Wo kein Zeuge ist / Inspector-Lynley Bd.13 - George, Elizabeth

Elizabeth George 

Wo kein Zeuge ist / Inspector-Lynley Bd.13

Aus d. Engl. v. Ingrid Krane-Müschen u. Michael J. Müschen
Gebundenes Buch
 
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Wo kein Zeuge ist / Inspector-Lynley Bd.13

Thomas Lynley und Barbara Havers ermitteln in ihrem 13. Fall. Es wird ihr bislang härtester werden. Und er wird ihr Leben von Grund auf verändern…
Ein Teenager wird tot auf einem Grabstein in London aufgefunden – alles scheint auf einen Ritualmord hinzuweisen. Als man Thomas Lynley und Barbara Havers von New Scotland Yard den Fall überträgt, ist soeben klar geworden, dass ein brutaler Serienmörder bereits sein viertes Opfer gefunden hat. Brisant ist, dass die ersten drei Opfer alle dunkler Hautfarbe waren. Doch warum reagiert die Polizei erst jetzt? Rassendiskriminierung, so lautet der Aufschrei der empörten Öffentlichkeit. Die forensischen Untersuchungen lassen keinen Zweifel: alle Morde tragen dieselbe Handschrift. Welche Gemeinsamkeit verbindet aber die Opfer? Barbara Havers, degradiert wegen eigenmächtigen Handelns, stößt auf eine erste heiße Spur. Doch der Tod eines fünften Jungen weicht vom Muster ab. Waren Lynley und Havers auf der falschen Fährte? Hat der Killer seinen modus operandi verändert – oder hat ein Nachahmungstäter zugeschlagen? Trotz fieberhafter Ermittlungen kann die Polizei den verstörenden Verlauf des Falles nicht verhindern. Und Lynley wird mit der größten persönlichen Tragödie seines Lebens konfrontiert ...

Der 13. Kriminalroman mit den Kult-Ermittlern Thomas Lynley und Barbara Havers: spannender, ergreifender und psychologisch raffinierter denn je.



Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 797 S.
  • Seitenzahl: 797
  • Inspector Lynley Bd.13
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 927g
  • ISBN-13: 9783764501655
  • ISBN-10: 3764501650
  • Best.Nr.: 20822929
"Knapp 800 Seiten lang hält uns Elizabeth George in Atem. Es ist ihr bestes Buch: ein meisterhafter Balanceakt auf dem schmalen Grad zwischen schonungsloser Schärfe und Schrecken einerseits, beruhigender Vertrautheit und dem familiären Alltagstrott andererseits." (Buchjournal)
Die Amerikanerin Elizabeth George hatte von Jugend an ein ausgeprägtes Faible für die britische Krimitradition. Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren ihre Bücher. Ausgezeichnet mit dem Anthony Award, dem Agatha Award und dem Grand Prix de Litérature Policière. Die Autorin lebt in Huntington Beach/Kalifornien.

Leseprobe zu "Wo kein Zeuge ist / Inspector-Lynley Bd.13"

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Prolog

Die Dietrich war Kimmo Thorne von allen die Liebste: das Haar, die Beine, die Zigarettenspitze, der Zylinder und der Frack. Sie war das, was er "das Komplettpaket" nannte, und seiner Ansicht nach konnte keine ihr das Wasser reichen. Ach, natürlich konnte er auch die Garland darstellen, wenn's sein musste. Die Minnelli war einfach, und er wurde eindeutig immer besser bei der Streisand, aber wenn er die Wahl hatte - und die hatte er in der Regel, nicht wahr? -, dann entschied er sich für die Dietrich. Die kesse Marlene. Seine Nummer eins. Marlene konnte die Krümel aus dem Toaster singen, das war keine Frage.

