Leseprobe zu "Weißglut" von Sandra Brown
Manche meinten, wenn er sich wirklich hatte umbringen wollen, hätte er sich keinen besseren Tag aussuchen können.
Das Leben war an diesem Sonntagnachmittag wahrhaftig nicht besonders lebenswert, und die meisten Organismen arbeiteten nur auf Sparflamme. Die Luft war dick und heiß wie Maisgrütze. Sie entzog jedem Lebewesen sämtliche Energien, egal ob Pflanze oder Tier.
Alle Wolken verdampften unter der Grausamkeit der Sonne. Ein Schritt aus dem Haus ins Freie war wie das Betreten eines der Hochöfen in Hoyles Gießerei. Vor der familieneigenen Angelhütte am Bayou Bosquet - so genannt wegen der mit Zypressen bewachsenen Insel in der Mitte des gemächlich dahintreibenden Gewässers - backte ein ausgestopfter, zwei Meter langer Alligator in der glühenden Hitze des Gartens. In seinen glasigen Augen spiegelte sich das Flirren des glosenden Himmels. Die Flagge des Staates Louisiana hing wie ausgewrungen am Mast.
Selbst die Zikaden waren zu träge zum Musizieren, nur gelegentlich störte ein besonders ehrgeiziges Insekt die schlaftrunkene Atmosphäre mit einem bestenfalls halbherzigen Zirpen auf. Die Fische blieben wohlweislich unter der Wasseroberfläche und der dichten, grünen Decke aus Wasserlinsen. Sie verharrten in den schattigen, modrigen Tiefen und zeigten nur durch das periodische Pulsieren ihrer Kiemen an, dass sie noch lebten. Eine Mokassinschlange lag faul am Ufer, drohend, aber reglos.
Der Sumpf war ein natürliches Vogelparadies, aber heute schien alles, was Federn trug, ein Nickerchen im eigenen Nest zu halten. Bis auf einen einsamen Falken. Er hockte auf dem Wipfel eines Baumes, der Jahrzehnte zuvor durch einen Blitzschlag abgestorben war. Die Elemente hatten das nackte Geäst weiß gewaschen wie ein säuberlich abgenagtes Gerippe.
Der geflügelte Jäger behielt die kleine Hütte unten fest im Blick. Vielleicht hatte er die Maus erspäht, die zwischen dem Pfahlwerk des Angelsteges umherhuschte. Wahrscheinlicher aber war, dass ihn sein Instinkt vor der drohenden Gefahr warnte.
Der Knall des Schusses war nicht so laut, wie man vielleicht erwartet hätte. Die Luft, dicht wie ein Daunenkissen, schien die Schallwellen zu dämpfen. Der Schuss löste kaum eine Reaktion im Sumpf aus. Die Flagge blieb verwickelt und schlaff an ihrem Mast hängen. Der ausgestopfte Alligator zuckte nicht. Nur die Mokassinschlange glitt mit einem leisen Plätschern ins Bayou, weniger aufgeschreckt als vielmehr pikiert, dass man sie aus ihrem sonntäglichen Schlummer aufgestört hatte.
Der Falke erhob sich in die Lüfte, fast ohne einen Flügelschlag auf der Thermik reitend, um nach etwas Gehaltvollerem als der kleinen Maus Ausschau zu halten.
An den Toten in der Hütte verschwendete er keinen Gedanken.
1
"Erinnerst du dich an Slap Watkins?"
"An wen?"
"Den Typen, der damals in der Bar rumgestänkert hat."
"Etwas genauer, bitte. In welcher Bar? Wann?"
"An dem Abend, als du hier aufgetaucht bist."
"Das war vor drei Jahren."
"Yeah, aber das hast du bestimmt nicht vergessen." Chris Hoyle beugte sich vor, um dem Gedächtnis seines Freundes auf die Sprünge zu helfen. "Das Großmaul, das den Streit angefangen hat? Mit einer Hackfresse, dass die Uhr stehen bleibt. Und Elefantenohren."
"Ach, den. Klar. Mit den ..." Beck hielt die Hände seitlich an den Kopf, als wären es riesige Ohren.
"Deshalb hat ihn jeder Slap genannt", sagte Chris.
Beck zog eine Braue hoch.
"Immer wenn es windig wurde, sind ihm die Ohren ..."
