Winter in Maine - Donovan, Gerard

Gerard Donovan 

Winter in Maine

Roman. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2008 der englischen Tageszeitung 'The Guardian'

Aus d. Engl. v. Thomas Gunkel
Broschiertes Buch
 
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Winter in Maine

Kann man sich für den Verlust der vollkommenen Liebe rächen?

Julius Winsome lebt zurückgezogen in einer Jagdhütte in den Wäldern von Maine. Der Winter steht vor der Tür, er ist allein, aber er hat die über dreitausend Bücher seines Vaters zur Gesellschaft und vor allem seinen Hund Hobbes, einen treuen und verspielten Pitbullterrier. Eines Nachmittags wird sein Hund aus nächster Nähe erschossen, offenbar mit Absicht. Der Verlust trifft Julius mit ungeahnter Wucht. Und er fasst einen erschreckenden Entschluss ...



Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 206 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 206
  • btb Bd.74224
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 118mm x 20mm
  • Gewicht: 198g
  • ISBN-13: 9783442742240
  • ISBN-10: 3442742242
  • Best.Nr.: 32540746
"Ein kleines Meisterwerk ... eines jener seltenen Bücher, die lebensklug und dabei höchst unterhaltsam sind." (Colum McCann)

»>Winter in Maine< taucht ein sich immer weiter verdüsterndes Schicksal in gleißende Helle. In der Schneewüste des amerikanischen Hinterlands arrangiert Autor Donovan seine Helden zu einem tragischen Tableau. Es erscheint wie mit dem Messer herausgeschnitten aus dem friedlichen Winterweiß. Ein Text wie eine Klinge. Präzise und gefährlich.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 11.10.2009

Beiläufige Morde

"Winter in Maine" von Gerard Donovan erzählt von einem Mann, der andere erschießt, einfach so. Und erschreckenderweise kann der Leser ihn verstehen

Vor Jahren habe ich eine gespenstisch gute Inszenierung von Shakespeares "Richard III." gesehen. Gespenstisch, weil man als Zuschauer die ganze Zeit auf Seiten des Bösewichts war - Richard mordete sich an die Macht, und man dachte: Gib's ihnen, diesen verdammten Hofschranzen, die dich wie Abschaum behandeln!

"Weil ich nicht schmeicheln

und nicht schöntun kann,

Und nicht falsch lächeln,

schleimen, schmieren und

Katzbuckeln kann französisch

affenglatt,

Schon steh ich da als

bitterböser Feind",

sagt Richard ganz am Anfang, einsam, unglücklich, ohne Liebe.

Julius Winsome kann auch nicht schleimen und schöntun. Auch er lebt einsam, was ja noch nicht bedeuten muss, dass einer zum Mörder wird. Aber in Gerard Donovans Roman "Winter in Maine" geschehen sechs eher beiläufige Morde. Sechs Morde an Jägern, die ihrerseits auf alles schießen, was ihnen vor die Flinte kommt, nur so zum Spaß, weil sie …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.10.2009

