Wie ich mich einmal in alles verliebte - Block, Stefan Merrill

Stefan Merrill Block 

Wie ich mich einmal in alles verliebte

Roman

Aus d. Engl. v. Marcus Ingendaay
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Wie ich mich einmal in alles verliebte

Abel ist verliebt - in Mae, die Frau seines Bruders. Als Mae eines Tages spurlos verschwindet, zerbricht Abels Welt. Die Jahre vergehen. Sein Bruder stirbt. Die Farm verfällt. Aber Abel gibt nicht auf. Er wird warten, bis Mae zurückkommt. Doch als es eines Tages endlich an seiner Tür klopft, steht dort nicht Mae, sondern ein Fremder ...

Abel ist verliebt in Mae, die Frau seines Bruders. Als Mae eines Tages spurlos verschwindet, zerbricht Abels Welt. Die Jahre vergehen. Sein Bruder stirbt. Die Farm verfällt. Aber Abel gibt nicht auf. Er wird warten, bis Mae zurückkommt. Doch als es eines Tages endlich an seiner Tür klopft, steht dort nicht Mae, sondern ein Fremder


Produktinformation

  • Verlag: Piper
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 347 S.
  • Seitenzahl: 347
  • Serie Piper Bd.5780
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 123mm x 21mm
  • Gewicht: 286g
  • ISBN-13: 9783492257800
  • ISBN-10: 3492257801
  • Best.Nr.: 28028862
»Zum Verlieben und Nie-wieder-Vergessen.« Brigitte. »Stefan Merrill Block dürfte ein Name sein, den man sich für die Zukunft unbedingt merken sollte.« Frankfurter Allgemeine Zeitung. »Bunt, fantastisch und mit großer Souveränität geschrieben.« Die Zeit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.09.2008

Eine Kunst des Vergessens? Vergiss es!

Geschrieben in der Signalsprache der Nukleinsäuren: Stefan Merrill Block rehabilitiert das Vergessen. Nur so kann man sich immer wieder in dasselbe verlieben.

Der Titel führt in die Irre: Zwar verliebte sich tatsächlich Abel, einer der beiden Ich-Erzähler, in alles, was mit seiner angebeteten Schwägerin Mae zu tun hatte, sogar in ihre krummen Zehen, "so schön wie die Zacken eines Diadems", doch es geht um weitaus mehr. Im Original heißt der Debütroman von Stefan Merrill Block "The Story of Forgetting", was sich zuallererst auf den tragischen Verlauf der erblichen Alzheimer-Erkrankung bezieht. Blocks Großmutter starb an dieser unheilbaren Krankheit; bei dem 1982 geborenen und in Texas aufgewachsenen Autor könnte sie ebenfalls eines Tages ausbrechen.

Dieselbe Ungewissheit, die hier zum Teil als schriftstellerisches Movens gelten könnte, treibt Seth um, einen aknegeplagten Teenager, der miterleben muss, wie seine Mutter den Bezug zu Vergangenheit und Gegenwart verliert. Er setzt sich daher in einem Anflug jugendlichen Übermuts in den Kopf, Wissenschaftler zu werden, um ein Heilmittel gegen Morbus …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensentin Kristina Maidt-Zinke ärgert sich zwar über den die Thematik des Buchs umschiffenden Titel, der durch den Umschlagtext noch irritierender wird. Doch davon abgesehen hat sie an diesem Roman über Alzheimer ziemlich viel Freude, auch wenn ihrer Meinung nach hin und wieder der jugendliche Eifer mit dem Autor Stefan Merrill Block durchgeht - etwa, wenn er auf der vierten Handlungsebene etwas zu ausführlich über eine Fantasy-Welt schreibt. Doch findet sie alles in allem die Geschichte über "weite Strecken kurzweilig und spannend geraten". Angemessen findet sie zudem, dass die Geschichte eher durch "Komik" als durch "Sentimentalität" berührt. In dem Sinne findet Maidt-Zinke auch gelungen, dass der Autor den "emotionalen Höhepunkt der Geschichte mit sehr erwachsener Gelassenheit und Distanz" gestaltet.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 31.10.2008