"An den Kopf geklatscht", vollendete Beck den Satz.
"Wie ein offenes Gatter im Sturm." Grinsend erhob Chris seine Bierflasche zu einem stummen Prost.
Die Blenden im Fernsehzimmer der Hoyles waren fest geschlossen, um die bohrenden Strahlen der Spätnachmittagssonne abzuhalten. Daher lag der Raum in einem angenehmen Halbdunkel, in dem das Fernsehbild wesentlich besser zu erkennen war. Es lief gerade ein Spiel der Braves. Ende des neunten Inning, und Atlanta konnte nur noch auf ein Wunder hoffen. Aber trotz des unerfreulichen Spielstandes gab es unangenehmere Arten, den Sonntagnachmittag zu verbringen, als in einem dunklen, klimagekühlten Fernsehzimmer eiskaltes Bier zu trinken.
Chris Hoyle und Beck Merchant hatten schon viele Stunden in diesem Raum vergeudet. Mit dem Riesenfernseher und der Surround-Anlage war er das perfekte Männer-Spielzimmer. Es gab hier eine komplett ausgestattete Bar mit eingebautem Eiswürfelautomaten, einen Kühlschrank voller Soft Drinks und Bier, einen Billardtisch, ein Dartboard und einen runden Kartentisch mit sechs Ledersesseln, von denen jeder so weich und anschmiegsam war wie der Busen des Covergirls auf der aktuellen Ausgabe von Maxim. Das Zimmer war mit Walnusswurzelholz verkleidet und mit massiven Möbeln eingerichtet, die sich nur wenig abnutzten und kaum Pflege brauchten. Die Luft roch nach Tabak und war testosterongeschwängert.
Beck öffnete die nächste Flasche Bier. "Und was ist mit diesem Slap?"
"Er ist wieder da."
"Ich wusste gar nicht, dass er weg war. Wenn ich es recht überlege, habe ich ihn sowieso nur das eine Mal gesehen, und da waren mir die Augen zugeschwollen."
Chris erinnerte sich lächelnd. "Für eine Barkeilerei ging es damals ganz schön zur Sache. Du hast dir eine ganze Salve von Slaps gut gesetzten Schlägen eingefangen. Mit den Fäusten konnte er schon immer umgehen. Das hat er gelernt, weil er immerzu die Klappe aufreißen musste."
"Wahrscheinlich, weil ihn dauernd jemand wegen seiner Ohren verarschen wollte."
"Bestimmt. Jedenfalls hat ihm seine Klappe einen Haufen Ärger eingebracht. Schon bald nach unserer kleinen Meinungsverschiedenheit begann er eine Fehde mit dem Ex seiner Schwester. Es ging um einen Rasenmäher, glaube ich. An einem Abend beim Krabbenkochen spitzte sich die Sache so zu, dass Slap seinem Exschwager mit einem Messer hinterher ist."
"Hat er ihn erwischt?"
"Es war nur eine Fleischwunde. Aber die ging quer über den Bauch des Typen und war immerhin so blutig, dass sie Slap eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung einbrachte, die wahrscheinlich auf versuchten Totschlag hätte lauten müssen. Sogar Slaps eigene Schwester hat damals gegen ihn ausgesagt. Die letzten drei Jahre hat er in Angola abgesessen, und jetzt ist er auf Bewährung rausgekommen."
"Wie schön für uns."
Chris sah ihn ernst an. "Nicht wirklich. Slap hat es auf uns abgesehen. Jedenfalls hat er das gesagt, als er vor drei Jahren im Streifenwagen weggefahren wurde. Er fand es unfair, dass er verhaftet wurde und wir nicht. Damals hat er Beleidigungen und Drohungen ausgestoßen, bei denen es mir heute noch kalt über den Rücken läuft."
"Kann mich gar nicht erinnern."
"Wahrscheinlich, weil du da auf der Toilette warst, um deine Wunden auszuspülen. Jedenfalls", fuhr Chris fort, "ist Slap ein aggressiver und wenig vertrauenswürdiger Loser, ein echter Assi, der nichts kann außer streiten, aber das dafür erstklassig. Wir haben ihm damals eine schwere Schlappe zugefügt, und ich bezweifle, dass das vergeben und vergessen ist, auch wenn er hackedicht war. Nimm dich vor ihm in Acht."