Er hielt also die Pose am Ende des Lieds nicht deshalb, weil es für die Darbietung erforderlich war, sondern weil er sie so liebte. Das Ende von "Falling in Love Again" verklang, und er verharrte wie eine Marlene-Statue: der eine Fuß im hochhackigen Pumps auf dem Stuhl, die Zigarettenspitze zwischen den Fingern. Der letzte Ton verhallte, und er stand immer noch reglos da, zählte bis fünf - ergötzte sich an Marlene und an sich selbst, denn sie war gut, und er war gut, er war sogar verdammt gut, wenn man's genau nahm -, ehe er sich rührte und das Karaokegerät abschaltete. Er lupfte den Zylinder, schlug die Frackschöße zurück und verneigte sich tief vor seinem zweiköpfigen Publikum. Tante Sal und seine Großmutter - seine treuesten Fans - reagierten genau, wie er erwartet hatte: "Großartig! Einfach großartig, Junge", rief Tante Sally. Und Gran sagte: "Das ist unser Junge, wie wir ihn kennen. Durch und durch talentiert, unser Kimmo. Was werden deine Eltern nur sagen, wenn ich ihnen die Fotos schicke!"

Das würde sie bestimmt schnellstens hierher bringen, dachte Kimmo sarkastisch. Aber er stellte den Fuß noch einmal auf den Stuhl, denn er wusste, Gran meinte es gut, auch wenn sie nicht die Allerhellste war, was ihre Ansichten über seine Eltern betraf.

Gran wies Tante Sally an: "Weiter nach rechts, fang seine Schokoladenseite ein." Nach wenigen Minuten war das Foto gemacht und die Show für den heutigen Abend vorüber.

"Wo soll's denn hingehen heute Abend?", fragte Tante Sally, als Kimmo in sein Zimmer ging. "Hast du eine neue Flamme, mein Junge?"

Hatte er nicht, aber das musste sie ja nicht wissen. "Ich geh zu Blinker", erwiderte er munter.

"Nun, dann treibt keinen Unsinn, dein Freund und du."

Er zwinkerte ihr zu. "Würden wir doch nie tun, Tantchen", log er im Hinausgehen. Er zog die Tür hinter sich zu und schloss ab. Zuerst kümmerte er sich um das Marlene-Kostüm. Kimmo zog es aus und hängte es auf, ehe er sich an seine Frisierkommode setzte. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel und erwog einen Moment, das Make-up teilweise zu entfernen. Aber schließlich verwarf er den Gedanken mit einem Schulterzucken und durchwühlte seinen Schrank nach zweckdienlicher Kleidung. Er wählte ein Sweatshirt mit Kapuze, seine bevorzugten Leggings und die knöchelhohen Wildlederstiefel mit den flachen Sohlen. Die Zweideutigkeit seiner Erscheinung gefiel ihm. Mann oder Frau?, mochte ein Beobachter sich fragen. Aber nur wenn Kimmo sprach, war die Antwort eindeutig. Denn er war endlich in den Stimmbruch gekommen, und wenn er den Mund aufmachte, war das Spielchen vorbei.

Er zog sich die Kapuze des Sweatshirts über den Kopf und schlenderte die Treppe hinab. "Ich bin dann weg!", rief er seiner Großmutter und Tante zu, während er seine Jacke vom Haken neben der Tür nahm.

"Wiedersehen, mein Liebling!", antwortete Gran.

"Bleib anständig!", fügte Tante Sally hinzu.

Er warf ihnen eine Kusshand zu. Sie erwiderten die Geste. "Hab dich lieb", sagten alle gleichzeitig.

Draußen zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch und löste die Kette, mit der sein Fahrrad am Treppengeländer gesichert war. Er schob es zum Aufzug, drückte auf die Ruftaste, und während er wartete, überprüfte er, ob die Satteltaschen auch alles enthielten, was er brauchen würde. Er hatte eine geistige Checkliste, deren einzelne Punkte er nun abhakte: Nothammer, Handschuhe, Schraubenzieher, Brecheisen, Taschenlampe, Kopfkissenbezug, eine rote Rose. Letztere ließ er gern als Visitenkarte zurück. Man durfte schließlich nicht nehmen, ohne auch etwas zu geben.

