Leseprobe zu "Wintermörder" von Krystyna Kuhn
Zofia
Mittwoch, 31. Dezember 1941, Krakau
Die Krähen tauchten auf, nachdem mein Vater auf offener Straße erschossen worden war. Seitdem sitzen sie Tag für Tag auf den Dächern, auf den Fenstersimsen, in den kahlen Bäumen. Als ob alle, die verschwunden sind, sich in Krähen verwandelt haben und in deren Gestalt in die Stadt zurückkehren.
Nach den Lebensmitteln, der Seife und Hautcreme sollen wir jetzt auch Pelze, warme Stiefel, Handschuhe und Mützen bis fünf Uhr in den Tuchhallen abliefern. Meine Mutter ist darüber so erbittert, dass sie im Bett bleibt und sagt, sie wird erst wieder aufstehen, wenn alles vorbei ist. Daher muss ich gehen. Auf der Grodzkastraße sucht eine Schar Krähen im Müll nach Essbarem. Da sitzen sie mitten im Dreck, und als ich an ihnen vorbeigehe, putzen sie gleichgültig ihr schwarzes Gefieder, das glänzt wie die Nacht, die im Winter schon am frühen Nachmittag hereinbricht.
Als ich zu Hause bin, erzählt meine Mutter, dass am nächsten Tag Schreibmaschinen und Grammophone abgeholt werden. Also vergrabe ich die Schreibmaschine unter den Kohlen im Keller. Leszek will mir dabei helfen, doch ich schicke ihn nach oben, als er nicht aufhört zu husten. Am Abend hat er Fieber und möchte, dass ich ihm wieder die Geschichte von den sieben Raben vorlese.
Es ist spät, als ich zu Bett gehe. Kurz nachdem ich eingeschlafen bin, werde ich durch ein Brummen geweckt. Unruhe auf der Straße. Ich springe auf und beobachte durch die Verdunkelung eine lange Kolonne Lastwagen, auf denen Soldaten mit Helm und in voller Ausrüstung sitzen. Sie sind völlig mit Schnee bedeckt und sehen aus wie Gespenster.
Ich bin dreizehn, und es ist Krieg.
Sieben Tage
Als der Nachrichtensprecher an diesem Sonntagabend im Januar von "Russenkälte" sprach, schaltete Henriette Winkler den Fernseher aus und griff mit zittriger Hand nach dem Bordeaux, der seit vierzig Jahren direkt aus Frankreich geliefert wurde.
Da war sie wieder, diese Unruhe, die sie Abend für Abend überfiel. Immer dieses Gefühl, etwas vergessen zu haben. Und die Angst, die sie nicht loswurde. Nacht für Nacht dieser grauenhafte Traum, in dem sie durch einen langen Tunnel lief und Menschen begegnete, die schon längst gestorben waren.
Um sich abzulenken, schlug sie energisch den Deckel des Flügels nach oben, lehnte den Stock daneben und setzte sich. Chopin, Polonaise fis-Moll, op. 44.
Sie schlug die erste Taste an, doch die Finger rutschten ab, so sehr zitterten ihre Hände. Sie sollte sich damit abfinden, dass sie kein Klavier mehr spielen konnte, und es nicht Abend für Abend versuchen. Wie sie sich damit abfinden musste, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Seit Monaten hatte sie das Haus nicht mehr verlassen, weil sie so unsicher auf den Beinen war, dass sie Angst hatte zu stürzen.
Und wie ihre zunehmende Hilflosigkeit sie erbitterte, machte sie auch die Stille, die im Haus herrschte, ungeduldig.
Sie erhob sich vom Klavierstuhl, um hinüber zum Regal zu gehen. Ihre Hand griff unwillkürlich nach der Aufnahme von Chopins Balladen von Artur Rubinstein aus dem Jahr 1960. Sie hatte sie jeden Abend gehört, wenn sie vom Büro nach Hause gekommen war. Sie mochte seine klaren, entschiedenen Melodien, den perfekten, pointierten Rhythmus. Doch dann entschied sie sich anders. Sie brauchte jetzt Stimmen, die den Raum füllten, die zu ihr sprachen, damit sie vergessen konnte.
