Leseprobe zu "Wölfe und Schafe / Alex-Delaware-Roman Bd.11"
Straßen, in denen ein Mord passiert ist, sind selten ansprechend. Diese war die Ausnahme.
Ein sanft geschwungener Spazierweg zur Universität, von Ulmen beschattet, gesäumt von prächtigen Anwesen und Häusern im Kolonialstil, mit Rasenflächen, so makellos wie ein nagelneues Billardtuch.
Riesige Ulmen. Unter einer von ihnen war Hope Devane verblutet, eine Querstraße von ihrem Haus entfernt.
Ich sah mir erneut die Stelle an, die von einem schwachen Mond dürftig erhellt wurde. Nur ein paar Grillen und gelegentlich ein Motorengeräusch durchbrachen die nächtliche Stille.
Anwohner auf dem Nachhauseweg. Die Phase mit den neugierigen Gaffern war lange vorbei.
Milo zündete sich ein Zigarillo an und blies den Rauch zum Fenster hinaus.
Ich kurbelte die Scheibe auf meiner Seite herunter und starrte weiter auf die Ulme.
Ein verdrehter Stamm, so dick wie ein Brückenpfeiler, trug die zwanzig Meter breite Krone mit dem undurchdringlichen Laub. Kräftige, ausladende Äste wirkten im Mondlicht wie mit Reif überzogen, und manche waren so schwer, dass sie den Boden streiften.
Vor fünf Jahren hatte die Stadt aus Geldmangel das Beschneiden der Bäume eingestellt. Es hieß, der Mörder hätte sich unter dem Blätterdach verborgen gehabt, obwohl bis auf Fahrradspuren in einigen Schritten Entfernung nichts darauf hindeutete, ob sich dort jemand aufgehalten hatte.
Drei Monate später war das noch immer bloße Theorie und eine ziemlich schwache obendrein.
Außer Milos Ford, einem Zivilstreifenwagen, standen noch zwei weitere Wagen am Straßenrand, beide mit Parkscheiben an der Windschutzscheibe.
Nach dem Mord hatte die Stadt versprochen, die Ulmen beschneiden zu lassen, was aber bislang noch nicht geschehen war.
Milo hatte mir ziemlich verbittert davon erzählt und die Politiker verflucht. In Wirklichkeit jedoch haderte er mit dem ungelösten Fall.
"Ein paar Schlagzeilen und dann nada."
"Verbrechen sind wie Fastfood", hatte ich gesagt. "Schnell, unappetitlich und rasch vergessen."
"Was sind wir heute wieder zynisch."
"Reine Berufskrankheit: Ich versuche immer, einen Bezug zum Patienten herzustellen."
Das hatte ihn zum Lachen gebracht. Jetzt machte er ein finsteres Gesicht, strich sich die Haare aus der Stirn und blies Rauchringe.
Er fuhr langsam ein Stück die Straße entlang und hielt dann wieder an. "Das ist ihr Haus." Er deutete auf eines der alten Häuser, nicht gerade groß, aber gepflegt. Weiße Holzfassade, vier Säulen, dunkle Fensterläden, glänzende Beschläge an der glänzenden Tür. In zwei Fenstern im ersten Stock schimmerte es matt hinter hellen Vorhängen.
"Jemand zu Hause?", fragte ich.
"Sein Volvo steht in der Auffahrt." Ein heller Kombi.
"Er ist immer zu Hause", sagte Milo. "Geht nie aus."
"Noch in Trauer?"
Er zuckte die Achseln. "Sie hat einen kleinen roten Mustang gefahren. War um einiges jünger als er."
"Wie viel jünger?"
"Fünfzehn Jahre."
"Was interessiert dich an ihm?"
"Sein Verhalten, wenn ich mit ihm rede."
"Nervös?"
"Abweisend. Paz und Fellows fanden das auch. Aber was besagt das schon."
Er hatte keine hohe Meinung von den Detectives, die den Fall zuerst bearbeitet hatten.
"Na ja", sagte ich, "ist der Ehemann nicht immer der Hauptverdächtige? Obwohl es nicht unbedingt typisch ist, sie draußen auf der Straße zu erstechen."
"Stimmt." Er rieb sich die Augen. "Ihr im Schlafzimmer den Schädel einzuschlagen wäre einem verheirateten Mann angemessener gewesen. Kommt trotzdem vor." Er drehte sein Zigarillo zwischen den Fingern. "Man muss nur lange genug leben, dann begegnet einem alles irgendwann mal."
"Wo genau waren die Fahrradspuren?"