Draußen auf der Straße schlug ihm die eisige Nachtluft entgegen, und Kimmo freute sich nicht gerade auf die lange Fahrt. Er hasste es, mit dem Rad fahren zu müssen, vor allem dann, wenn die Temperatur so nah dem Gefrierpunkt war. Da aber weder Gran noch Tante Sally ein Auto besaßen und er selbst keinen Führerschein hatte, den er einem Polizisten bei einer Kontrolle mit einem einnehmenden Lächeln hätte unter die Nase halten können, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu radeln. Den Bus zu nehmen stand mehr oder minder außer Frage.

Seine Route führte die Southwark Street entlang, dann durch den dichteren Verkehr der Blackfriars Road, bis er nach mehrmaligem Abbiegen Kennington Park erreichte. Von dort - Verkehr oder nicht - ging es praktisch schnurgerade nach Clapham Common und zu seinem Ziel: Ein frei stehendes, zweigeschossiges Wohnhaus aus rotem Backstein, das für seine Zwecke günstig gelegen war und das er in den vergangenen Monaten sorgfältig ausgekundschaftet hatte.

Inzwischen kannte er den Tagesablauf der Familienmitglieder so genau, als lebte er selbst dort. Er wusste, die Leute hatten zwei Kinder. Mum hielt sich fit, indem sie jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, Dad nahm den Zug von der Clapham Station. Sie hatten ein Aupair-Mädchen, das an zwei festgelegten Wochentagen seine freien Abende hatte, und an einem dieser Abende - immer am gleichen - verließen Mum, Dad und die Kinder das Haus gemeinsam und fuhren zu ... Kimmo hatte keine Ahnung. Zum Abendessen bei der Großmutter, nahm Kimmo an, aber es konnte genauso gut ein langer Gottesdienst sein, eine Familientherapie oder Yogaunterricht. Entscheidend war, dass sie den Abend nicht zu Hause verbrachten und lange wegblieben. Wenn sie heimkamen, mussten die Eltern die Kleinen jedes Mal ins Haus tragen, weil sie im Auto eingeschlafen waren. Und das Aupair-Mädchen verbrachte den Abend mit zwei anderen Mädchen. Sie verließen zusammen das Haus und schnatterten auf Bulgarisch, oder was immer sie sprachen, und falls sie je vor Sonnenaufgang zurückkamen, so weit nach Mitternacht.

Die Vorzeichen schienen günstig bei diesem Haus. Die Familienkutsche war der größte Wagen aus der Range-Rover-Reihe, ein Mal in der Woche kam ein Gärtner. Sie benutzten auch einen Wäschereiservice, der ihre Laken und Kissenbezüge gewaschen und gebügelt zurückbrachte. Dieses Haus, hatte Kimmo gedacht, war reif und wartete förmlich auf ihn.

Das Sahnehäubchen war das Haus nebenan, vor dem ein einsames "Zu vermieten"-Schild an einem Pfosten im Wind schaukelte. Und um das Ganze perfekt zu machen, gab es auch noch einen einfachen Zugang von der Rückseite. Da erstreckte sich nämlich eine Ziegelmauer, die den Garten von einer unbebauten Wildnis trennte.

Dorthin radelte Kimmo, nachdem er die Vorderseite des Hauses passiert hatte, um sich zu vergewissern, dass die Familie sich auch an ihren strikten Tagesablauf hielt. Dann fuhr er durch die Wildnis und lehnte sein Rad gegen die Mauer. Er benutzte den Kissenbezug, um seine Ausrüstung und die Rose zu transportieren, stieg auf den Fahrradsattel und kletterte mühelos über die Mauer.

Der rückwärtige Garten war schwärzer als die Zunge des Teufels, aber Kimmo hatte früher schon einmal über die Mauer gespäht und wusste, was vor ihm lag. Gleich unterhalb der Mauer war ein Komposthaufen, dahinter stand eine Gruppe von Obstbäumen, die sich in dekorativer Unordnung über einen gepflegten Rasen verteilten. Breite Blumenbeete links und rechts davon bildeten die Rabatte. Eins der Beete zog sich um einen Pavillon, das andere zierte ein Gartenhäuschen. Vor dem Haus drüben gab es eine Terrasse mit ungleichmäßigen Pflastersteinen, auf welcher der Regen des letzten Gewitters Pfützen gebildet hatte, dann kam ein Vordach, an dem die Gartenbeleuchtung hing.