Blutdurchsiebt und bestoben
„Hast du diesen Hund erschossen?” Gerard Donovan erzählt vom „Winter in Maine”
Durch die Bäume ist die Hütte kaum zu erkennen. Ein flacher Bau aus Holz, an den sich eine kleine Veranda schmiegt. Doch so unscheinbar sie von außen auch wirken mag, in ihrem Inneren besteht sie fast nur aus Büchern. Vom Holzofen bis zur Küche, vom Wohnraum bis in die beiden Schlafzimmer erstrecken sich Regale, voll mit Taschenbüchern und wertvollen Erstausgaben, die Julius Winsome von seinem Vater übernommen hat. Und auch wenn der Vater schon seit zwanzig Jahren tot ist, gibt es kaum etwas, das Julius tiefer im Gedächtnis geblieben wäre als die gemeinsamen Lesestunden: „Und ich konnte mich noch an die kalten Seiten in meinen Händen erinnern, wenn ich meinem Vater den Band brachte, den er haben wollte, und beobachtete, wie sich das Buch unter seinem Blick am Feuer erwärmte.”
Leicht könnte man diese Szene für ein melancholisch gefärbtes Erinnerungsbild halten. Doch der in Irland geborene Autor Gerard Donovan hat von jeher eine Vorliebe für kleine Verschiebungen. Geschickt benutzt er das vertraute Muster, um die Brüchigkeit seines …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Ein eindrucksvolles Buch sieht Rezensent Nico Bleutge in Gerard Donovans Roman "Winter in Maine". Die Geschichte um Julius Winsome, einen begeisterten Leser und Außenseiter, der in einer einsamen Blockhütte im amerikanischen Norden in Gesellschaft seines Pitbullterrier Hobbes lebt, hat für ihn etwas verstörendes, vor allem ab dem Moment, als der Hund mit einer Schrotflinte getötet wird, und Julius beginnt, jene Jäger zu jagen und zu erschießen, von denen er glaubt, sie hätten Hobbes auf dem Gewissen. Auch wenn der Roman in den USA zu einigen Debatten über den Besitz von Waffen geführt hat, sieht Bleutge in dem Buch keinen Beitrag zur Waffenkultur des Landes. In seinen Augen geht es vielmehr um die Fragen, was Trauer, Verlust und Einsamkeit mit einem Menschen anstellen können. Der Leser erhalte Einblick in das Denken und Fühlen von Julius, in seine Widersprüche und Wahnvorstellungen, der Autor stelle dessen Bewusstsein in seiner "ganzen Zerrüttung" dar. Bleutge hebt hervor, dass Donavan auf Eindeutigkeit und moralische Bewertung seiner Figur verzichtet. Mit Lob bedenkt er auch Thomas Gunkels vorzügliche Übersetzung des Werks.

© Perlentaucher Medien GmbH

Beiläufige Morde

"Winter in Maine" von Gerard Donovan erzählt von einem Mann, der andere erschießt, einfach so. Und erschreckenderweise kann der Leser ihn verstehen

Vor Jahren habe ich eine gespenstisch gute Inszenierung von Shakespeares "Richard III." gesehen. Gespenstisch, weil man als Zuschauer die ganze Zeit auf Seiten des Bösewichts war - Richard mordete sich an die Macht, und man dachte: Gib's ihnen, diesen verdammten Hofschranzen, die dich wie Abschaum behandeln!

"Weil ich nicht schmeicheln

und nicht schöntun kann,

Und nicht falsch lächeln,

schleimen, schmieren und

Katzbuckeln kann französisch

affenglatt,

Schon steh ich da als

bitterböser Feind",

sagt Richard ganz am Anfang, einsam, unglücklich, ohne Liebe.

Julius Winsome kann auch nicht schleimen und schöntun. Auch er lebt einsam, was ja noch nicht bedeuten muss, dass einer zum Mörder wird. Aber in Gerard Donovans Roman "Winter in Maine" geschehen sechs eher beiläufige Morde. Sechs Morde an Jägern, die ihrerseits auf alles schießen, was ihnen vor die Flinte kommt, nur so zum Spaß, weil sie Gewehre haben im Land der unbegrenzten Waffen, und Lust am Schießen. Und im Wald ist einer, der sich dieses willkürliche Töten nicht mehr bieten lässt, dessen sehr weiches, sehr einsames Herz plötzlich erstarrt ist. Er schießt zurück, und er trifft besser als sie, die sie das Wild oft blutend liegen oder in Fallen verenden lassen. Und der Leser ist auf seiner Seite. Darüber muss man erst mal erschrocken nachdenken.