Liebe ist besser als Alzheimer
Stefan Merrill Blocks sehr komischer Roman „Wie ich mich einmal in alles verliebte”
In beängstigendem Einklang mit der Theorie, nach der zu jeder Epoche die ihr gemäße Krankheit gehört, verbreitet sich im Informationszeitalter der Morbus Alzheimer gleich einer Epidemie. Bei allen tragischen Begleiterscheinungen zeichnet sich dieses Leiden gegenüber anderen durch sein hohes Witzpotential aus. Kennen Sie die Vorteile von Alzheimer? Erstens: Man kann seine Ostereier selber verstecken. Zweitens: Man lernt täglich neue Freunde kennen. Drittens: Man kann seine Ostereier selber verstecken. Galgenhumor scheint im Umgang mit der Krankheit, zumal wenn sie in der eigenen Familie auftritt, eine lebenswichtige Technik zu sein. In den USA, wo das Problem der präsenilen (also nicht mit Altersdemenz zu verwechselnden) Alzheimer-Symptomatik entweder schon bedrohlichere Ausmaße angenommen hat oder aber öffentlicher verhandelt wird als in Europa, ist aus den betreffenden Erfahrungen ein neues Sub-Genre hervorgegangen – die unbefangen so genannte Alzheimer-Literatur, die auf dem Sachbuchsektor wie in der Belletristik einen Boom erlebt.

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"Das Verdienst von Stefan Merrill Block (...) ist es, diesen vermeintlich tristen und auf den ersten Blick womöglich deprimierenden Stoff in eine vorwiegend optimistische und spannende Erzählung zu packen, die trotz zahlreicher anrührender und trauriger Momente mit einer angemessen dosierten Prise Ironie gewürzt ist. Eine liebevoll-kritische Schilderung des zerbröckelnden Familienzusammenhalts.. (...) den Autor sollte man sich für die Zukunft unbedingt merken." FAZ "Die freche Herangehensweise des neu Brooklyners, die frühe Könnerschaft, die Chuzpe, das familiär-persönliche und sogar die bitter-komische Textur des Romans (...) Begeisterung von Kritik und Medien in den USA. In der Tat, die spielerisch souveräne Machart lässt keinen missgelaunten Problembewältigungsverdacht zu. Sie garantiert jene andere Authentizität, die nur durch das schöne Spiel hervorgebracht wird." ZEIT Literaturbeilage "Ohne Zweifel ist dies ein Debüt, das man weniger schnell vergisst als die meisten anderen. Man wird von Stefan Merrill Block noch hören..." SZ

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Stefan Merrill Block wurde 1982 geboren und wuchs in Texas auf. Er studierte an der Washington University in Saint Louis/Missouri und lebt heute in Brooklyn. 'Wie ich mich einmal in alles verliebte' ist sein erster Roman.

Leseprobe zu "Wie ich mich einmal in alles verliebte"