Sie schaltete sich automatisch ein, als Kimmo näher trat. Er nickte ihr dankbar zu. Bewegungsmelder, hatte er schon vor langer Zeit erkannt, mussten die geistreiche Erfindung eines Einbrechers sein, denn wann immer sie sich einschalteten, schienen alle anzunehmen, dass nur eine Katze durch den Garten lief. Er hatte jedenfalls noch nie gehört, dass ein Nachbar die Polizei alarmierte, weil irgendwo ein Licht anging. Andererseits hatte er von Einbrecherkollegen gehört, wie viel einfacher der Zugang zur Rückseite eines Hauses durch diese von Bewegungsmeldern gesteuerten Lichter war.

In diesem Fall waren die Lichter bedeutungslos. Die leeren Fenster und das "Zu vermieten"-Schild sagten ihm, dass niemand im Haus zur Rechten wohnte, und das linke Haus hatte weder Fenster zu dieser Seite noch einen Hund, der die eisige Nacht plötzlich mit wildem Gebell erfüllen würde. Soweit Kimmo es beurteilen konnte, war die Luft rein.

Glastüren führten auf die Terrasse, und Kimmo ging darauf zu. Ein kurzer Schlag mit dem Nothammer - eigentlich dafür vorgesehen, im Notfall eine Autoscheibe zu zertrümmern - reichte aus, um ihm Zugang zur Klinke zu verschaffen. Er öffnete die Tür und betrat das Haus. Die Alarmanlage heulte los wie eine Feuersirene.

Der Lärm war ohrenbetäubend, aber Kimmo ignorierte ihn. Er hatte fünf Minuten, vielleicht sogar länger, ehe die Sicherheitsfirma anrief, um hoffnungsvoll nachzufragen, ob der Alarm vielleicht nur versehentlich ausgelöst worden sei. Wenn niemand abhob, riefen sie die Kontaktnummern an, die man ihnen gegeben hatte. Führte auch das nicht dazu, das unablässige Geheul zum Verstummen zu bringen, riefen sie vielleicht die Polizei, die dann vielleicht vorbeischaute, um nach dem Rechten zu sehen, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall lag diese Eventualität mindestens zwanzig Minuten in der Zukunft, was wiederum zehn Minuten länger war, als Kimmo brauchen würde, um zu finden, wonach er in diesem Haus suchte.

Er war Spezialist auf diesem Gebiet. Die Computer, Laptops, CD- und DVD-Player, Fernseher, Schmuckstücke, Digitalkameras, Palm Pilots und Videorekorder überließ er anderen. Er suchte nach etwas Bestimmtem in den Häusern, in die er einstieg, und das Wunderbare daran war, dass die Gegenstände, die er suchte, immer offen sichtbar und meistens in den Räumen des Erdgeschosses standen. Kimmo ließ den Lichtstrahl seiner Taschenlampe herumwandern. Er befand sich im Esszimmer, und hier gab es nichts abzuräumen. Doch im Wohnzimmer sah er schon vier Stück auf einem Klavier funkeln. Er ging sie holen: Silberrahmen, die er von ihren Fotos befreite - man sollte schließlich rücksichtsvoll sein -, ehe er sie behutsam in seinem Kissenbezug verstaute. Ein weiterer Rahmen fand sich auf einem der Beistelltische. Er steckte ihn ein und begab sich auf die Vorderseite des Hauses, wo in der Diele auf einem Halbmondtisch unter einem Spiegel zwei weitere Silberrahmen aufgestellt waren, zusammen mit einer Porzellandose und einem Blumenarrangement, die er ließ, wo sie waren.

Die Erfahrung lehrte, dass er gute Chancen hatte, den Rest seiner Beute im Elternschlafzimmer zu finden, also lief er eilig die Treppe hinauf, während die Alarmsirene weiter in seinen Ohren gellte. Das Zimmer, das er suchte, war in der obersten Etage, nach hinten gelegen, mit Blick auf den Garten, und er hatte gerade die Taschenlampe eingeschaltet, um sich zu orientieren, als die Sirene abrupt verstummte und das Telefon zu klingeln begann.