"Ich betrachte mich hiermit als gewarnt." Beck schaute über die Schulter in Richtung Küche. "Bin ich zum Essen eingeladen?"
"Wie immer."
Beck rutschte noch tiefer in das Sofa, auf dem er sich breitgemacht hatte. "Super. Ich weiß nicht, was da im Ofen ist, aber mir wird schon vom Duft der Mund wässrig."
"Kokoskuchen. Niemand macht besseren Kokoskuchen als Selma."
"Da kann ich nicht widersprechen."
Chris' Vater Huff Hoyle trat in den Raum, das erhitzte Gesicht mit einem Strohhut befächelnd. "Gebt mir sofort ein Bier. Ich bin so verflucht durstig, dass ich keinen Tropfen Spucke zusammenkriegen würde, selbst wenn mein Schwanz in Flammen stände."
Er hängte den Hut an einen Garderobenständer, ließ sich schwer in seinen Fernsehsessel fallen und wischte mit dem Ärmel über seine Stirn. "Verflucht, ist das eine Scheißhitze." Seufzend sank er in die kühlen Lederpolster zurück. "Danke, Sohn." Er nahm die eiskalte Bierflasche entgegen, die Chris ihm geöffnet hatte, und deutete damit auf den Fernseher. "Wer gewinnt?"
"Atlanta bestimmt nicht. Außerdem ist es gerade vorbei." Beck drehte den Fernseher stumm, während die Kommentatoren das Spiel sezierten. "Wen interessiert schon, warum sie verloren haben. Der Endstand sagt alles."
Huff grunzte zustimmend. "Die Braves konnten die Saison von dem Moment an abschreiben, als sie zugelassen haben, dass diese überbezahlten, ausländischen Primadonnen den Besitzern vorschreiben, wo's langgeht. Ein entscheidender Fehler. Das hätte ich ihnen gleich sagen können." Er nahm einen langen Schluck, mit dem er die Flasche praktisch leerte.
"Hast du den ganzen Nachmittag Golf gespielt?", fragte Chris.
"Zu heiß." Huff zündete sich eine Zigarette an. "Wir haben drei Löcher gespielt, dann haben wir 'Scheiß drauf' gesagt und sind ins Clubhaus, um Gin Rummy zu spielen."
"Wie viel hast du ihnen heute abgenommen?"
Die Frage war nicht, ob Huff gewonnen oder verloren hatte. Er hatte noch immer gewonnen.
"Ein paar Hunderter."
"Gut gelaufen", kommentierte Chris.
"Wenn du nicht gewinnst, brauchst du auch nicht zu spielen." Er zwinkerte erst seinem Sohn, dann Beck zu. Mit einem tiefen Schluck leerte er sein Bier. "Hat einer von euch was von Danny gehört?"
"Der wird irgendwann hier auftauchen", sagte Chris. "Das heißt, wenn er den Besuch irgendwo zwischen dem Sonntagsgottesdienst und dem Abendgebet unterbringen kann."
Huffs Blick wurde düster. "Versau mir nicht die Laune, indem du davon sprichst. Ich will mir nicht den Appetit verderben."
Wie Huff gern und oft predigte, waren Gebete, fromme Gesänge und Gottesdienste nur etwas für Weiber oder für Männer, die wie Weiber waren. Für ihn stand die organisierte Religion auf einer Stufe mit dem organisierten Verbrechen, nur dass die Kirchen straffrei blieben und Steuervorteile genossen, und darum waren ihm diese heiligen Brüder genauso zuwider wie Schwule oder Gewerkschafter.
Chris lenkte das Gespräch taktvoll von seinem jüngeren Bruder und dessen jüngster Hinwendung zur Spiritualität weg. "Ich habe Beck eben erzählt, dass Slap Watkins auf Bewährung freigekommen ist."
"Asozialer Dreck", knurrte Huff und streifte mit den Zehen die Schuhe vom Fuß. "Und zwar der ganze Haufen, angefangen mit Slaps Großvater, dem verkommensten Halunken auf Gottes weiter Welt. Sie haben ihn schließlich im Straßengraben gefunden, mit einer zerbrochenen Whiskyflasche in der Kehle. Offenbar hat er einmal zu oft Streit gesucht. In der Familie muss es irgendwo Inzucht gegeben haben. Die ganze Sippe ist hässlich wie die Sünde und dumm wie Brot."