"Gleich neben der Leiche, aber darauf würde ich nicht allzu viel geben. Das Labor meint, die könnten zwischen einem und zehn Tage alt sein. Ein Kind aus der Nachbarschaft, ein Student, ein Sportfanatiker, irgendwer. Und keinem der Nachbarn, die ich befragt habe, war ein ungewöhnlicher Fahrradfahrer aufgefallen."
"Was ist ein ungewöhnlicher Fahrradfahrer?"
"Einer, der nicht in die Gegend gehört."
"Einer, der nicht weiß ist?"
"Zum Beispiel."
"Ruhige Gegend hier", sagte ich. "Komisch, wieso niemand Abends um elf irgendetwas gehört oder gesehen hat."
"Der Gerichtsmediziner hält es für möglich, dass sie nicht geschrien hat. Es gab keine Verletzungen, die auf einen Kampf hindeuten."
"Stimmt." Ich hatte den Autopsiebericht gelesen. Sogar die ganze Akte studiert, angefangen mit den ersten Notizen von Paz und Fellows bis hin zum Bericht des Pathologen und dem Stapel Fotos von der Leiche.
"Kein Schrei", sagte ich, "vielleicht wegen der Herzwunde?"
"Der Gerichtsmediziner meint, sie könnte sofort unter Schock gestanden haben."
Mir gingen die Fotos durch den Kopf, Hope Devanes Leiche, weiß wie Eis unter den Lampen in der Gerichtsmedizin. Drei tiefe purpurfarbene Stichwunden in Großaufnahme: in der Brust, im Schambereich und knapp über der linken Niere.
Man nahm an, der Mörder hatte sie überrascht und blitzschnell durch einen Stich getötet, der ihr förmlich das Herz zerfetzte; dann hatte er ein zweites Mal oberhalb der Vagina zugestoßen und ihr schließlich, als sie schon mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig lag, in den Rücken gestochen.
"Ein Ehemann soll so etwas machen?", sagte ich. "Es kommt mir so geplant vor."
"Dieser Ehemann ist schließlich ein Intellektueller, nicht? ein Denker." Eine dünne Rauchfahne zog aus dem Wagen und verflog augenblicklich in der Nachtluft. "Ich wünsche mir förmlich, dass er es war. Andernfalls ist das Ganze nämlich ein logistischer Albtraum."
"Zu viele Verdächtige."
"Und ob", sagte er, fast singend. "Es gibt zig Leute, die sie gehasst haben könnten."
Ein Psycho-Bestseller veränderte Hope Devanes leben.
"Wölfe und Schafe" war nicht ihre erste Veröffentlichung: ein psychologisches Sachbuch und drei Dutzend Aufsätze hatten ihr mit achtunddreißig Jahren, zwei Jahre vor ihrem Tod, eine Professorenstelle eingebracht.
"Wölfe" stand einen Monat lang auf den Bestsellerlisten, brachte ihr das Interesse der Medien ein und mehr Geld, als sie in zehn Jahren als Professorin verdient hätte.
Mit ihrer gepflegten Attraktivität und kultivierten Erscheinung kam sie im Fernsehen gut an. Außerdem klang ihre sanfte, melodische Stimme im Radio angenehm, so dass sich die Medien um sie rissen. Und jeder ihrer Auftritte war ein Erfolg. Denn trotz des anklagenden Untertitels von "Wölfe": "Warum Männer Frauen verletzen und was Frauen dagegen tun können" wirkte sie wie eine intelligente, wortgewandte, kluge, sympathische Frau, die sich der Öffentlichkeit zwar ungern, aber voller Anmut stellte.
Das alles wusste ich, aber ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was für ein Mensch sie wirklich gewesen war.
Milo hatte mir drei Kisten mit Unterlagen und Beweismaterial zur Verfügung gestellt: ihren Lebenslauf, Kassetten mit Ton- und Videoaufnahmen, einige Zeitungsartikel, das Buch. Das alles war von Paz und Fellows zusammengetragen, aber niemals gesichtet worden.
Gestern Abend, als Milo mit Ruth und mir in einem Fischrestaurant in Santa Monica zum Essen war, hatte er mir erzählt, man habe ihm den Fall übertragen. Als Ruth irgendwann zur Toilette ging, sagte Milo: "Rat mal, was ich zu Weihnachten bekommen habe?"
"Weihnachten ist doch erst in ein paar Monaten."
"Vielleicht ist es deshalb ja auch kein Geschenk. Ein alter Fall. Drei Monate alt: Hope Devane."
"Und wieso jetzt?"
"Weil die Sache im Eimer ist."
