Leseprobe zu "Wolfsschwert / Warhammer 40,000 - Space Wolves Bd.4"
Wir schreiben das einundvierzigste Jahrtausend. Seit über hundert Jahrhunderten sitzt der Imperator bewegungsunfähig auf dem Goldenen Thron der Erde. Er ist durch den Willen der Götter Herr über die Menschheit und durch die Stärke seiner unerschöpflichen Armeen Herr über eine Million Welten. Er ist ein verfaulender Kadaver, der sich unsichtbar in Kräften windet, die aus dem Finsteren Zeitalter der Technologie stammen. Er ist der Leichenfürst des Imperiums, dem jeden Tag tausend Seelen geopfert werden, auf dass er niemals leibhaftig sterben möge.
Doch auch in seinem untoten Zustand hält der Imperator weiter ewige Wacht. Gewaltige Schlachtflotten wechseln in das von Dämonen verseuchte Miasma des Warpraums, der einzigen Verbindung zwischen entfernten Sternen, deren Routen durch den Astronom erleuchtet werden, der psychischen Willens-Manifestation des Imperators. Riesige Armeen kämpfen in seinem Namen auf unzähligen Welten. Seine besten Soldaten sind die Adeptus Astartes, die Space Marines, genmanipulierte Superkrieger. Ihre Waffenbrüder sind Legion: die Imperiale Garde und unzählige planetare Verteidigungsstreitkräfte, die immer wachsame Inquisition und die Techpriester der Adeptus Mechanicus, um nur einige zu nennen. Doch trotz ihrer großen Zahl reichen sie kaum aus, um sich der allgegenwärtigen Bedrohung durch Nichtmenschen, Ketzer, Mutanten und Schlimmerem zu erwehren.
In diesen Zeiten ein Mensch zu sein bedeutet einer von unzähligen Milliarden zu sein. Es bedeutet, unter dem grausamsten und blutigsten Regime zu leben, das man sich vorstellen kann. Dies sind die Geschichten dieser Zeiten. Vergesst die Macht der Technologie und Wissenschaft, denn unendlich viel wurde vergessen und nie wieder neu gelernt. Vergesst das Versprechen von Fortschritt und Verständnis, denn in der grimmigen finsteren Zukunft gibt es nur Krieg. Es gibt keinen Frieden zwischen den Sternen, nur eine Ewigkeit des Gemetzels und des Abschlachtens und des Gelächters durstiger Götter.
Prolog
Ringsumher herrschte Totenstille. Die alten Bäume mit ihrer grauen Rinde und den durch die Umweltvergiftung längst abgestorbenen Blättern erhoben sich aus den Schatten wie gequälte Geister. In der Dunkelheit spürte Ragnar die Anwesenheit Bewaffneter, die sich bewegten. Er fürchtete sich nicht. Es waren seine Männer, die geschworen hatten, ihm zu folgen und auf seinen Befehl zu sterben, wenn es sein musste. Er fragte sich, woher dieser Gedanke gekommen war. In dieser Nacht würde niemand von seinen Männern sterben - nicht, wenn es nach ihm ging.
Er betrachtete den weichen Boden. Zwar bewegte er sich nahezu lautlos, aber er hatte keine Möglichkeit, Fußabdrücke zu vermeiden. Dafür sorgte das Gewicht seiner Rüstung. Nach wochenlangen Kämpfen in den Ruinen der Makropolen von Hesperida befand er sich nun fast wieder in der Natur. Fast. Die Gegend hier musste früher ein Park oder eine Waldkuppel gewesen sein, bevor die Kultisten sich erhoben hatten, ein Ort des Vergnügens, den die Wohlhabenden aufgesucht haben würden, um nachzuerleben, wie früher einmal die Oberfläche ihrer Welt ausgesehen hatte. Jetzt war es eine Stätte des Todes, die große geodätische Kuppel war zerschmettert, und die ekelhafte Luft des gequälten Planeten konnte ungehindert eindringen. Überall lagen Panzerglassplitter von dem Kollaps, von denen einige fast menschengroß waren.