Beck lachte. "Möglich. Aber ich stehe trotzdem in Slaps Schuld. Wenn er nicht gewesen wäre, säße ich nicht hier und würde mich bekochen lassen."
In Huffs Blick lag eine Zuneigung, die er sonst nur seinen Söhnen gegenüber zeigte. "Nein, Beck, es war dir von Anfang an bestimmt, auf Gedeih und Verderb einer von uns zu werden. Dass wir dich gefunden haben, hat diesen ganzen Gene-Iverson-Schlamassel letztendlich aufgewogen. Du warst das einzig Gute an der ganzen Geschichte"
"Du und die gespaltene Jury", ergänzte Chris. "Diese zwölf dürfen wir nicht vergessen. Wenn sie nicht gewesen wären, säße ich nicht hier und würde aufs Sonntagsessen warten. Stattdessen könnte ich mir mit Typen wie Slap Watkins eine Zelle teilen."
Chris mokierte sich oft darüber, dass man ihn des Mordes an Gene Iverson angeklagt hatte. Seine launigen Scherze über diesen Vorfall verursachten bei Beck unweigerlich ein flaues Gefühl, so wie jetzt auch. Er wechselte das Thema. "Ich spreche nur ungern an einem Sonntag eine Geschäftsangelegenheit an."
"In meinem Kalender ist jeder Tag ein Werktag", wies ihn Huff zurecht.
Chris stöhnte. "In meinem Kalender nicht, o nein. Ist es was Unangenehmes, Beck?"
"Möglicherweise."
"Kann es dann nicht bis nach dem Essen warten?"
"Klar, wenn euch das lieber ist."
"Auf keinen Fall", sagte Huff. "Du weißt, wie ich zu schlechten Nachrichten stehe. Ich höre sie lieber früher als später. Und ganz bestimmt will ich damit nicht bis nach dem Essen warten. Also, worum geht es, Beck? Sag nicht, dass uns das Umweltamt schon wieder eine Strafzahlung aufgedrückt hat, weil die Kühlteiche ..."
"Nein, darum geht es nicht. Nicht direkt."
"Worum dann?"
"Moment noch. Ich schenke uns erst mal was zu trinken ein", meinte Chris zu Huff. "Du hörst schlechte Nachrichten lieber früher als später, ich höre sie am liebsten mit einem Glas Bourbon in der Hand. Willst du auch einen?"
"Viel Eis, kein Wasser."
"Beck?"
"Für mich nicht, danke."
Chris ging an die Bar und griff nach einer Whiskykaraffe und zwei Gläsern. Dann beugte er sich zum Fenster, spähte zwischen den Lamellen der Blende hindurch und drehte gleich darauf die kleine Kurbel, um den Spalt zu vergrößern. "Wer kommt denn da?"
"Wer kommt denn da?", echote Huff.
"Der Wagen des Sheriffs hat gerade angehalten."
"Na, was glaubst du, was er von uns will? Heute ist Zahltag."
Den Blick immer noch nach draußen gerichtet, antwortete Chris: "Das glaube ich nicht, Huff. Er hat jemanden dabei."
"Und wen?"
"Keine Ahnung. Hab ich noch nie gesehen."
Chris schenkte die Gläser ein und brachte eines davon seinem Vater, aber dann lauschten die drei schweigend, wie Selma auf das Läuten der Türglocke hin von der Küche auf der Rückseite der Villa zur Haustür ging. Die Haushälterin begrüßte die Besucher, aber der Wortwechsel war zu gedämpft, als dass man etwas verstanden hätte. Schritte näherten sich dem Fernsehzimmer. Dann erschien Selma in der Tür, gefolgt von den beiden Besuchern.
"Mr. Hoyle, Sheriff Harper möchte Sie sprechen."
Huff machte ihr ein Zeichen, den Sheriff hereinzubitten.
Sheriff Red Harper war dreißig Jahre zuvor in sein Amt gewählt worden, nachdem Huff seine Kampagne massiv unterstützt und seinen Sieg sichergestellt hatte. Seither war der Sheriff dank Huffs Brieftasche im Amt geblieben.