Julius Winsome lebt seit 51 Jahren in einer Waldhütte in Maine, wo die Winter lang und kalt sind. Das heißt: er lebt da seit seiner Geburt, bei der die Mutter starb, und seit vor zwanzig Jahren auch der Vater starb, ist er allein. Allein mit Blumen, die er pflanzt, um Schönes zu sehen, und mit 3282 Büchern, zumeist alten Ausgaben, darunter viel Shakespeare. Die letzten vier Jahre war Julius Winsome nicht mehr allein - er hatte einen Hund, Hobbes, genannt nach dem Philosophen Thomas Hobbes -, willkürlich war irgendein Buch zur Namensfindung aus dem Regal gezogen worden. Willkürlich? Bestimmt nicht zufällig ist Hobbes ein Zeitgenosse Shakespeares. Zufällig ist in diesem Buch gar nichts, nicht mal das Wetter. Es wird nicht mitten in der einen geschilderten Woche vom 30. Oktober bis zum 5. November zufällig Winter. Die Welt erstarrt sozusagen. Hobbes also, aus dem Tierheim geholt, einfach nur ein Hund, ein guter Hund, ein Begleiter, warm, freundlich, unschuldig.

In der ersten Zeile fällt ein Schuss. Das ist der Schuss, den ein Jäger aus nächster Nähe auf Hobbes abgegeben hat. Der Hund stirbt, Winsome begräbt ihn und fährt in den Ort, um ein Schild aufzuhängen: Hund erschossen. Er bittet um Hinweise und findet auf dem Plakat später eine hingekritzelte Schmähung: "Was soll's, ein Hund weniger." Vielleicht ist das der Moment, wo alles kippt? Vielleicht ist das die letzte unerträgliche Rohheit, die Julius Winsome zum Gewehr seines Großvaters greifen lässt? Ein gutes Gewehr, weltkriegerprobt. Wir sind gewarnt worden: Ganz zu Anfang sagt Winsome über die Gegend, in der er lebt: "In diesen Wäldern leben viele Männer, die sonst nirgends leben können. Sie leben allein und sind noch für die geringste Beleidigung empfänglich, darum sollte man sich lieber gut benehmen oder erst gar nichts sagen." Und auf der letzten Seite, als alles dem Ende zugeht, erinnert uns Winsome daran, dass er einer von diesen Männern ist: "Von Leuten wie mir muss man sich fernhalten, dann kann einem nichts passieren." Eigentlich hätten wir einen wie ihn unter anderen Umständen gern näher kennengelernt.

Weiße Wölfe

Was sind Leute wie er? Bestimmt nicht Leute, die einfach losballern. Es sind Leute, die tief verletzt sind, denen die Liebe abhandengekommen ist und die sich fragen, ob Menschlichkeit noch einen Sinn hat. Leute, die das Gesetz irgendwann selber machen, weil ihnen das Gesetz so, wie es ist, nicht ausreichend erscheint, denn es schützt keine Katze vor Quälerei durch Jugendliche, keine Hirsche und Bären vor den Jägern, nicht einmal einen arglosen Hund. Einmal kommen zwei weiße Wölfe auf Winsome zu - zahm, freundlich. Die Menschen, denen er begegnet, sind nicht so. Und so schlägt Winsome zu. Seite 39, in einem Nebensatz, der erste Mord. Seite 52, ganz beiläufig, der zweite. Seite 53 schon der dritte, und dann ein paar kalte Tage, zwei weitere Hinweisplakate auf den toten Hund, auch die blöd bekritzelt. Seite 128, Mord Nummer vier, Seite 166 und 167, Nummer fünf und sechs, alles ruhig, unaufgeregt, mit Großvaters Gewehr, und dazwischen die Lektüre shakespearescher Sonette, das Erlernen elisabethanischer Worte, deren Charakter mehr und mehr in die elisabethanische Zeit grausamer Blutrachen passt. Wie Richard III.:

"Doch eingetaucht

im Blut bin ich so tief, dass

Sünde Sünden braucht;

Mitleid träntropfend wohnt

mir nicht im Auge."