Die Nachtluft war eine eigenartige Mischung verschiedener Gerüche: die Fäule abgestorbener Bäume, die Sporen der schnell wachsenden Pilze, die an ihren Stämmen wuchsen, Industriegifte, die schwachen Ausdünstungen von Tieren, die vor nicht allzu langer Zeit hier vorbeigekommen waren. Und überall und beständig war der schwache, schleichende Gestank, den das Chaos hinterließ, wenn es sich auf einer Welt für wie lange auch immer eingenistet hatte. Es war der Gestank der Verdorbenheit, voll, süß und widerlich.
Plötzlich ging Ragnar auf, dass er die Quelle kannte. Einige der Bäume lebten noch - die von Pilzen überwucherten, die blassesten, die grauesten, die am kränksten aussehenden. Sie wurden nicht durch irgendeinen Parasiten getötet, erkannte er. Sie wurden von ihm oder in ihn verwandelt. Es war die einzige Möglichkeit, wie irgendein lebendiges Etwas in einer derart rapide veränderten Umwelt überleben konnte.
Aus irgendeinem Grund dachte er an Gabriella und die Navigatoren und lächelte grimmig. Diese Gedanken kamen ihm seit Jahrzehnten das erste Mal. Er schüttelte den Kopf. Er musste sich auf seine unmittelbare Aufgabe konzentrieren. In dieser vergifteten Nacht liefen Feinde frei herum, Feinde, die ihn und seine Männer unbedingt tot sehen wollten. Und im Augenblick war Verstohlenheit ihr einziger Schutz.
Ragnar wusste nicht, was oben im Orbit schief gegangen war, aber irgendwas war falsch gelaufen. Zuletzt hatte er eine kurze, verstümmelte Nachricht über Kommnetz empfangen, welche die Ankunft einer riesigen Feindflotte meldete. Dann hatte sich alles in statisches Rauschen aufgelöst. Das war ihm wie ein Signal erschienen, das den Beginn der Feindoffensive verkündete. Die Kultisten hatten mit Unterstützung schwerer Waffen und seltsamer Zauberei angegriffen. Ragnar hatte seine Männer die Stellung so lange wie möglich halten lassen, aber ihm war von Anfang an klar gewesen, dass sie ein Rückzugsgefecht austrugen und sie letzten Endes ihre Stellung würden aufgeben müssen.
Er hatte mehrfach versucht, die Einsatzleitung zu erreichen, aber das gesamte Netz war zusammengebrochen. Ob dies auf Zauberei zurückzuführen war oder auf irgendeinen verrückten Klimaeffekt, spielte keine Rolle. Seine Vorgesetzten konnten nicht wissen, was passiert war, und es gab keine Möglichkeit, Unterstützung anzufordern. Jedenfalls brauchte er keinen Zugang zum Kommunikationssystem, um zu wissen, dass kein Entsatz kommen würde.
Das Getöse der Chaos-Titan-Waffen und der Schlachtenlärm verrieten ihm alles, was er wissen musste. Der Feind hatte eine gewaltige Offensive an allen Fronten begonnen. Ragnars Blutwolf-Kundschafter waren mit der Nachricht zurückgekehrt, dass die beiden angrenzenden Abschnitte der Front, die von der Imperialen Garde und planetaren Einheiten gehalten wurden, bereits nachgegeben hatten. Seine Männer und die Einheiten der hiesigen Dienstverpflichteten, die sie unterstützten, waren jetzt ein Keil in der Masse des feindlichen Hauptvorstoßes. Und bald würde ihnen der Rückzug abgeschnitten sein.
Im Angesicht des auf sie niederfallenden Schmiedehammers hatte er keine andere Wahl gehabt, als den Befehl zum Rückzug zu geben. Der Befehl war auf wenig Gegenliebe gestoßen. Der ehrenhafteste Tod eines Wolfskriegers war der Tod in der Schlacht, und es lag nicht in ihrer Natur, vor dem Feind zurückzuweichen.
Ragnar grinste. Ein Wolflord brauchte keine Liebe, sondern Gehorsam, und den bekam er. Es war nicht seine Pflicht, grundlos Leben zu opfern. Es war seine Pflicht, den Feind zu besiegen. Wenn das jedoch nicht möglich war, würde er so viel von seiner Streitmacht erhalten, wie er konnte, sodass sie bei anderer Gelegenheit zurückkehren und den Feind überwinden konnten. Sie hatten so lange ausgehalten, wie sie konnten, und den Männern Gelegenheit gegeben, sich durch die Trümmer der großen Kuppel zurückzuziehen. Tatsächlich hatten sie mit der Abwehr der feindlichen Angriffe die Arbeit einer Armee von zehnfacher Größe geleistet.