Denise hatte ihr zu Weihnachten einen CD-Player geschenkt, den zu benutzen sie sich weigerte, obwohl die Musik reiner und klarer klang. Aber die Stimmen der Sänger waren ihr fremd. Sie brauchte die Callas. Die Callas war mit ihr gealtert. Keine junge, energiegeladene Stimme, oder die lebendige Schönheit einer Anna Netrebko konnte die Callas ersetzen. Sie brauchte das Rauschen der Schelllackplatten.
Schließlich entschied sie sich für Tannhäuser. Der Geigen wegen, und natürlich das Lied über den Abendstern, das zu der Januarnacht passte. Wagner hatte es immer geschafft, ihre Ängste zu bändigen. Vorsichtig nahm sie die Schallplatte aus der Hülle. Sie aufzulegen war eine Kunst, wenn die Hand zitterte. Die Nadel rutschte ab. Sie musste sich konzentrieren. Die linke Hand hielt die rechte fest, bis die Nadel auf der Platte auftraf.
Rauschen.
Die Ouvertüre.
Es war Viertel nach neun.
Sie griff nach dem Stock, ging hinüber zu dem Ledersessel und setzte sich. Das Holz im Kamin glühte nur noch. Als sie ein neues Scheit in die Glut warf, schoss eine kleine Flamme nach oben, griff jedoch nicht auf das Holz über. Ungeduldig stocherte sie mit dem Schürhaken in der Glut, bis es endlich Feuer fing. Eine Weile schaute sie zu, dann erhob sie sich nervös, um zu prüfen, ob die Terrassentür wirklich verschlossen war.
Durch die Scheibe sah Henriette den Vollmond, den Sieger über eine sternklare Nacht. Noch vor wenigen Tagen hatten der Nebel und die Regenfälle an den November erinnert. Jetzt kam verspätet der Frost. Das Außenthermometer zeigte bereits zwölf Grad unter null. Die Arme verschränkt, starrte sie auf den dunklen Garten. Wenn die Vorhersagen eintrafen, würden die Temperaturen weiter fallen. Auf minus achtzehn Grad.
Sie konnte froh sein, dass Denise Oliver geheiratet hatte, ohne den die Firma verloren wäre. Und es war gut, dass er den Namen Winkler angenommen hatte. Wenigstens noch einer in der Familie hatte Mut und Visionen für das Große. Er würde die Firma in das 21. Jahrhundert führen. Für seinen Sohn und ihren Urenkel Frederik.
Etwas riss Henriette aus den Gedanken.
Wie lange stand sie schon hier?
Hatte sie schon vorher gespürt, dass etwas anders war? Bevor sie das Geräusch hörte? War es überhaupt ein Geräusch gewesen? Oder etwas anderes? Hatte etwas anderes sie aus den Gedanken gerissen als Schritte im Kies?
Nein, bei dieser Kälte trieben sich keine Tiere im Garten herum.
Henriette wandte sich um, ging zum Flügel, holte die Brille und kehrte zur Terrassentür zurück.
Das Mondlicht war weiß. Wie gefroren. Sie konnte zunächst nichts erkennen. Ihre Hand griff zum Rollo. Doch bevor sie es herunterließ, bemerkte sie wieder etwas.
Eine Bewegung.
Dort hinten am Gartenhaus. Jemand stand davor. Nicht mehr als ein Schatten.
Nein, sie täuschte sich nicht. Jemand stand vor dem Gartenhaus und schaute zu ihr herüber. Augenblicklich wurde ihr Körper steif vor Angst. Die Fingernägel gruben sich in die brüchige Haut ihrer Hände.
Angst! Sie hatte sie nie geduldet. Sie würde sie auch heute nicht zulassen. Alles hatte mit dem Brand angefangen. Er hatte etwas angefacht, das sie glaubte vergessen zu haben. Es war nicht schwer zu erraten, wer dort stand. Sie war nicht dumm. Der Mann, der die letzten Monate diese Briefe geschrieben hatte. Sie hatte gedacht: Unverschämtheit, bodenlose Frechheit. Dann hatte sie sie verbrannt.
