Leseprobe zu "Weil ich dich nicht vergessen kann" von Ron McLarty
6. Januar 2001
Lieber Jono,
ich schreibe dir, um dir zu sagen, dass Marie von uns gegangen ist. Ich weiß, sie würde wollen, dass du es erfährst, denn sie hat immer deine Weihnachtskarten erwähnt.
Ich war ein paar Tage vor Neujahr bei meiner Schwester, ihrem Mann Chip und den Kindern. Sie hat ein Nickerchen gemacht und ist nicht wieder aufgewacht. Sie wurde vor zwei Tagen beerdigt, und die Totenmesse war in St. Martha. Die Gedenkkarte aus der Messe lege ich bei. Father Gallo hat einen sehr schönen Begräbnisgottesdienst gehalten.
Wir wissen nicht, warum sie uns verlassen hat. Rhode Island verlangt eine Obduktion, aber wir haben noch nichts gehört.
Es tut mir sehr leid, dass ich dir eine so traurige Nachricht übermitteln muss. Wie geht es dir? Meine Mutter lebt noch, und sie ist siebenundachtzig Jahre alt. Gott segne sie.
Dein alter Freund Cubby D'Agostino
1961 verliebte ich mich wie verrückt in Marie D'Agostino. Sie war groß und anmutig und roch, als habe sie sich nach einem Bad in Rosenwasser soeben abgetrocknet. Ihre Hautfarbe war ein schimmerndes helles Oliv, und während alle anderen in ihrer Familie die Marotte hatten, sich als sizilianische Bauern zu inszenieren, erschien Marie immer geschmeidig elegant und grazil. Ich erinnere mich lebhaft an ihre langen Finger, mit denen sie sich durch die phänomenalen, tintenschwarzen Locken fuhr. Ihr Hals war lang, ebenso wie ihre Arme und Beine, und man sah ihr an, dass sie sich konzentrieren musste, um den Kopf hochzuhalten. Wenn sie über irgendetwas in Aufregung geriet, was oft vorkam, wippte ihr Kopf wild hin und her. Selbst das war hinreißend. Es war das eine kleine Häkchen an ihrer ansonsten makellosen Erscheinung. Aber was mich eigentlich einfing, verhexte - ja, im Grunde verschlang -, war ihre tiefe, runde Stimme. Es war, als rolle sie aus ihrem kleinen Mund und explodiere in meinem Gesicht. Und mehr als jede andere Facette dieses erstaunlichen Menschenwesens war es dieser volle, nüchterne, verlässliche Klang, an dem ich seitdem alle anderen Frauen gemessen habe.
1961 war Marie fast zwölf Jahre alt, und was immer mit ihr passierte, passierte schnell, denn ich bemerkte, dass sie plötzlich anders war, und wie gesagt: Ich verliebte mich heftig. Ich war ein elfjähriger Mops aus dem Irenviertel von East Providence, genauer gesagt, aus der Cardinal Avenue hinter der Gießerei, zwei Straßen weit von der katholischen Kirche St. Martha entfernt.
Damals trieb ich mich mit Maries Bruder Cubby herum, mit ihrem Cousin Billy Fontanelli und mit Bobby Fontes, der Portugiese war, was uns aber nichts ausmachte. Wir gingen zusammen überall hin und machten andauernd Blödsinn. Es war ziemlich gut, und die Regeln waren einfach. Cubby war so was wie unser Anführer, weil er älter aussah als wir anderen, obwohl er es nicht war, und weil er schon mit elf Karottenhosen und einen Bürstenhaarschnitt nach Art der Mondos aus Riverside trug, oben hochgebürstet und an den Seiten glatt mit Vitalis-Gel nach hinten gekämmt. Außerdem hatte er Zugang zu Marlboro-Zigaretten, die wir bevorzugten.
Es war Herbstanfang, und ich hatte zum Schulbeginn gerade meinen traditionellen Bürstenschnitt bekommen, einen kurzen Flattop; aus irgendeinem Grund glaubte ich, ich sähe damit dünner aus, obwohl mehrere Fotos von mir aus dieser Zeit etwas zeigen, das aussieht wie ein Sack Mehl mit Ohren. Wir saßen mit Cubbys altem Herrn, Big Tony, vor dem Fernseher und guckten "Bilko", und da passierte es einfach. Ich roch etwas, und ich entschied, dass es Rosen waren. Ich konnte sie tatsächlich riechen, bevor sie ins Zimmer kam. Ihre Mutter war dabei; sie kamen gerade von der Outlet Company in Providence zurück, wo sie ihren Schulkram gekauft hatten. Sie trug eine rote Cord-Latzhose über einer langärmeligen karierten Baumwollbluse und nagelneue schwarze, knöchelhohe Chucks. Ein roter Kamm in ihrem Haar akzentuierte das Ensemble. Ich kriegte fast einen Schlaganfall. Sie sagte etwas zu Billy. Ich glaube, sie fragte, ob seine Schwester, eine ihrer Freundinnen, an diesem Abend zur Catholic Youth Organisation gehen würde. Ich glaube, das war es. Aber ich weiß es nicht mit Sicherheit, denn zum ersten Mal, seit ich sie kannte, bemerkte ich diese Stimme. Sie klang wie ein Echo in einem tiefen Brunnen. Eine Stimme, die noch im Zimmer schwebte, wenn sie gar nicht mehr sprach. Ich richtete mich hoch auf und versuchte, mich in mich hineinzusaugen, um dünner auszusehen. Außerdem schaute ich über ihren Kopf hinweg - eine Technik, von der mir jemand erzählt hatte, dass sie den Eindruck von zusätzlichem Alter und einer gewissen Reife erweckte. Marie D'Agostino hielt inne. Es war, als sei die Zeit für einen Sekundenbruchteil eingefroren. Augen wie schwarze Perlen sahen niemanden außer mir.