Es war nicht leicht gewesen. Sie hatten die meiste Zeit in tiefen Bunkern verbracht, inmitten der Trümmer, den Kopf heruntergenommen und einen Artilleriehagel über sich ergehen lassen in dem Wissen, dass der Feind vorrücken würde, sobald der Beschuss endete. Vielleicht sogar eher, denn die Heerführer der Finsteren Götter des Chaos gingen achtlos mit dem Leben ihrer Anhänger um. Sie waren aus ihren Löchern gekrochen, um Sondierungsangriffe und noch eine massive Angriffswelle abzuwehren, die sie denkbar knapp zurückgeworfen hatten. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte Ragnar gewusst, dass die Zeit zum Rückzug gekommen war. Er hatte Befehl gegeben, die versteckten Sprengsätze überall in ihren Stellungen scharf zu machen, und zugesehen, wie die ersten Trupps mit der Nacht verschmolzen. Irgendwo hinter ihm wartete die Nachhut und feuerte sporadisch auf den Feind, um den Eindruck zu erwecken, sie würden ihre Stellung noch halten.
Er fragte sich, wie eng die Schlinge um ihren Hals lag. Wenn die Einschließung vollkommen war, würden die Kundschafter bald auf feindliche Posten und Streifen stoßen. Sie hatten Befehl, sich zurückzumelden, ohne sich in Kämpfe verwickeln zu lassen, aber es war immer möglich, dass es den Söhnen von Fenris irgendwie gelang, einen Kampf anzufangen.
Er hatte sein Möglichstes getan, um insbesondere den Blutwölfen klar zu machen, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Gewalt war. Ein einziger Fehler konnte das Ende ihrer gesamten Kompanie bedeuten. Sie hatten den Anschein erweckt, als begriffen sie den Ernst der Lage, aber wer wusste schon, wie sie sich draußen im Feld verhalten würden?
Ragnar schob diese Überlegungen beiseite. Er hatte getan, was er konnte, und die Dinge lagen nicht in seiner Hand. Er musste sich auf das konzentrieren, was er beeinflussen konnte. Er hob die Nase in den Wind und witterte seine Kameraden, aber auch etwas, bei dem sich seine Nackenhaare sträubten - den Makel von Wahnsinn und Mord, der ihm so vertraut war. Tief in ihm rührte sich etwas. Er verspürte den Drang, zu knurren und zu zerreißen. Seine Sorge um die Kundschafter kehrte zurück. Wenn der Gestank des Chaos noch nach so vielen Jahren Einfluss auf ihn hatte, was war dann mit diesen jungen Burschen ...?
Es hatte keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, erinnerte er sich. Sie waren ebenso gut ausgebildet, wie man ihn selbst ausgebildet hatte. Sie wussten, was zu tun war. Er musste nur darauf vertrauen.
Der Boden erbebte unter seinen Füßen, als weitere Hochgeschwindigkeitsgranaten einschlugen. Er erstarrte instinktiv in dem Versuch, mit seiner Deckung zu verschmelzen. Diese Granaten waren ganz in der Nähe heruntergekommen. Hatte der Feind sie gesichtet und aufs Korn genommen? Es war schwer zu sagen, wie das mit konventionellen Mitteln bewerkstelligt worden sein sollte, aber das Chaos war nicht ausschließlich auf konventionelle Mittel angewiesen. Es verfügte über Zauberer und Dämonen und alle möglichen divinatorischen Zauber und Hilfsmittel. In seiner Laufbahn hatte Ragnar genügend Beweise dafür gesehen, um dies nicht im Geringsten anzuzweifeln.
Ihre eigene Stellung war angeblich durch die Zauber der Runenpriester geschützt, aber diese waren schon vor Tagen gewirkt worden und hatten die Angewohnheit, sich gerade in dem Augenblick abzuschwächen und aufzulösen, wenn sie am dringendsten gebraucht wurden. Ragnar richtete ein kurzes Stoßgebet an Russ und zwang sich, seinen Weg fortzusetzen. Überall ringsumher taten seine Krieger dasselbe. Wegen der Rudelmentalität der Wolfskrieger hatten sie instinktiv auf seine Reaktion gewartet. Jetzt wurden sie wieder aktiv.