"Der neue Lieutenant?"
Er tunkte eine Garnele in die Cocktailsoße und steckte sie in den Mund. Beim Kauen traten seine Kiefermuskeln hervor. Er blickte sich ständig um, obwohl es nichts zu sehen gab.
Neuer Lieutenant, altes Muster.
Milo war der einzige nachweislich schwule Detective bei der Polizei von Los Angeles und würde nie richtig anerkannt werden. Sein Aufstieg zum Detective hatte zwanzig Jahre gedauert und war von Demütigungen, Schikanen, von Phasen freundlicher Missachtung und Gewaltandrohung begleitet worden. Seine Aufklärungsrate war hervorragend, was die Feindseligkeiten mitunter etwas dämmte. Seine Lebensqualität hing von der Einstellung seines jeweiligen Vorgesetzten ab. Der Neue war konfus und nervös, aber zu sehr von einem Department in Anspruch genommen, das nach den Rassenunruhen verunsichert war, um sich allzu sehr um Milo kümmern zu können.
"Er hat dir die Sache in die Hand gegeben, weil er sie ohnehin für hoffnungslos hält?"
Er lächelte, als ob er einen guten Witz gehört hätte.
"Außerdem", sagte er, "meint er, Devane könnte vielleicht lesbisch gewesen sein. Das müsste doch für Sie ... ähem ... genau das richtige sein, Sturgis."
Eine weitere Garnele verschwand. Sein fleischiges Gesicht blieb unbewegt, während er seine Serviette zusammen- und wieder auseinanderfaltete. Seine Krawatte mit dem entsetzlichen braun-gelben Muster kämpfte einen erbitterten Kampf gegen sein grau kariertes Jackett. Das schwarze Haar, das mittlerweile schon viel Weiß aufwies, war an den Seiten abrasiert, oben jedoch war es lang, und auch die Koteletten waren buschig - und völlig weiß.
"Gibt es hinweise darauf, dass sie lesbisch war?", fragte ich.
"Nix. Aber sie hat ein paar ziemlich böse Dinge über Männer gesagt, ergo, ipso facto."
Ruth kam zurück. Sie hatte ihren Lippenstift erneuert und ihr Haar gekämmt. Das königsblaue Kleid ließ das Braun noch intensiver glänzen, und die Seide des Kleides betonte jede ihrer Bewegungen. Wir hatten einige Zeit auf einer Insel im Pazifik verbracht, und ihre Haut schimmerte noch immer olivenfarben.
"Ihr seht beide so ernst aus", sagte sie, während sie sich setzte. Unsere Knie berührten sich.
"Er hat den Mord an Hope Devane aufgehalst bekommen", sagte ich.
"Ich dachte, den Fall hätten sie zu den Akten gelegt."
"Haben sie ja auch."
"Ein grauenhafter Mord."
Etwas in ihrer Stimme ließ mich aufmerken. "Grauenhafter als irgendein anderer Mord?", wollte ich wissen.
"In gewisser Weise ja. Da geht eine Frau in einer so vornehmen Gegend praktisch vor ihrer eigenen Haustür spazieren, und dann wird sie überfallen und erstochen. Mein erster Gedanke war, sie sei wegen ihrer Ansichten getötet worden. Aber vielleicht war es ja auch bloß irgendein Irrer, der zufällig ausgerechnet sie erwischt hat.
Na ja, wenigstens kümmerst du dich jetzt um die Sache, Milo. Schon was rausgefunden?"
"Noch nicht", antwortete er. "In solchen Fällen fängt man noch mal ganz von vorn an. Hoffen wir das Beste."
Selbst in guten Zeiten war Milo nicht gerade optimistisch.
Aus seinem Mund klang der letzte Satz so unecht, als probte er für ein Schülertheater.
"Außerdem", sagte er, "habe ich mir überlegt, ob Alex mir vielleicht helfen könnte. Schließlich war Dr. Devane ja Psychologin."
"Hast du sie gekannt, Alex?"
Ich schüttelte den Kopf.
Der Kellner trat an unseren Tisch." Noch Wein, die Herrschaften?"
"Ja", sagte ich. "Bitte noch eine Flasche."
Am nächsten morgen brachte Milo mir die Kisten mit den Unterlagen und ging wieder. Zuoberst lag der Lebenslauf.
Ihr voller Name lautete Hope Alice Devane. Vater: Andrew. Mutter: Charlotte. Beide verstorben.
In der Rubrik "Familienstand" hatte sie verheiratet eingetragen, ohne jedoch Philip Seacrests Namen anzugeben, in der Rubrik "Kinder" keine.