Sein einst feuerrotes Haupthaar war matt geworden, so als wäre es auf seinem Kopf verrostet. Red Harper war fast einen Meter neunzig groß, aber so dünn, dass der dicke Ledergürtel mit den Insignien seines Amtes an ihm herabhing wie ein Fahrradschlauch an einem Zaunpfahl.
Er wirkte ausgelaugt, und das nicht nur wegen der Gluthitze draußen. Sein Gesicht war lang und hager, als hätten drei Jahrzehnte der Korruption und des schlechten Gewissens daran gezehrt. Sein jammervolles Auftreten war das eines Mannes, der sich unter Wert dem Teufel verkauft hatte. Er war ohnehin keine Frohnatur, doch als er jetzt ins Zimmer trat und den Hut absetzte, wirkte er noch niedergeschlagener als sonst.
Im Gegensatz dazu erschien der junge Officer an seiner Seite, den sie alle noch nie gesehen hatten, mitsamt seiner Uniform wie in ein Stärkebad getaucht. Er war so glatt rasiert, dass seine Wangen rosa leuchteten. Außerdem wirkte er angespannt und hellwach wie ein Sprinter vor dem Startschuss.
Red Harper begrüßte Beck mit einem knappen Nicken. Dann sah der Sheriff auf Chris, der neben Huffs Sessel stand. Schließlich blieben seine trüben Augen an Huff hängen, der in seinem Sessel sitzen geblieben war.
"Abend, Red."
"Huff." Statt Huff direkt anzusehen, senkte er den Blick auf die Hutkrempe, die er rastlos zwischen den Fingern drehte.
"Was zu trinken?"
"Nein danke."
Huff war dafür bekannt, dass er für niemanden aufstand. Eine solche Respektsbezeugung blieb allein Huff Hoyle vorbehalten, das wusste jeder im Parish. Diesmal aber hielt Huff die Spannung nicht mehr aus, drückte die Fußstütze des Sessels nach unten und erhob sich.
"Was ist denn los? Und wer ist das?" Er musterte den blank gewienerten Begleiter von Kopf bis Fuß.
Red räusperte sich. Er ließ die Hand mit dem Hut sinken und klopfte nervös damit gegen den Schenkel. Erst nach einer halben Ewigkeit sah er Huff in die Augen. An alldem erkannte Beck, dass der Sheriff nicht nur hier war, um den monatlichen Scheck abzuholen, sondern aus gewichtigeren Gründen.
"Es ist wegen Danny ...", setzte er an.
2
Der Highway war kaum wiederzuerkennen. Unzählige Male hatte Sayre Lynch die Strecke zwischen dem New Orleans International Airport und Destiny zurückgelegt. Aber heute kam es ihr so vor, als würde sie ihn das erste Mal befahren.
Im Namen des Fortschritts war all das, was diese Gegend einst unverwechselbar gemacht hatte, zugebaut oder vernichtet worden. Der Charme des ländlichen Louisiana war dem grellen Kommerz geopfert worden. Kaum etwas Idyllisches oder Pittoreskes hatte die Zerstörungswut überstanden. Sie hätte überall in den USA sein können.
Wo sich einst nur kleine Familiencafés befunden hatten, gab es nun Fastfood-Läden. Hausgemachter Hackbraten und Muffaletta-Sandwiches waren durch Chicken Wings und Supersize-Meals ersetzt worden. Statt handgemalter Schilder leuchteten überall Neonröhren. Die täglich mit Kreide geschriebene Speisekarte war einer körperlosen Stimme hinter dem Drive-Through-Schalter gewichen.
Während der zehn Jahre ihrer Abwesenheit waren die mit spanischem Moos behangenen Bäume wegplaniert worden, um zusätzlichen Fahrspuren Platz zu machen. Nach der Verbreiterung wirkte das Flussdelta entlang der Straße längst nicht mehr so unermesslich und mysteriös. Die früher unwegsamen Sumpfgebiete waren jetzt von Auf- und Abfahrten eingefasst, auf denen sich SUVs und Lieferwagen drängten.
Erst jetzt begriff Sayre, wie tief ihr Heimweh saß. Gleichzeitig weckten die radikalen Veränderungen in der Landschaft nostalgische Erinnerungen an die Lebensart von früher. Sie sehnte sich nach dem Duftgemisch von Cayenne und Filé. Sie wünschte sich das Patois der Bedienungen zu hören, wenn sie Cajun-Gerichte auftrugen, die sich nicht innerhalb von drei Minuten zubereiten ließen.
