Leseprobe zu "Wer will schon einen Traummann" von Susan E. Phillips
1
Cornelia Litchfield Case kitzelte es an der Nase. Im Übrigen eine sehr elegante Nase. Perfekte Form, diskret, damenhaft. Ihre Stirn war aristokratisch, ihre Wangenknochen anmutig geschwungen, aber nicht zu hervortretend, denn das hätte man für ordinär gehalten. Was Cornelia absolut fern lag. Tatsächlich stammten ihre Vorfahren in direkter Linie von den Pilgervätern der Mayflower ab, was bedeutete, dass ihr Stammbaum den von Jacqueline Kennedy, einer ihrer berühmtesten Amtsvorgängerinnen, an Vornehmheit noch übertraf.
Ihr langes blondes Haar, das sie schon vor Jahren hätte abschneiden lassen, wäre ihr Vater nicht dagegen gewesen, war zu einem tiefen Nackenknoten geschlungen. Später hatte dann ihr Mann sie auf seine unnachahmlich sanfte Weise - er ging immer nur sanft mit ihr um - gebeten, sie möge es doch beim Alten belassen. Und hier war sie also, eine amerikanische Aristokratin mit einer Haartracht, die sie hasste, und einer Nase, die sie nicht kratzen durfte, weil Millionen von Menschen auf der ganzen Welt sie auf dem Fernsehschirm beobachteten.
Seinen toten Gatten begraben zu müssen konnte einem wahrhaftig den ganzen Tag verderben.
Sie erschauderte, versuchte jedoch tapfer, die aufsteigende Hysterie hinunterzuschlucken - doch ihre Beherrschung hing nur mehr an einem seidenen Faden. Lady Case zwang sich, ihre Aufmerksamkeit auf den wunderschönen Oktobertag zu richten und darauf, wie herrlich die Sonne auf den gleichförmigen Grabsteinen des Arlington National Cemetery funkelte; aber der Himmel hing zu tief, die Sonne war viel zu nahe. Selbst die Erde schien näher zu kommen und sie erdrücken zu wollen.
Die beiden rechts und links von ihr stehenden Männer rückten dichter an sie heran. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten ergriff sie beim Arm. Ihr Vater nahm ihren Ellbogen. Direkt hinter ihr stand Terry Ackerman, der engste Freund und Berater ihres Mannes, und sein Kummer schien sie wie eine große, finstere Welle zu überrollen. Diese Herrengruppe erdrückte sie, nahm ihr die Luft zum Atmen.
Cornelia hielt den Schrei, der sich aus ihrer Kehle lösen wollte, zurück, indem sie die Zehen in ihren schwarzen Lederpumps krümmte, sich in die Innenseite ihrer Unterlippe biss und an den Song "Goodbye Yellow Brick Road" dachte. Dieser Elton-John-Song erinnerte sie daran, dass er noch ein anderes Lied geschrieben hatte, eins für eine tote Prinzessin. Ob er nun auch ein Lied für den ermordeten Präsidenten schreiben würde?
Nein! Nicht daran denken! An ihre Haare konnte sie denken, an ihre juckende Nase. Daran, dass sie kaum mehr einen Bissen herunterbrachte, seit ihr ihre Sekretärin die Nachricht überbracht hatte, dass Dennis drei Blocks vom Weißen Haus entfernt von einem fanatischen Waffenbesitzer, der glaubte, sein Recht auf das Tragen von Waffen beinhalte auch das Recht, den Präsidenten als Zielscheibe zu benützen, niedergestreckt worden war. Den Mörder hatte noch am Tatort ein Polizeibeamter erschossen; aber das änderte nichts an der Tatsache, dass der Mann, den sie einmal geliebt hatte, nun in einem schimmernden schwarzen Sarg vor ihr lag.
Da sie die kleine Emaillebrosche in Form der amerikanischen Flagge, die sie sich auf das Revers ihres schwarzen Kostüms geheftet hatte, berühren wollte, entzog sie ihrem Vater den Arm. Es war der Anhänger, den Dennis so oft getragen hatte. Sie würde ihn Terry schenken. Am liebsten würde sie sich jetzt gleich zu ihm umdrehen und sie ihm geben, um seinen Kummer vielleicht ein wenig zu lindern.
Sie brauchte Hoffnung - etwas Positives, an das sie sich klammern konnte -, aber das war nicht leicht zu finden, nicht einmal für eine so überzeugte Optimistin wie sie. Doch dann kam ihr der rettende Gedanke ...
Wenigstens war sie nicht mehr die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika.
