Wer übrig bleibt, hat recht - Birkefeld, Richard; Hachmeister, Göran

Richard Birkefeld Göran Hachmeister 

Wer übrig bleibt, hat recht

Roman

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Wer übrig bleibt, hat recht

Winter 1944, irgendwo in Deutschland: In einem Militärkrankenhaus kuriert der SS-Offizier Kalterer eine Schußverletzung aus - und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Er weiß daß der Krieg verloren ist und er das Strafgericht der Sieger zu befürchten hat. Zur gleichen Zeit nimmt der entflohenen KZ-Häftling Ruprecht Haas in Berlin grausame Rache an denen, die er für sein und seiner Familie Schicksal verantwortlich hält. Als sich unter den Mordopfern auch ein hochrangiger Parteigenosse findet, bekommt Kalterer von höchster Stelle den Auftrag, den Fall aufzuklären.
Während die Stadt durch Bombenangriffe in Schutt und Asche versinkt, beginnt in einem Dunstkreis von Fanatismus und Fatalismus eine Verfolgungsjagd, in der Haas auf der Suche nach den Schuldigen bittere Wahrheiten erfahren muß und in der Kalterer auf der Suche nach dem Mörder einen moralischen Standort zu definieren hat, der ihm die Liebe seiner Frau zurückbringen und auch eine Zukunft möglich machen soll.


Produktinformation

  • Verlag: Eichborn
  • Seitenzahl: 440
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 148mm x 40mm
  • Gewicht: 704g
  • ISBN-13: 9783821808857
  • ISBN-10: 3821808853
  • Best.Nr.: 10638760
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 06.11.2002

Das Gewissen ist eine schwarze Uniform
Mit nietzscheanischem Sarkasmus: Zwei Historiker schreiben einen Krimi über Hitlers Volksstaat im Endkampf um Berlin
Das Genre des Kriminalromans lässt sich in allen Epochen ansiedeln, und so konnte der Liebhaber seit langem wählen, ob er dem Kampf zwischen Recht und Unrecht, dem Mörder und dem Detektiv lieber am Nilstrand im alten Ägypten, im Gewusel des Forum Romanum, bei Mönchen einer spätgotischen Abtei oder in der Pariser Unterwelt des 19. Jahrhunderts beiwohnen wollte. Eine historische Umgebung allerdings könnte zu stark fürs kriminalistische Erzählen scheinen: das Dritte Reich.
Wie soll das individuelle Böse noch schaurig und erschreckend wirken, wo Raub und Mord staatlich organisiert und legalistisch verbrämt werden, wo es nicht des Muts der Gesetzesübertretung bedarf, um Menschen umzulegen, sondern bloß der Kaltherzigkeit opportunistischer Pflichterfüllung? Wenn das Böse zum Grundgesetz der sozialen Ordnung wird (nur das meinte Hannah Arendts meist falsch zitierte Formulierung von dessen Banalität), kann der Thrill eines einzelnen Mordes kaum mithalten. Im Unrechtsstaat mit seiner anonymen …