Sie stammte aus dem kalifornischen Städtchen Higginsville, von dem ich noch nie gehört hatte, das aber vermutlich in der nähe von Bakersfield lag, denn dort hatte sie die High-School als Beste ihres Jahrgangs absolviert und anschließend ein Stipendium für ihr Psychologiestudium an der University of California in Berkeley bekommen. Nach dem Studium, das sie mit Auszeichnung abschloss, hatte sie dort auch mit der Promotion begonnen.
Noch während des Studiums hatte sie ihre ersten beiden Arbeiten veröffentlicht. Nach Abschluss der Promotion war sie nach Los Angeles gekommen, wo sie in der Psychiatrie des County General Hospital arbeitete. Anschließend wurde sie als Lehrbeauftragte für Frauenstudien an die Universität berufen und erhielt schon ein Jahr darauf eine Stelle als Privatdozentin am Institut für Psychologie.
Auf den nächsten zehn Seiten waren zahllose Mitgliedschaften in Forschungsgesellschaften aufgeführt, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Auszüge aus Artikeln und Vorträgen, die sie auf Kongressen gehalten hatte. In ihren Forschungen hatte sie sich zunächst mit dem unterschiedlichen Leistungsvermögen von Jungen und Mädchen bei mathematischen Tests beschäftigt, dann hatte sie sich auf die Erforschung von Geschlechterrollen und Erziehungsmethoden verlegt und schließlich die Auswirkung der jeweiligen Geschlechterrolle auf die Selbstkontrolle untersucht.
Pro Jahr hatte sie im Durchschnitt fünf Artikel in angesehenen Zeitschriften veröffentlicht, was ihr einen blitzartigen Aufstieg auf der Karriereleiter garantierte. Trotzdem war an diesem Lebenslauf nichts Ungewöhnliches, bis ich an das Ende ihrer Bibliographie gelangte, wo eine Überschrift "Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen und Medienarbeit" in etwa erahnen ließ, welche Wendung ihr Leben in dem Jahr vor ihrem Tod genommen hatte.
"Wölfe und Schafe", die Angaben der verschiedenen Übersetzungen, dann zahllose Interviews für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, Auftritte in Talk-Shows.
Der letzte Abschnitt mit der Überschrift "Verwaltungstätigkeiten" beschäftigte sich wieder mit dem staubtrockenen akademischen Alltag. Sie hatte in einigen Ausschüssen mitgearbeitet. Verwaltungskram, wie ich ihn nur allzu gut kannte. Dann, sechs Monate vor ihrem Tod, hatte sie den Vorsitz bei etwas übernommen, das sich "Disziplinarausschuss" nannte und worunter ich mir nichts vorstellen konnte. Ob es mit sexueller Belästigung zu tun hatte? Mit der Ausnutzung von Studenten durch die Fakultät? Wenn ja, dann barg diese Tätigkeit durchaus das Potenzial für feindselige Gefühle. Ich machte mir einen Vermerk und wandte mich dann "Wölfen und Schafen" zu.
Der Buchumschlag war mattrot mit erhabenen Goldbuchstaben und einer kleinen schwarzen Darstellung zwischen dem Namen der Verfasserin und dem Titel: Silhouetten der namengebenden Tiere.
Das Maul des Wolfes war mit Reißzähnen gespickt, und seine Krallen reckten sich bedrohlich nach dem zu klein geratenen Schaf. Auf der Rückseite gab es ein Farbfoto von Hope Devane. Sie hatte ein ovales, hübsches Gesicht, trug ein beigefarbenes Kostüm, eine Perlenkette und saß sehr gerade auf einem braunen Sessel, dahinter waren verschwommen Bücherregale zu erkennen. Lange und schmale Hände mit rosa lackierten Fingernägeln. Das honigblonde Haar war nach hinten gekämmt, und die zarten Wangenknochen wurden durch Rouge betont. Hellbraune Augen, klar, groß und offen, weich, ohne schwach zu wirken. Ein selbstbewusstes, vielleicht leicht ironisches Lächeln auf den schimmernden Lippen.
Die Seiten waren geknickt, und Milo hatte mit gelbem Textmarker Unterstreichungen vorgenommen und mit Bleistift am Rand Notizen gemacht. Ich las das Buch, dann fuhr ich zur Universität und spielte ein Weilchen am Computer der Fachbibliothek Medizin.
Interessante Ergebnisse. Ich fuhr wieder nach Hause und sah mir die Videobänder mit den Talk-Shows an.