Vierundzwanzig Stunden später wurde ihr jedoch selbst dieser Trost von Lester Vandervort, dem neuen US-Präsidenten, wieder genommen. Er stand im Oval Office und blickte sie über Dennis Case's alten Schreibtisch hinweg an. Die Schachtel mit den Mini-Milky-Ways, die ihr Mann immer in Teddy Roosevelts Frischhaltebox aufbewahrt hatte, war ebenso verschwunden wie seine Fotosammlung. Vandervort hatte noch nichts Persönliches hereingebracht, nicht einmal ein Foto von seiner verstorbenen Frau; doch sie wusste, dass sein Mitarbeiterstab dieses Versehen rasch korrigieren würde.
Vandervort war ein dünner, asketisch wirkender Mann mit einem äußerst scharfen Verstand, aber wenig Humor. Und die Arbeit stellte seinen Lebensinhalt dar. Der vierundsechzigjährige Witwer galt nun seit vorgestern als die begehrteste Partie der Welt. Zum ersten Mal seit Edith Wilsons Tod, achtzehn Monate nach Woodrow Wilsons Amtsantritt, gab es in den Vereinigten Staaten keine First Lady.
Die Oval-Office-Räume waren vollklimatisiert, die drei Stockwerke hohen Fenster hinter dem Schreibtisch kugelsicher, und sie hatte das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. Sie stand beim Kamin und starrte blind auf Rembrandt Peales Porträt von Washington. Die Stimme des neuen Präsidenten drang wie aus weiter Ferne zu ihr: "... möchte nicht unsensibel sein und weiß, was Sie im Moment durchmachen, aber leider bleibt mir keine Wahl. Ich habe nicht vor, noch einmal zu heiraten, und unter meinen weiblichen Angehörigen ist keine, die auch nur andeutungsweise in der Lage wäre, das Amt einer First Lady auszufüllen. Es käme mir sehr gelegen, wenn Sie weitermachten!"
Ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen, als sie sich zu ihm umwandte. "Unmöglich. Ich kann nicht." Am liebsten hätte sie ihn angebrüllt, dass sie noch nicht einmal Zeit gehabt hatte, sich seit der Beerdigung umzuziehen; doch Gefühlsausbrüche dieser Art hatte sie sich schon lange vor ihrer Zeit im Weißen Haus abgewöhnt.
Ihr distinguierter Vater erhob sich von einem der beiden damastbespannten Sofas und nahm seine Prinz-Philip-Haltung ein - Hände hinter dem Rücken gefaltet, mit den Füßen nach hinten wippend. "Selbstverständlich war das ein sehr schwerer Tag für dich, Cornelia. Morgen werden dir die Dinge viel klarer erscheinen."
Cornelia! Jeder, der ihr etwas bedeutete, nannte sie Nealy, bloß ihr Vater nicht. "Ich werde meine Meinung nicht ändern."
"Aber natürlich wirst du", widersprach er. "Diese Regierung braucht eine kompetente First Lady. Der Präsident und ich haben das Problem rundum erörtert, und wir beide halten dies für die ideale Lösung."
Normalerweise war sie eine durchaus selbstbewusste Frau - nur nicht, wenn es um ihren Vater ging, und sie bereitete sich auf einen Kampf vor. "Ideal für wen? Nicht für mich!"
James Litchfield musterte sie auf diese herablassende Art, mit der er die Leute einschüchterte, seit sie denken konnte. Ironischerweise verfügte er jetzt als Parteivorsitzender über mehr Macht als in den acht Jahren seiner Vizepräsidentschaft der Vereinigten Staaten. Als Erster hatte ihr Vater das Potenzial von Dennis Case, dem gut aussehenden, ledigen Gouverneur von Virginia, erkannt. Sein Ruf als Königsmacher fand dann vor vier Jahren seinen Höhepunkt, als er seine Tochter zum Altar führte - als Braut eben jenen Mannes.
"Besser als jeder andere weiß ich, wie traumatisch das Ganze für dich sein muss", fuhr er fort, "aber du bist nun mal das herausragendste und wichtigste Bindeglied zwischen der Case- und der Vandervort-Administration. Das Land braucht dich."
"Du meinst wohl eher die Partei, nicht wahr?" Alle wussten, dass es Lester mit seinem fehlenden Charisma schwer haben würde, die nächsten Wahlen im Alleingang zu gewinnen. Er mochte ja ein fähiger Politiker sein, doch besaß er nicht einmal ein Quäntchen von Dennis Case's Starqualitäten.
"Wir denken dabei nicht nur an die Wiederwahl", log ihr Vater aalglatt, "sondern auch an das amerikanische Volk. Du bist ein wichtiges Symbol für Stabilität und Kontinuität."
