Schuldkultur vorangegangen sei: ein Handeln aus Angst vor den Göttern statt aus Einsicht in die ihm innewohnende Gerechtigkeit. Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht, ganz so archaisch ist auch das Denken in diesem alten Text nicht. Achill wird die Götter scheuen, aber er erkennt auch den berechtigten Anspruch des Vaters, indem er an seinen eigenen denkt, ja sogar in wehmütiger Erinnerung an ihn so weint wie Priamos über den Verlust des Sohns. Das Ziel ist also erreicht, das Mitleid geweckt, ein Stück Zivilisiertheit in diese reichlich unzivilisierte Welt gebracht.

Nur muss man genau hinsehen: Es ist nicht christlich motiviertes Mitleid, was Achill antreibt, kein Mitleid um des anderen als des anderen willen. So genau hat sich Achill denn doch nicht in Priamos hineinversetzt. In dieser letztlich von den Göttern beherrschten Welt kommt das Mitleid eher aus der Erkenntnis, dass alle das gleiche Problem haben - Spielball zu sein. Achill erzählt anschließend seine eigene Geschichte, die so viel besser nicht ist als die Hektors. Sein eigener Vater hatte zwar nicht fünfzig Söhne, sondern nur einen. Und er verlor diesen auch nicht durch den Tod, sondern vorläufig nur durch den Krieg, der auch Achill zehn Jahre wegführte (und am Ende hinwegraffen wird). Gram also hier wie dort, Leiden unter diesem ewigen Austeilen guter und böser Lose bei beiden. Priamos habe letztlich sogar mehr gute Lose empfangen, jetzt sei ihm gerade ein böses zugefallen. Ja, er werde Hektor freigeben, aber Priamos solle sein Klagen aufgeben, sonst könne er, Achill, es sich noch einmal anders überlegen. Einer wie Achill hat auf Dauer kein Herz für jammernde Väter. Er denkt lediglich an dieses ewige Auf und Ab als Los des Menschen, das Leid zum natürlichsten Schicksal auf der Welt macht. Leid kann niemand verhindern, und Achill wäre der Letzte, der jemanden um seines Leides willen bedauerte, wie es Christen tun. Achill macht schlicht eine Ausnahme, die letztlich nicht auf seine eigene Entscheidung allein zurückgeht. Denn auch seine Mutter, die Göttin Thetis, hat ihn im Namen von Zeus um die Herausgabe gebeten. Diese beruht also weniger auf Achills Mitleid als auf der Erfüllung des göttlichen Befehls, auf der Scheu vor deren Gesetz. Achill weiß nicht, dass mehr als 10 000 Verse vorher, im 23. Vers des 1. Buches, schon einmal von einer solchen Scheu die Rede war. Agamemnon sollte den trojanischen Priester 'scheuen' und dessen (lebende) Tochter herausgeben, aber Agamemnon hatte sich geweigert und damit großes Unheil heraufbeschworen. Am Anfang also keine Scham, woraus prompt alles Unheil folgte. Jetzt Scham, die ein Stück Erlösung bringt. Im Übrigen ist Achill eher beeindruckt von der Situation insgesamt: Wie konnte einer dies wagen? Wie überhaupt lebend zu ihm gelangen?