Schritt für Schritt arbeiteten sie sich vorsichtig durch die Schatten der großen verkrüppelten Bäume, graue Geister in einer grauen Landschaft, zu einer vergänglichen Zuflucht vor. Ragnar wusste nicht einmal, ob es überhaupt noch eine Zuflucht gab. Was die Kundschafter zuvor gemeldet hatten, mochte jetzt keinen Bestand mehr haben. In einer Schlacht veränderte sich ständig die Lage. Starr erscheinende Linien schmolzen plötzlich dahin wie Spuren im Sand bei Flut. Vielleicht waren die Männer hinter ihnen von der vorrückenden Flut des Bösen überrannt worden. Das würde er erst wissen, wenn er dort war. Wieder verfluchte er die Schlacht, die über ihnen tobte. Ohne Zugang zum Kommnetz und ohne divinatorische Sensoren in der Umlaufbahn waren sie blind und taub. Wenigstens hoffte er, dass über ihnen noch die Schlacht tobte. Wenn die imperiale Flotte eine Niederlage erlitten hatte, waren sie abgeschnitten und schon so gut wie tot, ohne es zu wissen.
Durch ein Loch in den Wolken schaute er zum Himmel und zu den seltsamen Sternen. Sie glänzten und funkelten merkwürdig, da die Verschmutzung der Luft das Licht brach. Einige dieser Lichter waren vielleicht Schiffe, dachte er, und manche davon mochten gerade Waffen von unvorstellbarer Gewalt auf Feinde abfeuern, die durch titanische Energien geschützt wurden. Das ließ sich nicht sagen. Er konnte nur warten und hoffen.
Wie rasch eine Situation sich ändern kann, dachte er. Vor einer Woche hatte es noch so ausgesehen, als seien sie Herr der Lage. Seine Truppen hatten die meisten umliegenden Gebietsquadranten vom Feind gesäubert und waren bereit für einen Vorstoß ins Herz des Feindes - die große Zitadelle, wo die Rebellion ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte.
Das Auftauchen der Feindflotte und eine unerwartet große Anzahl feindlicher Truppen hatten alle sorgfältigen Berechnungen über den Haufen geworfen. Ragnar sagte sich, dass noch kein Grund zur Verzweiflung bestand. Er hatte sich schon in aussichtsloserer Lage befunden. Er hatte schon Situationen überstanden, neben denen diese hier sich wie Feiertagsruhe ausnahm. Aber es war schon merkwürdig, dass verblasste Erinnerungen an längst überwundene Gefahren nie an Gefühle heranreichten, die durch gegenwärtige Bedrohungen ausgelöst wurden. Er hatte genug Männer sterben sehen, um zu wissen, wie ihre Aussichten waren. Wie gut ausgebildet oder erfahren man auch war, es bestand immer die Möglichkeit, von einer verirrten Kugel getroffen zu werden. Nicht einmal Chancen von tausend zu eins kamen einem so abwegig vor, wenn man schon an tausend Kämpfen teilgenommen hatte.
Woher kamen diese Gedanken?, fragte er sich. Ein Anführer mit einer imperialen Streitmacht zu seiner Verfügung hätte sie eigentlich gar nicht haben dürfen. Normalerweise war er nicht so. Und er fühlte sich schlechter als ein normaler Anführer, weil sein Rudel seine Stimmung über die Witterung aufnahm, die es von ihm bekam, und diese Stimmung auf seine Männer abfärbte.
Wurde er irgendwie angegriffen? War irgendeine Chemikalie in der Luft, die zu subtil für seine Detektoren und seine Nase war, um sie auszumachen? Oder war ein Zauberer der Dämonen-Anbeter am Werk? Nicht alle Zauber drehten sich um Feuerbälle oder beschworen irgendeine Höllenbrut. Er war vor offensichtlichen Angriffen geschützt und wusste, wie man sich eines direkten Vorstoßes in seinen Geist erwehrte. Aber das hier konnte etwas viel Raffinierteres sein, überlegte er, ein flankierender Angriff auf die Zitadelle seines Geistes. Er begann mit dem Rezitieren einer Schutzlitanei, leise und fast unhörbar.
