Leseprobe zu "Wörterbuch des Optimisten" von Florian Langenscheidt
Welten liegen zwischen einem Spaziergang bei blauem Himmel und Sonnenschein und einem bei trübem Wetter und Regen, oder? Obwohl die Umgebung - sei es Wald oder Straße - die gleiche ist. Der Optimist in uns hat gutes Wetter bei seinem Gang durchs Leben, der Pessimist schlechtes.
Wir alle haben die Wahl. Wir können uns lebenslang fokussieren auf Misserfolg und Enttäuschung, Hunger und Krieg, Krankheit und Unfall und uns dadurch gleich noch den Genuss an den zweifelsohne vorhandenen Schönheiten und Glücksmomenten verderben lassen. Oder wir können uns freuen an den Momenten des Lichtes und Gelingens - und daraus Energie ziehen für den Kampf gegen all das, was zweifelsohne im Argen liegt und verbessert werden muss. Kein vernünftiger Optimist behauptet, die Welt sei ideal, wie sie ist. Aber er genießt das Genießenswerte und engagiert sich mit Kraft und Hoffnung für eine bessere Welt. "The optimist sees the bagel, the pessimist the hole" sagt man im angelsächsischen Raum.
Das in Ihren Händen liegende Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Lebenseinstellung des Optimisten. Es wird Sie in 66 Stichworten begleiten zu einer optimistischeren Grundhaltung. Die Skeptiker unter Ihnen werden fragen: Lässt sich Optimismus denn lernen? Steckt unsere Grundeinstellung nicht in unseren Genen? Nein, es ist erwiesen, dass sich Zuversicht und Selbstvertrauen in gewissem Maße erlernen lassen. Mit dem Vorbild, das die Eltern geben, geht es los; mit einer Schule, die mehr auf die Stärken der Schüler als auf den pausenlosen Einsatz des Rotstiftes setzt, geht es weiter; und das ganze Leben lang kann man an sich arbeiten, um grundsätzlich erst mal Gutes in der Welt und den Mitmenschen zu sehen. Natürlich geht es nicht ganz ohne Pessimismus, denn negative Gefühle und Furcht können lebensrettend sein, wenn Gefahr droht. Aber wie traurig, wenn Pessimismus zum Leitmotiv des Lebens wird.
Wie viele Chancen gehen verloren, wie viele Türen und Fenster schließen sich!
Dieses Buch ist das erste Wörterbuch des Optimisten. Warum ein Wörterbuch? Das mag daran liegen, dass meine Familie seit mehr als 150 Jahren Wörterbücher verlegt. Aber woher der Optimismus? Auch das mag an familiärer Prägung liegen, erinnere ich mich doch lebendigst an meinen Vater, wie er pfeifend und frohgemut die Treppen zu Hause oder im Verlag hochstürmte. Wohl jeder meiner Freunde würde bestätigen, dass es schwer werden wird, einen optimistischeren Menschen als mich zu finden. Über diese persönliche Grundeinstellung hinaus interessierte mich das ganze Leben schon auch die philosophische und psychologische Grundlage des Optimismus, was während des Philosophiestudiums sogar zur Gründung des Instituts für angewandte Glücksforschung führte. Kein Zufall war es dann wohl, dass ich von der Harvard University aufgefordert wurde, eine Grundsatzrede über Glück und Optimismus an die dortigen Studenten und Studentinnen zu richten. Alles Weitere zu mir und all meinen Aktivitäten, die mich zu Optimismus veranlassen, findet sich unter www.florian-langenscheidt.de.
Da ich in allem Glücksempfinden von den Menschen um mich herum abhänge, hier ein ganz, ganz herzlicher Dank an Eltern, Freunde und Geschwister für wichtige Inspiration und großartige Verbesserungsvorschläge bei der Arbeit an diesem Buch. Danke auch für vielfältige Ideen bei der groß angelegten Brainparty mit
Hunderten von Jugendlichen, welche die Brainstore AG zum Thema Optimismus für mich veranstaltete. Und kein Buch kann erfolgreich sein ohne einen engagierten, kompetenten und professionellen Verlag: deshalb ein tief empfundener Dank an Ulrich Genzler, Anke Drescher, Claudia Limmer und Heike Plauert vom Heyne Verlag. Eine schönere verlegerische Heimat kann ich mir nicht vorstellen.
Viel Spaß bei der Inspiration und beim Lesen! Und vergessen Sie nie: Die wohl größte Höhe, aus der je ein Mensch mit gutem Ausgang abstürzte, waren 6700 Meter. Der russische Pilot Ivan Chisov fiel im 2. Weltkrieg, nachdem sein Flugzeug abgeschossen war, in eine verschneite Schlucht. Sein Sturz wurde weich abgefedert und er überlebte.