Ich habe niemals verstanden, diese Stille zu füllen. In den Monaten nach der großen Tragödie sprang ich jeden Morgen aus dem Bett, zog die kiloschweren, klobigen, korkbesohlten Stiefel an, lief in einer Art Paradeschritt von Zimmer zu Zimmer und stieß dabei alles um, was irgendwie erreichbar war. Die Stille bedeutete Abwesenheit, und Abwesenheit hieß Erinnern, deshalb schlug ich so viel Krach wie möglich. Die verrotteten Dielen schrien auf, wenn sie so geweckt wurden, die Sessel bedankten sich fürs Umgestürzt werden mit einem dumpfem Rums, und die Gipswände antworteten mit einem Riss, wenn ich mit den Fäusten dagegen trommelte. Aber all das war nur ein schwacher Trost, denn dahinter wartete immer wieder die Stille. Mit der Zeit lernte ich sie zu zerteilen. Wenn ich nach dem Frühstück in den Garten hinaushorchte, wo eigentlich meine Tochter hätte sein sollen, oder auf die schleppenden Schritt meines Bruders im Flur oder auf Mae, die am Radioknopf drehte, dann war nur jene Stille schuld, die sich in meiner leeren Porridge-Schale angesammelt hatte. Und die Stille in der Porridge-Schale ließ sich schon mit einem klappernden Löffel vertreiben. Manchmal kroch unter der Tür jenes Zimmers, das einst meinem Bruder und Mae gehört hatte, eine ganz spezielle Stille hervor, die nur durch einen brachialen Angriff zum Schweigen gebracht werden konnte. Gut möglich, dass ich mich mit dieser Stille nie abfinden konnte, und doch entdeckte ich mit den Jahren auch ihre Möglichkeiten. Diese Stille war absolut, also der Horror, zugleich aber ein Segen. Sie verschluckte alles, was ich hineinwarf: meine Illusionen, meine Reue, sogar die Wahrheit. Doch selbst wenn jedes geäußerte Wort sofort in diesem Nichts verschwindet, die fundamentale Wahrheit meines Leben bleibt so simpel, dass es einem schon blöd vorkommt, sie auch nur laut auszusprechen. Ich liebte meine Schwägerin. Aber das ist natürlich nicht alles. Vielleicht sollte ich besser sagen: Ich glaubte einmal, mein Bruder sei mir wertvoller als jeder andere Mensch auf der Welt. Doch das stimmte nicht. Noch mehr liebte ich die Frau, die er geheiratet hatte, jene Frau, die er zuweilen gar nicht zu lieben schien. Schaut mich an. Selbst nach all den Jahren bin ich immer noch eifersüchtig. Warum sonst muss ich vergleichen, wer wen am meisten geliebt hat? Das Leben ist doch kein Wettbewerb, wo derjenige das Meiste kriegt, der am meisten liebt. Lethargische Leute und Zyniker können in Villen leben. Und ich bin immer noch hier, allein mit der Stille in diesem Haus, das kaum besser ist als eine Ruine. Hat mein Bruder Mae geliebt? Vielleicht, auf seine Art, aber genau weiß ich das nicht. Sie war ja seine Frau, ihm reichte das. Liebte ich sie denn? Klare Antwort: Ja. Ich liebte sogar Dinge an ihr, die normalerweise nicht als liebenswert gelten. Zum Beispiel ihre Zehen. Nicht nur die Füße, nein, auch die Zehen. Krumm und schief von Geburt an, aber für mich so schön wie die Zacken eines Diadems. Und nicht nur das. Ich liebte auch das Geräusch, das diese Füße bei jedem Schritt machten. Ich verliebte mich jedesmal neu in das Geräusch ihrer Füße auf Sand, auf Holz und auf Lehm. Es gibt seit einiger Zeit einen jungen Briefträger, der dieselbe Schrittlänge haben muss wie Mae, denn jedesmal, wenn mein National Geographic oder der Katalog des Buchclubs durch den Briefschlitz fällt, verliebe ich mich unwillkürlich und total aufs Neue. Aber irgendwann musste ich zu einer Entscheidung kommen, sonst hätte ich noch eine Dummheit begangen. Ich beschloss daher, Mae nur noch bei nicht so schönen Tätigkeiten zuzusehen. Ich fragte mich: Wodurch geht am ehesten die Liebe verloren? Auch hier eine klare Antwort: Wenn man der geliebten Person dabei zusieht, wie sie mit einer dritten Person schläft. Das Zimmer meines Bruders, ehedem das Zimmer von Mama, liegt im Obergeschoss. Draußen steht eine riesige