Zeit des Wartens - Parrella, Valeria

Valeria Parrella 

Zeit des Wartens

Roman

Übersetzung: Nattefort, Anja
Broschiertes Buch
 
Erscheint nicht laut Verlag
Nicht lieferbar
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Zeit des Wartens

Lebensnah, bewegend, kraftvollMaria ist Lehrerin in Neapel und freut sich auf die Geburt ihres ersten Kindes. Doch als die kleine Irene schon nach sechs Monaten auf die Welt kommt, kann keiner der Ärzte sagen, wie sich das Kind entwickeln wird. Plötzlich sieht Maria ihr Leben und ihre Umgebung in einem ganz neuen Licht. Sie muss akzeptieren, wie unberechenbar das Schicksal ist, doch sie spürt auch, wie sie innerlich an dieser Erfahrung wächst.

Maria ist Lehrerin in Neapel und hat ihr Leben fest im Griff: Sie ist ungebunden, emanzipiert und freut sich auf ihr erstes Kind. Doch dann kommt Irene schon im sechsten Monat zur Welt, muss in den Brutkasten, und niemand weiß, wie es weitergehen wird. Die Ausnahmesituation ändert Marias Blick auf sich und ihre Umgebung: Sie erlebt eine Stadt, deren Zerrissenheit zwischen überbordender Vitalität und tiefer Resignation täglich spürbar ist. Sie muss akzeptieren, dass das Schicksal unberechenbar ist, doch sie merkt auch, wie sie innerlich daran wächst. Nach mehreren Wochen ist Irenes Zustand stabil. Für Mutter und Tochter beginnt das Leben neu. Ein bewegender literarischer Roman, geschrieben in einer klaren, unsentimentalen Sprache.


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 128 S.
  • Seitenzahl: 128
  • Goldmann Taschenbücher Bd.47392
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 118mm
  • ISBN-13: 9783442473922
  • ISBN-10: 3442473926
  • Best.Nr.: 29696003
"Valeria Parrella ist Neapolitanerin, und Neapel steckt in jedem ihrer Sätze... Es ist ein Neapel jenseits der Klischees, beinahe ein Lebensgefühl... Sie fängt die Widerständigkeit eines Menschenschlags ein und hält Stimmungen in Bildern fest." (Neue Zürcher Zeitung)
Valeria Parrella, 1974 in Neapel geboren, studierte Sprachwissenschaften, arbeitete als Buchhändlerin, lebt in Neapel.

Leseprobe zu "Zeit des Wartens" von Valeria Parrella

Ich habe es versucht. Tag für Tag, wenn ich auf die U-Bahn zum Krankenhaus wartete, habe ich versucht zu lesen. Anfangs gelang es mir auch, denn ich hatte ja nur noch meinen Kopf. Und der kannte sich mit Büchern aus.

An den endlosen Nachmittagen meiner Jugend, nach den Hausaufgaben und vor dem Abendessen, dehnte sich das Zimmer aus: Jedes Geräusch, der Krach der Konservenfabriken, die uns die Luft zum Atmen nahmen, und der Groll meiner Eltern, die sich von einem Ende des Flurs zum anderen beschimpften - all dies versank in Lautlosigkeit, und die Zeit stand still, denn ich las.

Mein Kopf war also daran gewöhnt, nur sich selbst zu vertrauen. Und immer, wenn er sich von der Realität betrogen fühlte, erlag er dem Irrtum, sich selbst zu genügen.

Aber nun schaffte ich es nicht einmal, einen Roman zu lesen: Hinter jedem Wort, und war es noch so umsichtig gewählt, lauerte eine Grube, ich stolperte verzweifelt von einer Zeile zur nächsten. Also flüchtete ich mich auf ein Terrain, das den Schmerz nicht so leicht durchsickern ließ, und las Sachbücher. Ich suchte mir ein Thema aus, das präzise war wie die Mathematik und blutig wie eine Revolution: Laizismus, aber es hätte auch etwas anderes sein können. Um zu vermeiden, dass mich jemand nach meinem Befinden fragte, kaufte ich meine Lektüre in einer Buchhandlung in der Altstadt, die ich sonst nie betrat.

Ich musste systematisch vorgehen. Ich wollte kein Buch auslassen, jedes von vorne bis hinten durcharbeiten und mir am Rand Notizen machen.

Am Anfang funktionierte es, ich redete mir sogar ein, ich führe jeden Morgen gern mit der U-Bahn zum Krankenhaus: damit ich weiterlesen konnte. Doch nach kurzer Zeit glaubte ich das selbst nicht mehr und ließ mich ablenken. Es dauerte keine Woche, da lehnte ich den Kopf ans Fenster, gab mich meinen Tagträumen hin und sah den ein- und aussteigenden Leuten zu. Ich spürte meine Handtasche mit dem Buch und den Bleistift darin und redete mir ein: "Ich bin nur körperlich müde, im Kopf bin ich voll da."

