Leseprobe zu "Und so willst du rumlaufen?" von Deborah Tannen
Vorwort
Gespräche zwischen Müttern und erwachsenen Töchtern können beides sein: die schönsten und die schlimmsten Gespräche von allen. Eine Bemerkung von der eigenen Mutter oder Tochter kann sich hilfreicher oder verletzender auswirken als genau die gleiche Bemerkung von einer anderen Person. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist buchstäblich die "Mutter aller Beziehungen" und bei den meisten Frauen mit besonders starken Gefühlen verbunden: die Quelle tiefster Liebe und tiefster Wut, ja sogar erbitterten Hasses. Sie hält uns einen Spiegel vor und konfrontiert uns mit grundlegenden Fragen nach unserer Identität: Wer bin ich? Wie will ich sein, und wie will ich mit anderen Menschen, innerhalb und außerhalb meiner Familie, umgehen?
Die Mutter-Tochter-Beziehung bleibt ein Leben lang von außerordentlichem Einfluss: sowohl für die Tochter - noch als Erwachsene und auch noch wenn die Mutter nicht mehr da ist -, als auch für die Mutter, sogar wenn die Tochter das Haus längst verlassen hat und vielleicht selbst schon Mutter ist. Die Worte, die in Echtzeit oder in der Erinnerung zwischen Mutter und Tochter ausgetauscht werden, können ein enormes Gewicht bekommen. In Du kannst mich einfach nicht verstehen habe ich gezeigt, dass Männer und Frauen nach einem Gespräch völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben können, worum es ging und was gemeint war. Dasselbe gilt für Gespräche zwischen der Mutter und ihrer erwachsenen Tochter, obwohl sie beide Frauen sind und in vielerlei Hinsicht dieselbe Sprache sprechen - genau genommen weil sie beide Frauen sind und in vielerlei Hinsicht dieselbe Sprache sprechen: eine Sprache, in der ständig über Intimität und Nähe ebenso wie über Macht und Distanz verhandelt wird. Die Verbesserung der Kommunikation zwischen Müttern und Töchtern erfordert ähnlich wie die Überwindung der Kommunikationsbarrieren zwischen Männern und Frauen vor allem, dass wir uns um mehr Verständnis bemühen und versuchen, die Situation aus der Perspektive des anderen wahrzunehmen. Ich möchte in diesem Buch die Grundlagen dieses Verständnisses darlegen und konkrete Vorschläge unterbreiten, wie man Gespräche zwischen Mutter und Tochter und damit ihre Beziehung verbessern kann.
Die Herausforderung in jeder Beziehung, in jedem Gespräch, besteht darin, dass wir Wege finden, einander so nah zu kommen, wie wir es uns wünschen (und nicht näher), ohne dass wir uns durch diese Nähe eingeengt oder in unserer Freiheit und Selbstbestimmung bedroht fühlen. In dieser Hinsicht sind die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter genauso wie alle anderen Beziehungen - nur intensiver. In ihnen mischt sich die tiefste Verbundenheit und die tröstlichste Nähe mit den erbittertsten Kämpfen um Kontrolle. Beide neigen dazu, die Macht des anderen zu überschätzen und die eigene zu unterschätzen. Und beide sehnen sich danach, als der Mensch gesehen und angenommen zu werden, der man ist, während in der anderen hauptsächlich das gesehen wird, was man sich wünscht - oder was diesem Wunschbild nicht entspricht.
Frauen empfinden konstruktive Gespräche mit ihrer Mutter bzw. mit ihrer erwachsenen Tochter als heilend, oder aber sie sehnen sich schmerzlich danach, sei es, weil sie eine bereits bestehende gute Beziehung vertiefen wollen oder weil sie den Teufelskreis der Missverständnisse durchbrechen möchten, der friedliche Unterhaltungen im Handumdrehen in schmerzliche Auseinandersetzungen verwandeln kann. Beide wünschen sich ein Maximum an harmonischer Übereinstimmung und Nähe, die mit jeder guten Beziehung einhergehen und die in der Konstellation Mutter und Tochter besonders stark ausgeprägt sein können.