Trauerweide, die einem mit ihren langen blättrigen Fingern das Gesicht kitzelt, wenn man bei offenem Fenster schläft. Und weil ich mich am selben Abend wieder in etwas vollkommen Unmögliches verliebt hatte, nämlich in Maes Magengeräusche, nahm ich mir vor, endlich auf diesen Baum zu steigen und mich einem Eindruck auszusetzen, der meine Liebe umgehend zerstören würde. Also hockte ich nachts in der Trauerweide wie ein schmieriger Spanner (oder wie der alte Sack, der ich mittlerweile geworden bin) und wartete auf die traumatische Szene. Aber es passierte rein gar nichts, mein Bruder und Mae sahen sich nicht einmal an. Sie krochen ins Bett, legten sich so weit auseinander, wie es nur ging, und schliefen ein. Am nächsten Abend (nachdem ich mich in die Art verliebt hatte, wie Mae die Maiskolben enthülste), versteckte ich mich wieder in dem Baum. Und wiederum tat sich überhaupt nichts. In den darauffolgenden fünf Tagen verliebte ich mich in so vieles an Mae, dass ich darum betete, der Geschlechtsakt möge sich endlich vollziehen, sonst wäre ich für alles Weitere nicht mehr verantwortlich. Etwa beim Frühstück, wenn Mae meinem Bruder den Kaffee einschenkte - auch so etwas, dem ich seit langem verfallen war - in solchen Momenten wäre ich durchaus imstande gewesen, vom Tisch aufzuspringen und zu rufen: "Mae, ich liebe die Art, wie du den Kaffee eingießt!"Ich hatte Mama vor Zeiten geschworen, in Sachen Liebe nie den Kopf zu verlieren, aber genau das tat ich wohl. Als selbst nach fünf Tagen Mae und mein Bruder nichts anderes im Bett getan hatten, als zu schlafen, tat ich etwas Unverzeihliches. Allerdings dachte ich, es ließe sich so verdeckt bewerkstelligen, dass Scham und Schande nur an mir hängenblieben. Vielleicht dachte ich auch gar nicht. Während ich Mae also beim Schlafen zusah - ihr Gesicht war dem Fenster zugekehrt, ihr Nasenrücken und die Art, wie er sich ins Kissen schmiegte ein weiterer Grund für endlose Liebe - fing ich auf dem Baum ganz langsam an, mich zu reiben. Am nächsten Tag ging ich unter einem Vorwand die drei Meilen in die Stadt und brachte ein Pornoheft mit, voller expliziter Bilder von Mann und Frau in wilder Vereinigung. Die sollte sich mein Bruder ansehen, als Anregung gewissermaßen. Ich gab vor, das Heft sei für mich, was nur normal war, da mich schon lange keiner mehr mit einer Frau zusammen gesehen hatte. Ich ließ es aber ganz offen an Stellen liegen, wo es mein Bruder sehen musste. Eine ganze Weile wollte der Fisch nicht anbeißen, und mir war klar, dass ich schon sehr bald gezwungen sein würde, zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. Aber nach fünfzehn Nächten, in denen die beiden nicht miteinander geschlafen hatte, war das Heft eines Abends von dem Regal im Schuppen verschwunden, wo es bis dahin gelegen hatte. Sofort war die Hoffnung wieder da. Allein sie währte nicht lange, denn schon wenige Minuten später sah ich, wie mein Bruder das Heft heimlich wieder zurücklegte. Er hatte es nur mit ins Außenklo genommen. Mein schöner Plan war nach hinten losgegangen. Aber was an Mae konnte ich sonst noch abstoßend finden? Ich hatte ja alles schon ausprobiert. Einmal hatte ich sie sogar - durch ein Astloch in der Wand auf dem Klo beobachtet, weil ich meinte, dass der Anblick niedriger Körperfunktionen mich endgültig kurieren würde. Es klappte nicht, ich verliebte mich prompt in die Laute, die sie dabei von sich gab, und in die Art, wie sie sich mit ihren kleinen, feinen Händen abwischte. Es war hoffnungslos. Dann stellte ich mir allerlei schreckliche Sachen vor. Überlegte mir verschiedene Methoden, wie ich meinen Bruder umbringen konnte, aber so, dass es nach einem Unfall aussah. Malte mir aus, wie ich Mae nachts entführen und ihr erklären würde, warum ich diese bösen Sachen anstellte. Ich träumte davon, sie einfach zu fragen, ob es ihr umgekehrt auch so ginge, ob sie