In Wirklichkeit hatte ich auch den längst verloren. Es muss irgendwo auf dem Heimweg passiert sein, an einem jener Nachmittage, wo ich erst im Dunkeln wieder auftauchte und nicht einmal mehr Zeit zum Einkaufen war. Wahrscheinlich geschah es in der Via Foria, in der Nähe des Botanischen Gartens, der gerade neu eröffnet, aber schon vor der Fertigstellung wieder in desolatem Zustand war - wie alles in dieser Stadt. Ich schätze, dort ist es passiert, und zwar abends, denn ich kam immer erst abends aus dem Krankenhaus, bis auf die wenigen Male, wo ich flüchtete oder gar nicht erst hinfuhr, dann sah ich die Welt auch bei Tageslicht. Die Welt draußen, außerhalb des Krankenhauses.

Ich erinnere mich an einen Urlaub auf Lampedusa - als Urlaub noch hieß, alles hinter sich zu lassen -, bei dem das Zimmermädchen sagte, meine Stadt sei wunderschön.

"Wann waren Sie denn dort?", fragte ich sie, während ich eilig meine Unterwäsche in einer Schublade versteckte.

"In der Stadt noch nie. Ich habe sie nur aus einem Fenster des Krankenhauses gesehen."

Und von den hinteren Gebäudeteilen ist das Panorama wirklich beeindruckend. Ich entdeckte es, als ich eines Tages eine Möglichkeit suchte zu rauchen, ohne dafür jedes Mal nach unten gehen zu müssen. Ich fand ein langes, schmales Fenster in der Toilette, es war ziemlich weit oben, aber ich konnte auf den Klodeckel steigen. Ich teilte das Fenster die ganze Zeit über mit einer Taube, die davor ihr Nest gebaut hatte. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits den Kopf verloren, denn vor Tauben habe ich mich immer geekelt. Die Ärmsten sind nicht besser oder schlechter als andere, aber in dieser Stadt sind es einfach zu viele. Nachdem ich dieses Fenster mit Aussicht entdeckt hatte, leisteten wir uns jedenfalls nahezu schweigend Gesellschaft.

Jeden Tag, drei Monate lang, unterbrach ich meinen elfstündigen Besuch in regelmäßigen Abständen und betrachtete von dort die Stadt. Ich machte mir ein Spielchen daraus, den Dom, die Galleria Umberto oder die Altstadt zu suchen, und ich habe mich nie dabei gelangweilt.

Den Nikotingestank konnte nicht einmal die antiseptische Seife vertreiben, obwohl ich die Ärmel hochkrempelte und mich zwei Minuten lang bis zu den Ellbogen einschäumte, wie es die Hygienevorschriften der Intensivstation vorsahen. Wenn ich bei der kleinsten Aufregung zu schwitzen begann, trat der Mief durch den blauen Kittel, und wenn mein Atem sich vor Angst in ein Keuchen verwandelte, drang er auch durch den Mundschutz.

Ich musste mir deshalb einige Vorwürfe anhören. Als mich ein junger Arzt mit sehr blauen Augen um eine Zigarette bat, gab ich sie ihm gerne. Wie man sich bei Tisch das Brot reicht.

Die Sache ist die: Meine Tochter Irene war dabei zu sterben oder auf die Welt zu kommen, das habe ich nie so ganz verstanden, denn vierzig Tage lang schien es ein und dasselbe zu bedeuten. Die Ärzte zu fragen war sinnlos, sie antworteten nur: "Signora, das kann niemand wissen."

Nun fühlte ich mich auch noch von der Wissenschaft betrogen und erinnerte mich zwangsläufig an meinen alten Irrtum. Wenn ich mich umblickte, sah ich Menschen, die den Kopf verloren hatten und ihre Zeit im Wartezimmer verbrachten. Die Mutter des niedergestochenen Mädchens war heute wieder in demselben Jogginganzug und mit derselben Haarspange erschienen, und die Tante, die sie begleitete, lungerte in der Sitzecke herum und sah sich die Promi-Fotos in der "Chi" an. Der Chefarzt glaubte wohl, eine von ihnen vor sich zu haben. Oder den Junkie, der die Spinde aufgebrochen hatte. Ich atmete tief durch. Dann wog ich sorgfältig meine Worte und mein Lächeln ab, ging im Stillen jeden einzelnen Begriff durch, der nur eine einzige Sache bedeuten konnte, und hakte nach: "Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Was halten Sie für die angemessene Vorgehensweise? Angenommen, sie überlebt, mit welchen Behinderungen muss man dann rechnen?"

Während ich auf die Antwort wartete, unterzog ich mich einer gründlichen Inspektion: Meine Fingernägel waren in Ordnung, ich hatte ein Buch in der Handtasche und besaß ein Girokonto, auf dem jeden Monat ein Gehalt vom Ministerium einging.
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