Und der Herr sei ihnen gnädig - Kellerman, Faye

Faye Kellerman 

Und der Herr sei ihnen gnädig

Roman

Dtsch. v. Birgit Moosmüller
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Produktbeschreibung zu Und der Herr sei ihnen gnädig

'Schon nach wenigen Seiten sind einem Detective Decker und seine Leute ganz einfach ans Herz gewachsen.' Brigitte

Ein ausgesetztes Baby, eine gefährliche Jugendbande und mehrere Morde.

Ein Baby wird halbtot im Müll gefunden. Auf der Suche nach der Mutter gerät die junge Polizistin Cindy Decker, Tochter des Kommissars Peter Decker, in höchste Gefahr. Offensichtlich hat sie es mit einer brutalen Bande zu tun, und auch von gänzlich unerwarteter Seite droht Gefahr. Schon bald muss sich die Polizistin zwischen den Dienstvorschriften und ihrem Sinn für Gerechtigkeit entscheiden ...

Produktinformation


  • Verlag: Btb
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 447 S.
  • Seitenzahl: 448
  • btb Bd.73597
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 29mm
  • Gewicht: 358g
  • ISBN-13: 9783442735976
  • ISBN-10: 3442735971
  • Best.Nr.: 20841652
"Schon nach wenigen Seiten sind einem Detective Decker und seine Leute ganz einfach ans Herz gewachsen."
Bevor Faye Kellerman als Schriftstellerin mit ihren Kriminalromanen international und auch in Deutschland riesige Erfolge feierte, war sie Zahnärztin mit einer besonderen Liebe zur Musik. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman, in Los Angeles.

Leseprobe zu "Und der Herr sei ihnen gnädig" von Faye Kellerman

Prolog

Da der Mord so lange wie ein Geheimnis behandelt worden war, hatte er mythologische Ausmaße angenommen. Hier aber war der Beweis, die greifbare Bestätigung, dass er tatsächlich stattgefunden hatte. Mitten in der Nacht, in der Abgeschiedenheit ihrer Wohnung, schlitzte Rina vorsichtig den braunen, in München abgestempelten Umschlag auf und zog mit zitternden Händen die darin enthaltenen Papiere heraus: Fotokopien von Dokumenten, datiert aus den späten zwanziger Jahren. Mama hatte immer gesagt, sie sei zehn gewesen, als es passierte, aber wie sich nun herausstellte, war sie sogar noch jünger gewesen. Die verblasste, kaum lesbare Schrift hätte selbst dann ein Problem dargestellt, wenn es sich um Englisch gehandelt hätte. Es würde mehr als ihre Jiddisch-Kenntnisse erfordern, den Text zu entziffern.

Der Umschlag war am Spätnachmittag mit der Post gekommen. Dies war ihre erste Gelegenheit, sich die Seiten anzusehen, ohne von den Kindern oder Peter gestört zu werden.

Peter.

Sie hatte ihm nichts davon erzählt. Es war ganz spontan geschehen, als sie am ersten Tag ihres Aufenthalts allein durch die bayerische Hauptstadt wanderte, während er seinen Jetlag ausschlief. Sie hatte sich zu dem Spaziergang entschlossen, weil sie hoffte, an der frischen Luft die nagende Ruhelosigkeit abschütteln zu können, die sie plagte, seit das Flugzeug auf deutschem Boden gelandet war.

Kaum zu glauben, dass sie ausgerechnet München als Urlaubsziel gewählt hatte. Andererseits stand ihr nur eine Woche Zeit zur Verfügung, um etwas zu planen. Sie war nach den New Yorker Strapazen so erschöpft gewesen, und Peter hatte zu dem Zeitpunkt kurz vor dem totalen Zusammenbruch gestanden. Da hatte sie die Planung nur allzu gern einer dritten Person überlassen.

Inzwischen sah alles wieder besser aus - zumindest redete sie sich das ein -, wenn auch noch längst nicht normal. Rina wusste lediglich, was Peter auch seinen Vorgesetzten und der Presse über die Morde und die Schüsse auf ihn mitgeteilt hatte. Trotzdem war ihr klar, dass in seinen grauen Zellen wesentlich mehr verborgen lag, Dinge, über die er nicht mit ihr sprechen wollte. Zumindest aber hatte er mit seinem Bruder Randy, der ebenfalls Polizist war, ein paar längere Gespräche geführt.