Sollte sie die Polizei rufen? Da ist ein Mann in meinem Garten, der mich belästigt?
Warum hatte sie die Pistole nicht hier?
Ganz einfach: Weil sie sich unantastbar fühlte.
Henriette drehte sich um und machte die Musik lauter.
Tannhäuser sang für Venus.
... die Nachtigall hör ich nicht mehr,
die mir den Lenz verkünde.
Warum nur hatte sie ausgerechnet diese Oper gewählt?
Zu viel Romantik, zu viel Liebe, zu viel ekelhafte Leidenschaft.
Wieder erhob sie sich und trat zur Terrassentür. Die Gestalt wartete noch immer und starrte in ihre Richtung.
Unverschämt!
Das Licht! Sie sollte das Licht löschen!
Doch stattdessen atmete sie tief durch.
Die eiskalte Luft schlug ihr ins Gesicht, als sie die Tür öffnete. Sie würde der Sache ein für alle Mal ein Ende bereiten.
Der Mann legte eine alte Ledertasche auf den Flügel. Ein ausgebeultes Ding, verdreckt, mit gerissenen Nähten.
Er packte alles aus, sprach nicht viel, nur ab und zu sagte er "Da" oder "Hier".
Damals waren die Fotos nur Schnappschüsse gewesen und ohne Bedeutung. Den Großteil hatte sie vergessen, seit Jahren nicht mehr daran gedacht.
Alles war so lange her.
"Junger Mann", sagte sie. Sie meinte nicht sein Alter, sondern seine Naivität. "Was Sie von mir wollen, werde ich Ihnen nicht geben. Es ist sinnlos, mir immer wieder diese Briefe zu schreiben, Fotos zu schicken oder eines dieser abscheulichen Dokumente, die Sie weiß Gott wo aufgetrieben haben. Fahren Sie nach Hause und vergessen Sie die Sache. Sie werden damit nicht durchkommen. Arbeiten Sie, wenn Sie Geld brauchen. Arbeit ist das Einzige, was hilft."
Sie saß in dem grauen Seidenkostüm vor ihm, bemüht, dieselbe Würde auszustrahlen wie hinter dem Schreibtisch.
Nichts, nichts würde sie preisgeben! Die Spitze des Stockes stieß hart auf dem Parkett auf.
"Lassen Sie mich in Ruhe!"
Er zog das Foto eines hübschen, fröhlich lachenden Mädchens in einem Matrosenkleid hervor, das am Türrahmen eines Hauses lehnte.
"Wer soll das sein?" Sie zwang sich zur Ruhe, doch das Zittern ließ sich nicht verbieten.
"Kalt", stellte der Mann fest. "Ihnen ist kalt, aber die Kälte hat gerade erst begonnen. Sie werden für den kümmerlichen Rest Ihres Lebens frieren."
Immer noch um Haltung bemüht, erhob sie sich. "Ich breche dieses Gespräch ab. Gehen Sie. Wenn ich Sie noch einmal auf meinem Grundstück sehe, werde ich die Polizei verständigen."
Er blieb sitzen.
"Gehen Sie, oder ich rufe sofort die Polizei."
Wieder keine Reaktion.
"Ich kenne dieses Mädchen nicht." Verächtlich zuckte sie mit den Schultern.
Bevor sie wusste, was geschah, holte er aus und schlug ihr mit der Hand ins Gesicht. Die Wucht des Schlages war stark. Sie spürte, wie der Kiefer brach, und konnte sich nicht auf den Beinen halten. Hart schlug der Kopf an der Marmorplatte des Tisches auf.
Weit entfernt hörte sie Tannhäuser singen.
Das Holz im Kamin hatte Feuer gefangen. Die Kälte wich, und sie fühlte sich plötzlich leicht.
Sie sollte ihm dankbar sein, er ersparte ihr das lange Sterben.
Doch er gab keine Ruhe.
Sie wurde an den Füßen gezogen. Der Kopf schleifte auf dem Boden. Blut lief übers Gesicht, in die Augen. Es drang aus dem Mund. Die Hüfte stieß an den Fuß des Klaviers, und der Rock blieb hängen. Der Mann zog fester, bis der Stoff nachgab und zerriss.
