Wie die Madonna auf den Mond kam - Bauerdick, Rolf

Rolf Bauerdick 

Wie die Madonna auf den Mond kam

Roman

Broschiertes Buch
 
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Wie die Madonna auf den Mond kam

Ein Sputnik, eine Madonna, ein Mord

In den Karpaten dämmert das Bergdorf Baia Luna verschlafen vor sich hin. Bis zu jenem verhängnisvollen Morgen am 6. November 1957, als seine Lehrerin dem 15-jährigen Pavel Botev den verstörenden Auftrag zuflüstert, einen Menschen zu vernichten. Pavel steht vor der Mission seines Lebens. Sein Kampf gegen skrupellose Mächte wird zum Kampf um die eigene Freiheit. Leidenschaftlich und mit großer Sprachkraft ist Rolf Bauerdicks Debütroman erzählt, fesselnd und voll tiefgründigem Humor.
Seit dem 6. November 1957 steht die Welt plötzlich Kopf in den transmontanischen Karpaten: Während der Sputnik im All piept, erhält der 15-jährige Pavel Botev einen ungeheuerlichen Auftrag: "Schick ihn zur Hölle", flüstert ihm seine Lehrerin zu, als er das Foto des neuen Parteisekretärs im Klassenzimmer aufhängt. Des Nachts verschwindet die Lehrerin spurlos, dann findet man den greisen Dorfpfarrer mit durchgeschnittener Kehle, das Ewige Licht in der Kirche erlischt, und aus der Kapelle auf dem Mondberg wird die Madonna geraubt. Pavel versucht, einen sinnhaften Zusammenhang zwischen all diesen mysteriösen Geschehnissen herzustellen - aber erst drei Jahrzehnte später, als der Sozialismus im schwarzen Loch der Geschichte verschwindet, gelingt es ihm, Gerechtigkeit für seine Lehrerin zu erwirken.
Ein bildkräftiger und furios erzählter Roman über die Chiffren der Macht, die Last der Schuld, die Kraft der Freiheit und die Sehnsucht nach Erlösung, ebenso tragisch wie aberwitzig komisch.


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 515 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 515
  • btb Bd.74218
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 118mm x 40mm
  • Gewicht: 430g
  • ISBN-13: 9783442742189
  • ISBN-10: 3442742188
  • Best.Nr.: 32541142
»Sein so skurriles wie anarchisches Buch hat einen enormem Unterhaltungswert und den Erfolg verdient. ( ) Ein großes Stück Literatur im Zeichen einer Groteske, wie sie womöglich weder der bosnische Regisseur Emir Kusturica noch François Rabelais, der Ahnherr des Genres, deftiger und lustiger inszenieren könnten.« Die Welt"Rolf Bauerdicks Figuren sind von beeindruckender Lebendigkeit, großartig sind die Motive verwoben - ein eindrucksvoller Debütroman." DER SPIEGEL

»Mit Bauerdick, so viel scheint sicher, hat die deutsche Literatur eine neue, kraftvolle Stimme - und vor allem eine ungewöhnliche.«

»Sein so skurriles wie anarchisches Buch hat einen enormem Unterhaltungswert und den Erfolg verdient. ( ) Ein großes Stück Literatur im Zeichen einer Groteske, wie sie womöglich weder der bosnische Regisseur Emir Kusturica noch François Rabelais, der Ahnherr des Genres, deftiger und lustiger inszenieren könnten.« Die Welt
Rolf Bauerdick, Jahrgang 1957, lebt im westfälischen Hiddingsel. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theologie hat er sich dem Journalismus zugewandt. Er hat Reportagereisen in rund sechzig Länder unternommen; seine Text- und Bildreportagen erscheinen in europäischen Tageszeitungen und Magazinen und sind vielfach ausgezeichnet. »Wie die Madonna auf den Mond kam« ist sein erster Roman.

Leseprobe zu "Wie die Madonna auf den Mond kam" von Rolf Bauerdick

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Leseprobe zu "Wie die Madonna auf den Mond kam" von Rolf Bauerdick

