Was davor geschah - Mosebach, Martin
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Martin Mosebach 

Was davor geschah

Roman

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Was davor geschah

Es ist eine gefährliche Frage, die bereits den Keim einer Eifersucht enthält: Wie war das eigentlich mit dir, bevor wir uns kannten? Die beiden sind seit Kurzem ein Paar, und sie stellt ihm jene Frage. Seine Antwort wird zu einem Gespinst aus Wahrheit und Dichtung, einem wahren Lügenpalast, errichtet aus soliden Bausteinen von Wirklichkeit. Auf der Bühne Frankfurts inszeniert Martin Mosebach, mit detektivischer Genauigkeit und meisterhafter Sprachkunst, ein böses Spiel von Liebe und Zufall.


Produktinformation

  • Verlag: Hanser
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 329 S.
  • Seitenzahl: 336
  • Best.Nr. des Verlages: 505/23562
  • Deutsch
  • Abmessung: 196mm x 126mm x 33mm
  • Gewicht: 486g
  • ISBN-13: 9783446235625
  • ISBN-10: 3446235620
  • Best.Nr.: 29504622
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.10.2010

Die Nougathaftigkeit der Prosa

Martin Mosebach: Ist er ein Dichter, ein Schwätzer, eine wohlduftende Wolke in kosmischer Nacht? Fragen an seinen Roman "Was davor geschah"

Es ist keine Amsel und keine Meise, die den Ton angibt, und auch kein Kakadu, der kommt erst später. Es ist tatsächlich eine Nachtigall. Sie singt dem Ich-Erzähler ihr Lied, und Martin Mosebach, der unermüdliche Artenschützer der deutschen Sprache, singt mit, so schön er kann: "Jetzt erst eröffnete sich mir in ganzer Fülle das Wort ,Gurgel'. Die Nachtigall war ganz Gurgel, und aus dieser Gurgel sprudelte es und schluchzte es, gurrte und jubelte es in kühnen Läufen, die zu Koloraturen wurden und in sattem Schnarren wie aus dem Inneren einer feuervergoldeten Pendule endeten." Mit großer Unerschrockenheit vor dem Staub, der auf seinem Motiv liegt, bewirbt sich Mosebach um einen Platz im Kanon deutscher Nachtigall-Dichtung. Da darf es ruhig mal metaphysisch werden: "Sie sang wie ein Stern strahlt in der kosmisch leeren Nacht."

Der Büchnerpreisträger Mosebach ist ein bekennender Konservativer, seine Koketterie, sich selbst als "Reaktionär" zu inszenieren, ist so …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Roman Bucheli hält mit seiner Bewunderung für Martin Mosebachs jüngsten Roman nicht hinter dem Berg. Der Autor lässt einen namenlos bleibenden Erzähler seiner ebenso vage konturierten Zuhörerin vom Niedergang einer Frankfurter Familie der feinen Gesellschaft erzählen und entwirft dabei en passant eine "kluge Poetik des "notwendigen Zufalls" des Erzählens. Indem er die Vorgeschichte einer Liebe zur Tochter des Hauses Hopsten erzählt, wird dem Leser nicht nur ein "Sittenbild" der gehobenen Gesellschaft geboten, das Mosebach ganz ohne "Zynismus", aber dafür mit viel Witz und Ironie malt. Indem der Erzähler aber seiner Fantasie freien Lauf lässt, stellt sich immer wieder die Frage nach "Erfindung" und Wahrheit seiner Geschichte, so Bucheli, der sich von der geschickten Dramaturgie dieses Vexierspiels beeindruckt zeigt. Am Ende zählt nicht, ob das, was man erzählt bekommt, wahr oder erfunden ist, es zählt nur die gute Geschichte, so das Fazit des eingenommenen Rezensenten.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.08.2010

Das Duett von Kuckuck und Nachtigall
Ein Porträt der Frankfurter Gesellschaft, nachgeschärft und zum Funkeln gebracht: Martin Mosebachs neuer Roman „Was davor geschah“
Die Moderne und was ihr gefolgt ist mögen keine Nachtigallen. Das ist bedauerlich, denn die Nachtigallen treiben ihr Wesen wie eh und je. Der Rezensent erinnert sich seines Germanistik-Studiums an der Würzburger Universität, einem Neubaukomplex der Siebziger hoch über der Stadt inmitten eines ausgedehnten Buschgeländes, aus dem heraus die Nachtigallen im Mai am hellen Tag schlugen, die Fenster waren wegen der Wärme geöffnet, der Gesang strömte herein – und keiner der Anwesenden, weder Dozent noch Studenten, nahmen ihn zur Kenntnis, denn Thema war ja die Literatur des 19. Jahrhunderts und nicht die tönende Gegenwart des Frühlings. Hier klaffte offenbar eine Lücke in der Ganzheit der Welt.
In diese Lücke stößt der Romancier Martin Mosebach vor. Er gilt als konservativer Autor, zweifellos zurecht, soweit man sich unter einem Konservativen jemanden vorstellt, der überlieferte Perzeptions- und Gestaltungsmuster ins je Heutige herüberholt und in neuen Situationen fruchtbar macht. …