Sofort fühlte er sich besser, obwohl er nicht wusste, ob das am Trost lag, den ihm die Worte spendeten, oder an der Macht des Gebets selbst. Sergeant Urlec tauchte neben ihm auf. In seiner Witterung lag Bitterkeit. Der Sergeant zog bei sich viele von Ragnars Entscheidungen in Zweifel. Zwischen ihnen gab es Reibereien, und Ragnar wusste um ihre Ursachen. Es handelte sich um die Spannung zwischen dem jüngeren Wolf und dem älteren angesichts der Frage, wer das Rudel führen würde. Diese Reibereien waren seit den uralten Zeiten der Ersten Gründung inhärenter Bestandteil der Gensaat jedes Wolfs.
Ragnar war früher auch so gewesen, und er fragte sich, wann die Herausforderung kommen würde. Es war seltsam, sich in dieser Situation als der Ältere zu sehen. Er hatte seine Führungsposition früh errungen und war vermutlich an Jahren jünger als Urlec, obwohl das keinen Einfluss darauf hatte, wie sie beide die Situation betrachteten.
"Die Kundschafter melden Feinde voraus", sagte Urlec. "Sieht ganz so aus, als wären wir abgeschnitten!"
"Haben die Kundschafter das gesagt, Sergeant?", erwiderte Ragnar. Sie unterhielten sich so leise, dass nur ein anderer Wolfskrieger ihre Worte hätte aufschnappen können und das auch nur, wenn er sehr nahe gewesen wäre. Urlecs Witterung wurde stechender.
"Nein, Lord Ragnar", sagte er widerstrebend. "Sie haben nur gesagt, dass der Feind zugegen ist."
"Dann gibt es noch keinen Beweis für eine Einkreisung, Sergeant", sagte Ragnar, dessen Nackenhaare sich sträubten, als er die gegenteiligen Worte sprach. "Nur weil der Feind da ist, sind wir nicht notwendigerweise abgeschnitten. Senden Sie die Kundschafter aus und beauftragen Sie sie, die feindlichen Stellungen auszuspionieren. Der Rest des Rudels soll in der Zwischenzeit langsamer vorrücken. Wir wollen im Dunkeln nicht in ein Feuergefecht stolpern."
"Das wurde bereits veranlasst", sagte Urlec mit einiger Befriedigung. Ragnar widerstand dem Drang zu knurren. Natürlich hatte Urlec das veranlasst. Er war fähig. Deswegen hatte Ragnar ihn nach Vitulvs Tod befördert. Er wünschte nur, der Mann wäre weniger selbstzufrieden gewesen. Gerade jetzt konnte er diesen Wettstreit des Willens und des Verstandes mit seinem ältesten Sergeant überhaupt nicht gebrauchen. Es gab wichtigere Dinge.
Ragnar zwang sich, langsamer zu atmen. Das Problem hier war seines. Die Torheit Urlecs war nur ein Hindernis mehr, das er überwinden musste, wenn er seine Kompanie am Leben erhalten wollte. Um den Mann würde er sich später kümmern, aber im Augenblick musste Ragnar mit seiner Anwesenheit und Einstellung leben.
"Sehr gut", sagte er in dem Wissen, dass Urlec Ragnars Stimmung dessen Witterung entnehmen konnte. Er erwog noch einmal kurz die Möglichkeit eines psychischen Angriffs. Vielleicht war dies mehr als instinktive Feindschaft, vielleicht war es irgendeine Form eines magischen Angriffs. Ragnar wünschte, Bruder Hrothgar wäre zugegen, um eine Divination auszuführen. Aber das war so wie der Wunsch nach einer Flotte, die sie zum Mond transportieren würde. Vor drei Tagen war Hrothgar zur Einsatzleitung beordert worden, und seitdem hatte er nichts von ihm gehört. Das war ein Jammer. Vielleicht hätte er mit einer Sendung herausfinden können, was dort vor ihnen vorging.
Ragnar verlangsamte sein Tempo, als er und der Sergeant auf Gruppen von Wölfen stießen, die in Deckung kauerten. Wenigstens nahmen sie die Lage ernst.