Vor der Terrassentür ließ er sie los.
Hart fielen die Beine auf den Steinboden. Ein Krachen, als die Knochen splitterten. Der Schmerz war unerträglich. Er schob die Terrassentür auf. Wieder wurden die Füße hochgehoben. Mit einem Ruck zog er sie hinter sich her über die Schwelle nach draußen in die Kälte der Nacht, wo er sie wieder losließ. Erneut brachen die Knochen. Ein Geräusch, wie wenn Holz im Feuer bricht.
Dann ließ er sie liegen, das Gesicht auf die eisigen Steine gepresst. Sie atmete auf, bis ihr plötzlich der Atem vor Kälte stockte. Eine Hand griff nach ihren Lungen, presste sie fest zusammen, bis sie sich hustend in die Nachtluft entluden. Gleichzeitig lief das Blut die Kehle hinunter. Ihr wurde eiskalt. Sie begann zu zittern. Die Zähne klapperten im Takt ihres Herzschlags, im Takt der Hände, die keine Ruhe fanden.
Wieder war er über ihr. Warum bog er ihre Finger auseinander? Wütend schloss sich ihre Hand. Die Finger krallten sich in den Stoff des Rockes. Während sie so dalag, wurde die Zeit zu einem schwarzen Tuch, auf dem Schatten auf und ab tanzten. Sie fühlte deutlich den Spott, und es war ihr peinlich, dass sie beobachtet wurde.
Ihr Mund war trocken. Immer wieder fuhr die Zunge über die Lippen, um sie feucht zu halten.
"Durst", stöhnte sie. Keine Antwort.
Sie zog den Rock nach oben, um sich zu befreien und abzukühlen, während langsam und unmerklich die Kälte ihr Leben auffraß. Henriette Winkler spielte Klavier. Die Polonaise fis-Moll, op. 44. Ihr Finger berührte die Fis-Taste. Doch jemand war schneller, kam ihr zuvor. Ärgerlich schaute sie zur Seite. Es war Denise, deren Hände sich nach dem Schlusstakt hoben. In der Luft hing ein Hauch von Schwermut.
Dann blieb ihr nur noch die Kraft, die Augen offen zu halten und auf den hellen Mond zu starren.
Nein, kein Licht am Ende des Tunnels. Eher ein Loch.
Ein helles Loch am dunklen Himmel.
Es beruhigte nicht und es war auch nicht schön.
Doch nun war es zu spät, um zu beten.
Zofia
Donnerstag, 1. Januar 1942, Krakau
Als ich aufstehe, ist die Wasserleitung eingefroren. Meine Mutter schickt mich in das Haus gegenüber, das leer steht, um Wasser zu holen. Sie selbst sitzt im Bett, raucht und sagt: "Jetzt geht auch noch das Wetter zum Angriff über."
Während ich mich in der Kälte anziehe, schimpft sie heiser über die Soldaten, die die ganze Nacht hindurch laut lärmend durch die Straßen gezogen waren, um sich zu betrinken. Auch ich habe ihr Gelächter durch die geschlossenen Fenster bis in mein Schlafzimmer gehört und bin um Mitternacht von ihren Schüssen aufgewacht, mit denen sie den Jahreswechsel ankündigten.
Es ist schrecklich, bei dieser Kälte hinauszumüssen. Alle im Haus schlafen noch, selbst Frau Lipska im Erdgeschoss, der sonst nichts entgeht. Ich trage den einzigen Mantel, den wir noch haben. Meine Zehen, vor allem sie, fühlen sich an wie gefroren.
Im Keller ist es dunkel. Das einzige Licht dringt durch ein schmales, vergittertes Fenster. Der Boden ist mit einer glitschigen Eisschicht bedeckt. Ich fülle das Wasser aus dem Brunnen in die Eimer, beeile mich, steige vorsichtig die Treppen hoch. Die Eimer sind schwer. Das Wasser schwappt leicht über. Immer wieder muss ich anhalten, um mich auszuruhen. Der Schnee der letzen Tage ist gefroren, sodass jeder Schritt unter den Schuhen knirscht.
Das Auto höre ich schon, bevor ich es sehe.
