Leseprobe zu "Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr"
Kapitel 1
Glück … Manchmal ist es so einfach. Der Garten duftet nach Blumen, Bienen summen, Vögel zwitschern und von meinem Liegestuhl aus kann ich meine beste Freundin durch das offene Badezimmerfenster beobachten. Sie steht im Slip vor dem Spiegel, cremt sich ein und wirft dem Spiegelbild dabei prüfende Blicke zu. Wie immer wenn ich sehe, wie eine Frau sich pflegt, bin ich fasziniert von der Ernsthaftigkeit, der flüchtigen Intimität und der uninszenierten Schönheit.
Sie stellt die Lotion weg, schnappt sich die Gesichtscreme, untersucht kurz ihre Oberlippe und summt dabei. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das letzte Mal so etwas Sinnliches … und schon fällt mir wieder ein, seit wann nicht mehr. Und warum nicht mehr. Und schon ist der Augenblick vorbei. Und nichts mehr einfach.
»Ähem.«
Ich hebe den Blick. Buddys Spiegelbild schaut mich durch das offene Fenster an.
»Dass du mich beobachtest, törnt mich irgendwie an. Aber erstens bin ich eine treue Ehefrau, zweitens muss ich jetzt an meine Körperbehaarung ran und drittens: Mach dich mal sauber, dir läuft da was aus dem Mundwinkel.«
»Du hast zugenommen«, sage ich.
»Echt?« Sie strahlt.
Sie dreht sich und mustert ihre fünfzig Kilo im Spiegel. Dabei hebt sie ihre kleinen Brüste an, als könnten die bei irgendwas im Weg sein.
»Kann natürlich auch an diesen unglaublichen Büscheln liegen«, schiebe ich nach.
Sie gibt mir einen Blick, lässt ihre Brüste los und schließt das Fenster. Kaum ist es zu, ziehe ich die Top-10-Box aus der Survivaltasche, schiebe die DVD in den Laptop und setze mir die Kopfhörer auf. Beim ersten Ton von Aznavours She bekomme ich Gänsehaut. Gab es je einen passenderen Opener für einen Liebesfilm? Und schon läuft mein eigener … Es gibt da diese Szene, als Julia Roberts in Hugh Grants Buchladen kommt und sagt, dass auch sie, der größte Filmstar überhaupt, nur ein Mädchen sei, das einen Jungen bittet, sie zu lieben. Eine große Liebesszene, alles auf das Wesentliche reduziert: nur ein Mädchen, das einen Jungen liebt. Ja, Notting Hill ist eine perfekte Romantische Komödie, dennoch hätte der Film es nicht in meine Top-10-Box geschafft, wenn mir nicht die Rolle von William Thacker so nahe wäre: Wie er sich in Anna Scott verliebt, wie er ihr hilft, wie sie ihn verlässt und er keine Chance hat, seinen Frieden wieder zu finden, weil er sie jeden verdammten Tag auf Bussen, in Zeitungen, auf Plakaten, T-Shirts und im Fernsehen sieht und jeder, den er trifft, mehr über sie weiß als er, weil er sich weigert, die Klatschspalten zu lesen.
»Gleich fertig!«, ruft Buddy aus dem Haus.
»Lass dir Zeit«, motiviere ich sie, denn meinetwegen können wir zu spät kommen.
Ich nehme einen Schluck Eistee und sehe zu, wie Anna in Williams Buchladen kommt, er sie wenig später mit O-Saft überschüttet, sie mit hinter die blaue Tür nimmt und sie ihn dort schließlich küsst. Als ich mir damals mit Grace Notting Hill anschaute, wandte sie mir in diesem Moment ihr schiefes Lächeln zu und sagte, dass sie genau dasselbe tun würde, wenn sie berühmt wäre: jemanden küssen und ihm damit einen ganz besonderen Tag schenken. Und die Frau, mit der 83 Prozent der deutschen Frauen gerne befreundet wären und 89 Prozent der deutschen Männer gern ein Date hätten, macht jetzt irgendwo genau das: Sie küsst jemanden und macht ihn zu etwas Besonderem. Aber ich bin es nicht. Nur ein Mädchen, das jetzt einen anderen Jungen liebt.
Buddy kommt aus dem Haus gehetzt. Ich tippe schnell auf den Bildschirmschoner, Julia und Hugh werden durch ein Aquarium ersetzt.
Buddy schaut überrascht auf den aufgeklappten Laptop.
»Schreibst du noch am Drehbuch?«
»Nein. Ich meine, na ja, eine Kleinigkeit.«
Eine legitime Notlüge, denn wenn sie mitkriegt, dass ich mir Notting Hill anschaue, wird sie mir wieder lang und breit ihre Masochismus-Theorie vortragen.
Sie zappelt herum.
»Beeil dich, wir sind spät dran.«
Ich fahre den Laptop runter und mustere ihr Outfit. Gelbes Sommerkleid. Kein BH. Nackte Füße in Hochhackigen. Holzschmuck. Haare auf ungestylt gestylt. Wenn das Glück im Detail liegt, hat Buddy eine Menge Glück gehabt, sie sieht aus wie die farbige Ausgabe von Holly Hunter. Allerdings wie eine halbnackte farbige Holly Hunter.
»Verrat mir eines …«
»O.k., o.k.«, seufzt sie, »ich spuck`s manchmal wieder aus, wenn Steffen nicht hinsieht, bist du jetzt zufrieden?«
Ich starre sie an. Sie kichert. Ah. Verstehe. Einer ihrer lustigen Sexwitze.
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