Auch wenn die Superhighways die Reisezeit verkürzten, so wünschte sie sich doch die alte, ihr bekannte Allee zurück, die so dicht von Bäumen gesäumt gewesen war, dass sich die Laubkronen wie ein Baldachin über dem Asphalt geschlossen und ein spitzengeklöppeltes Muster aus Licht und Schatten auf den Asphalt gemalt hatten.
Sie sehnte sich danach, wie früher mit offenem Fenster fahren zu können und statt Auspuffgasen die weiche Luft einzuatmen, die nach Geißblatt und Magnolien und dem fruchtbaren Aroma der Sümpfe roch.
Die während des letzten Jahrzehnts vorgenommenen Veränderungen stachen ihr ins Auge und beleidigten ihre Erinnerungen an den Ort, an dem sie aufgewachsen war. Andererseits waren die Veränderungen in ihrem eigenen Leben nicht weniger einschneidend, wenn auch vielleicht nicht so offensichtlich.
Das letzte Mal hatte sie diese Straße in der Gegenrichtung befahren, fort von Destiny. An jenem Tag hatte sie sich mit jeder Meile Entfernung befreiter gefühlt, als würde sie sich immer und immer wieder häuten und eine negative Aura nach der anderen abschütteln. Heute kehrte sie zurück, und die düstere Vorahnung beschwerte sie wie eine Bleiweste.
Ihr Heimweh allein hätte unmöglich so quälend sein können, dass sie noch einmal in diese Gegend zurückgekehrt wäre. Nur der Tod ihres Bruders Danny hatte sie dazu veranlassen können. Offenbar hatte er sich Huff und Chris widersetzt, so lange er konnte, und war ihnen dann auf die einzige Weise entkommen, die ihm seiner Meinung nach noch offen gestanden hatte.
Passenderweise sah sie als Erstes die Schlote, als sie sich den Randbezirken von Destiny näherte. Feindselig erhoben sie sich über die Stadt, groß und schwarz und hässlich. Qualm waberte über ihnen, wie an jedem anderen Tag des Jahres. Es wäre zu kostspielig und unwirtschaftlich gewesen, die Schmelzöfen zu löschen, obwohl es eine Verbeugung vor Dannys Tod bedeutet hätte. Wie sie Huff kannte, war es ihm gar nicht in den Sinn gekommen, seinem jüngsten Kind eine solche Ehre zu erweisen.
Auf der Werbetafel an der Stadtgrenze war zu lesen: "Willkommen in Destiny, der Heimat von Hoyle Enterprises." Als könnte man darauf stolz sein, dachte sie. Ganz im Gegenteil. Huff hatte mit dem Guss von Rohrleitungen einen Haufen Geld gemacht, aber es war blutiges Geld.
Im Ort steuerte sie den Wagen durch jene Straßen, die sie zuerst auf dem Fahrrad erforscht hatte. Später hatte sie hier das Autofahren gelernt. Als Teenager war sie mit ihren Freundinnen darauf hin und her gefahren, immer auf der Suche nach Action, Jungs oder was sich sonst zum Zeitvertreib angeboten hatte.
Sie hörte die Orgelmusik schon, als sie noch einen ganzen Block von der First United Methodist Church entfernt war. Ihre Mutter, Laurel Lynch Hoyle, hatte die Orgel gestiftet. Auf den Pfeifen prangte eine Messingplakette zu ihrem Gedenken. Die Orgel, die einzige mechanische Orgel in Destiny, war der ganze Stolz der kleinen Gemeinde. Keine der katholischen Kirchen konnte mit so etwas aufwarten, und Destiny war überwiegend katholisch. Es war ein großzügiges und aufrichtig gemeintes Geschenk gewesen, aber es war ein weiteres Symbol dafür, dass die Hoyles über die Stadt und all ihre Bewohner herrschten und sich von niemandem übertreffen lassen wollten.
Wie herzzerreißend, dass diese Orgel nun ein Trauerlied für eines von Laurel Hoyles Kindern spielte, für ihren Sohn, der fünfzig Jahre zu früh und durch die eigene Hand gestorben war.
