Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat
"Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur
noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue,
zukünftige." Der französische Literaturpapst Bernard Pivot in
Le Journal du Dimanche
"Der Autor schreibt mit einer geradezu unverschämten Klugheit,
mit dem Pfeffer der Ironie und kriegt es hin, dass seine Leser
lächelnd entdecken: Hier schreibt jemand eine Liebeserklärung an
die Literatur." SWR2
"Bei dem französischen Literaturprofessor und Psychoanalytiker
fühlt man sich amüsant unterhalten und zugleich ernstgenommen. Wie
nebenbei lernt man Neues über Bücher und über sich selbst als
Leser. Das Buch ist geistreich, ohne kompliziert zu sein, klug,
aber bescheiden." Wiebke Hüster, Deutschlandradio
Sie haben Joyces »Ulysses« nicht gelesen? Haben neulich Proust
zitiert, ohne sein Werk zu kennen, über den neuen Nobelpreisträger
geplaudert, obwohl Sie sich nicht mal an den Buchtitel erinnern
konnten? Kein Problem, sagt der französische Literaturprofessor
Pierre Bayard. Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Schluss
mit Heuchelei und Schuldgefühlen, die einem unbefangenen Zugriff
auf die Weltliteratur im Wege stehen! Wie man auf hohem Niveau und
schamfrei über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, zeigt uns
dieses wunderbare Buch. Der versierte Nichtleser unterscheidet vier
Haupttypen: unbekannte Bücher, Bücher, die man quergelesen hat,
Bücher, die man nur vom Hörensagen kennt, und solche, deren Inhalt
wir schon wieder vergessen haben. Unabhängig vom Typus lässt sich
über alle hervorragend reden: in Gesellschaft, mit dem
Literaturprof an der Uni, ja manchmal unausweichlich mit dem Autor
selbst. Dass Bayard seine Einladung zum unverfrorenen Umgang mit
Büchern mit einer Fülle literarischer Beispiele untermauert,
versteht sich von selbst: von Musils Bibliothekar, der kein Buch
durch Lektüre bevorzugen will und deshalb gar nicht liest, über
Ecos scharfsinnigen William von Baskerville bis zu David Lodge.
Eine Apologie des Nicht-Lesens, lang erwartet, bitter nötig,
unverschämt klug »gleich kaufen und lesen, von einem Ende zum
anderen« (Le Magazine littéraire).
"Ich lese nie ein Buch, das ich besprechen muss - man lässt sich so leicht beeinflussen." Oscar Wilde
Besprechung von 10.10.2007
Mitreden reicht Zeitig zur Buchmesse: Anleitung zum Nichtlesen
Wie liest man ein Buch? Die Frage stellt sich heute, am ersten Tag der Buchmesse, auf der 7448 Aussteller aus 108 Ländern fast vierhunderttausend Bücher präsentieren, nicht ohne eine gewisse Dringlichkeit. Nehmen wir zum Beispiel dieses: Es heißt "Wie man ein Buch liest" und stammt von Mortimer J. Adler und Charles van Doren. Erschienen ist es soeben bei Zweitausendeins, und wer das Buch in die Hand nimmt, sollte es hinten aufschlagen, im Anhang, und zwar auf Seite 378. Hier finden sich, auf drei Seiten zusammengefasst, die "Leseregeln auf einen Blick". Wer nur diese drei Seiten liest, befolgt damit bereits einige der dort genannten Regeln: Er verschafft sich einen Eindruck davon, von welcher Art das Buch ist, wovon es handelt, wie es aufgebaut ist und wie seine grundlegenden Argumente lauten. Auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, ob das Buch systematisch von vorne bis hinten, nur in Auszügen oder gar nicht gelesen werden sollte.
"How to read a book", so der Originaltitel, erschien 1940 und stand länger als ein Jahr an der Spitze der amerikanischen Bestsellerliste. …
Hanns Zischler ist 1947 geboren. Er arbeitete als Dramaturg, Übersetzer, Film- und Literaturkritiker. Seit 1967 wirkte er in vielen Filmen mit.
Leseprobe zu "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"
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Leseprobe zu "Wie man über Bücher spricht, die man nicht..."
DA ICH IN EIN MILIEU HINEINGEBOREN WURDE, in dem kaum jemand las, da ich außerdem nur wenig für diese Beschäftigung übrig hatte und mir ohnehin die Zeit dafür fehlte, bin ich durch ein Zusammentreffen von Umständen, die das Leben so mit sich bringt, oft in heikle Situationen geraten, in denen ich mich gezwungen sah, über Bücher zu sprechen, die ich nicht gelesen hatte.
Als jemand, der an der Universität Literatur unterrichtet, kann ich mich der Verpflichtung, Bücher zu kommentieren, die ich in den meisten Fällen gar nicht aufgeschlagen habe, nur schwer entziehen. Das Gleiche trifft zwar auch für die Mehrheit meiner Studenten zu, doch es muss nur ein Einziger von ihnen den Text, über den ich rede, gelesen haben, schon hat das Auswirkungen auf meine Vorlesung, und ich kann von einem Moment auf den andern in Verlegenheit geraten.
Darüber hinaus bin ich im Rahmen meiner Bücher und Artikel, die sich im Wesentlichen auf die Bücher und Artikel anderer beziehen, regelmäßig gehalten, über Publikationen zu berichten. Das bringt noch mehr Probleme mit sich, da schriftliche Kommentare im Gegensatz zu mündlichen Äußerungen, die bedenkenlos Ungenauigkeiten aufweisen dürfen, Spuren hinterlassen und überprüft werden können.