Was geschieht hier eigentlich? Ein Mann sieht rot? Hier geschieht Folgendes: Ein Mann ist zu lange mit sich allein. Er erlebt eine kurze Liebe, die nicht erfüllt wird - die Frau, die er liebt, Claire, braucht ein bürgerlicheres Leben, als er ihr bieten kann, braucht Sätze, die er ihr nicht sagen kann. Er verliert seinen Hund, er hört im Wald immer mehr Schüsse, sieht immer mehr gut ausgerüstete Männer mit immer mehr Flinten in immer größeren Autos vorfahren und ballern, und er ist das alles leid. Er würde sie gern alle abknallen, kommt aber nur bis zu Nummer sechs, dann zieht sich die Schlinge zu. Er hat das geahnt, hat nichts getan, um das zu verhindern. Was soll das alles noch, dieses Leben.

Und wir bleiben zurück, ertappt, können ihn verstehen, wünschen uns, er käme davon, erschrecken über uns selbst und tauchen auf aus einer Geschichte voller Blut und Kälte, die uns so fasziniert hat wie schon lange nichts mehr, das wir gelesen haben. Wo ist die Grenze zwischen unendlichem Kummer und rächender Gewalt? Das ist die Frage, mit der uns dieses irritierende, ruhig und großartig erzählte Buch zurücklässt.

ELKE HEIDENREICH

Gerard Donovan: "Winter in Maine". Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel. Luchterhand-Verlag, 207 Seiten, 17,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Gerard Donovan wurde 1959 in Wexford, Irland, geboren und lebt heute im Staat New York. Er studierte Philosophie und Germanistik in Irland, arbeitete in einer bayerischen Käsefabrik, studierte klassische Gitarre in Dublin und trat als Musiker mit Schwerpunkt J. S. Bach auf. Er veröffentlichte Gedichtbände, Shortstorys und Romane und wurde mit dem "Kerry Group Irish Fiction Award" ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Winter in Maine" von Gerard Donovan

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Leseprobe zu "Winter in Maine" von Gerard Donovan

30. Oktober - 2. November

Ich glaube, ich habe den Schuss gehört.

Es war ein kalter Nachmittag Ende Oktober, und ich saß in meiner Hütte auf dem Stuhl neben dem Holzofen und las. Durch diese Wälder streifen viele mit Gewehren bewaffnete Männer, meist in abgelegenen Gegenden, wo niemand wohnt, und besonders am ersten Tag der Jagdsaison, wenn die Leute aus Fort Kent oder noch kleineren Städten mit ihren langen Gewehren in Pick-ups heraufkommen, um Hirsche oder Bären zu jagen, durchsieben ihre Schüsse die Luft.

Doch der metallische Knall, der durch den Wald hallte, schien ganz aus der Nähe zu kommen, nicht mehr als einen Kilometer entfernt, falls das tatsächlich die Kugel war, die ihn tötete. Ehrlich gesagt, habe ich mir seither so oft vorgestellt, ihn zu hören, habe ich das Tonband dieses Augenblicks so oft zurückgespult, dass ich den realen Klang des Gewehrs nicht mehr vom eingebildeten unterscheiden kann.

Das war nah, sagte ich, legte ein weiteres Scheit aufs Feuer und schloss die Ofentür, bevor der Rauch hervorquellen und sich im Zimmer ausbreiten konnte.

Die meisten Jäger, auch die Anfänger, blieben im offenen Wald, weiter westlich in den North Maine Woods und bis zur kanadischen Grenze hinauf, aber ein gutes Gewehr ist weithin zu hören, und ohne Mauern und Straßen lässt sich die Entfernung nur schwer schätzen.

Dennoch kam es mir zu nah vor. Die erfahrenen Jäger wussten, wo ich wohnte, wo sich all die Hütten im Wald befanden, manche deutlich zu sehen, manche versteckt. Sie wussten, wo man keine Waffe abfeuern durfte und dass Kugeln so lange fliegen, bis sie irgendwo einschlagen.