Sayre hatte die Nachricht am Sonntagnachmittag erhalten, als sie nach einem Meeting mit einem Kunden in ihr Büro zurückgekommen war. Gewöhnlich arbeitete sie sonntags nicht, aber dieser Kunde hatte nur an diesem Tag einen Termin frei gehabt. Julia Miller hatte erst kurz zuvor ihr fünfjähriges Jubiläum als Sayres Assistentin gefeiert. Sie hätte Sayre keinesfalls an einem Sonntag arbeiten lassen, ohne selbst ins Büro zu kommen. Während Sayres Besprechung mit ihrem Kunden hatte Julia Büroarbeiten erledigt.
Als Sayre ins Büro zurückgekommen war, hatte Julia ihr einen rosa Post-it gereicht. "Dieser Herr hat dreimal für Sie angerufen, Ms. Lynch. Er wollte Ihre Handynummer haben, aber die habe ich ihm nicht gegeben."
Sayre warf einen Blick auf die Vorwahl, knüllte den Zettel zusammen und warf ihn in den Papierkorb. "Ich wünsche mit niemandem aus meiner Familie zu sprechen."
"Es ist niemand aus Ihrer Familie. Er hat gesagt, dass er für Ihre Familie arbeitet. Und es sei sehr wichtig, dass er Sie so bald wie möglich spricht."
"Ich spreche auch mit niemandem, der für meine Familie arbeitet. Sind noch mehr Nachrichten für mich da? Hat zufällig Mr. Taylor angerufen? Er wollte die Volants bis morgen schicken."
"Es geht um Ihren Bruder", platzte Julia heraus. "Er ist tot."
Sayre blieb genau vor der Tür zu ihrem Privatbüro stehen. Mehrere lange Sekunden starrte sie durch die Fensterfront auf die Golden Gate Bridge. Nur die obersten Spitzen der orangefarbenen Träger stachen aus der dichten Nebeldecke. Das Wasser in der Bucht sah grau, kalt und düster aus. Wie eine böse Vorahnung.
Ohne sich umzudrehen, fragte sie: "Welcher?"
"Welcher was?"
"Bruder."
"Danny."
Danny, der in den letzten Tagen zweimal angerufen hatte. Danny, dessen Anrufe sie nicht entgegengenommen hatte.
Sayre drehte sich zu ihrer Assistentin um, die sie mitleidig ansah. Sie sagte behutsam: "Ihr Bruder Danny ist heute gestorben, Sayre. Ich wollte Ihnen das lieber persönlich und nicht am Handy sagen."
Sayre atmete tief durch den Mund aus. "Wie?"
"Ich glaube, das sollten Sie diesen Mr. Merchant fragen."
"Julia, bitte. Wie ist Danny gestorben?"
Sie senkte den Blick. "Anscheinend hat er sich umgebracht. Es tut mir leid." Sie schluckte und ergänzte dann: "Mehr wollte mir Mr. Merchant nicht verraten."
Daraufhin zog sich Sayre in ihr Büro zurück und schloss die Tür. Mehrmals hörte sie das Telefon im Vorzimmer läuten, aber Julia begriff, dass Sayre Zeit brauchte, um diese Nachricht zu verarbeiten, und stellte keinen der Anrufe durch.
Hatte Danny sie angerufen, um sich von ihr zu verabschieden? Falls ja, wie sollte sie dann damit weiterleben, dass sie sich geweigert hatte, mit ihm zu sprechen?
Nach etwa einer Stunde klopfte Julia zaghaft an ihre Tür. "Kommen Sie rein", rief Sayre. Als Julia ins Zimmer trat, sagte Sayre: "Sie brauchen nicht zu bleiben, Julia. Gehen Sie nach Hause. Ich komme schon zurecht."
Die Assistentin legte ein Blatt Papier auf ihren Schreibtisch. "Ich habe noch ein paar Sachen zu erledigen. Läuten Sie durch, wenn Sie mich brauchen. Kann ich Ihnen irgendwas bringen?"
Sayre schüttelte den Kopf. Julia zog sich zurück und schloss die Tür wieder. Auf dem Zettel, den sie hereingebracht hatte, waren Zeit und Ort der Bestattungsfeier notiert. Dienstagmorgen um elf.
