Weißer Rabe, schwarzes Lamm - Nikolic, Jovan

Jovan Nikolic 

Weißer Rabe, schwarzes Lamm

"Ein Buch für die Stadt". Kurzprosa

Aus d. Serbokroat. v. Bärbel Schulte
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Weißer Rabe, schwarzes Lamm

Es sind kleine, in sich geschlossene Prosatexte: eingefangene Augen-Blicke, Momentaufnahmen einer Kindheit im Zigeunerdorf. Wie leichtfüßige Musikstücke kommen sie daher - Bagatellen, Impromptus, Humoresken. Sie entfalten einen bald melancholischen, bald skurril-surrealen Zauber und klingen fast immer in einem überraschenden, manchmal verstörenden Schlussakkord aus. Jedes für sich, den Lyriker verratend, ein Stück aufs äußerste verdichteter Erinnerung. Aneinander gereiht erzählen sie vom turbulenten Leben in einer schäbigen Romasiedlung: von Dragia, dem Saxophon spielenden Vater, vom Großvater, der im Suff deutsche Kommandos brüllt, von der mit Geistern kommunizierenden Großmutter, der Tante, die sich bei Bedarf imaginäre Krankheiten zulegt, und von der Mutter, die all das im Griff zu halten versucht; auch von Jacky, dem Hund, von geköpften Hühnern oder jenem Lamm, in dessen Augen sich der Junge wiedererkennt, bevor es am Georgstag auf den Tisch kommt. Von diesem etwas eigentümlichen Jungen vor allem, der staunend die Welt um sich und sich selbst in ihr beobachtet.


Produktinformation

  • Abmessung: 206mm x 126mm x 10mm
  • Gewicht: 140g
  • ISBN-13: 9783854356639
  • ISBN-10: 3854356633
  • Best.Nr.: 33829620
. ..Jetzt ist dieser zu den wichtigsten Vertretern der Roma-Literatur zählende Schriftsteller in einem Buch zu entdecken, das mit wenigen Strichen eine ganze Welt zeichnet. Die Texte sind kurz und von großer atmosphärischer Dichte. Wie in einem Kaleidoskop schieben sich die Bilder ineinander und ergeben so ein lebenspralles Ganzes: den Roman der Kindheit ...(Paul Jandl, NZZ)

. ..Jetzt ist dieser zu den wichtigsten Vertretern der Roma-Literatur zählende Schriftsteller in einem Buch zu entdecken, das mit wenigen Strichen eine ganze Welt zeichnet. Die Texte sind kurz und von großer atmosphärischer Dichte. Wie in einem Kaleidoskop schieben sich die Bilder ineinander und ergeben so ein lebenspralles Ganzes: den Roman der Kindheit ... (Paul Jandl, NZZ)DER SPIEGEL
Ein kleiner Junge spaziert mit seinem Vater durch die Stadt. Er hört, wie jemand in ihrem Rücken ihnen ein Wort nachwirft: Zigeuner. Er versteht das Wort nicht, spürt aber, wie etwas in ihm vom Feuer der väterlichen Hand, die ihn hält, zu brennen beginnt. Er ahnt, dass dieses Wort, voll einer unbekannten Gefahr, einen verhängnisvollen Einfluss nehmen wird auf sein künftiges Leben; dass es, den Kiefer voll niederträchtiger Konsonanten, nach ihm schnappen und sein Herz mit den scharfen Zähnen des Spotts und der Verachtung heimsuchen wird.
Seither bleibt er immer ein wenig länger vor dem Spiegel stehen; er wartet, dass dort, im Abbild seiner Gestalt, die Bedeutung dieses Worts aufscheint und sich ihm entdeckt. Zugleich verspürt er die große Angst, er werde dort etwas Verhängnisvolles und Schmerzliches sehen, das die Seele für alle Zeit davontragen könne, so dass er nicht mehr sicher sein kann, auf welcher Seite des Spiegels er selbst und auf welcher jener dort steht, der ihn mit den eigenen Augen ansieht und den Fehler sucht.
HÜHNER AUF DEM FAHRRAD
Während des Krieges war der Vater Kriegsgefangener in Deutschland. In einem Arbeitslager. Von damals ist ihm die Gewohnheit geblieben, trockenes Brot zu essen. Er mag es gern einstippen. Und immer schleppt er mehr Lebensmittel nach Hause als notwendig.
Macht nichts, und wenn schon! Damit was da ist. Man weiß nie
Eines Tages, als er mit seinem Fahrrad vom Markt zurückkehrte, hatte er sechs zusammengebundene Hühner an die Lenkstange gehängt. Nackthalsige. Jeweils drei an eine Seite des Lenkers. Er trat in die Pedale, die Aufschläge an seinen Hosen hatte er mit Wäscheklammern befestigt. Zufrieden pfiff er vor sich hin.
Die Hühner hingen einen Teil der Fahrt kopfüber nach unten, bis ihnen das Blut in die Köpfe stieg. Da begannen sie fieberhaft mit den Flügeln zu schlagen und aufzufliegen.
Und so reitet der Vater die Kneza Milo a entlang auf seinem Fahrrad, dass die Federn fliegen, gezogen von einem Bukett aus Flügeln. Es sieht aus, als würde er jeden Augenblick aufsteigen und über den Häusern der Zigeuner fliegen, irgendwo fern über allen Ängsten, jedem Ungemach und dem Hunger davon