Und so willst du rumlaufen? ist auf ähnliche Weise aus meinem letzten Buch hervorgegangen, wie Du kannst mich einfach nicht verstehen aus dem Buch entstand, das ihm vorausgegangen war. In Das hab ich nicht gesagt!, meinem ersten Buch, habe ich mein Konzept des Gesprächsstils vorgestellt und seinen Einfluss auf alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens erörtert. Von den zehn Kapiteln des Buches löste das Kapitel, das sich mit den Gesprächen zwischen Männern und Frauen befasste, am meisten Resonanz und Interesse aus. Das veranlasste mich, meine Forschungen dem Thema Kommunikation zwischen Männern und Frauen zuzuwenden, und so entstand Du kannst mich einfach nicht verstehen. Ähnlich erging es mir bei meinem letzten Buch, Ich mein's doch nur GUT, das sich mit den Beziehungen zwischen erwachsenen Familienmitgliedern beschäftigt. Das größte Interesse erregte das Kapitel "Ich bin immer noch deine Mutter" und insbesondere jener Teil, der sich mit der komplexen und emotional brisanten Beziehung zwischen Mutter und erwachsener Tochter befasste. Angeregt durch diese Reaktion wie auch durch meinen Wunsch, die Beziehung zu meiner eigenen Mutter besser zu verstehen, konzentrierte ich meine Forschungen von da an auf die Gespräche zwischen Müttern und Töchtern, um genauer zu untersuchen, was es mit dieser ungewöhnlich intensiven Beziehung auf sich hat, die selbst dann noch, wenn sie scheinbar nicht mehr im Zentrum unseres persönlichen Lebens steht, so starke Emotionen zu wecken vermag.
Vieles von dem, was ich über die verbale Kommunikation zwischen Mutter und Tochter sage, gilt auch für die Gespräche zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter oder Vater und Sohn. Ich konzentriere mich in diesem Buch jedoch auf Mutter und Tochter, weil ich in den anderen Bereichen keine vergleichenden Studien durchgeführt habe, was jedoch keineswegs bedeutet, dass ich diese Beziehungen für weniger wichtig hielte. Als Professorin für Linguistik mit dem Fachgebiet Soziolinguistik stütze ich mich bei meiner Forschung zu einem großen Teil auf Fallstudien. Der "linguistische" Teil der Soziolinguistik spiegelt sich darin wider, dass viele meiner Ergebnisse auf der genauen Untersuchung von auf Band aufgenommenen, transkribierten Gesprächen basieren. Der "Sozio"-Teil drückt sich darin aus, dass ich auch Unterhaltungen analysiere, an denen ich selbst teilgenommen oder die ich mit angehört habe, so ähnlich wie einige Soziologen oder Anthropologen (ebenso wie Romanschriftsteller) die Interaktionen in ihrer Umgebung beobachten und analysieren. Viele Beispiele, die ich präsentiere, sind Rekonstruktionen von Gesprächen, an denen ich selbst teilgenommen habe, die ich mit angehört habe oder von denen man mir berichtet hat. Jedes Gespräch mit Menschen, die ich gut kenne oder gerade erst kennen gelernt habe, ist eine potenzielle Quelle für Beispiele, da Frauen, die von dem Thema meines Buchs hören, oft freiwillig von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Die Grundlage meiner Forschung ist allerdings die genaue Analyse von transkribierten, auf Tonband aufgezeichneten Gesprächen. Auch in diesem Buch analysiere ich Wort für Wort transkribierte Gespräche, die von meinen Studenten im Rahmen schriftlicher Arbeiten aufgezeichnet und eingereicht wurden und die ich mit ihrer Erlaubnis abdrucke.
