Weisse Geister - Greenway, Alice

Alice Greenway 

Weisse Geister

Roman

Übers. v. Uwe-Michael Gutzschhahn
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Weisse Geister

»Der Sommer, von dem ich erzählen will, ist die einzige Zeit von Bedeutung. Es ist die Zeit, an die ich denken werde, wenn ich sterbe, so wie sich andere vielleicht einen verlorenen Liebhaber ins Gedächtnis rufen oder einer Liebenachtrauern, die nie zustande kam. Für mich gibt es nur eine Geschichte. Es ist die meiner Schwester - Frankies Geschichte.«

Hongkong, 1967. Zwei Schwestern, Frankie und Kate. Ihr Vater ist in Vietnam, um den Krieg zu fotografieren, den die Mutter nicht sehen will. Während sich auf den Straßen Hongkongs die Anhänger der Kulturrevolution formieren, leben die Mädchen in ihrer eigenen Welt. Sie schwimmen im Hafen, tauchen durch das jadegrüne Wasser nach Meeresschnecken und Seeigeln, pirschen durch den Dschungel und lauschen gebannt den Erzählungen der chinesischen Haushälterin Ah Bing. Sie sind Freunde und Verbündete, Geheimnis-Schwestern. Dochbald kommt es durch die politischen Wirren zu einem traumatischen Erlebnis, das alles zwischen ihnen ändert. Während die stille Kate sich in ihre Innenwelt zurückzieht, wird Frankie immer unberechenbarer und strebt mit gefährlichen Mitteln danach, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . . .


Produktinformation

  • Verlag: Mareverlag
  • 2009
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 220 S.
  • Seitenzahl: 220
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 360g
  • ISBN-13: 9783866481015
  • ISBN-10: 3866481012
  • Best.Nr.: 25620667
» Ein sinnlicher, ergreifender Roman über Geschwisterliebe, Gefahr und den Flirt mit dem Unbekannten.« (The New York Times Book Review)<br/><br/>» Ein faszinierender erster Roman, handwerklich und erzählerisch ein Meisterwerk.« (Isabel Allende)<br/><br/>» Zauberhaft . . . Wie in einem guten Gedicht oder einer Kurzgeschichte verbinden sich Ideen und Bilderzu einem eleganten, unvergesslichen Ganzen.« (San Francisco Chronicle)<br/><br/>» Eine wunderschön geschriebene Elegie über eine verlorene Kindheit.« (The Guardian)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.03.2009

Die Vertreibung aus dem Paradies

Ihre Sprache ist ein Kampf gegen das Vergessen: In Alice Greenways Romandebüt "Weiße Geister" gerät eine Familie aus Hongkong in die Wirren des Vietnam-Krieges.

Das Titelbild des "Time Magazine" zeigt einen zusammengekauerten Marine-Soldaten. Um ihn herum spritzt Matsch von einer einschlagenden Granate auf. Er hält zum Schutz die Hände über den Kopf. "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran." Robert Capa hat das gesagt, bevor er in Vietnam von einer Landmine zerfetzt wurde. Capa ist das Vorbild. Der Krieg ist das andere Bild, ein morbides Abenteuer, das Geschichten hervorbringt, die das normale Leben in den Schatten stellen. In seiner Dunkelkammer sammelt Kates Vater Kriegsrelikte: "Granatsplitter, die er sich aus dem Bein gepult hat, den Zündstift einer Handgranate, eine geschmuggelte AK-47, die er unter dem Waschbecken verstaut." Niemand kann mit diesen Gegenständen konkurrieren. "Manchmal ist es schwer für ihn, sich an uns zu erinnern. So sehr liebt er Vietnam."

Aus der Perspektive der dreizehnjährigen Kate schildert Alice Greenway das Schicksal einer Familie, die 1967 von …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als sei sie in den Schlingen einer Tropenpflanze gefangen, so in etwa muss sich die Rezensentin bei der Lektüre gefühlt haben. Klingt nicht so reizvoll, gehört in den Worten Katharina Teutschs allerdings zum "besten elegischen Ton der Gegenwart". Die welteröffnende Kraft der Sprache, mit der Alice Greenway eine Kindheit in Hongkong und das Ende der Unschuld beschreibt, steht für Teutsch außer Zweifel. Die Konfrontation der Schwestern Kate und Frankie mit dem Vietnam-Krieg und das Schicksal einer Familie erscheinen ihr in diesem Buch "frappierend" sinnlich erfasst und vermittelt. Ein Kampf gegen das Vergessen der eigenen Geschichte, packend erzählt aus der Perspektive einer Dreizehnjährigen, findet Teutsch.

© Perlentaucher Medien GmbH

»Eine wunderschön geschriebene Elegie über eine verlorene Kindheit.« The Guardian
Alice Greenway, geb. 1964 in Washington D.C., aufgewachsen in Hongkong, Bangkok, Washington, Jerusalem und Massachusetts, studierte an der Yale University. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Edinburgh, Schottland.

Blick ins Buch "Weisse Geister"


Leseprobe zu "Weisse Geister" von Alice Greenway

Wir sind eigentlich schon zu alt für so was, unsere Schiffbrüchigenspiele.

Verlegen nehmen wir sie auf. Bauen unsere Hütten aus Strandgut: Seil, Blech, Fischer netzen, Styropor, Treibholz. Zerren unsere Funde aus den Felsen zurück über den Strand, treten mit bloßen Füßen auf verkrustete Entenmuscheln, rauen Granit, durch die Gezeitentümpel voller Krebse und Napfschnecken. Am Ende des Strands kletten sich scharfe Ranken an unsere Haut: Vitex, kanarischer Vogelstrauch, Morning Glory.

Sie überziehen unsere Fußgelenke mit Schrammen und Schorf. Dicke Hornhaut bildet sich an unseren Fußsohlen.

Erschrocken kracht ein plumper Kuckuck durchs Unterholz. Sein kreischender, widerhallender Schrei klingt eher nach einem Affen als nach einem Vogel.

Aber es liegt in unserer Natur, zu sammeln, zu stöbern.

Meine Mutter hortet Farbtuben, Kreide, Radiermes ser, Tinten und Stifte. Verwahrt sie in Kunstkästen und Chinakörben, die sich zusammen mit schweren Blöcken Aquarellpapier in ihrem Zimmer stapeln. Mein Vater sammelt in seiner Dunkelkammer Kriegsrelikte, Schätze, die meine Mutter nur ungern sieht: Granatsplitter, die er sich aus dem Bein gepult hat, den Zündstift einer Handgranate, eine geschmuggelte AK-47, die er unter dem Waschbecken verstaut. Eine Schnur mit winzigen Tempelglocken, die an der Tür hängt, sodass man sie langsam öffnen muss, vorsichtig, wenn man verhindern will, dass einen jeder hört. Ein dünnes, abgegriffenes Vietnamesisch-Englisch-Wörterbuch.

Heimlich stöbernd entdecken Frankie und ich die viet namesischen Wörter für Nationalismus und demokratische Volksrevolution, dialektischen Materialismus und Ausbeutung. Wir fi nden Wörter für Bluttrans fu sion, Guerillakampf und Napalm. Eine Bombe ist explodiert und hat viele Menschen getötet: Bom n? gi?t nhi?u ngu'?'i.

Wörter für Utopia: không tu' ?'ng, und Beischlaf: gió'i tính.

Wir sprechen sie phonetisch aus, wie Zaubersprüche.

Wir schauen die Bilder an, die mein Vater gemacht hat.

Kriegsfotos.

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