Vandervort meldete sich forsch zu Wort. "Sie behalten natürlich Ihr altes Büro und Ihren bisherigen Mitarbeiterstab. Ich sorge dafür, dass Sie alles bekommen, was Sie brauchen. Nehmen Sie sich einen Monat Zeit, um sich im Landhaus Ihres Vaters in Nantucket ein wenig zu erholen, und dann kehren Sie allmählich wieder zu Ihren Aufgaben als First Lady zurück. Wir können ja mit dem Empfang für das diplomatische Corps anfangen. Und Mitte Januar sollten Sie sich für den G-8-Gipfel freihalten - auch der Südamerikabesuch ist äußerst wichtig. Aber das wird kein allzu großes Problem für Sie sein, da diese Termine ja ohnehin in Ihrem Kalender stehen."
An dieser Stelle schien ihm endlich einzufallen, dass sie nur deshalb in ihrem Kalender standen, weil sie sie an der Seite ihres goldblonden, strahlenden Gatten hatte absolvieren wollen. Mit leiserer Stimme fügte er verspätet hinzu: "Natürlich fällt Ihnen momentan das alles sehr schwer, Cornelia, aber der Präsident hätte gewollt, dass Sie weitermachen - außerdem wird Ihnen die Arbeit helfen, besser mit Ihrem Kummer fertig zu werden."
Bastard! Sie hätte ihm dieses Wort von Herzen gern ins Gesicht geschrien; doch war sie als Tochter ihres Vaters von Geburt an dazu erzogen worden, ihre Emotionen nicht zu zeigen - also tat sie es auch nicht. Stattdessen musterte sie ihre beiden Gegenüber mit festem Blick. "Es ist unmöglich. Ich will mein Leben wieder zurückhaben. Das steht mir zu!"
Ihr Vater kam über den ovalen Teppich mit dem Präsidentensiegel auf sie zugeschritten und nahm ihr noch mehr von der kostbaren Luft, die sie zum Atmen brauchte. Sie fühlte sich wie eingekerkert und musste daran denken, dass Bill Clinton das Weiße Haus einmal das Kronjuwel im föderalen Strafvollzugssystem der Vereinigten Staaten genannt hatte.
"Du hast weder Kinder noch einen Beruf", erinnerte ihr Vater sie. "Du bist kein selbstsüchtiger Mensch, Cornelia, und hast gelernt, deine Pflicht zu tun. Wenn du dich ein wenig auf der Insel erholt hast, geht es dir sicher wieder besser. Das amerikanische Volk zählt auf dich."
Wie war das nur passiert?, fragte sie sich. Wie war sie zu einer so populären First Lady geworden? Ihr Vater schrieb es dem Umstand zu, dass die Leute sie hatten aufwachsen sehen; aber ihrer Meinung nach war es eher darauf zurückzuführen, dass sie von klein auf gelernt hatte, sich ohne größere Fehltritte in der Öffentlichkeit zu bewegen.
"Mir fehlt der Zugang zu den Menschen und das Geschick dafür", schaltete sich nun Vandervort ein mit der brutalen Offenheit, die sie so oft an ihm bewunderte, obwohl sie ihn immer wieder Stimmen kostete. "Sie können das ausgleichen."
Vage fragte sie sich, was Jacqueline Kennedy wohl gesagt hätte, wenn LBJ mit einem derartigen Vorschlag an sie herangetreten wäre. Aber Lyndon B. Johnson hatte keine Ersatz-First-Lady gebraucht. Er war mit einer der besten verheiratet gewesen.
Nealy hatte ebenfalls geglaubt, einen der Besten an ihrer Seite zu haben, doch es war anders gekommen. "Nein, das kann ich nicht. Ich möchte wieder ein Privatleben haben."
"Dein Recht auf ein Privatleben ist durch deine Heirat mit Dennis hinfällig geworden."
Da irrte sich ihr Vater. Sie hatte es schon an dem Tag verloren, als sie als James Litchfields Tochter auf die Welt kam.
Über die siebenjährige Nealy - lange bevor ihr Vater Vizepräsident wurde - hatten die nationalen Zeitungen eine Geschichte gebracht: wie sie ihr Osternest, das auf dem Rasen des Weißen Hauses versteckt gewesen war, einem behinderten Kind schenkte. Nicht jedoch stand in der Zeitung, dass ihr Vater, damals noch Senator, ihr flüsternd befohlen hatte, das Nest herauszurücken, und dass sie hinterher bitterlich geweint hatte über diese angeordnete Nächstenliebe.