Der Motor knattert laut.
Ich stehe mitten auf der Straße, greife nach den Eimern, will weitergehen, da höre ich, wie der Wagen hält.
Sofort ist die Angst da. Sie lauert immerzu. Wie der Hunger, und das Gefühl, dass mir kalt ist.
Ich gehe schneller. Die beiden Eimer werden von Minute zu Minute schwerer, als ob das Wasser in ihnen Tropfen für Tropfen gefriert.
Warum drehe ich mich um?
Ich blicke in die Lichter des Wagens, schaue ihm in die Augen.
Nicht mehr umdrehen! Nicht auffallen!
Weiter!
Endlich erreiche ich den Bürgersteig vor unserem Haus. Jetzt muss ich den Schlüssel aus der Manteltasche nehmen. Die Handschuhe sind dick gefüttert und unförmig.
Die Autotür knallt zu.
Ich ziehe den Handschuh mit dem Mund aus, fühle nichts außer Panik. Der Schlüsselbund ist feucht. Er fällt zu Boden. Rutscht einfach durch die Finger. Ich bücke mich, um ihn aufzuheben.
Das Leder der Stiefel knirscht.
Ein Hund bellt laut.
Er ist direkt hinter mir.
"Dreh dich nicht um! Gleich hast du es geschafft. Du schließt auf und bist in Sicherheit."
Da sehe ich aus den Augenwinkeln die Uniform.
Klein ist der Deutsche und dick. Die mit grauen Strähnen durchzogenen braunen Haare sind in der Mitte gescheitelt. Die Pomade glänzt. Außerdem stinkt er aus dem Mund. Nach Alkohol. Er trägt keinen Mantel. Vielleicht frieren Soldaten nicht.
Hässlich ist er. Das ist gut. Hässliche Menschen kann man leichter hassen.
Er leuchtet mir mit der Taschenlampe in die Augen und brüllt:
"Name?"
"Zofia Lisowska."
Er blickt auf unser Haus, auf das Blatt in seiner Hand, dann auf mich. Sein Finger geht die Zeilen entlang, als ob er nicht lesen kann.
"Wenn sie es könnten, wären sie nicht so", sagt meine Mutter immer und dass Bücher das Einzige sind, woran man jetzt noch glauben kann.
"Fuchs, Heinrich Fuchs. Das ist doch dein Vater?"
Nein, mein Vater heißt Henryk, Henryk Lisowski.
Doch ich nicke.
"Das ist sie", ruft er dem anderen zu, der rauchend am Auto lehnt und Mühe hat, den Hund zurückzuhalten, der laut bellend an der Leine zieht. Nachher werde ich noch einmal nach unten gehen, um die Kippe meiner Mutter zu holen.
Der Soldat kommt auf mich zu. Die Stiefel knirschen.
"Na Kleene", sagt er, während er gleichzeitig die Mütze von meinen Haaren zieht, anschließend mit dem Finger mein Kinn in die Höhe schiebt und grinst. Fast freundlich. "Da haste nun Pech."
Das verstehe ich sofort. Das Wort gibt es auch im Polnischen. Erst haben wir das Wort aus dem Deutschen übernommen und dann das Pech selbst.
Er lässt den Hund los, der mich anknurrt. Ich rühre mich nicht. Die Schnauze riecht zunächst an meinen Füßen, wobei ihm der Sabber aus dem Maul läuft. Er kriecht immer weiter unter den Mantel. Die Schnauze fährt in meine Kniekehle, unter das Nachthemd, bis hoch zwischen die Beine, sodass ich zu schwanken beginne. Das Wasser aus den Eimern schwappt über und ergießt sich über meine Beine. In Sekundenschnelle gefriert die Feuchtigkeit an meinem Körper. Mir wird eiskalt.
"Was wollen die denn mit der?", fragt der Dicke. "Die macht sich ja jetzt schon in die Hosen."
"Geht dich nichts an", antwortet der Zweite, wirft die Zigarette zu Boden und tritt die Glut in den Schnee.
Das Auto fährt los, als die erste Straßenbahn an diesem Morgen vor unsrem Haus zum Stehen kommt.