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Kriminaldebüt<br /> Mit Richard Birkefeld und Göran Hachmeister betritt ein neues Schriftstellerduo die Bühne, das zu großen Hoffnungen Anlass gibt. Beide sind Historiker mit dem Schwerpunkt Alltagsgeschichte und Nationalsozialismus bzw. Weimarer Republik. Wer wäre also besser geeignet, einen Kriminalroman zu schreiben, der im Berlin der 40er Jahre spielt?<br /> Berlin 1944<br /> Berlin, 1944. Die Stadt versinkt langsam in Schutt und Asche unter dem Bombenhagel der allierten Luftangriffe. Für Hans Kalterer ist die Zeit gekommen, sich um seine Zukunft in einem Nachkriegsdeutschland zu kümmern. Das Chaos dieser letzten Tage des Dritten Reichs bietet ihm eine Gelegenheit sich neu zu orientieren und unmerklich die Seiten zu wechseln.<br /> Bis zu Kriegsbeginn war der Kriminalbeamte Kalterer ein politisch eher neutraler Mitläufer des Regimes. Seit einigen Jahren aber arbeitet er für die Gestapo und ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich, die er mittels Sonderaufträge in die Konzentrationslager deportieren ließ. Der Preis, den er für seine "Karriere" bezahlen musste ist hoch: Seine Frau Merit will nichts mehr mit ihm zu tun haben.<br /> Dann aber passiert ein Mord. Er soll nicht der einzige bleiben. Kalterer nimmt seine Arbeit als Kriminalpolizist wieder auf und macht sich auf die Jagd nach dem Mörder, einem entflohenen KZ-Häftling, der sich für den Tod seiner Angehörigen rächen will und dem der Mord an den vermeintlich Verantwortlichen als gerechtes Mittel erscheint. Das Ende des Regimes wird von Tag zu Tag offensichtlicher, und Kalterer versucht, sich im Verlaufe seiner Suche nach dem Mörder ein neues Leben für den Tag nach der Niederlage aufzubauen. Gleichzeitig versucht er seine Frau zurückzugewinnen.<br /> Ein Sittenbild<br /> Der Titel deutet es schon an: Mit den moralischen Kategorien von "gut" und "böse" gelingt es dem Leser nicht, die Hauptpersonen dieses hervorragend komponierten Kriminalromans zu beurteilen. Biedersinn und Brutalität zeichnet sie aus, sie sind kaum zu mehr fähig, als sich am Leben zu erhalten, wenn sie nicht gerade morden müssen. Wer aber Täter ist und wer Opfer, ist hier nicht mehr wirklich zu entscheiden, und wir erfahren, wie schwer es ist, in Extremsituationen nach den "normalen" Moralvorstellungen zu handeln. Moralvorstellungen, die nur derjenige, der nicht handeln muss, als problemlos erachtet.<br /> Den Autoren gelingen detailgetreue Schilderungen, originalgetreue Dialoge in der Sprache jener Zeit und zeitgenaue, authentische Beschreibungen des Berlins der 40er Jahre. Vor diesem beklemmenden und atmosphärisch dichten Hintergrund läuft eine ungewöhnlich spannende Geschichte ab, die sich so oder ähnlich wirklich ereignet haben könnte. (Andreas Rötzer)<br/><br/>Winter 1944. Der SS-Offizier Kalterer, ein eiskalter Geheimdienstler, kuriert eine Schussverletzung aus. Und sorgt sich um seine Zukunft. Er weiss, dass der Krieg verloren ist, er fürchtet das Strafgericht der Sieger. Er vermisst seine Frau Merit, die ihn verlassen hat, weil sie die Nazis hasst und es nicht ertagen kann, mit einem Gestapo-Mann zusammen zu sein. Zur gleichen Zeit nimmt der flüchtige KZ-Häftling Ruprecht Haas in Berlin grausame Rache an denen, die er für den Untergang seiner Familie verantwortlich macht. Sein Blutrausch ist das Einzige, was ihn, der alles verloren hat, noch am Leben erhält. Unter seinen Mordopfern ist ein hochrangiges Parteimitglied. Kalterer, inzwischen genesen, erhält von höchster Stelle den Auftrag, den Fall aufzuklären. Er hofft, dass er nach erfolgreich beendeter Mission zur Kripo zurückkehren darf. Und dass Merit ihn dann wieder lieben kann. Der Mann, den er sucht, hat längst alle Hoffnung aufgegeben und erfährt, während Berlin in Schutt und Asche gebomt wird, immer neue, schreckliche Wahrheiten. Die Autoren Richard Birkefeld und Göran Hachmeister sind Historiker, dies ist ihr erster Roman. Beide wissen, wovon sie schreiben. Das moralische Dilemma, die Skrupellosigkeit der Protagonisten, die Atmosphäre des letzten Kriegswinters - all das stimmt und überzeugt. Ein Debut, das nachwirkt. (Hörzu)