Da solche Situationen für mich zum Alltag gehören, fühle ich mich einigermaßen in der Lage, vielleicht nicht unbedingt Lehren zu erteilen, aber doch wenigstens meine fundierte Erfahrung als Nichtleser weiterzugeben und damit eine Auseinandersetzung über ein Tabuthema in Gang zu bringen, die aufgrund der vielen ungeschriebenen Gesetze, die sie unweigerlich verletzt, bisher kaum möglich war.
Tatsächlich gehört ein gewisser Mut dazu, von solchen Erfahrungen zu berichten, und so ist es nicht verwunderlich, dass nur wenige Texte die Vorzüge des Nichtlesens rühmen. Denn dieses stößt auf eine ganze Reihe verinnerlichter gesellschaftlicher Zwänge, die verhindern, dass die Frage so schonungslos angegangen wird, wie ich es hier versuchen möchte. Mindestens drei davon sind entscheidend.
Den ersten dieser Zwänge könnte man als den Zwang zu lesen bezeichnen. Wir leben in einer - allerdings im Verschwinden begriffenen - Gesellschaft, in der die Lektüre noch immer Gegenstand einer Form von Sakralisierung ist. Diese Sakralisierung bezieht sich vorzugsweise auf eine bestimmte Anzahl kanonischer Texte - die Liste variiert je nach Milieu -, die nicht gelesen zu haben praktisch verboten ist, wenn man sich nicht blamieren will.
Den zweiten Zwang, eng mit dem ersten verbunden, aber doch von ihm unterschieden, könnten wir als die Verpflichtung bezeichnen, alles zu lesen. Wenn es verpönt ist, nicht zu lesen, so gilt es als fast ebenso anstößig, flüchtig oder quer zu lesen, und vor allem, das auch noch einzugestehen. Für einen Literaturprofessor ist es zum Beispiel undenkbar zuzugeben - auch wenn es für die meisten zutrifft -, dass er Prousts Werk nicht in seiner Gänze gelesen, sondern nur darin geblättert hat.
Der dritte Zwang betrifft das Reden über Bücher. Ein stillschweigendes Postulat unserer Kultur besagt, dass man ein Buch gelesen haben muss, um etwas darüber auszusagen. Nun aber ist es meiner Erfahrung nach absolut möglich, ein spannendes Gespräch über ein ungelesenes Buch zu führen, auch und vielleicht erst recht mit jemandem, der es ebenfalls nicht gelesen hat.
Mehr noch, es ist, wie sich im Laufe dieses Essays herausstellen wird, manchmal sogar wünschenswert, dass man ein Buch, über das man sich zutreffend äußern möchte, nicht vollständig gelesen, ja, es gar nicht erst aufgeschlagen hat. Ich kann gar nicht eindringlich genug auf die oft unterschätzten Risiken hinweisen, die mit dem Lesen verbunden sind, insbesondere für jemanden, der über ein Buch reden oder es sogar besprechen möchte.
Dieses Zwangssystem aus Pflichten und Verboten hat zu einer allgemeinen Scheinheiligkeit in Bezug auf die angeblich gelesenen Bücher geführt. Ich kenne nur wenige Bereiche des Privatlebens, von Geld und Sexualität einmal abgesehen, über die man so schwer verlässliche Informationen bekommt wie über Bücher.
In Fachkreisen ist das Lügen aufgrund der drei Zwänge, von denen ich eben sprach, allgemein verbreitet, was die Wichtigkeit bestätigt, die dem Buch in diesem Milieu zugemessen wird. Wenn ich auch selbst wenig gelesen habe, so kenne ich doch einige Bücher hinreichend - auch hier wieder denke ich an Proust -, um in Diskussionen mit meinen Kollegen einschätzen zu können, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, wenn sie über ihn reden, und auch, um zu wissen, dass dies nur selten der Fall ist.
Man belügt die anderen, aber auch und wahrscheinlich in erster Linie sich selbst, weil es manchmal äußerst schwerfällt, sich einzugestehen, dass man ein bestimmtes, in den Kreisen, in denen man verkehrt, als wesentlich eingestuftes Buch nicht gelesen hat. Und dementsprechend groß ist in diesem wie in vielen anderen Bereichen unsere Fähigkeit, die Vergangenheit unseren Wünschen entsprechend etwas zurechtzurücken.
Dieses allgemeine Lügen, sobald man über Bücher spricht, ist ein weiterer Aspekt des Tabus, das auf dem Nichtlesen lastet und mit Ängsten zu tun hat, die wahrscheinlich aus unserer Kindheit stammen. Es besteht kaum Hoffnung, unbeschadet aus Situationen dieser Art hervorzugehen, wenn man nicht das unbewusste Schuldgefühl analysiert, das mit dem Geständnis einhergeht, gewisse Bücher nicht gelesen zu haben. Dieser Essay möchte sich zur Aufgabe machen, unser Gewissen wenigstens etwas zu entlasten.
Das Nachdenken über nicht gelesene Bücher und die Gespräche, die sich daraus ergeben, gestalten sich umso schwieriger, als sich der Begriff des Nichtlesens nicht klar definieren lässt und es also gelegentlich gar nicht so einfach ist zu wissen, ob man mit der Behauptung, ein Buch gelesen zu haben, lügt oder die Wahrheit sagt. Denn dies würde voraussetzen, dass man klar zwischen Lesen und Nichtlesen unterscheiden kann, während sich doch zahlreiche Begegnungsformen mit Texten in Wirklichkeit in einem Zwischenbereich abspielen.
Ein Marktplatz-Angebot für "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat" für EUR 5,30
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