Mit zwölf und einer schimmernden Zahnspange im Mund war sie fotografiert worden, wie sie gerade Suppe in einer Washingtoner Obdachlosenküche austeilte. Und die Dreizehnjährige zierte grüne Farbe auf der Nase, weil sie bei der Renovierung eines Altersheims mithalf. Doch ihre Popularität wurde für immer besiegelt, als man sie in Äthiopien fotografierte, wie sie ein verhungerndes Baby in ihren Armen hielt, während ihr Tränen der Wut und Verzweiflung über die Wangen liefen. Dieses Bild, das auf dem Cover der Times erschien, brachte ihr für alle Zeiten den Ruf als die Verkörperung des menschenfreundlichen Amerikas ein.
Die blassblauen Wände drohten auf sie zu fallen. "Ich habe meinen Mann vor weniger als acht Stunden zu Grabe getragen und will jetzt nicht darüber reden."
"Selbstverständlich, meine Liebe. Wir können den Rest auch morgen besprechen."
Am Ende vermochte sie sich sechs Wochen Schonzeit zu erkämpfen, bevor sie wieder ihre Arbeit aufnahm: die Aufgabe, zu der sie von Geburt an erzogen worden war und die Amerika von ihr erwartete. First Lady zu sein.
2
Im Laufe der nächsten sechseinhalb Monate wurde Nealy so dünn, dass die Zeitungen zu vermuten begannen, sie wäre möglicherweise magersüchtig. Mahlzeiten waren die reinste Tortur für sie. Nachts konnte sie nicht schlafen, und ihre akute Atemnot verschwand nie. Trotzdem diente sie dem Land gut als Lester Vandervorts First Lady ... bis ein kleines Ereignis das fragile Kartenhaus zusammenbrechen ließ.
An einem Nachmittag im Juni stand sie in der Reha einer Kinderstation in Phoenix, Arizona, und sah einem kleinen lockigen, rothaarigen Mädchen, dessen dicke Beinchen in zwei Schienen steckten, bei ihrem Gehversuch auf Krücken zu.
"Guck her!", rief der pummelige Rotschopf strahlend, stützte sich auf ihre Krücken und schickte sich an, den unglaublich mühsamen Schritt zu tun. Was für ein Mut!
Nealy hatte noch nicht oft Scham verspürt, doch nun wurde sie geradezu davon überwältigt. Dieses Kind hier kämpfte so tapfer darum, sein Leben zurückzubekommen, während Nealy ihr eigenes an sich vorbeigehen ließ.
Sie war weder feige noch unfähig, für sich selbst einzutreten; dennoch hatte sie das alles mitgemacht, weil ihr kein vernünftiger Grund eingefallen war, der ihrem Vater oder dem Präsidenten klar gemacht hätte, warum sie die ihr von Kind an zugedachte Rolle nicht mehr spielen wollte.
Genau in diesem Augenblick traf sie eine Entscheidung. Sie wusste nicht, wie oder wann, aber sie würde sich befreien. Selbst wenn diese Freiheit bloß einen Tag - eine Stunde! - dauern sollte; zumindest würde sie es auf einen Versuch ankommen lassen.
Nealy wusste ganz genau, was sie wollte. Sie wollte einmal wie ein normaler Mensch leben: einkaufen gehen, ohne angestarrt zu werden, mit einem Eis in der Hand durch eine Kleinstadt bummeln und lächeln, einfach, weil ihr danach zumute war, nicht weil sie musste. Einmal wollte sie sagen können, was sie dachte, einmal einen Fehler machen. Sie wollte sehen, wie die Welt wirklich war, nicht herausgeputzt für einen offiziellen Besuch. Vielleicht würde sie dann ja herausfinden, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollte.
Nealy Case, was willst du einmal werden, wenn du groß bist? Als sie noch ganz klein war, hatte sie immer geantwortet: Präsident, aber jetzt hatte sie keine Ahnung mehr.
Aber wie konnte die berühmteste Frau Amerikas auf einmal ein ganz normaler Mensch werden?
Ein Hindernis nach dem anderen durchkreuzte ihren Sinn. Es kam nicht in Frage. Die First Lady konnte nicht einfach verschwinden. Oder doch?
Personenschutz setzte Kooperation voraus, und im Gegensatz zu dem, was die meisten Leute dachten, war es durchaus möglich, dem Secret Service zu entschlüpfen. Bill und Hillary Clinton hatten sich in der Anfangszeit seiner Regierung einmal davongestohlen, waren jedoch unmissverständlich ermahnt worden, dass sie sich diese Art von Freiheit nun nicht mehr leisten konnten. Kennedy trieb den Secret Service mit seinem dauernden Verschwinden in den Wahnsinn. Ja, irgendwie wollte sie ihre Fesseln abwerfen - aber es hätte keinen Sinn, wenn sie sich nicht frei bewegen könnte. Jetzt kam es darauf an, einen Plan auszuhecken.