Kimmo erstarrte, die eine Hand um die Taschenlampe gelegt, die andere halb nach einem Bilderrahmen ausgestreckt, der das Foto eines Paares in Hochzeitsstaat präsentierte, das sich unter blühenden Zweigen küsste. Nach einem Moment brach das Telefonklingeln ebenso abrupt ab wie der Alarm zuvor, unten ging das Licht an und jemand rief: "Hallo?", und dann: "Nein. Wir kommen gerade erst nach Hause ... Ja. Ja. Die Sirene heulte, aber ich hatte noch keine Gelegenheit ... O mein Gott! Gail, lass die Finger von dem Glas!"

Dies reichte aus, um Kimmo klar zu machen, dass die Dinge eine unerwartete Wendung genommen hatten. Er hielt sich nicht damit auf, zu rätseln, was die Familie zu Hause zu suchen hatte, obwohl sie doch eigentlich bei Gran sein sollte oder in der Kirche, beim Yoga, in der Therapie oder wohin sie auch immer gehen mochten, wenn sie das Haus verließen. Stattdessen hastete er zum Fenster links neben dem Bett, während unten eine Frau schrie: "Ronald, es ist jemand im Haus!"

Kimmo brauchte nicht Ronalds polternde Schritte auf der Treppe zu hören oder Gails Rufe: "Nein! Warte!", um zu begreifen, dass er sich schleunigst verdrücken sollte. Er kämpfte kurz mit dem Schloss des Fensters, schob es dann hoch und stieg mit dem Kissenbezug hindurch, als Ronald gerade in das Schlafzimmer stürmte, bewaffnet mit einem Gegenstand, der wie eine Grillgabel aussah.

Kimmo landete mit einem gewaltigen, dumpfen Aufprall und einem Stöhnen auf dem Vordach zweieinhalb Meter tiefer und verfluchte den Umstand, dass kein Blauregen die Fassade emporrankte, an dem er sich wie Tarzan hätte in die Freiheit schwingen können. Er hörte Gail rufen: "Hier ist er! Hier ist er!" und Ronald von oben am Fenster schreien. Ehe er den Garten zur rückwärtigen Mauer durchquerte, wandte er sich noch einmal zum Haus um und schenkte der Frau im Esszimmer ein Grinsen und einen frechen Salut. Sie hielt ein schlaftrunkenes Kind mit schreckgeweiteten Augen im Arm, ein zweites hatte die Hand in ihre Hose gekrallt.

Dann rannte er. Der Kissenbezug schlug ihm bei jedem Schritt gegen den Rücken, und Kimmo lachte in sich hinein. Er bedauerte nur, dass er nicht dazu gekommen war, die Rose zu hinterlassen. Als er die Mauer erreichte, hörte er Ronald auf die Terrasse stürmen, aber noch bevor der arme Kerl im Schatten der Bäume ankam, war Kimmo die Mauer hochgeklettert und hinübergesprungen und flüchtete über das unbebaute Grundstück. Wenn die Bullen schließlich kamen - was in einer Stunde oder morgen Mittag sein konnte -, war er längst über alle Berge, nur noch eine verschwommene Erinnerung der Dame des Hauses: ein geschminktes Gesicht unter einer Sweatshirt-Kapuze.

Gott, das hier war das Leben! Das hier war das Beste! Wenn sich herausstellte, dass die Beute Sterlingsilber war, würde er am Freitagmorgen um ein paar hundert Pfund reicher sein. Konnte irgendetwas besser sein? Kimmo glaubte nicht. Was machte es schon, dass er gesagt hatte, er wolle für ein Weilchen ehrlich werden. Er konnte all die Zeit, die er bereits in diesen Job investiert hatte, nicht einfach so abschreiben. Da wär er doch blöd, und wenn es eines gab, was Kimmo Thorne nicht war, dann blöd. Kein bisschen. Keine Chance, meine Herren.