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Bislang haben sich nur Engländer wie Philipp Kerr und Robert Harris daran getraut, das Dritte Reich im Kriminalroman abzuhandeln, weiß Gustav Seibt. Nun machen ihnen zwei Deutsche, Historiker dazu, Konkurrenz und betreten das politisch schwer verminte Terrain: Berlin im Endkampf vom Spätherbst 1944 bis zur Kapitulation Mai 1945. Das Personal dieses Romans sieht anders aus als in gängigen Kriminalgeschichten, erläutert Seibt: Da sei der Serienmörder ein KZ-Opfer und der Polizist ein Massenmörder, den später sein Gewissen plage, was wiederum dem ehemaligen KZ-Insassen während seiner Inhaftierung dagegen gänzlich abhanden gekommen zu sein scheine. Wie bei den meisten Kriminalromanen von Autorenpaaren, analysiert Seib, leide dieser an Überkonstruktion und mangelnder psychologischer Finesse; dafür entschädigten die Autoren mit einer sensiblen und genauen Skizzierung des historischen Settings, so dass man tatsächlich viel Neues erfahren könne.

© Perlentaucher Medien GmbH
Richard Birkefeld, geboren 1951, und Göran Hachmeister, geboren 1959, sind Historiker mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialgeschichte im frühen 20. Jahrhundert. Sie publizierten eine Reihe wissenschaftlicher Aufsätze, Essays, Dokumentationen und Bücher zu stadtgeschichtlichen Problemfeldern. Beide leben und arbeiten in Hannover.

Leseprobe zu "Wer übrig bleibt, hat recht"