"Willst du ein Foto, Riley?", dröhnte sie.
Ja, okay, das war ich. Jono Riley. Kein zweiter Name. Nicht für die Rileys. Bei uns gab es nur Vor- und Nachnamen. Nach Auskunft meines Alten reichte eine beständige, ununterbrochene Kette von Jono Rileys über mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt zurück. Was mir einleuchtete, denn Pyramidenbauen - zumal der Teil, bei dem man mit Seilen schwere Steinblöcke zog und dann starb - war der Art von Arbeit, auf die die Rileys von Rhode Island spezialisiert waren, nicht unähnlich. Aber nach dieser ersten bedeutsamen Begegnung mit ihr konnte ich an nichts anderes denken und mir nichts Wundervolleres vorstellen, als irgendwie zum allumfassenden Orbit Maries zu gehören.
Ich wohnte gleich um die Ecke bei den D'Agostinos, aber für die Genies, die die Grundschulbezirke geplant hatten, hätte ich genauso gut in Seekonk, Massachusetts, wohnen können. Marie kam jetzt in die sechste Klasse auf Kent Heights, und ich war der Brightridge School zugewiesen, ungefähr eine Meile weit die Pawtucket Avenue hinunter. Wenn ich überhaupt eine Chance hatte, Eindruck auf sie zu machen, dann würde sie sich bei der CYO oder an den Wochenenden mit Cubby ergeben müssen; um das zu begreifen, brauchte man kein Einstein zu sein. Ich entdeckte die Strategie der Regelmäßigkeit. Ich fand heraus, dass es Marie schwerfiel, den gelegentlichen gesellschaftlichen Kontakt mit mir zu vermeiden, wenn ich regelmäßig auftauchte. Die CYO traf sich dienstags und sonntags abends, und wenn ich außerdem zum Beispiel einen Umweg zur Schule nahm, quer hinter der Gießerei hindurch die Chester Street hinauf und dann hinüber zur Canton und durch die King Philip Street ging, dann konnte ich genau in dem Moment lässig an Kent Heights vorbeischlendern, als Marie und Cubby von zu Hause zur Schule kamen.
"Was läuft so?", sagte ich dann zu Cubby.
Zu der Zeit war es wichtig, dass ich Marie sehr cool überhaupt nicht zur Kenntnis nahm.
"Was läuft so?", war Cubbys Antwort.
Marie machte meistens ein gelangweiltes Gesicht.
"Bozo", sagte sie, wenn sie überhaupt etwas sagte. Bozo war der Spitzname, den ihr Vater, Big Tony, mir verpasst hatte. Sein Spitzname für Billy Fontanelli war Big Billy, Bobby Fontes hieß Bobberino, und ich war Bozo. Ihre Mutter nannte mich Riley, und sie sagte auch immer gern, ich lebte "wie Riley", was nur heißen sollte, dass ich ein feines und sorgenfreies Leben hätte.
Wie auch immer - das meiste habe ich eigentlich vergessen, und deshalb will ich jetzt gleich zu diesem wichtigen Tag kommen, zwei Tage nach Weihnachten 1961. Es lag eine Menge Schnee, denn an Heiligabend hatte es einen Blizzard gegeben. Ein paar Highschool-Kids waren hinter der Kent Heights School nach Kent Woods hinuntergegangen, hatten den Schnee vom Teich dort gefegt und eine Eishockeybahn angelegt, wo sie immer gewesen war, solange irgendjemand zurückdenken konnte. Mein Alter hatte da gespielt, und "Pile On" Pendergast, der ein gefürchteter Manndecker bei den Providence Reds war, hatte sich dort seine ersten scharfen Sporen verdient.Also, ich hoffe, das klingt jetzt nicht selbstgefällig oder angeberisch, aber es ist wichtig für den Fortgang der Ereignisse an diesem speziellen Tag - oder, genauer gesagt, Nachmittag: Ich war schon mit elf ein extrem guter Hockeyspieler. Auf Schlittschuhen verkörperte ich eine gewisse Anmut, die mir in buchstäblich jeder anderen Facette meines jungen Lebens abging.
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