Außerdem habe ich mich mit mir bekannten und unbekannten Frauen zu Gesprächen (oder "Interviews") verabredet, in denen es speziell um das Thema Mutter-Tochter-Beziehung ging, um sie ausführlicher nach ihren Erfahrungen zu befragen. Bei einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht habe ich die Unterhaltung aufgenommen und anschließend transkribieren lassen; bei Telefonaten habe ich Kopfhörer getragen und mir während des Gesprächs Notizen gemacht, und bei einem Austausch per E-Mail habe ich einen Ausdruck angefertigt. In mehreren Fällen habe ich zuerst allein mit der Mutter und anschließend allein mit der Tochter gesprochen bzw. umgekehrt. Bei zwei Gelegenheiten habe ich ein Gruppengespräch bei einem gemeinsamen Essen geführt, das von Frauen aus meinem Bekanntenkreis ausgerichtet wurde und zu dem sie großzügigerweise mehrere mir unbekannte Freundinnen eingeladen hatten. An meinen Interviews (eigentlich Gespräche, weil ich keine vorher festgelegten Fragen stellte) haben Frauen unterschiedlicher Altersstufen und ethnischer Herkunft teilgenommen. Da ich nicht versuche, Generalisierungen über Angehörige von Gruppen anzustellen, gehe ich nicht näher auf die Ethnizität der Frauen ein, deren Erfahrungen ich hier wiedergebe, auch wenn viele der vorgestellten Beispiele von Amerikanerinnen asiatischer und afrikanischer Herkunft ebenso wie von Frauen europäischer Herkunft stammen, ebenso wenig war es in diesem Fall von Bedeutung, ob die Frauen gehörlos oder hörend bzw. lesbisch oder heterosexuell sind.
Alle in diesem Buch genannten Beispiele verwende ich mit Genehmigung der Personen, die meine Quelle für das jeweilige Gespräch waren. Damit die Beteiligten ungezwungen mit mir sprechen konnten und aus Gründen der Integrität - schließlich möchte ich meine Studenten, Freunde und Familienangehörigen nicht als Informationsquellen missbrauchen -, habe ich alle Gesprächspartner darüber aufgeklärt, wie ich ihre Lebenserfahrungen nutzen möchte. Ich ließ sie überprüfen, ob ich alles richtig wiedergegeben habe und fragte sie außerdem, ob sie namentlich oder lieber unter einem Pseudonym genannt werden wollten (als Pseudonyme benutze ich ausschließlich Vornamen; wenn ich die wahre Identität meiner Quelle offen lege, verwende ich dagegen Vor- und Nachnamen).
Meine Analyse der vorgestellten Beispiele basiert auf Erkenntnissen und Konzepten, die ich nach Abschluss meines Studiums an der kalifornischen Berkeley-Universität in 25-jähriger Forschungsarbeit entwickelt habe. Alle Konzepte, die ich hier vorstelle, ebenso wie die Erklärungen meiner Forschungsmethoden sind ausführlicher in meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen dargestellt.
Auf die Frage, warum ich mich entschlossen habe, für ein breites Publikum zu schreiben, anstatt mich auf wissenschaftliche Aufsätze und Bücher zu beschränken, antworte ich in der Regel: "Ich wollte Bücher schreiben, die auch meine Mutter lesen kann." Wenn ich das sage, steht "meine Mutter" für die durchschnittliche Leserin, die nie zu einem wissenschaftlichen Buch greifen würde. Aber "meine Mutter" steht auch für meine wirkliche Mutter - für den Menschen, der in gewisser Weise das erste Publikum all meiner Leistungen und die oberste Richterin all meines Tuns ist. Dass meine Mutter starb, während ich an diesem Buch arbeitete, machte die Aufgabe in vielerlei Hinsicht schwerer, gleichzeitig aber auch dringlicher. Für mich wurde das Buch eine Möglichkeit, ihr Andenken zu ehren, weil es mich zwang, den ungeheuren Einfluss zu untersuchen, den sie auf alle Bereiche meines Lebens hatte und immer noch hat. Die Anerkennung dieses Einflusses verstärkte wiederum die Wichtigkeit des Anliegens, Gespräche zwischen Tochter und Mutter zu verstehen und zu verbessern.
1. Können wir reden?
Mütter und Töchter im Gespräch
"Meine Töchter können mir in null Komma nichts den Tag verderben", sagt eine Frau, deren zwei Töchter in den Dreißigern sind.
Eine andere Frau berichtet: "Manchmal spreche ich am Telefon mit meiner Mutter, und alles läuft gut. Aber dann sagt sie plötzlich etwas, über das ich mich so aufrege, dass ich einfach den Hörer auflege. Später kann ich dann immer gar nicht glauben, dass ich das war - bei keinem anderen Menschen würde ich einfach auflegen."