auch an mir alles liebte - und wenn ja, ob wir nicht zusammen durchbrennen sollten. Aber schon in der nächsten Sekunde wurde mir klar, dass auch das eine Illusion bleiben würde. Für wen hielt ich mich? Ich wollte doch nicht zum Brudermörder werden. Und zum Entführer fehlte mir das Zeug. Außerdem wusste ich ja gar nicht, was Mae wirklich von mir hielt. Dennoch, als ich eines Nachmittags auf unserem großen Weizenfeld saß, wo man sich leicht einbilden konnte, dass alle menschlichen Probleme lediglich Hirngespinste seien und die Welt nirgendwo anders aussähe als hier, ein endloses, struppiges Goldbraun, an diesem Nachmittag gelang es mir tatsächlich, Maes Verhalten mir gegenüber in einen einzigen großen Liebesbeweis umzudeuten. Jahre zuvor war Paul immer für längere Zeit, oft für Wochen, nach Dallas gefahren. Die Reisen hörten erst auf, als er Mae mitbrachte. Ich erinnere mich noch an ihren ersten Abend in unserem Haus. Sie saß neben mir am Abendbrottisch, und weil sie Paul gefallen wollte, sagte sie bei jedem Bissen "Mmmm" - wobei ihr Atem aber über meine Armhaare strich! Und dreimal berührten sich unsere Knie, einmal sogar minutenlang. Ich schimpfte natürlich mit mir: Klar, das hat echt was zu bedeuten! Mann, wie dämlich kann man sein? Vielleicht kommen mir ja manchmal, wenn sie eine Platte mit Essen auf den Tisch stellt, ihre Brüste so nah. Und vielleicht lächelt sie mich ja manchmal so verschwörerisch an. Und manchmal, wenn wir am Abend im Wohnzimmer lesen, liegt sie auch so seltsam auf der Couch und drückt ihre Zehen in meinen Schenkel. Aber leider, leider: nein. Für sie bin ich nur der alleinstehende Bruder, die traurige Figur im Haus, ein Störfaktor in einer ansonsten normalen Ehe. Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Ich bin derjenige, den sie vielleicht dabei beobachtet, wie er sich vor ihr einen runterholt, weil er meint, sie sei am Schlafen. Und natürlich ist auch mein Körper noch derselbe wie früher. So, wie meine Schulter mit dem Rückgrat verwachsen ist, bin ich immer noch der Bucklige und löse immer noch nur Abscheu aus. Vielleicht übertrieb ich. Die Übertreibung ist eine Methode, die Komplexität des Lebens vermöge eines einzigen unerfüllten Bedürfnisses zur immergleichen, in Selbstmitleid getränkten Elendsgeschichte zu machen, unvermeidliches Schicksal des Verunstalteten in einer Welt der Makellosen. Aber das ließ sich in meinem Fall gar nicht vermeiden. Ich konnte gar nicht anders. Ich musste meine traurige Lebensgeschichte zurückverfolgen, bis zu ihrem Ursprung. Ich dachte an unsere gemeinsame Kindheit. Paul und ich, wir waren Zwillinge. Eine Zeitlang gab es keinen Unterschied zwischen dem, was wir zusammen waren, und dem, was einzig mich ausmachte: Es war vielleicht die reinste Form von Liebe, die wir beide auf Erden je würden erleben können. Und eine Form von Liebe, zu der mein Bruder eines Tages zurückfinden würde. Irgendwann um unseren fünften Geburtstag stiegen mein Bruder und ich einmal in die Badewanne, die uns Mama eingelassen hatte. Plötzlich bebte die Erde, eine gewaltige Kluft tat sich auf, und mein Bruder war für den Rest meines Lebens von mir getrennt. Ich hatte seinen Körper gesehen - und dann meinen eigenen. Und zum ersten Mal bemerkte ich den Unterschied zwischen uns. Am auffälligsten natürlich war mein Buckel. Dort, wo sich die Schulterblätter meines Bruders teilten wie perfekt symmetrische Schwingen, waren die meinen zu einer knöchernen Klammer verwachsen, die meinen rechten Arm gepackt hielt wie ein Fangeisen den Lauf eines Wolfs. Wollte dieser Wolf je wieder frei sein, musste er sich den Lauf abbeißen. Mein Buckel. Ein Buckel bedeutete unseliges Übermaß an einer Stelle und Mangel an einer anderen, nämlich Mangel an Frauen, Jobs, Liebe, Familie. All das würde dieser Buckel mir immer vorenthalten. Dennoch war es nicht so, dass ich Paul sein Leben