Er war vielleicht eine Meile weit geradelt, als er merkte, dass ihm jemand folgte. Es war allerhand Verkehr auf den Straßen - wann war in London kein Verkehr? -, und ein paar Autos hatten gehupt, als sie ihn überholten. Zuerst dachte er, sie hupten seinetwegen, so wie Autos es oft taten, wenn sie ein Fahrrad zur Seite drängen wollten, aber dann ging ihm auf, dass ihre Ungeduld einem langsam fahrenden Wagen hinter ihm galt, der keine Anstalten machte, ihn zu überholen.

Der Schreck fuhr ihm in die Glieder, denn er fragte sich, ob Ronald es irgendwie geschafft hatte, ihm zu folgen. Er bog in eine Seitenstraße, um sich zu vergewissern, dass es keine Einbildung war und er wirklich verfolgt wurde, und tatsächlich: Die Scheinwerfer in seinem Rücken bogen mit ab. Er war im Begriff, einen Spurt einzulegen, als er neben sich das Brummen eines Motors hörte und dann eine freundliche Stimme, die seinen Namen sagte.

"Kimmo? Bist du's? Was treibst du in diesem Teil der Stadt?"

Kimmo ließ das Fahrrad ausrollen und bremste. Er wandte den Kopf, um festzustellen, wer ihn angesprochen hatte. Als er den Fahrer erkannte, lächelte er und sagte: "Wieso ich? Das Gleiche könnte ich dich fragen."

Der andere erwiderte das Lächeln. "Sieht so aus, als wär ich auf der Suche nach dir. Soll ich dich ein Stück mitnehmen?"

Das käme gelegen, dachte Kimmo, falls Ronald ihn mit dem Fahrrad hatte flüchten sehen und die Bullen schneller als üblich reagiert hatten. Er wollte jetzt wirklich nicht unbedingt draußen auf der Straße sein. Er hatte außerdem immer noch zwei Meilen vor sich, und es war kalt wie in der Antarktis. Er antwortete: "Aber ich habe das Rad."

Der andere lachte leise. "Das ist kein Problem, wenn du keins draus machst."

Detective Constable Barbara Havers stellte fest, dass sie ein Glückspilz war: Die Einfahrt war leer. Sie hatte beschlossen, ihre Einkäufe mit dem Wagen und nicht zu Fuß zu erledigen, was immer mit gewissen Risiken verbunden war in dieser Gegend von London, wo ein jeder, der glücklich genug war, einen Parkplatz in der Nähe seines Wohnhauses zu finden, sich mit einer Hingabe daran klammerte wie eine geläuterte Seele an ihren Retter. Doch sie hatte allerhand einzukaufen gehabt, und die Vorstellung, die Sachen in der Kälte vom Lebensmittelladen bis nach Hause tragen zu müssen, hatte sie schaudern lassen. Also hatte sie sich fürs Auto entschieden und das Beste gehofft. Ohne Gewissensbisse belegte sie die Einfahrt des gelben, edwardianischen Wohnhauses, hinter dem ihr winziger Bungalow lag, mit Beschlag. Sie lauschte dem Husten und Röcheln ihres Minis, während sie den Motor abstellte, und nahm sich zum fünfzehnten Mal in diesem Monat vor, einen Mechaniker nach dem Wagen schauen zu lassen, der - so konnte man nur hoffen - nicht ihr letztes Hemd dafür verlangen würde, den Fehler zu reparieren, der dazu führte, dass ihr Auto rülpste wie ein magenkranker Rentner.

Sie stieg aus und klappte den Sitz nach vorn, um die erste ihrer Einkaufstüten vom Rücksitz zu holen. Sie trug vier Tüten auf dem Arm, als sie ihren Namen hörte.

Jemand sang: "Barbara! Barbara! Guck mal, was ich im Schrank gefunden habe!"

Barbara richtete sich auf und schaute in die Richtung, aus der die glockenhelle Stimme kam. Die kleine Tochter ihres Nachbarn saß auf der verwitterten Holzbank vor der Erdgeschosswohnung des altehrwürdigen, zum Mehrfamilienhaus umgewandelten Gebäudes. Sie hatte die Schuhe ausgezogen und versuchte, sich in ein Paar Inlineskates zu kämpfen. Sie sahen ein paar Nummern zu groß aus, fand Barbara. Hadiyyah war erst acht Jahre alt, und die Skates waren eindeutig für einen Erwachsenen gedacht.