Aber ich höre auch Kommentare wie: "Niemand unterstützt mich so sehr und baut mich so sehr auf wie meine Mutter. Sie ist immer auf meiner Seite." Und die Mutter einer erwachsenen Tochter meinte: "Wir sind uns sehr nah, und das macht mich glücklich. Es heilt alte Wunden, weil ich selbst keine gute Beziehung zu meiner Mutter hatte, und gibt mir Kraft und Bestätigung."
Mütter und Töchter finden viel Trost aneinander, fügen sich aber auch große Schmerzen zu - sie kommunizieren auf positivere und negativere Weise miteinander als mit allen anderen Menschen, und diese Extreme können bei derselben Mutter-Tochter-Beziehung gleichzeitig auftreten.
Zwei Schwestern unterhielten sich im Fahrstuhl des Krankenhauses, in dem ihre Mutter im Sterben liegt: "Wie wirst du dich fühlen, wenn sie nicht mehr da ist?", fragte die eine. Ihre Schwester antwortete: "Ein Teil von mir denkt: Wie soll ich ohne sie leben? Der andere denkt: Hurra, die Hexe ist tot."
Der Teil der Tochter, der das Gefühl hat: "Wie soll ich ohne sie leben?", bringt die leidenschaftliche Verbundenheit zum Ausdruck. Der Wunsch, mit der Mutter zu sprechen, kann ein tiefes, fast körperliches Verlangen sein, egal ob sie nebenan lebt, in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent - oder nicht mehr auf dieser Welt. Doch der Teil, der die Mutter als böse Hexe sieht - als böse Frau mit magischen Kräften - spiegelt den Teil wider, bei dem die Wut in uns aufflammen kann, wenn eine Zurückweisung, ein tadelndes Wort oder das Gefühl, immer noch wie ein Kind behandelt zu werden, uns schmerzlich im Innersten trifft. Die amerikanische Populärkultur neigt ebenso wie der einzelne Mensch im Alltag dazu, die Mutter entweder zu verklären oder zu dämonisieren. Wir verfallen entweder in das eine Extrem ("Alles, was ich erreicht habe, verdanke ich meiner Mutter") oder in das andere ("Meine Mutter ist an all meinen Problemen schuld"), und beide Überzeugungen gehen mit starken Emotionen einher. Ich war erstaunt, wie viele Frauen mir während einer E-Mail, in der sie mir von ihrer Mutter berichteten, sagten: "Ich weine, während ich dies schreibe."
Die Widersprüche, mit denen die Töchter zu kämpfen haben, entsprechen jenen, mit denen die Mütter ringen. Die Bewunderung, die sie für ihre erwachsenen Töchter empfinden, verbunden mit dem Gefühl, für ihr Glück verantwortlich zu sein, kann überwältigend sein und wird an Intensität höchstens von dem Schmerz übertroffen, wenn ihre Versuche, der Tochter zu helfen oder einfach mit ihr in Verbindung zu bleiben, auf Ablehnung stoßen oder sogar als Kritik und Einmischung empfunden werden. Die Tatsache, dass sich diese Achterbahn der Gefühle fortsetzt, wenn die Töchter erwachsen sind, ist an sich schon eine - nicht besonders angenehme - Überraschung. Eine Frau in den Sechzigern drückte das so aus:
Kleiner Funke, große Explosion
"Ich habe immer geglaubt, dass die Probleme vorüber wären, wenn meine Tochter einmal erwachsen ist, dass wir Freundinnen sein und einfach unsere gegenseitige Gesellschaft genießen würden. Aber je älter man wird, desto dünnhäutiger und verletzlicher wird man auch, und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, gibt es auch noch lauter Komplikationen mit der Tochter - für mich ist das eine große Enttäuschung."