Vier Talk-Shows, viermal ein lärmendes, und iszipliniertes Publikum und vier ölige, pseudo-sensible und absolut austauschbare Talkmaster:
Talk mit Yolanda Michaels: Was macht eine Frau aus?
Hope Devane ließ die verkniffenen Ergüsse einer Feminismusgegnerin über sich ergehen, die allen Frauen empfahl, regelmäßig die Bibel zu lesen, sich zu schminken und ihre Ehemänner im durchsichtigen Regenmantel mit nichts darunter an der Haustür zu empfangen.
Sid, Live!: Gefangene des Sex?
Hope Devane debattierte mit einem Anthropologen, der behauptete, alle Geschlechtsunterschiede seien angeboren und unveränderlich, und Männer und Frauen sollten einfach lernen, miteinander auszukommen. Hope versuchte mit dürftigem Ergebnis, vernünftig zu argumentieren.
Die Gina-Sydney-Jerome-Show:
Hope Devane bei einer Diskussionsrunde, die ähnlich unerquicklich verlief.
Morry Mayhew und Gäste: Sind Frauen wirklich das schwache Geschlecht?
Hope Devane im Streitgespräch mit dem Leiter einer mir gänzlich unbekannten Organisation, die sich für die Rechte der Männer einsetzt. Der Mann attackierte sie mit unverhohlenem Frauenhass.
Diese Show war anders - der Aggressionspegel stieg um mehrere Grad. Ich ließ das Band zurücklaufen und sah mir das Ganze noch einmal an.
Der Frauenhasser hieß Karl Neese. Etwa dreißig, schlank, mit modischem Haarschnitt, aber mit vorsintflutlichen Ansichten, die er rücksichtslos und beleidigend äußerte.
Seine Widersacherin verlor kein einziges Mal die Beherrschung, unterbrach ihn nicht, wurde nicht laut, auch dann nicht, wenn Neeses Kommentare von rüpeligen Machos im Publikum mit Applaus bedacht wurden.
MAYHEW: Okay, Dr. Devane, könnten Sie uns bitte erklären -
NEESE: Erklären Sie uns, wieso diese Feministinnen dauernd über ihre Problemchen jammern - nörgel, nörgel, nörgel. Aber sie finden nichts dabei, nach Lust und Laune abzutreiben, bloß weil ihnen ein Baby gerade nicht in den Kram passt -
MAYHEW: - warum Ihrer Meinung nach so viele Frauen das Opfer von skrupellosen -
NEESE: Weil sie skrupellose, brutale Männer wollen. Sie wollen Gefahr. Erregung. Und davon können sie gar nicht genug kriegen. Sie behaupten zwar das Gegenteil, aber es soll doch mal einer versuchen, bei einer Frau zu landen, wenn er nett zu ihr ist. Nett heißt schwach, und schwach heißt blöd. Und blöd darf nicht ran! (Gelächter, Applaus)
HOPE DEVANE: Da könnte was dran sein.
NEESE: O ja. Süße, und ob an mir was dran ist. (Anzüglich grinsend)
DEVANE: Mitunter nehmen wir gefährliche Verhaltensmuster an. Ich glaube, der springende Punkt dabei ist das, was wir als Kinder gelernt haben.
NEESE: Zeig mir deinen Punkt, dann zeig ich dir meinen.
MAYHEW: (Lächelnd) Bitte, Karl. Was und wie lernen wir als Kinder, Doktor Devane?
DEVANE: Wir lernen von den Rollen, die uns die Erwachsenen vorleben. Von dem Verhalten, das wir nachahmen sollen -
In diesem Stil ging es weiter. Jedes mal, wenn er das Publikum zum Johlen gebracht hatte, wartete sie ab, bis sich alle wieder beruhigt hatten, und gab dann knappe, präzise Antworten, ohne sich dabei auf sein Niveau herabzulassen. Am Schluss hörten die Leute ihr zu, und Neese wirkte verunsichert.
Ich spulte noch einmal zurück und konzentrierte mich diesmal ganz auf Hope und darauf, was sie so erfolgreich machte. Sie suchte furchtlos Blickkontakt und stellte damit Intimität her, außerdem trat sie so selbstsicher auf, dass selbst banale Äußerungen von ihr tiefsinnig wirkten.
Ausstrahlung. Sie strahlte ruhige Gelassenheit aus.
Sie war brillant, und unwillkürlich fragte ich mich, was sie wohl noch alles erreicht hätte, wenn sie am Leben geblieben wäre.Am Ende der Sendung fing die Kamera Neeses Gesicht in Großaufnahme ein. Kein überhebliches Grinsen mehr.
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