Im Ofen brannte ein schönes Feuer, das meine Beine wärmte, und ich las die Kurzgeschichte von Tschechow zu Ende, in der ein Mädchen nicht schlafen kann und das Baby die ganze Zeit schreit, und weil ich mich völlig darin vertieft hatte, fiel mir gar nicht auf, dass mein Hund weg war. Vor ein paar Minuten hatte ich ihn hinausgelassen, und es war nicht ungewöhnlich, dass er sich von der Hütte entfernte, obwohl er meistens in einem Umkreis von hundert Metern blieb, seinem Territorium, seinem Besitz.

Ich ging zur Tür, rief nach ihm und dachte wieder, dass der Knall ein bisschen zu nah am Haus gewesen war, sah dann zehn Minuten später noch einmal nach, konnte meinen Hund aber nirgends entdecken, er kam nicht, als ich - jedes Mal lauter - nach ihm rief, und auch als ich zum Waldrand ging und pfiff, die Hände um den Mund legte und brüllte, war nichts von der braunen Gestalt zu sehen, die sonst immer aus dem Unterholz hervorbrach.

Der Wind war kalt, und ich schloss die Tür und schob das Handtuch davor, damit es nicht zog. Dann blickte ich auf die Uhr, was in den Wintermonaten nur selten vorkommt.

Es war vier Minuten nach drei.

In den Norden von Maine kommt der November mit einem kalten Wind aus Kanada, der ungebremst durch den gelichteten Wald fegt und Schnee über die Flussufer und die Hänge der Hügel breitet. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau, und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.

Ich bin in diesen Wäldern aufgewachsen, dem Waldland am westlichen Rand des St. John Valley, das an die kanadische Provinz New Brunswick grenzt und sich mit seinen sanften Hügeln und den kleinen, abgelegenen Siedlungen an den Ufern und südlich des St. John River entlangzieht. Mein Großvater war Akadier, wie meine Mutter, und baute die Hütte aus mir unbekannten Gründen meilenweit entfernt von den anderen Franzosen, auf baumbestandenem Land in der Nähe des großen Waldgebiets im westlichen Teil des Tals. Damals lag die Hütte sogar noch abgeschiedener als heute, was seltsam war, denn eigentlich hielten diese Leute zusammen: Die meisten, die in den Siedlungen hier wohnten, stammten von Akadiern ab und waren 1755 von den Briten aus Nova Scotia vertrieben worden. Einige gingen in den Süden nach Louisiana, die Übrigen landeten im Norden von Maine - ein Volk der Extreme, wie mein Vater sagte, Bewohner des tiefsten Südens und des höchsten Nordens.

Auch wegen der Winter war es seltsam. Mein Großvater errichtete die Hütte auf zwei Morgen gerodetem Land, ringsum von Wald umgeben, und mein Vater baute eine große Scheune an, noch größer als die Hütte, wo er sein ganzes Werkzeug, den Pick-up und all das aufbewahrte, was zerbrechlich war oder leicht verlorenging und die sechs Wintermonate im Freien nicht überstehen würde. Der Wald setzte sich aus Nadel- und Laubbäumen zusammen - Kiefern, Eichen, Fichten, Tannen und Ahorn -, und wenn sich die Blätter im September gelb und rostrot färbten und wie vertrocknete Haut abfielen, wenn sie sich im Oktober bräunlich auf dem Waldboden kräuselten und in den November davongeweht wurden, war es, als würden die Bäume rings um die Hütte zurückweichen, sich schrittweise entfernen.

Die Hütte stammt vom französischen Familienzweig meiner Mutter, denn mein Vater war Engländer, doch von ihm erbte ich sie. Er sagte, es sei kaum zu glauben, dass dieses Tal der sanft gewellten Landschaft Mittelenglands gleiche, aber statt der englischen die französische Sprache in diesen Hügeln erschalle. Auch das war eine seltsame Entscheidung - eine Akadierin, die einen Engländer heiratete -, doch es heißt, meine Mutter ging stets ihren eigenen Weg, und Akadier lassen sich ohnehin keine Vorschriften machen.