Die Kapos hatten sich entfernt. Er hörte ihr Lachen, sah sie rauchend am oberen Rande des Steinbruchs stehen. Sie blickten hinunter in den Abgrund, machten abfällige Bemerkungen, dann gingen sie weiter. Endlich war er unbeobachtet. Erschöpft lehnte er sich gegen die Lore.Unten im Kessel hatte er oft genug geschuftet. Angetrieben von den Schindern, die ihn schlugen und bespuckten. In stinkenden Lumpen, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, ohne Pause, ohne Zeit fürs Essen, fürs Pinkeln, für ein paar leise Worte.Er verfolgte jede Bewegung der Kapos, hörte ihr derbes Lachen, sah sie sich immer weiter von ihm entfernen, bis sie stehenblieben und Steine in den Abgrund warfen. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie zielten auf seine Kameraden, die dort unten Steine aus Felswänden brachen, machten sich einen Spaß daraus, die Menschen zu verletzen und zu töten. Das Spiel hieß Tontaubenschießen.Für einen Moment wandte er sich ab, hielt seine blasenübersäten Hände vor den Mund und unterdrückte mühsam einen Hustenanfall.Nur keine Aufmerksamkeit erregen.Aus der Talsohle hallte das Hämmern und Klopfen, die Flüche und Beschimpfungen, vereinzelte Schmerzensschreie der von Steinen getroffenen Kameraden zu ihm hoch. Der Schmerz in seinen Ohren wurde stärker, und er zitterte vor Anstrengung. Die gestreiften Fetzen an seinem Leib trieften von Schweiß, die Augustsonne brannte auf den Steinbruch nieder. Er ging in die Hocke und drückte sich in den kurzen Schatten der Lore.Etwa fünfzig Meter vor ihm erkannte er durch die hitzewabernde Luft eine Handvoll Häftlinge, die wie er Felsbrocken in eine Lore geworfen hatten, aber jetzt mit der Arbeit aufhörten. Einige ließen sich im Schatten der Lore nieder, andere blieben stehen, doch sie täuschten das Steineschleppen nur vor: Jeder verweigerte Handschlag verlängerte das Leben - aber auch die Folterungen und Schmerzen, das wußten sie alle. Und das hielten viele nicht aus ...Er hatte sie gesehen, die Todsuchenden, mit verrenkten, verkohlten Gliedern im Elektrozaun, mit zerschmettertem Körper auf der Talsohle nach einem Sprung aus dreißig Metern Höhe, mit bläulichen Gesichtern in Schlingen aus zusammengeknoteten Kleiderfetzen, schneeweiß und ausgeblutet, wenn sie mit stumpfen Gegenständen ihre Pulsadern aufgeschlitzt hatten.Er suchte nach der Postenkette, die das ganze Steinbruchareal umstellt hatte. Die meisten standen zu zweit oder zu dritt zusammen und beobachteten, die Maschinenpistole im Anschlag, aufmerksam das Gelände.Deutschlands Bodensatz, auch Beutedeutsche, radebrechende Volksgenossen aus Rumänien, der Ukraine und der Ostmark, Mörder, die jeden Tag Häftlinge erschossen, die ihnen die Kaposchweine absichtlich ins Schußfeld trieben. Dieses Spiel hieß Aufderfluchterschossen. Daß es wieder gespielt worden war, erfuhr man meistens beim Abendappell, wenn jemand in der Reihe fehlte. Aufderfluchterschossen - ein armes Schwein, das man vielleicht gekannt hatte, mit dem man frühmorgens noch durch das Lagertor marschiert war, unter der höhnenden Inschrift "Recht oder Unrecht. Mein Vaterland".Er wollte auf den Boden spucken, doch sein Mund war ausgetrocknet. Mit der Faust schlug er auf die Steine. Mein deutsches Vaterland! Deutsche Muttererde! Das Vaterland hatte ihm alles genommen, hatte ihn betrogen und versklavt, wollte den letzten Funken Leben in ihm auslöschen. Die vielgerühmte Muttererde, diese harte braune Scheiße, verschloß sich hartnäckig seinen Bemühungen, Steine aus ihr zu brechen, als ob sie verhindern wollte, daß er sein lebensrettendes Tagessoll erreichte. Er haßte den Krieg, die Uniformen, die arische Herrenrasse, den Führer, dieses verlogene Schwein, mit all seinen fetten und hinkenden Trabanten. Er haßte es alles, obwohl er mal daran geglaubt hatte. Er haßte, weil er wußte, daß der Haß ihn am Leben hielt. Manche seiner Kameraden blieben am Leben, weil sie liebten, ihre Familien, ihre Frauen, ihre Kinder oder weiß der Teufel wen. Auch er liebte seine Frau und seinen Sohn, keine Frage, aber ihn trieb diese Liebe in den schieren Wahnsinn, sie machte ihn weich und verwundbar. Der Haß dagegen spendete ihm Kraft und schenkte ihm Widerstandswillen. Mit dem Haß stand er jeden Tag aufs neue die Erniedrigungen und die Schmerzen durch.Ich liebe den Haß, sagte er manchmal in den leise geführten nächtlichen Gesprächen, wenn sie zerschunden in den Baracken lagen. Ein paar unverbesserlich gottgläubige Kameraden widersprachen ihm. Sie hatten immer noch nicht begriffen, daß sie schon längst in der Hölle schmorten.Er schlug immer noch auf den steinigen Boden ein.Ich liebe den Haß, und ich werde diese Hölle überleben.Die Namen. Da waren sie wieder! Die Namen derjenigen, die ihn in diesen Satanspfuhl gebracht hatten. Sie glotzten ihn an, er erkannte ihre Gesichter in den Steinbrocken, in den Wolken, in den Holzmaserungen der Barackendecke, in den Kothaufen der Latrinen. Er stellte sich vor, wie sie vielleicht gerade im Cafe Kranzler saßen, sich angeregt unterhielten, den friedlichen Sommertag genossen und keinen Gedanken daran verschwendeten, was außerhalb ihrer Volksgemeinschaft in diesem beschissenen Vaterland ihm und