Altern
Eigenartig, ein Wörterbuch des Optimisten mit dem Stichwort "Altern" zu beginnen, oder? Sehen Sie es so: Das ist wahrer Optimismus! Denn nirgends sonst pflegt Optimismus so stark zu schwächeln wie angesichts des Alterungsprozesses, dem wir alle unterliegen. Und auch angesichts der Endlichkeit unserer Existenz. Wo soll da Hoffnung liegen, wo doch alles unabänderlich ist, fragen sich selbst Menschen, die sonst eher optimistisch gestimmt sind.
Der negative Blick aufs Altern ist naheliegend. Man kann verzweifeln an Verfall, Krankheit, Perspektivlosigkeit, Leistungsminderung und Gedächtnisschwund. Wilhelm Genazino etwa lässt seinen alternden Antihelden in "Die Liebesblödigkeit" sinnieren: "Wer altert, wird unbemerkt aus der Kurve getragen." Still und leise werde er von seinen Erlebnissen verlassen.
Ihn tröste es nur manchmal ein wenig, das öffentliche Altern von Nachrichtensprecherinnen und Schlagersängern zu beobachten. Max Frisch spricht in "Homo Faber" vom Vakuum zwischen den Lenden und lässt Hanna resigniert feststellen: "Das Leben geht mit den Kindern."
Fragt man Menschen in Fußgängerzonen, welches ihr Idealalter sei, kommt immer wieder 23 heraus. Und in unserer Selbstwahrnehmung scheinen wir bei 35 Jahren stehen zu bleiben: So sehen wir uns auch noch, wenn wir schon 53 sind.
Was hat Optimismus da für eine Chance? Eine große, lebenslange!
Zählen wir nicht die Atemzüge, sondern die Momente, die uns den Atem nehmen.
Freuen wir uns an den Zyklen des Lebens -wie unsere Kinder erwachsen werden und wieder neue Kinder in die Welt setzen, deren Reifung sie begleiten werden; oder wie sie langsam in vielen Lebensbereichen stärker und besser werden als wir selbst und wir nicht beleidigt sind, sondern stolz.
Genießen wir es, nicht mehr jeden Mist mitmachen zu müssen, sondern eine Gelassenheit zu entwickeln, die einfach guttut. Mit welchem Satz warb eine führende Frauenzeitschrift? "Ab 40 baut man ab - Freizeitstress und Termindruck."
Seien wir dankbar für die Weisheit, die sich einstellt, und all die Gelegenheiten, bei denen wir Jüngeren Rat geben können.
Nehmen wir wahr, wie privilegiert wir gegenüber früheren Generationen sind! Keine Kriegsverletzungen, gute Ernährung, medizinischer Fortschritt ...
Wir brauchen nicht den Klassiker jeder Runden-Geburtstags-Rede zu bemühen - das mit dem Wein, der mit dem Alter immer besser wird. Nein, schauen wir Wohnungen an. Warum denn wollen alle Altbau, mit Charme und Patina und Geschichte?
Natürlich ist Sex mit das Beste im Leben, aber hat es nicht auch Vorteile, sich ein wenig vom Sexualtrieb zu befreien? Und verlieben können wir uns in jedem Alter!
Hören wir einander zu - all den Geschichten, die wir uns erzählen können! Und wenn das Gedächtnis nicht mehr ganz so verlässlich ist, was soll's! Dann füllen wir die Lücken eben aus und sehen Erinnern als einen produktiven Prozess. Manches zu vergessen, ist durchaus heilsam.
Schlagen wir das Problem der Alterseinsamkeit durch neue Wohnformen zwischen Alt und Jung oder chaotische Alters-WGs!
Verklären wir bitte nicht die früheren Lebensphasen von Pubertät über den Berufseinstieg bis zum ersten Kind! In jeder haben wir ein Packerl Sorgen zu tragen! Und laut mancher Studie sind Menschen über 60 zufriedener und ausgeglichener als jüngere ...
Kosten wir es aus, dass wir uns als Großeltern nicht mehr mit Schulproblemen und Kleinkinderinfekten herumschlagen müssen! Machen wir aus der begrenzten Zeit, die uns mit den Enkeln vergönnt ist, unvergessliche Momente für beide Seiten voller Liebe und Geduld und Verwöhnung!
Kultivieren wir eine gewisse Dankbarkeit für alles, was wir erleben durften. Das verhindert Verbitterung und hilft bei Rückzug und Abtritt ...Der andere Klassiker bei Reden zum 50., 60. oder 70. Geburtstag ist die Frage, was schlimmer sei, als 50, 60 oder 70 zu werden. Natürlich es nicht zu werden! Da steckt viel Wahres drin. Wer will denn - aus Angst vor dem Alter - jung sterben?
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