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ausgesprochen begeistert von diesen ebenso poetischen wie unsentimentalen Prosaarbeiten ist der "Jdl." unterzeichnende Rezensent, der Jovan Nikolic zu den wichtigsten Vertretern der Roma-Literatur zählt. Den Rezensenten beeindruckt besonders die skizzenhafte Leichtigkeit, mit der hier Szenen einer behüteten, aber armen Kindheit im ehemaligen Jugoslawien geschildert werden. Es gehe um Fußball oder den Vater, der sein Geld als Saxophonist in kommunistischen Hotels verdiente. Die atmosphärische Dichte scheint auf den Rezensenten eine fast hypnotische Wirkung zu haben. Er genießt Stimmungen und Bilder, die sich für ihn während des Lesens "wie in einem Kaleidoskop" ineinander schieben und insgesamt "den Roman einer Kindheit" ergeben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Jovan Nikolic, geboren 1955, aufgewachsen in einer Romasiedlung bei aak (Serbien). Mit seinen Musiker-Eltern, einem Rom und einer Serbin, reiste er als Kind durch das ehemalige Jugoslawien. Seit seiner Jugend schrieb er Gedichte, 1982 erschien sein erstes Buch. Zu dieser Zeit lebte er in Belgrad, verfasste Theaterstücke und stand als Schauspieler und Musiker auf der Bühne. 1999, während des Jugoslawienkrieges, emigrierte Nikoli zunächst nach Berlin, dann nach Köln. Heute ist er einer der bekanntesten Roma-Autoren, er erhielt Stipendien u. a. der Heinrich-Böll-Stiftung, des deutschen PEN, von KulturKontakt Austria und des Cultural City Network, Graz.

Leseprobe zu "Weißer Rabe, schwarzes Lamm" von Jovan Nikolic

Jovan Nikolic, geboren 1955 in einer Zigeunersiedlung bei Cacak (Serbien), ist einer der bedeutendsten Vertreter zeitgenössischer Romaliteratur. Neben zahlreichen Lyrikbänden veröffentlichte er auch Theaterstücke und satirische Texte in serbokroatischer Sprache. Seit seiner Emigration im Jahr 1999 lebt er in Deutschland, zur Zeit in Köln. Stipendien der Heinrich-Böll-Stiftung, des deutschen PEN und des Cultural City Network, Graz. In deutscher Sprache: Zimmer mit rad. Gedichte und Prosa (Drava 2004).

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