seinen Kameraden angetan wurde.Sein Atem wurde ruhiger, der Schweiß trocknete langsam auf seiner Stirn. Er blickte zum Himmel und verfolgte den Flug eines Raubvogels, der hoch oben in den Lüften seine Kreise zog und nach Beute Ausschau hielt. Der Vogel schwebte über dem Talkessel, flog über die Kapos, die stehengeblieben waren und ununterbrochen Steine in den Abgrund warfen. Der Vogel segelte hoch über ihnen in die Sonne.Er kniff die Augen zusammen und glaubte, zwischen den stechenden Sonnenstrahlen die Silhouetten weiterer Raubvögel zu entdecken. Er zuckte zusammen. Die Vögel stürzten aus dem gleißenden Licht herab, schössen wie Schatten auf ihn zu und fegten über die Unebenheiten des Geländes. Staubwolken stoben auf, wirbelten durch die heiße Luft. Das Kreischen der Motoren war so laut, daß er sich tiefer duckte und seine feuchten Handflächen an die Lore drückte. Er sah die Feuerstöße der Bord-MG, sah, wie die Einschläge in die Postenkette spritzten und als mehrspurige Gesteinsfontänen über Schienenstränge, Loren und Häftlingsgruppen jagten, dann am Rande des Steinbruchs in der Tiefe verschwanden. Das Donnern der Detonationen hallte nach oben, und er hörte furchtbare Schreie. Dunkle Explosionswolken quollen aus dem Steinbruch, und das Echo der zerberstenden Bomben rollte über die zitternde Landschaft.Er warf sich unter die Lore, lag starr auf dem Rücken. Schwarze Ölwolken und Kondensstreifen zeichneten am Himmel Kreise, die Jagdbomber kehrten zurück. Während das Dröhnen anschwoll, drehte er sich auf den Bauch. Vor ihm wurde Erde in die Luft geschleudert, Bäume knickten um, und zentnerschwere Steinbrocken wirbelten durcheinander. Rechts und links von ihm knallten Splitter auf den Boden oder schlugen dröhnend gegen das Metall der Lore. Er mußte weg hier, schnell.Zwischen den Rädern hindurch sah er eine schreiende Postengruppe, die stolpernd auf die nächste Lore zustürzte und sich neben den Häftlingen in Deckung brachte. Dann ein Feuerblitz, dem sofort eine wuchtige Detonation folgte. Erde, Steine und Metall wurden in die Höhe geschleudert. Die Druckwelle peitschte ihm ins Gesicht und brachte die Lore über ihm so zum Schwanken, daß die Last herauspolterte. Dann prasselten Eingeweide und Gliedmaßen, Rümpfe und Köpfe und Kleiderfetzen auf ihn nieder, färbten den felsigen Boden in leuchtendes Rot. Er vernahm ein schweres, klatschendes Geräusch, dicht vor ihm lag der Körper eines stöhnenden SS-Postens.Dort, wo vorher die andere Lore gestanden hatte, erschien unter den Rauchschwaden ein riesiger Krater, der die Erde bis zum Steinbruchrand aufgerissen hatte.In seinem Ohr war nur noch dieses tiefe Summen. Sonst hörte er nichts mehr. Er nahm an, daß der Angriff weiterging, weil immer neue Explosionswolken hochstiegen, die Flieger immer noch am Himmel kreisten. Doch Angst verspürte er keine mehr. Das war seine Chance, er mußte los.Er robbte ins Freie und kroch zu dem verletzten SS-Posten, griff nach einem schweren Stein und blickte in das blutverschmierte Gesicht. Dann schlug er zu, kräftig, immer wieder, bis das Stöhnen verstummte. Er zog dem Mann den geöffneten Mantel aus, riß ihm die Stiefel von den Füßen, löste das Koppel, zerrte an der Jacke, öffnete die Hosen und zog sie von den schlaffen Beinen. Die Geschosse, die neben ihm in den Fels einschlugen, beachtete er nicht.Im Schatten der Lore schlüpfte er in die zu weiten Bekleidungsstücke und blickte sich um. Das ganze Steinbruchareal war in Staubwolken gehüllt. Die Kapos waren verschwunden, auch von der Postenkette war niemand mehr zu sehen. Überall lagen verstümmelte Körper, in noch erkennbaren Uniformen oder Sträflingskleidung. Es stank nach Urin und Kerosin.Das Summen in seinem Ohr ließ nach, und in der Ferne hörte er Explosionen, die aus der Richtung kamen, wo die Gustloff-Werke und die SS-Baracken lagen. Hier oben konnte er keine Bewegung erkennen, keinen Laut mehr vernehmen. Nur aus dem Steinbruch drangen immer wieder Schmerzensschreie zu ihm herauf.Er lief langsam los, mußte sich erst an die schweren Stiefel gewöhnen. Dann wurde er schneller, spurtete schließlich geduckt über felsigen Grund, bis er den Waldrand erreichte, vor dem üblicherweise die SS-Schergen postiert waren. Er stürzte durchs Unterholz. Zweige schlugen ihm hart ins Gesicht und brachten ihn zur Besinnung. Er mußte sich sammeln, sich im Wald orientieren. Wohin? In welche Richtung?Nach Nordosten. Nordosten war seine Richtung!Wo stand die Sonne? Halbrechts in seinem Rücken.Richtig. Immer weiter in Richtung - wie hieß das Kaff noch mal? - in Richtung Buttstädt.Er hetzte zwischen dichten Baumstämmen hindurch, überquerte Wanderwege, rannte über Lichtungen, bis er endlich den Wald und die Ausläufer des Ettersberges hinter sich hatte. Vor ihm öffnete sich eine hügelige Landschaft, und am nahen Horizont erkannte er die grünen Bergrücken von Schmücke, Schrecke und Finne.Dort irgendwo, hinter Unstrut, Saale, Mulde und Elbe, irgendwo im Nordosten - da lag Berlin.Mit Vorsicht und Glück würde er die Stadt erreichen.Er wußte, daß er es schaffen konnte.Dort warteten Lotti und Fritzchen auf ihn - und natürlich die anderen, deren Namen er tonlos mit den Lippen formte.