Die Hütte verschmilzt mit dem Wald oder der Wald mit der Hütte. Man steigt im Wald über einen Zweig, und plötzlich steht man auf einer Veranda und muss ganz vorsichtig sein. In diesen Wäldern wohnen viele Männer, die sonst nirgends leben können. Sie leben allein und sind noch für die geringste Beleidigung empfänglich, darum sollte man sich lieber gut benehmen oder erst gar nichts sagen. Sie kommen in den Norden, um ihr Lebensende abzuwarten, oder sie waren ohnehin hier und bleiben aus demselben Grund.

Leseprobe zu "Winter in Maine" von Gerard Donovan

30. Oktober - 2. November

Ich glaube, ich habe den Schuss gehört.

Es war ein kalter Nachmittag Ende Oktober, und ich saß in meiner Hütte auf dem Stuhl neben dem Holzofen und las. Durch diese Wälder streifen viele mit Gewehren bewaffnete Männer, meist in abgelegenen Gegenden, wo niemand wohnt, und besonders am ersten Tag der Jagdsaison, wenn die Leute aus Fort Kent oder noch kleineren Städten mit ihren langen Gewehren in Pick-ups heraufkommen, um Hirsche oder Bären zu jagen, durchsieben ihre Schüsse die Luft.

Doch der metallische Knall, der durch den Wald hallte, schien ganz aus der Nähe zu kommen, nicht mehr als einen Kilometer entfernt, falls das tatsächlich die Kugel war, die ihn tötete. Ehrlich gesagt, habe ich mir seither so oft vorgestellt, ihn zu hören, habe ich das Tonband dieses Augenblicks so oft zurückgespult, dass ich den realen Klang des Gewehrs nicht mehr vom eingebildeten unterscheiden kann.

Das war nah, sagte ich, legte ein weiteres Scheit aufs Feuer und schloss die Ofentür, bevor der Rauch hervorquellen und sich im Zimmer ausbreiten konnte.

Die meisten Jäger, auch die Anfänger, blieben im offenen Wald, weiter westlich in den North Maine Woods und bis zur kanadischen Grenze hinauf, aber ein gutes Gewehr ist weithin zu hören, und ohne Mauern und Straßen lässt sich die Entfernung nur schwer schätzen.

Dennoch kam es mir zu nah vor. Die erfahrenen Jäger wussten, wo ich wohnte, wo sich all die Hütten im Wald befanden, manche deutlich zu sehen, manche versteckt. Sie wussten, wo man keine Waffe abfeuern durfte und dass Kugeln so lange fliegen, bis sie irgendwo einschlagen.

Im Ofen brannte ein schönes Feuer, das meine Beine wärmte, und ich las die Kurzgeschichte von Tschechow zu Ende, in der ein Mädchen nicht schlafen kann und das Baby die ganze Zeit schreit, und weil ich mich völlig darin vertieft hatte, fiel mir gar nicht auf, dass mein Hund weg war. Vor ein paar Minuten hatte ich ihn hinausgelassen, und es war nicht ungewöhnlich, dass er sich von der Hütte entfernte, obwohl er meistens in einem Umkreis von hundert Metern blieb, seinem Territorium, seinem Besitz.

Ich ging zur Tür, rief nach ihm und dachte wieder, dass der Knall ein bisschen zu nah am Haus gewesen war, sah dann zehn Minuten später noch einmal nach, konnte meinen Hund aber nirgends entdecken, er kam nicht, als ich - jedes Mal lauter - nach ihm rief, und auch als ich zum Waldrand ging und pfiff, die Hände um den Mund legte und brüllte, war nichts von der braunen Gestalt zu sehen, die sonst immer aus dem Unterholz hervorbrach.

Der Wind war kalt, und ich schloss die Tür und schob das Handtuch davor, damit es nicht zog. Dann blickte ich auf die Uhr, was in den Wintermonaten nur selten vorkommt.

Es war vier Minuten nach drei.