"Die gehören Mummy", klärte Hadiyyah sie auf, als habe sie Barbaras Gedanken gelesen. "Wie gesagt, ich hab sie im Schrank gefunden. Ich bin noch nie mit ihnen gefahren. Vermutlich sind sie mir zu groß, aber ich hab Küchenpapier reingestopft. Dad weiß nichts davon."

"Von dem Küchenpapier?"

Hadiyyah kicherte. "Quatsch! Er weiß nicht, dass ich sie gefunden hab."

"Vielleicht will er nicht, dass du sie benutzt."

"Sie waren aber nicht versteckt. Nur weggeräumt. Bis Mummy wieder nach Hause kommt, nehme ich an. Sie ist in ...""Kanada. Ich weiß." Barbara nickte. "Also, sei schön vorsichtig mit den Dingern. Dein Dad wird nicht glücklich sein, wenn du fällst und dir den Kopf einschlägst. Hast du einen Helm oder so was?"

Kundenbewertungen zu "Wo kein Zeuge ist / Inspector-Lynley Bd.13"

6 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.5 von 5 Sterne bei 6 Bewertungen **** ausgezeichnet)
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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 09.03.2009 ***** ausgezeichnet
Ein sehr spannendes aber auch sehr trauriges Buch. Man leidet mit Inspektor Lynley. Wie immer spannend geschrieben und sehr empfehlenswert.

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Bewertung von Cathi am 12.12.2007 ***** sehr gut
Der 13. Fall ist genauso spannend wie die anderen auch! Wer die George kennt und mag wird auch dieses Buch lieben. Wirklich gut!

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Bewertung von inselaff aus Homburg am 04.12.2006 ***** ausgezeichnet
Ein Buch mit ein Paar Durststrecken, aber dann!!! Die Charaktere werden solide weitergeführt mit hervorragenden Einblicken in den einzelnen Persönlichkeiten. Ich habe das Buch auf Englisch (meine Muttersprache) gelesen; die Autorin zeigt einen sicheren Hand mit den Eigenarten der englischen/londoner Sprache (Chapeau! Chapeau! Das ist für eine Amerikanerin nicht einfach) und vor allem auch der Humor der Engländer kommt gut rüber. Es lebe die Havers! Hoffentlich bleiben íhre Gedanken auch in der Übersetzung so köstlich.
Der letzte Drittel des Buches ist einfach überwältigend. So viel Power und Emotion, Machtlosigkeit und Menschlichkeit... obwohl ich ein ganz wichtiges Detail schon im Vorfeld erfahren hatte (aus einer Rezension des Folgebuches) konnte ich das Buch buchstäblich nicht mehr aus der Hand geben. Am Schlaf war nicht mehr zu denken. Die abschließende Melancholie ist genau richtig getroffen - nicht zu viel, nicht zu wenig.
"And they all lived happily ever after"? Eine sehr gewagte These nach diesem Buch. Wie es weiter gehen kann, weiß auch nur Frau George. Eins steht für mich fest: es geht mit dem Nachfolgeband weiter - und zwar heute noch!

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Bewertung von Uschi aus Taufkirchen am 18.08.2006 ***** ausgezeichnet
Wieder ein echter Lynley! Konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen, ich hoffe der nächste Band erscheint bald!

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Bewertung von Heinz aus Mühlheim am 18.08.2006 ***** ausgezeichnet
Welch ein spannendes und gelungenes Buch! Habe es regelrecht binnen weniger Tage verschlungen. Danke Elisabeth George!

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Bewertung von Graf aus Düsseldorf am 17.08.2006 ***** gut
Wie habe ich mich auf das Buch gefreut! Aber was für eine große Enttäuschung! Ihre vorherigen Bücher waren mehrere Klassen besser. Ich kann es nicht empfehlen!

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