Kleiner Funke, große Explosion
Besonders enttäuschend und verwirrend ist, dass die banalsten und scheinbar unwichtigsten Bemerkungen zu emotionalen Verletzungen und sogar Streitigkeiten führen können. Hier ein Beispiel, das von einer meiner Studentinnen, Kathryn Ann Harrison, stammt:
"Willst du die Tomaten vierteln?", hört Kathryn die Stimme ihrer Mutter, als sie den Salat vorbereitet. Kathryn versteift sich und spürt, wie ihr Blutdruck steigt. "Ja, das hatte ich eigentlich vor", antwortet sie. "Oh, alles klar", sagt die Mutter, aber ihr Tonfall und ihr Gesichtsausdruck veranlassen Kathryn zu der Frage: "Ist das vielleicht verkehrt?" "Nein, nein", entgegnet die Mutter. "Ich selbst würde sie halt in Scheiben schneiden." Kathryn reagiert mit einem knappen: "Aha." Doch als sie die Tomaten (in Scheiben) schneidet, denkt sie: Kann ich eigentlich überhaupt nichts tun, ohne dass sie mir zu verstehen gibt, dass ich es anders machen sollte?
Ich bin ziemlich sicher, dass Kathryns Mutter der Ansicht war, sie habe eine Frage über das Zerschneiden einer Tomate gestellt. Eine absolut harmlose Frage. Doch der Tochter sträuben sich die Nackenhaare, weil sie darin die versteckte Andeutung hört: "Du weißt eben nicht, wie man so was macht. Ich weiß es besser."
Während die Töchter oft mit Ärger oder Wut auf kleine und scheinbar harmlose Bemerkungen reagieren, fühlen Mütter sich bei Gesprächen mit ihren Töchtern häufig, als liefen sie über Eierschalen und müssten jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Die Fragen und Kommentare einer Mutter, die anzudeuten scheinen, dass die Tochter anders handeln sollte, als sie es tut, können übertriebene Reaktionen auslösen, weil sie eines der zentralen Probleme der Mutter-Tochter-Beziehung berühren, nämlich die Doppelbedeutung von Verbundenheit und Kontrolle. Viele Mütter und Töchter sind einander so nahe, wie sich zwei Menschen nur sein können, aber Nähe ist immer auch mit der Notwendigkeit, ja dem Bedürfnis verbunden, darüber nachzudenken, wie sich das eigene Handeln auf die andere Person auswirkt, und dies kann das Gefühl hervorrufen, das eigene Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Jede Äußerung oder Handlung, mit der wir unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen wollen, kann auch als Kontrollversuch aufgefasst werden. Diese Doppeldeutigkeit zeigte sich sehr deutlich in dem Kommentar einer Frau: "Früher hat meine Tochter mich täglich angerufen, was ich sehr schön fand. Aber dann hörte sie damit auf. Seitdem sie geheiratet hat und sehr beschäftigt ist, meint sie, das Band zwischen uns etwas lockern zu müssen. Das verstehe ich zwar, aber trotzdem vermisse ich ihre Anrufe." In dem Ausdruck "das Band lockern" klingt die Doppelbedeutung von Verbundenheit und Kontrolle an, wobei das Wort "Band" sowohl Assoziationen mit enger emotionaler Bindung als auch mit der Unfreiheit des Angebundenseins, mit Fesseln und Kontrolle weckt.Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb scheinbar banale Bemerkungen oder Vorschläge verletzend wirken können: Sie werden oft als Beweis mangelnden Vertrauens aufgefasst. Das ist frustrierend, egal, von wem es kommt, und besonders schmerzlich, wenn es von der Person kommt, deren Meinung am meisten zählt: der Mutter. So unerklärlich dies Müttern auch erscheinen mag - schon die kleinste Bemerkung kann die wichtigste Frage aufwerfen, die über fast allen Gesprächen zwischen Mutter und Tochter schwebt: "Siehst du mich so, wie ich bin? Und ist es in Ordnung, wie ich bin?" Wenn die Äußerungen von Müttern (oder in diesem Fall auch die von Töchtern gegenüber Müttern) diese Frage zu bejahen scheinen, wirkt das zutiefst beruhigend: Die Welt ist in Ordnung. Aber wenn die Worte anzudeuten scheinen: "Nein, was du machst, ist falsch", dann können Töchter (und später im Leben auch Mütter) das Gefühl haben, dass der Boden unter ihnen ins Wanken gerät: Sie beginnen, an ihrem Handeln und damit an sich selbst zu zweifeln.
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