Dass die Visionen des Ilja Botev nicht der lichten Gabe des prophetischen Sehens entsprangen, sondern dem Wahn eines irrlichternden Verstandes, daran zweifelte in Baia Luna niemand. Am wenigsten ich, sein Enkel Pavel. In früher Jugend hatte ich die Einbildungen meines Großvaters noch als närrische Hirngespinste abgetan, eine Folge des Einflusses, den der Zigeuner Dimitru Gabor auf ihn ausübte, der sich um die Gesetze von Vernunft und Logik nicht sonderlich scherte. In späterer Zeit jedoch, als der Boden des gesunden Urteilsvermögens unter Großvaters Füßen dünner und zerbrechlicher wurde, hatte ich gehörigen Anteil daran, dass sich der Alte immer heilloser im Netz seiner Fantasmen verspann. Gewiss lag es nicht in meiner Absicht, dass Großvater sich zum Gespött der Leute machte, zum Idioten. Doch was war von einem Schankwirt zu halten, der mit einem Pferdefuhrwerk zu einer verschwiegenen Mission aufbrach? Um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu warnen. Vor dem Raketenforscher Wernher von Braun, vor einer dubiosen Vierten Macht und einem weltpolitischen Debakel gewaltigen Ausmaßes. Und das mit einem geheimen Dossier, einer lächerlichen Abhandlung über das Mysterium der leiblichen Himmelfahrt der Jesusmutter Maria. Handgeschrieben und dreifach eingenäht in das Futter einer Wolljoppe.
Heute sehe ich meinen Großvater Ilja und seinen Zigeunerfreund Dimitru im milden Licht des Alters. Ich weiß um meine Schuld, und ich weiß, was ich den beiden verdanke, auch wenn die Erinnerung an sie in Baia Luna allmählich verblasst.
In diesen Zeiten schaut man nach vorn. Wer innehält und zurückblickt, gilt als Verlierer. Es herrscht Demokratie. Kein Conducator trotzt mehr der Sonne, keine Partei fordert mehr blinde Gefolgschaft, und die staatliche Sekurität steckt aufsässige Untertanen nicht mehr in Kerkerhaft. Jedermann darf denken und glauben, wonach ihm der Sinn steht. Brisante Pamphlete, die einst heimlich außer Landes geschmuggelt wurden, verfasst heute niemand mehr. Die Grenzen zu den Nachbarn sind offen. Wir sind freie Bürger. Unsere Kinder wachsen auf in einem freien Land.
Ich selbst wurde erst spät stolzer Vater zweier Töchter. Sie wurden in Freiheit gezeugt und geboren. Zwei Jahrzehnte sind seither verflogen, als hätte mich ein rasender Uhrzeiger durch die Zeit geschleudert. Früher, im Goldenen Zeitalter des Sozialismus, mangelte es an allem, Zeit jedoch besaßen wir im Überfluss. Mag sein, dass wir sie vertan, dass wir unsere Lebensjahre in öden Warteschleifen vergeudet haben. Heute ist Zeit ein rares, ein kostbares Gut. Mir rennt sie davon, während jüngere Generationen erinnerungslos durch ein immerwährendes Jetzt hetzen. Aber wenn Kinder nicht mehr wissen, wo sie herkommen, wie sollen sie da wissen, wo sie hinwollen?
Wie die Dinge stehen, machen mich meine Töchter bald selber zum Großvater. In Erwartung künftiger Enkel drehe ich die Zeit zurück bis in meine Jugend in den fünfziger Jahren. Wenn ich nun für Kinder und Kindeskinder erzähle, wie die Madonna auf den Mond kam, so hallt in meiner Stimme das Echo meines Großvaters Ilja und des Zigeuners Dimitru nach. Die beiden Freunde träumten ihre Idee von Freiheit, und als kümmerlicher Glutrest inmitten kalter Asche sollte dieser Traum am Ende ihrer Tage seine Erfüllung finden. Aber das sollte ich erst nach jener historischen Weihnacht 1989 verstehen, an der die Goldene Epoche unseres Landes auf dem Müll der Geschichte landete.
Es war der Tag, an dem der große Conducator, an den Händen gefesselt, »Judasbande« zischte, bevor er tränenüberströmt ein letztes Mal die Internationale sang und vor dem Standgericht die trotzigen Worte ausrief: »Es lebe die freie und sozialistische Republik.« Doch niemand applaudierte. Niemand schwenkte Fähnchen. Mit seiner Gattin schaffte er gerade noch den halben Weg bis zur Exekutionswand im Kasernenhof von Targoviste. Nicht einmal einen ordentlichen Schießbefehl war der Präsident den Revolutionsmilizen noch wert. Nur ein paar Feuerstöße. Ohne Kommando. Rattatata, Rattatata. Patronenhülsen flogen und tanzten auf kaltem Stein. Pulverrauch qualmte. Dann sackten dem Conducator, von Kugeln durchsiebt, die Knie weg. Vorbei das Goldene Zeitalter. Doch als das Genie der Karpaten, in den Liedern der Hofpoeten als süßester Kuss der Heimaterde besungen, leblos in seinem Blut lag, das nach oben verrutschte Jackett staatsmännisch zugeknöpft, geschah etwas Merkwürdiges.
Den Soldaten des Hinrichtungskommandos fuhr der Schreck in die Glieder. Statt sich am Triumph des Sieges zu berauschen, überkam sie die Angst. Fassungslos über die eigene Tat, wagten die Milizen nicht, den gestürzten Diktator anzuschauen. Versteinert wendeten sie den Blick ab vom Titan der Titanen, der mit offenen Augen verständnislos in den Himmel stierte. Einige der jungen Kerle schielten verstohlen zu ihrem Kommandanten und bekreuzigten sich mit hastiger Geste hinter seinem Rücken. Dann griffen sie zur Schaufel und warfen dem Toten ein paar Schippen Erde über das Gesicht. Diese Augen! Niemand konnte sie ertragen. Außer die mageren Straßenköter, die warmes Blut rochen. Sie schlichen heran, mit lechzender Zunge und eingezogenem Schwanz, ohne Sinn für den letzten, ehrlichen Blick eines Mannes, der im Moment seines Sterbens mit entwaffnender Aufrichtigkeit verriet, dass er wirklich nicht verstanden hatte, was um Himmels willen da eigentlich am Tag der Weihnacht im Dezember 1989 geschehen war.
Der Arzt Florin Pauker, der nach der Exekution auf dem Totenschein die Zeit vierzehn Uhr fünfundvierzig notierte, war bei dem selbst ernannten Revolutionsgericht zur Nationalen Rettung eher zufällig zugegen. Er war Neurologe und kein Gerichtsmediziner. Erst wenige Tage zuvor hatte ihn die Partei von seinen Aufgaben als Direktor der psychiatrischen Anstalt von Vadului entbunden und ihm eine neue Stelle als Militärarzt in Targoviste verschafft. Und weil er und seine Frau Dana dem Weihnachtsfest keinen Sinn abgewinnen konnten, hatte Doktor Pauker den Dienst mit einem Kollegen getauscht. Nun lag es an ihm, den klinischen Tod des Conducators und seiner Ehefrau amtsärztlich zu bestätigen.
Florin Pauker beugte sich über den Leichnam, fühlte keinen Puls mehr und schaute dem Toten in die Augen. Möglicherweise einen Moment zu lange. Hastig kritzelte Pauker seinen Namen unter den Totenschein. Dann griff er zum Telefonhörer, ließ sich mit dem Hotel Athenee Palace in der Hauptstadt verbinden und zur Präsidentensuite durchstellen. Nach den drei Worten »Es ist vorbei« setzte er sich in seinen Dacia und fuhr in die Hauptstadt in die Strada Fortuna zurück zu seiner Frau.

