Wohne bei dir selbst - Eckert, Johannes

Johannes Eckert 

Wohne bei dir selbst

Der Klosterplan als Lebensmodell

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Wohne bei dir selbst

Was das Kloster über mich selbst lehrt

Wer sehnt sich nicht nach wohltuenden Ordnungen im alltäglichen Leben! Ein Modell für alle wichtigen Bestandteile unseres eigenen Lebenshauses liefert - so das engagierte Plädoyer des Benediktinerabtes Johannes Eckert - der Plan eines Klosters. Von der Pforte über die Kirche, die Zelle, die Krankenabteilung bis hin zum Friedhof erinnern alle konkreten Plätze, die zu einem Kloster gehören, an Lebensaufgaben und Lebensräume, die wir alle zu verschiedenen Zeiten unserer Biografie zu gestalten oder zu betreten haben. Kloster-Erkundungen werden so zur spirituellen Lebenshilfe für alle, die für sich neue Klarheit wollen.



Produktinformation

  • Verlag: Kösel
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 206 S. m. zahlr. Farbfotos.
  • Seitenzahl: 208
  • Deutsch
  • Abmessung: 227mm x 179mm x 20mm
  • Gewicht: 594g
  • ISBN-13: 9783466368402
  • ISBN-10: 3466368405
  • Best.Nr.: 26240229
"Ein herrlich praktisches und tiefsinniges Buch."
Abt Dr. Johannes Eckert OSB, geb. 1969, ist Benediktinermönch und seit 2003 Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs. Neben seinen vielfältigen seelsorgerischen Tätigkeiten gestaltet er seit einigen Jahren die stark nachgefragten Manager-Exerzitien auf dem Heiligen Berg Andechs.

Leseprobe zu "Wohne bei dir selbst" von Johannes Eckert

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Leseprobe zu "Wohne bei dir selbst" von Johannes Eckert

"Wohne bei dir selbst!" Ein bekannter Spruch des Münchener Kabarettisten Karl Valentin (1882-1948) erläutert humorvoll, was der Titel besagen will: "Heute besuch ich mich, hoffentlich bin ich zu Hause!" Diese hintergründige Bemerkung bringt eine urmenschliche Problematik zum Ausdruck: Einerseits sehnen wir uns danach, bei uns selbst zu Hause zu sein, bei uns zu wohnen, und andererseits erleben wir häufig, dass wir davon weit entfernt sind. Feststellungen wie "Ich muss erst einmal wieder zu mir kommen" oder "Ich brauche etwas Zeit, um zu mir zu finden" verdeutlichen dies. Freilich macht es manchem Angst, sich Zeit für sich zu nehmen. Es ist nicht immer einfach, mit sich selbst etwas anzufangen, es bei sich auszuhalten, indem man z.B. ein Buch zur Hand nimmt und liest, den zu Ende gehenden Tag am Abend reflektiert oder versucht, einen Moment einfach zur Ruhe zu kommen. Auch gibt es Menschen, die scheinbar ständig vor sich selbst auf der Flucht sind, indem sie sich in die Arbeit stürzen, alles Mögliche tun, aber letztlich nicht greifbar sind. In der Beschäftigung mit allem Möglichen kommt es schleichend zur Entfremdung von sich selbst.

"Bei sich zu sein" bedeutet so viel wie "in sich zu ruhen", entsprechend der Feststellung: "Du machst mir einen aufgeräumten Eindruck. Du strahlst innere Ruhe aus." Freilich stellt uns das Leben mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten und Angeboten, die uns tagtäglich präsentiert werden, oft vor ganz andere Herausforderungen: Ein Termin jagt den anderen, sodass man pausenlos beschäftigt sein könnte und nur noch wenig Raum für sich selbst verbleibt. Die mobile Gesellschaft lässt kaum Erholungsphasen für die Regeneration zu. Oft sind es die sogenannten Übergangszeiten im Auto oder in der U-Bahn, die es einem ermöglichen, etwas zur Ruhe zu kommen, wenn nicht schon wieder der nächste Termin vorbereitet werden muss. Hinzu kommt, dass die zweifellos praktischen und hilfreichen Kommunikationsmöglichkeiten wie Handy oder Internet Informationen in Sekundenschnelle transportieren. Doch wenn es nicht gelingt, für sich klare Grenzen zu ziehen, dann kann die Außenwelt zu jeder Tages- und Nachtzeit in unsere Innenwelt einbrechen. Dies alles erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstbewusstsein, um sich nicht im Vielerlei der Dinge zu verlieren. Unsere Sprache beschreibt diesen Prozess treffend, wenn wir sagen, dass sich jemand "in seinen Aufgaben verliert".