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"Das Spiel um Lüge und Wahrheit ... ist der geheime Antrieb dieses Romans. Ohne Zynismus, aber mit heiterster Ironie, mit großem Erzählwitz und dramaturgischem Geschick zeichnet Martin Mosebach das Sittenbild einer feinen Gesellschaft, die einen Augenblick ganz unentschlossen zwischen Noblesse und Dekadenz schwankt, ehe sie stürzt." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 04.10.10

Der große Gesellschaftsroman unserer Tage: Ein Karussell der Eitelkeiten und Affären, in dem wir uns wiedererkennen, so unerbittlich, mit soziologisch analytischem Blick, erfasst er das Milieu. Der überzeugendste und subtilste Roman, den Mosebach bisher geschrieben hat. Er ist einer unserer besten Schriftsteller. Quelle: Ulrich Greiner, DIE ZEIT über das Buch

Der große Gesellschaftsroman unserer Tage: Ein Karussell der Eitelkeiten und Affären, in dem wir uns wiedererkennen, so unerbittlich, mit soziologisch analytischem Blick, erfasst er das Milieu. Der überzeugendste und subtilste Roman, den Mosebach bisher geschrieben hat. Er ist einer unserer besten Schriftsteller. Quelle: Ulrich Greiner, DIE ZEIT über das Buch
Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, lebt dort als Schriftsteller nach dem Studium der Rechtswissenschaften. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Auszeichnungen: 1980 Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, 1999 Heimito-von-Doderer-Preis und 2002 Heinrich-von-Kleist-Peis, 2006 Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2007 Georg-Büchner-Preis.

Leseprobe zu "Was davor geschah"

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Leseprobe zu "Was davor geschah" von Martin Mosebach

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1.Musikalische Introduktion

»Wie war das…?«»Wie war was?«»Als es mich noch nicht gab?«»Das war, als ich ein halbes Jahr allein in Frankfurt lebte…«»Wie war das, als du allein in Frankfurt gelebt hast?«»Ach, das war nichts Besonderes, das war so…« Eine Wohnung habe ich schnell gefunden, einfach weil ich die erste beste genommen habe. Nein, nicht die erste beste. Es war buchstäblich die erste, die man mir zeigte, und ich habe sofort zugegriffen, obwohl sie zu teuer für mich war. Das Licht in dem Zimmer, das zur Straße hinausging, hat mich verführt. Keine auffällig schöne Straße, nebenbei. Häuser, kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut, erstaunlich, daß das billige Bauen, die dünnen Mauern, die mickrigen Proportionen da schon angefangen hatten, obwohl der große Paukenschlag, der die Verwüstung der Städte einleitete, noch gar nicht herniedergedonnert war, er schwebte noch in der Luft über dem Fell, und doch hatten die Bauherren und Architekten das Neue schon gerochen und zogen daraus ihre kapitalvermehrenden Schlüsse. Aber das Licht in dem großen Zimmer, das hatten sie nicht geplant. Das wurde von einer riesenhaften Kastanie hervorgebracht, die auf der anderen Straßenseite stand, so hoch wie die dreistöckigen Häuser, aber von den Lasten ihrer Laubmeere gebeugt, sie wölbte sich über der Fahrbahn und neigte sich meiner Wohnung entgegen, man glaubte, vor dem schmalen Balkon meines Zimmers geradezu in ihre gefächerten hellgrünen Blätter greifen zu können.

Die Kastanie war wie ein gigantischer Schwamm, der das flüssige Sonnenlicht in sich hineinsaugte und auf den sanften Druck des Sommerwindes hin wieder abgab, hellgrün gefärbt wie das Wasser in einem großen alten Glas. Das ganze Fenster war von der wäßrig wogenden Blättermasse ausgefüllt, das Kastanienlaub, unten breit und rund, am Stiel spitz zusammenlaufend und an einem einzigen Punkt aufgehängt, war in stiller Bewegung, das dem Atmen eines Körpers glich. Eines Körpers, der scheinbar voluminös und undurchdringlich war, in Wahrheit aber nur aus Luft bestand und aus den zarten Laubmembranen.»Es ist hier allerdings recht dunkel«, sagte der Hausmeister, der mir die Wohnung aufgeschlossen hatte. Nein, dunkel war es nicht, sondern dämmrig wie in einer von Sonnenpünktchen gesprenkelten Laube. Gegen Abend – vom geröteten Himmel war freilich nichts zu sehen – vertiefte sich für eine kostbare halbe Stunde das Grün, das frisch Grasige wurde satter, smaragdfarben, und enthielt noch genügend schweres Licht, als das Zimmer schon ganz in die Nacht versunken war. Dies Licht strahlte jetzt aber nicht mehr, sondern wurde körperlich, es blieb im Leib der Krone eingeschlossen, wie das Licht sehr früher Kirchenfenster nur die Glasstücke erglühen läßt, aber die Kapelle nicht ausleuchtet. An meinem ersten Abend in der Wohnung setzte ich mich auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers und sah auf das Fenster wie auf eine Filmleinwand. Ich glaubte, niemals in einem schöneren Zimmer gewesen zu sein.

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