Kundenbewertungen zu "Wie die Madonna auf den Mond kam" von "Rolf Bauerdick"

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Bewertung von leidenschaftlicheleserin aus Kassel am 22.02.2012 ***** ausgezeichnet
Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Pavels Geschichte lässt einen nicht mehr los; Humor, Spannung, Tragik vereinen sich zu einem der besten Bücher, das ich seit langer Zeit gelesen habe.Ich war nicht mehr zuhause auf dem Sofa, sondern in Baia Luna.
Bleibt nur die Frage, wann Rolf Bauerdicks nächster Roman kommt!

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Bewertung von buecherwurm aus Heidelberg am 04.05.2010 ***** ausgezeichnet
„Eine literarische Kostbarkeit“

Zuerst war ich skeptisch. Eine Madonna auf dem Mond und eine turbulente Geschichte in einem Bergdorf in den Karpaten, das klingt nicht gerade so, als müsse man sich dafür interessieren. Doch dann begann ich zu lesen und geriet in einen mächtigen Sog. Denn die abenteuerliche Story des Ich-Erzählers Pavel liest sich wie ein fesselnder Krimi. Die Handlung beginnt 1957, als in dem Dorf Baia Luna die Lehrerin Angela Barbulescu spurlos verschwindet und ein alter Priester auf ziemlich üble Weise ermordet wird. Pavel braucht fast sein ganzes Leben um herauszufinden, was hier geschehen und welch bösartiges Verbrechen an seiner Lehrerin Angela begangen wurde. Lange muss Pavel warten, bis 1989 mit dem Untergang des Kommunismus das himmelschreiende Unrecht an der Lehrein endlich gesühnt wird. Die unglaubliche, ebenso tragische wie komische Geschichte liest sich als sitze man im Kino. Rolf Bauerdicks originelle Romanfiguren, allen voran der schlitzohrige Zigeuner Dimitru, sind unglaublich plastisch und lebendig. Mit seinem sprachlichen Reichtum entführt der Erzähler den Leser in eine fremde Welt und erzeugt dabei eine solche Spannung, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Immer wieder verblüfft die Handlung mit überraschenden Wendungen, weil in dem Dorf Baia Luna nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. In einer von vielen tollen Rezensionen las ich, der Roman sei eine „literarische Kostbarkeit“. Das kann ich nur bestätigen. Dieses Buch ist absolut lesenswert. Schade ist nur, dass es irgendwann zu Ende ist.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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