Randy hatte darauf bestanden, dass sie die Reise machten, und zwar allein. Er schlug vor, auf Hannah aufzupassen, damit nicht die ganze Last an Peters Eltern hängen blieb. Dass sie sich zu einer Woche in München entschlossen, war eine reine Verzweiflungstat gewesen. Rinas Freundin, Ellen Nussburger, hatte angeboten, alles für sie zu organisieren.

"Ich kann gar nicht fassen, dass ich mich dazu wirklich überreden lasse", hatte Rina zu ihr gesagt.

"Du wirst es nicht bereuen", hatte Ellie geantwortet. "Es wird ganz anders sein, als du es dir vorstellst."

Aber es war genau so gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Als um sie herum nur noch Deutsch gesprochen wurde, war ein Gefühl der Beklemmung in ihr hochgekrochen. Sie hatte es nach reiflicher Überlegung abgelehnt, nach Dachau zu fahren. Das Letzte, was Peter jetzt brauchte, war noch mehr Zerstörerisches in seinem Leben, und für sie galt dasselbe.

Trotzdem war die ganze Woche von einer gewissen Bedrücktheit überschattet gewesen, weil es ihr einfach nicht möglich war, über den Marienplatz oder durch die Kaufingerstraße zu gehen, ohne an das jüdische Blut zu denken, das auf deutschem Boden vergossen worden war. Immer wenn sie am Hofbräuhaus vorbeikamen, war ihr, als würden Geister das Horst-Wessel-Lied herausschreien.

Das einzig Versöhnende war Ellies Arbeit, mit der sie versuchte, eine jüdische Religionsgemeinschaft aufzubauen. Dass Ellie und ihr Mann Larry sich dafür ausgerechnet Deutschland ausgesucht hatten, bewies ihren Nonkonformismus, aber das war typisch Ellie. Rina musste an ihre gemeinsamen Schuljahre denken, ihre Zeit im Kindergarten. Als sie beide fünf waren und Purim gefeiert wurde, hatten sich die meisten anderen Mädchen als Königin Esther oder Prinzessin verkleidet. Ein paar waren als Ballerinen gekommen, einige als Clowns und zwei als Schmetterlinge. Ellie war in einem selbst geschneiderten, ziemlich sackartigen Kostüm erschienen, das aussah wie eins von jenen doppelseitigen Werbeplakaten, die mittels verbindendem Schulterriemen auf Bauch und Rücken getragen wurden. Die vordere Stoffbahn war mit einem blauen Himmel und weißen, flauschigen Wölkchen bedruckt, in deren Mitte eine große Filzsonne prangte. Auf das schwarze, mit Glitzer besetzte Rückenteil war in einer Ecke ein Sichelmond aufgenäht.

"Was bist du denn?", hatte Amy Swartzberg von Ellie wissen wollen.

Ellie hatte sich bemüht, so erwachsen wie möglich zu klingen, als sie ihr antwortete: "Ich bin Bereshit - die Schöpfung der Sonne und des Mondes. Das ist ein konzeptuelles Kostüm!"

Rina wusste damals nicht, was "konzeptuell" bedeutete, aber aus der Art, wie Ellie das Wort aussprach, hatte sie geschlossen, dass es sich um etwas ziemlich Wichtiges handeln musste.

In München hatte ihre Freundin sie mit einer solchen Wärme empfangen, dass sich Rinas Bedenken schnell verflüchtigten. Ellies Enthusiasmus war ansteckend.

"Das ist Hitlers schlimmster Albtraum, Rina, eine Wiedererweckung jüdischen Lebens am Geburtsort der Nazipartei."

Keine besonders 'große' Wiedererweckung, dachte Rina, aber immerhin ein Anfang. In München gab es mehrere Synagogen, einen kleinen koscheren Laden auf dem Viktualienmarkt, der einem französisch-marokkanischen Juden gehörte, eine koschere Bäckerei in Schwabing und ein koscheres Restaurant im alten Isarvorstadtviertel. Die Bayern waren ein recht eigenartiges Völkchen. Solange sie Peter und sie nur für Amerikaner hielten, deren Nachname Decker möglicherweise auf deutsche Vorfahren schließen ließ, waren sie aufgeschlossen und freundlich. Sobald Rina sie aber auf Jiddisch ansprach, was deutlich zeigte, dass sie Jüdin war und höchstwahrscheinlich Verwandte aus "der damaligen Zeit" besaß, blieben sie zwar höflich, aber die Unterhaltung wurde bemüht, sie wählten ihre Worte plötzlich mit Bedacht.