Einen Monat später war es so weit.An einem Vormittag im Juli, etwa gegen zehn Uhr, gesellte sich eine ältere Dame zu einer Besuchergruppe, die soeben durch die Räume des Weißen Hauses geführt wurde. Sie hatte weißes, dauergewelltes Haar mit Korkenzieherlöckchen, trug ein grün-gelb kariertes Kleid und eine große Plastiktasche. Ihre knochigen Schultern beugte sie nach vorn, ihre dünnen Stelzen steckten in Stützstrümpfen und ihre Füße in einem Paar bequemer brauner Schnürschuhe. Durch eine große Brille mit einem Perlmuttrahmen und einer Falschgoldverzierung an den Rändern spähte sie suchend in ihre Begleitbroschüre. Ihre Stirn war aristokratisch, die Nase klassisch, und ihre Augen leuchteten so blau wie der Himmel über Amerika.
Leseprobe zu "Wer will schon einen Traummann" von Susan E. Phillips
22 (S. 298-299)
Er war verliebt! Mat hatte das Gefühl, als hätte er einen Hockeypuck an den Schädel gekriegt. Von all dem albernen, lahmarschigen, selbstzerstörerischen Quatsch, den er sich je eingebrockt hatte, war dies das absolut Schlimmste: so lange zu brauchen, um herauszufinden, dass er Nealy liebte. Wenn er sich schon verlieben musste, wieso dann nicht in eine ganz normale Frau? Ach nein, nicht er. Nicht Mr. Blödschädel.
Denn das wäre ja zu verflucht einfach! Nein, er musste sich unbedingt in die berühmteste Frau Amerikas vergaffen! Den restlichen Vormittag über lungerte Ann mitfühlend in seiner Nähe herum. Gelegentlich sah er, wie sich ihre Lippen bewegten, und wusste, dass sie für ihn betete. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass sie ihre Gebete für sich behalten sollte, bloß dass er sie noch nie so nötig gebraucht hatte wie jetzt - also tat er, als würde er nichts bemerken.
Er lud seine Schwestern zum Mittagessen in eins der schicken Bistros in der Clark Street ein und musste sich dann zwingen, sie nicht zu bitten, noch ein wenig zu bleiben, als sie sich zum Flughafen oder zu ihren Autos aufmachten. Sie küssten ihn, umarmten ihn und schmierten nun das zweite Hemd mit ihrem Make-up voll. An diesem Abend erschien ihm seine Wohnung noch einsamer als sonst. Keine Schwester, die ihm mit ihren Problemen auflauerte.
Keine Windel zu wechseln, kein frecher Teenager, auf den es ein Auge zu haben galt. Und noch lausiger: keine patriotenblauen Augen, die ihn anlächelten! Wie hatte er bloß so blind sein können? Vom ersten Moment an war er auf sie geflogen wie heiße Schokoladensauce auf Eiscreme. Nie hatte er die Gesellschaft einer Frau mehr genossen, nie hatte ihn eine mehr erregt. Und nicht bloß physisch, auch intellektuell und emotional.
Falls in diesem Moment eine böse Fee zu ihm käme und ihm anböte, er könne Nealy für immer haben, aber dürfte nie mehr mit ihr schlafen - er würde sie trotzdem nehmen. Verrückt, nicht wahr? Es hatte ihn schlimm erwischt. Er konnte es in der engen Wohnung nicht mehr aushalten, angelte sich daher kurzerhand seine Jacke, ging hinaus und stieg in den Ford Explorer, den er als Ersatz für sein Sportcoupé gekauft hatte.
Der Wagen war zwar für die Innenstadt denkbar ungeeignet, aber er rechtfertigte den Kauf mit seiner guten Straßenlage auf den Expressways und damit, dass er beinahe groß genug für ihn war. In Wirklichkeit jedoch mochte er ihn wegen der Erinnerungen, die er in ihm weckte. Während er ziellos durch die engen Straßen von Lincoln Park fuhr, überlegte er nächste Schritte. Freilich hatte er keine Ahnung, wie tief Nealys Gefühle für ihn gingen.
Sie war gern mit ihm zusammen gewesen und hatte den Sex mit ihm ganz sicher genossen - aber außerdem hatte er sich mit ihr gestritten, sie betrogen, sie hart angefasst, also war es eine Illusion, sich vorzustellen, dass sie sich ihm noch an den Hals warf. Trotzdem konnte er es kaum erwarten, dass … … sie ihn heiratete.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20