Ebenfalls vorher, im 6. Buch, gab es eine ähnliche Situation, die deutlich macht, wie prekär in dieser heroischen Welt die Scham der Beteiligten ist. Der Grieche Menelaos hatte den Trojaner Adrestos besiegt. Der bietet seinem Überwinder Reichtümer an für den Fall der Verschonung. Tatsächlich wird Menelaos weich, sein Herz ist bewegt. Schon will er den Gegner als Gefangenen zu den Schiffen bringen lassen. Aber das bekommt Agamemnon mit und der macht Menelaos Vorwürfe. Niemand solle geschont werden, "auch nicht im Schoße das Knäblein, welches die Schwangere trägt". Homers Kommentar dazu lautet, sein (Agamemnons) Wort sei "gerecht" gewesen. Anschließend stößt Agamemnon Menelaos fort und bohrt dem unglücklichen Gegner die Lanze in den Bauch. Dann stemmt er ihm die Ferse auf die Brust und zieht die Lanze aus dem Körper. Nestor ermahnt nach dieser Tat seine Mitkämpfer dazu, mit Rauben und Töten nicht zu zaudern, auch nicht damit, anschließend die Leichen zu fleddern. Später schlägt Agamemnon auch anderen Überwundenen die Bitte um Gnade ab. Auf Achill selbst könnte man sich ebenfalls berufen. Im 21. Gesang bittet der überwundene Lykaon ihn um Gnade, umschlingt flehend seine Knie, erinnert ihn an die einstige Freundschaft, an die Tatsache, dass er kein leiblicher Bruder Hektors sei, also die Rache nicht verdiene. Aber Achill bleibt ungerührt. Vor Patroklos' Tod habe er Schonung geübt, sich mit Gefangennahme und Verkauf begnügt. Nun müsse jeder Trojaner sterben. Auch ihm selbst sei der Tod in der Schlacht einst sicher, was solle also die Klage? Dann kommt der Todesstoß mit dem Schwert in die Gurgel. Damit nicht genug, folgt ein "jauchzender Ruf" dem in den Fluss Geworfenen nach: Die Fische sollen ihm das Blut von der Wunde ablecken, das "weiße Fett schmausen". Morden genügt nicht, zum Morden gehört auch noch die Verhöhnung. Dem sterbenden Hektor hatte Achill ebenfalls mitgeteilt, er werde dessen Leiche den Hunden zum Fraß vorwerfen, so wie dieser es zuvor Patroklos angedroht hatte.

Also wenig Mitleid bei Achill und den anderen heroischen Kämpfern, aber doch diese Scham, diese letzte Scheu vor Höherem. Was soll daran den Anstand vorbereiten? Die Antwort lautet: Es geht um eine Sitte, um etwas, was man tut bzw. nicht tut. Leichen gibt man heraus, vor allem wenn es Götter befehlen. Es geht um eine Norm, an die sich auch ein Heros wie Achill halten muss. Wenige Jahrzehnte nach der Ilias beschreibt ein anderer Autor, Hesiod, in gut 800 Versen den Landbau im Einklang mit der Welt der Götter (Werke und Tage). Und wieder taucht die Scham auf, diesmal in Verbindung mit dem Recht. Recht und Scham seien aus der Welt geflohen ("es herrscht das Recht der Fäuste"), heißt es, und gemeint ist: Die staatliche und die häusliche Ordnung sind zerfallen. Wieder einige Jahrhunderte später, in der Medea-Tragödie des Euripides (aufgeführt 431 v. Chr., zur Blütezeit Athens), hören wir fast das Gleiche. Jason hat Medea mit ihren gemeinsamen Kindern verlassen. Der Chor beklagt ihr Schicksal. Glaube und Treue seien auf den Kopf gestellt, als würden die Flüsse aufwärtsfließen, heißt es. Und dann: "Der Eide Kraft schwand und die Göttin Scham / Weilt nicht mehr in dem griechischen Land. In den Himmel flog sie." Recht und Scham stellen auch hier die Säulen der Zivilisiertheit dar, als Doppelsäulen, die für die große (staatliche) und die kleine (häusliche) Ordnung stehen. Noch ist nicht nach göttlichem und menschlichem Gesetz unterschieden, nach universell Gültigem und dem, worauf man sich geeinigt hat. Aber es wird deutlich, dass die Scham zu dem tendiert, was bald als Sitte gilt, als das, was sich ziemt. Wo es daran fehlt, kommt es jedenfalls zur Tragödie. Jason hat dagegen verstoßen und Medea in eine Rasende verwandelt, die aus Rache ihre eigenen Kinder ermorden wird. Eine barbarische Tat nach Einbruch der Barbarei. Scham und Recht waren nicht mehr der Wall, der die Barbarei abwehrte. Die Zuschauer im Theater sind schockiert und gewarnt.

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