missgönnte. In gewisser Weise war es genau umgekehrt. Ich missgönnte ihm die Mädchen nicht, die sich nach der Schule um ihn scharten, ihn, den Baseball-Crack und ruhmreichen Leichtathleten, der sich mit seinem überlegenen Körperbau auch auf der Farm nützlich machte. (Er konnte in wenigen Tagen riesige Flächen pflügen, stemmte tonnenweise Säcke mit Hühnerfutter und wuchtete ganz allein Fünfzig-Liter-Kannen mit Milch vom Stall ins Haus und das alles gleichzeitig.) Nein, Paul zeigte nur, was auch ich hätte sein können, wäre meine rechtes Schulterblatt nur ein paar orthopädischen Grundsätzen gefolgt. Ermutigend und herzzerreißend zugleich war dabei die Erkenntnis, dass an dem Missverhältnis zwischen den unendlichen Möglichkeiten, die meinem Bruder offenstanden, und meinem eigenen Los nur ein Gebilde aus Sehnen und Knochen Schuld hatte, das nicht einmal zwei Pfund wog. Ein Teil von mir existierte also im Übermaß, und ich versuchte, das zu akzeptieren, wobei immer auch die Hoffnung mitschwang, dieser Buckel sei in Wahrheit das Zeichen für ein verborgenes Talent, das sich erst später offenbaren würde, für irgendeine Fähigkeit, die nur mir eigen war und die Paul verwehrt blieb. War also dieses Begehren von Anfang an meine eigentliche Bestimmung gewesen? War meinen Schwägerin deshalb die Liebe meines Lebens? War es möglich, dass meine Liebe zu Mae zumindest teilweise auch etwas anderes war als bloße Liebe? Vielleicht. Aber vorerst genügt es wohl, wenn ich sage, dass ich sie liebte. Angesichts dieser Liebe hatte ich letztlich nur zwei Möglichkeiten. Möglichkeit A: Ich brachte mich um. Aber Selbstmord kam für mich nicht in Frage. Sogar ich wollte leben. Außerdem hatte ich überhaupt keine Idee, wie ich mich umbringen sollte. Möglichkeit B und daher die einzig realistische: Ich ging weg. Egal wohin, nur weg. Es war am Abend vor meiner Abreise. Ich hatte gepackt. Ich hatte ihnen meine Gründe dargelegt. Ich wollte meinem Bruder und der Frau, die so sehr zu lieben ich nicht mehr ertrug, nicht länger zur Last fallen. Diese Begründung war so gut wie jede andere, zumal sie teilweise auch stimmte. Diese letzte Nacht war zugleich meine letzte Hoffnung. Noch einmal kletterte ich also auf die Trauerweide vor dem Fenster und beobachtete meinen Bruder und Mae bei ihrer stummen, traurigen Routine. Wie sie ins Bett stiegen, sich voneinander wegdrehten, einschliefen. Als ich die Hose herunterzog und Maes Gesicht ansah, bemühte ich mich verzweifelt, mir die bevorstehende Reise vorzustellen, die Züge, Busse und Autos, das Leben in einer großen Stadt, wo nichts so war wie hier. Aber stattdessen stellte ich mir nur vor, wie es wäre, wenn das Ding in meiner Hand nicht länger in meiner Hand war, sondern in Mae. Dann ließ ich seufzend von mir ab. Das Ding in einer Hand rollte sich zusammen wie ein jämmerliches, halb verhungertes Tier. Ich schloss die Augen, schlug sie wieder auf. Ich sah in dieses Fenster. Und dann, dann war auf einmal wirklich alles anders. Mae stand aus dem Bett auf, während mein Bruder weiterschlief. Sie trat ans Fenster, und zunächst betete ich darum, dass sie mich in den Blättern nicht sähe. Aber sie schaute mich direkt an. Hätte ich anders gehandelt, wenn ich am nächsten Tag nicht hätte abreisen wollen? Vielleicht. Aber ich tat, was ich tat. Ich schaute direkt zurück. Dann sah ich, wie sie sich umdrehte und das Zimmer verließ, und schon liebte ich auch die Art, wie sie auf Zehenspitzen ging. Sie schlich sich hinaus zu meinem Baum. Ich sah zu, dass ich schnell meine Hose hochzog. Sie kletterte zu mir herauf, und ich verliebte mich in die Art, wie sie kletterte. Ich rührte mich nicht, war so still wie das Geäst. Ich wollte ihr so viel sagen, alle die Dinge, die ich an ihr liebte. Ich brachte kein Wort hervor. Mae aber wohl. "Abel", sagte sie, "geh nicht."

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