"Kloster auf Zeit": Ein- und Heimkehr zu sich selbst "Heute besuch ich mich, hoffentlich bin ich zu Hause!" - Es scheint gar nicht so selbstverständlich zu sein, dass wir bei uns zu Hause sind, und es tröstet nur wenig, dass sich schon vor unserer Zeit Menschen mit dieser Problematik auseinandersetzen mussten, wie etwa Bernhard von Clairvaux (1090-1153). Als ausgemacht aktiver Mönch durchreiste er ganz Europa, um die zisterziensische Reformbewegung zu fördern und die Politik von Kaiser und Papst mitzubestimmen. 38 Jahre lang war er Abt von Clairvaux. In dieser Zeit gründete er 166 Klöster in ganz Europa, d.h. im Schnitt errichtete er alle zwei bis drei Monate ein neues Kloster. So verstanden war Bernhard von echtem Unternehmergeist ergriffen. Doch damit nicht genug: Als Staatsmann vermittelte er zwischen den Gegenpäpsten, verfolgte die Ketzerbewegung in Südfrankreich, rief zum zweiten Kreuzzug auf und mischte sich in die theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit ein. Zahlreiche Predigten, Briefe und Traktate sind uns von ihm überliefert.

Fünf Bücher widmete dieser umtriebige Kirchenmann seinem früheren Schüler Bernhard Paganelli, der inzwischen Papst geworden war und als Eugen III. (1145-1153) die Geschicke der christlichen Welt bestimmte. Inmitten seines Aktionismus, den das neue Amt mit sich brachte, ermahnt ihn Bernhard zur Besinnung. Mit deutlichen Worten legt der Reformabt seinem Mitbruder ans Herz, die vielfältigen Beschäftigungen, die er als occupationes, "Besetzungen", bezeichnet, doch zumindest von Zeit zu Zeit zu unterbrechen, um wieder zur Ruhe zu finden und dadurch wieder zu sich einkehren zu können. Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
"Höre also, was ich rügen und raten möchte: Wenn du dein ganzes Leben und Wissen für die Tätigkeit aufwendest, für die Besinnung aber nichts, soll ich dich da etwa loben? (...) Wenn dich alle in Beschlag nehmen, so sei auch du selber einer von ihnen. Wieso sollst nur du um das Geschenk deiner selbst betrogen werden? Wie lange noch willst du ein Geist sein, der ausgeht, aber nicht heimkehrt? Achte also darauf, dass du dir - ich will nicht sagen immer, nicht einmal häufig, doch dann und wann - Zeit für dich selber nimmst!"

Mit seiner "vorsichtigen Ermahnung", wie Bernhard seine Ratschläge betitelt, schöpft der benediktinische Reformer aus dem reichen Schatz monastischer Spiritualität.

Schon Papst Gregor der Große (540-604), der in jungen Jahren ebenfalls seinen geistlichen Weg als Mönch begonnen hatte, klagte als Papst darüber, dass er vor lauter Aufgaben im Meer der vielfältigen Beschäftigungen zu versinken drohe. Wehmütig sehnte er sich in die Stille seines früheren Klosters zurück. Zu Beginn des zweiten Buchs der "Dialoge", in dem er das Leben des hl. Benedikt beschreibt, stellt er erschrocken fest: "Depressus sum!" Gregor ist deprimiert. Er leidet offensichtlich an tiefer Depression, weil er in seiner Sehnsucht nach Innerlichkeit nicht genug zu sich selbst zurückfindet. Ein existenzieller Entfremdungsprozess ist bei ihm im Gang.

Ausführlich beschreibt der große Papst dann, wie er einstmals als Mönch in sich ruhte, sich aber nun aufgrund seiner zahlreichen und kaum zu bewältigenden Anforderungen, die das Papstamt mit sich bringt, immer mehr von sich selbst entfremdet habe. Gregor kann einfach nicht mehr. Die Ärzte würden das heutzutage ein klares Burnout-Syndrom nennen.

In seiner Sehnsucht nach Rückkehr zu sich selbst beginnt Gregor das Leben des hl. Benedikt zu beschreiben und seine eigene Situation damit zu konfrontieren. Diese Reflexion dient ihm als heilsame Therapie. Im Spiegel des Ideals und in der Konfrontation mit seiner Entfremdung will er wieder zu sich zurückfinden. Sein Ziel ist es, im Blick auf den Heiligen selbst heil zu werden. So begibt sich Papst Gregor fiktiv in die Obhut Benedikts. Er begibt sich gleichsam in Gedanken in dessen Kloster und unterzieht sich so einem Heilungsprozess.

Der Rückzug in ein Kloster, der heute für viele Menschen, gerade in Führungspositionen, sehr verbreitet ist, um in Besinnungstagen, Exerzitien, Wüstentagen etc. zur Ruhe zu kommen, ist demnach eigentlich nichts Neues.

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