Leseprobe zu "Weniger Arbeit, mehr Gemüse, mehr Sex"
23 (S. 23-24)
Ihre kleine Idee hat Neele uns an dem Abend natürlich nicht mehr verraten. Ich habe auch nicht mehr nachgefragt. In den darauffolgenden Tagen war ich viel zu beschäftigt. Mit Weihnachtsvorbereitungen. Mit Partyvorbereitungen. Mit dem überwältigenden Gefühl, mich vom nörgelnden Midlife-Crisis-Opfer zu einer souveränen Frau in den besten Jahren gewandelt zu haben. Mit Manuel habe ich gesprochen. Er wird Ferdis Angebot annehmen, nach reiflicher Überlegung und entsprechend intensiven Gehaltsverhandlungen. Und er wird mir meinen alten Job anbieten, zu besseren Konditionen, genau wie es Renate prophezeit hat. Im neuen Jahr werde ich wieder anfangen.
»Du kriegst den Vertrag aber nur unter der Bedingung, dass du mich freundlicher behandelst als früher und mir immer brav Kekse backst. Ich hab ja keine Nussallergie, insofern hab ich ja nichts zu befürchten …«, hat er gefeixt. Und ich wurde noch mal dunkelrot vor Scham. Ein letztes Mal allerdings, da war ich mir sicher. Ich werde meinen neuen Chef auf Händen tragen bis zum Erreichen des Rentenalters. Das habe ich mir ganz fest vorgenommen. Das beruhigende Gefühl, bald wieder einen Job zu haben, ließ mein Selbstwertgefühl wieder sprießen und mich selbst beschwingt in die Weihnachtsfeiertage gehen.
Obwohl vertrockneter Braten, gemeinsames Singen unterm Tannenbaum und Begeisterungsheucheln über Geschenke, die man am liebsten noch am selben Abend bei eBay verscherbeln würde, eigentlich nicht so mein Ding sind. Doch diesmal ging ich einfach davon aus, dass schon alles irgendwie gut gehen würde, anstatt mich wie sonst schon vorher aufzuregen. Und siehe da: Obwohl meine Mutter sich um ein Haar mit Thomas’ Mutter über die korrekte Zubereitung einer Weihnachtsgans in die Wolle bekommen hätte und obwohl Daniel mit meinem Vater und Thomas ausgesprochen kontrovers über die Stärken und Schwächen der deutschen Entwicklungspolitik unter besonderer Berücksichtigung der statistisch messbaren Langzeiterfolge diskutierte, wurde es ein verhältnismäßig friedlicher Weihnachtsabend. Mind makes eben reality, da hat Martina ausnahmsweise völlig recht.
Als unser Besuch glücklich gegangen ist, stoßen Thomas und ich noch mal miteinander auf den gelungenen Abend an. Dann fängt Thomas an, die Küche aufzuräumen – bei uns gilt die eiserne Regel: »Wer kocht, muss nicht spülen« –, und ich schaue noch mal kurz in meine Mails. Nur so zum Spaß. Mal sehen, ob mir nicht noch jemand eine von diesen lustigen elektronischen Weihnachtskarten geschickt hat. In meinem Posteingang ist aber keine Weihnachtskarte. Sondern eine Mail von XING. »BSArchitecture hat Ihnen eine Nachricht gesendet.« Bestimmt Spam, denke ich genervt.
Schon habe ich den Finger auf der Löschtaste, doch dann sage ich mir: Komm, Sandra. Das ist deine erste Mail von XING überhaupt. Mach sie halt auf, zur Feier des Tages. Kannst sie ja hinterher immer noch löschen. Seufzend klicke ich auf »Mail öffnen«. Und falle fast in Ohnmacht. Da steht: »Liebe Sandra, wie geht es Dir? Es ist so viel Zeit vergangen, wer weiß, was Du inzwischen denkst und fühlst, über Berlin, über unser Treffen am Flughafen, über das Glück … Ich würde das so gerne wissen, und noch vieles mehr, aber ich wusste bisher noch nicht mal, wie ich Dich erreichen sollte. Umso mehr freue ich mich, dass ich gerade Dein XING-Profil entdeckt habe! In Deinem Leben muss viel passiert sein, dass Du Dich jetzt auch auf Stellen in Frankreich bewirbst. Traust Du Dich jetzt doch? Na ja, jedenfalls scheinst Du auf Jobsuche zu sein. Das nehm ich mal als gutes Zeichen …
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