Es hatte Sayre nicht überrascht, dass die Beerdigung so früh angesetzt war. Huff vergeudete prinzipiell keine Zeit. Er und Chris konnten es bestimmt kaum erwarten, die Sache über die Bühne und Danny unter die Erde zu bringen, damit sie so schnell wie möglich wieder zu ihrem gewohnten Leben zurückkehren konnten.
Andererseits kam es auch ihr zupass, dass die Bestattungsfeier schon so bald stattfinden sollte. Es hielt sie davon ab, sich lange den Kopf zu zerbrechen, ob sie hinfahren sollte oder nicht. Sie konnte nicht lange in ihrer Unentschlossenheit verharren, sondern war zu einer Entscheidung gezwungen.
Am Vortag hatte sie den Vormittagsflug über Dallas - Fort Worth nach New Orleans genommen und war am Spätnachmittag angekommen. Sie hatte einen Spaziergang durch das French Quarter gemacht, in einem Gumbo-Restaurant zu Abend gegessen und anschließend die Nacht im Windsor Court Hotel verbracht. Doch trotz aller Annehmlichkeiten, die das Luxushotel bot, hatte sie kaum ein Auge zugetan. Sie wollte nicht nach Destiny zurück. Auf keinen Fall. Es mochte eine idiotische Vorstellung sein, aber sie hatte Angst, in eine Falle zu tappen, aus der es kein Entrinnen gab, sodass sie für alle Zeiten in Huffs Klauen bleiben müsste.
Auch der anbrechende Tag hatte ihre Sorgen nicht vertrieben. Sie war aufgestanden, hatte sich für die Bestattungsfeier angezogen und sich auf den Weg nach Destiny gemacht, wo sie genau zu der Feier eintreffen und anschließend sofort wieder verschwinden wollte.
Die Menge der parkenden Autos drängte bereits aus dem überfüllten Parkplatz der Kirche in die angrenzenden Nebenstraßen. Sie musste mehrere Blocks von der Bilderbuchkirche mit den Buntglasfenstern und dem hohen, weißen Kirchturm entfernt parken. Gerade als sie unter das von Säulen getragene Vordach trat, begann die Kirchenglocke elf Uhr zu schlagen.
Verglichen mit draußen war es im Vorraum angenehm kühl, aber Sayre fiel auf, dass im Andachtsraum viele der Anwesenden kleine Papierfächer schwenkten, um die schwächelnde Klimaanlage zu unterstützen. Sie rutschte in die letzte Bank, während vorn der Chor die letzten Akkorde des Eröffnungsliedes sang und der Pastor an den Altar trat.
Während alle anderen den Kopf zum Gebet senkten, schaute Sayre auf den Sarg vor dem Altargeländer. Es war ein schlichter, versiegelter silberner Sarg. Das war gut so. Sie hätte es wohl nicht ertragen, Danny zum letzten Mal wie eine Wachspuppe in einem mit Satin ausgeschlagenen Sarg liegen zu sehen. Um nicht länger darüber zu sinnieren, konzentrierte sie sich auf das elegante, klare Arrangement von weißen Callas, das auf dem Sargdeckel lag.
Sie konnte weder Huff noch Chris in der Menge ausmachen, aber sie nahm an, dass beide in der ersten Bank saßen und angemessen trauernd dreinblickten. Bei der ganzen Heuchelei wurde ihr übel.
Sie wurde unter den noch lebenden Familienmitgliedern genannt. "Eine Schwester, Sayre Hoyle aus San Francisco", dröhnte der Prediger.
Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte durch die Kirche gerufen, dass sie nicht mehr Hoyle hieß. Seit ihrer zweiten Scheidung verwendete sie ihren zweiten Vornamen, der zugleich der Mädchenname ihrer Mutter gewesen war. Irgendwann hatte sie ihren Namen offiziell in "Lynch" ändern lassen. Dieser Name stand auf ihrem College-Diplom, ihrer Geschäftspost, ihrem kalifornischen Führerschein und in ihrem Pass.
Sie war keine Hoyle mehr, aber sie zweifelte keine Sekunde daran, dass der Informant des Predigers absichtlich den falschen Nachnamen angegeben hatte.
Die Trauerrede stammte aus einem kirchlichen Predigtenbuch und wurde von einem Priester mit glänzendem Gesicht verlesen, der kaum volljährig wirkte. Seine Belehrungen waren an die Menschheit im Allgemeinen gerichtet.
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