In den Norden von Maine kommt der November mit einem kalten Wind aus Kanada, der ungebremst durch den gelichteten Wald fegt und Schnee über die Flussufer und die Hänge der Hügel breitet. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau, und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.

Ich bin in diesen Wäldern aufgewachsen, dem Waldland am westlichen Rand des St. John Valley, das an die kanadische Provinz New Brunswick grenzt und sich mit seinen sanften Hügeln und den kleinen, abgelegenen Siedlungen an den Ufern und südlich des St. John River entlangzieht. Mein Großvater war Akadier, wie meine Mutter, und baute die Hütte aus mir unbekannten Gründen meilenweit entfernt von den anderen Franzosen, auf baumbestandenem Land in der Nähe des großen Waldgebiets im westlichen Teil des Tals. Damals lag die Hütte sogar noch abgeschiedener als heute, was seltsam war, denn eigentlich hielten diese Leute zusammen: Die meisten, die in den Siedlungen hier wohnten, stammten von Akadiern ab und waren 1755 von den Briten aus Nova Scotia vertrieben worden. Einige gingen in den Süden nach Louisiana, die Übrigen landeten im Norden von Maine - ein Volk der Extreme, wie mein Vater sagte, Bewohner des tiefsten Südens und des höchsten Nordens.

Auch wegen der Winter war es seltsam. Mein Großvater errichtete die Hütte auf zwei Morgen gerodetem Land, ringsum von Wald umgeben, und mein Vater baute eine große Scheune an, noch größer als die Hütte, wo er sein ganzes Werkzeug, den Pick-up und all das aufbewahrte, was zerbrechlich war oder leicht verlorenging und die sechs Wintermonate im Freien nicht überstehen würde. Der Wald setzte sich aus Nadel- und Laubbäumen zusammen - Kiefern, Eichen, Fichten, Tannen und Ahorn -, und wenn sich die Blätter im September gelb und rostrot färbten und wie vertrocknete Haut abfielen, wenn sie sich im Oktober bräunlich auf dem Waldboden kräuselten und in den November davongeweht wurden, war es, als würden die Bäume rings um die Hütte zurückweichen, sich schrittweise entfernen.

Die Hütte stammt vom französischen Familienzweig meiner Mutter, denn mein Vater war Engländer, doch von ihm erbte ich sie. Er sagte, es sei kaum zu glauben, dass dieses Tal der sanft gewellten Landschaft Mittelenglands gleiche, aber statt der englischen die französische Sprache in diesen Hügeln erschalle. Auch das war eine seltsame Entscheidung - eine Akadierin, die einen Engländer heiratete -, doch es heißt, meine Mutter ging stets ihren eigenen Weg, und Akadier lassen sich ohnehin keine Vorschriften machen.

Die Hütte verschmilzt mit dem Wald oder der Wald mit der Hütte. Man steigt im Wald über einen Zweig, und plötzlich steht man auf einer Veranda und muss ganz vorsichtig sein. In diesen Wäldern wohnen viele Männer, die sonst nirgends leben können. Sie leben allein und sind noch für die geringste Beleidigung empfänglich, darum sollte man sich lieber gut benehmen oder erst gar nichts sagen. Sie kommen in den Norden, um ihr Lebensende abzuwarten, oder sie waren ohnehin hier und bleiben aus demselben Grund.

Kundenbewertungen zu "Winter in Maine" von "Gerard Donovan"

1 Kundenbewertung (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von Marshall am 03.05.2010 ***** ausgezeichnet
Eigentlich sagen die Rezensionen über dieses Buch schon alles aus: Winter in Maine ist ein ausgezeichneter Roman mit einer bewegenden Geschichte, einem überaus interessanten Protagonisten und einer sprachlichen Geschliffenheit, die einen so manches Mal überraschen wird. Dieses ganze entfaltete Panorama sucht seinesgleichen.
Es gibt wenige Bücher, die man als perfekt bezeichnen kann. Dieses gehört zweifelsohne dazu.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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