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Bewertung von TheSilencer aus Berlin am 27.12.2009 ***** ausgezeichnet
Berlin, 1944. Während die Alliierten vorrücken und Berlin in Schutt und Asche legen, haben zwei Männer ihr Schicksal zu meistern.

Der eine war ein überzeugter Nationalsozialist, bis er wegen einer Führer-Beleidigung selbst in jene Lager wandert, von denen man nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Als Bomben sein Straflager zerstören, kann Ruprecht Haas fliehen und macht sich auf in seine alte Heimat Berlin, die er nicht wiederkennt. Die Suche nach seiner Frau und seinem Sohn und dem Denunzianten, der ihm zehn Jahre nicht überlebbares Straflager einbrachte, erwecken in ihm das Tier.

Der andere ist ein zweifelnder SS-Offizier. Vor dem Krieg war der Kriminalbeamter und als solches wird er aus einem Kriegslazareth nach Berlin geholt, um eine Mordserie aufzuklären. Während er mit seiner eigenen Verantwortung hadert und den Endsieg längst aufgegeben hat, manipuliert er seine Ermittlungsergebnisse, die den Täter längst aufzeigen, ihn nach Abschluß aber wieder an die Front schicken würden. Und Kalterer möchte auch noch die Gelegenheit in Berlin nutzen, seine Ehefrau zurückzugewinnen, die sich von ihm trennte, als sie von den Greultaten der SS erfuhr.

Beide Wege treffen sich irgendwann. Jedoch völlig anders als erwartet.

Das Autoren-Duo Birkefeld & Hachmeister liefern keinen geschichtsschuldigen Roman ab, sondern machen ihn zu einem Stück Zeitgeschichte. Das Grauen der Braunen ist spürbar, genauso wie die drohende Strafe, ergibt man sich nicht dem Endsieg-Gespenst.

Fesselnd, realistisch - der Fliegeralarm ist hörbar.

Ein Muß für jene, denen Erzählungen der Eltern und Großeltern nicht ausreichen. Das passende Mittelstück zwischen Robert Merles "Der Tod ist mein Beruf" und Pierre Freis "Onkel Toms Hütte, Berlin".

Von den beiden Autoren ist 2009 ein weiterer Krimi erschienen, dieser spielt in der Weimarer Republik: "Deutsche Meisterschaft".

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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