Immerhin war es eine Abwechslung gewesen, ein kleines Abenteuer, auch wenn es mehr der Besinnung als dem puren Vergnügen diente. Und sie hatten ein paar atemberaubende Landschaften gesehen, als sie mit Peter das Münchner Umland und die Ausläufer der Alpen erkundete. Hand in Hand waren sie durch die Wälder gewandert, in denen der Frühling bereits in der Luft lag. Die rauschenden Bäche und die unglaublichen Ausblicke schienen Balsam für Peters unruhigen Geist zu sein.

Doch je mehr er sich entspannte, desto mehr wuchs Rinas innere Anspannung. Deutschland war nicht nur das Land, in dem fast ihr ganzes Volk ausgerottet worden war, sondern auch der Schauplatz einer persönlichen Katastrophe, die seitdem wie ein verkapseltes Krebsgeschwür in der Seele ihrer Mutter festsaß. Welche geheimnisvollen Kräfte hatten sie, Rina, wohl dazu getrieben, vor etwa zwei Monaten jene Polizeidienststelle zu betreten und den Dienst habenden Münchner Beamten zu fragen, wo sie Informationen über ein fünfundsiebzig Jahre zurückliegendes Verbrechen bekommen könnte? Zu dem Zeitpunkt war es ihr nur darum gegangen, ihrer alten Mutter ein wenig Seelenfrieden zu bescheren. Inzwischen fragte sie sich, ob sie nicht gerade dabei war, in ein Hornissennest zu stechen.

Es bestand kein zwingender Grund, weiter einer Sache nachzugehen, die im Kopf einer alten Frau längst zu einer schrecklichen, aber fernen Erinnerung geworden war. Doch als sie die Seiten des Polizeiberichts überflog und dabei den Namen ihrer Großmutter las - Regina, was auch Rinas offizieller englischer Name war -, gefolgt von dem Wort "Totschlag", war sie mit einem Mal ganz sicher, dass sie das Ganze zu Ende bringen musste.

1

Ich sah ihn hektisch die weiße Fahne schwenken, als hätte er gerade eine Schlacht verloren. Während ich meinen Streifenwagen zum Stehen brachte und dabei einem silberfarbenen Mercedes S 500 den Weg versperrte, wurde mir klar, dass die Fahne in Wirklichkeit eine Serviette war. Der Mann war ganz in Weiß gehüllt, die lange, fleckige Schürze über seiner weißen Jeans reichte ihm bis zu den Schienbeinen. Trotz der abendlichen Stunde glänzte sein Gesicht feucht, was mich aber nicht weiter überraschte, weil es kalt und nebelig war - typisches düsteres Maiwetter in L. A. Nachdem ich über Funk meinen Standort durchgegeben hatte, stieg ich aus, die rechte Hand an meinem Stock. Die Luft stank nach dem Abfall in den Mülltonnen hinter dem Restaurant. Die Fliegen, nachts normalerweise zurückhaltend, feierten ein Fest.

Das Gelände hinter dem 'Tango' wurde von einem starken, gelblichen Scheinwerfer beleuchtet. Der Mann in Weiß war klein, höchstens eins siebzig, und hatte ein grobes, dunkles Gesicht und einen schwarzen Schnurrbart. Wild gestikulierend sprach er so schnell Spanisch, dass ich nur ein paar Brocken verstand, aber ich brauchte ihn nicht um eine Übersetzung zu bitten, weil ich das Geräusch selbst hörte - das hohe, schrille Schreien eines Babys.

"Wo?", unterbrach ich seinen Redestrom. "Dónde?"

"Aquí, aquí!" Er deutete auf einen armeegrünen Container, der bis zum Rand mit blauen Plastikmüllsäcken gefüllt war.

"Rufen Sie die 911 an!" Ich rannte hinüber, zerrte mehrere der Säcke heraus und riss den ersten auf. Welke Salatblätter, matschige Gemüsereste und Golfbälle aus grauem Fleisch und hart gewordenem Fett quollen mir entgegen. "Ich brauche Hilfe! Necesito ayuda! Ahorita."

"Sí, sí!" Der Mann stürmte zurück ins Haus.

Das Weinen wurde lauter, was ich als gutes Zeichen wertete, auch wenn ich von der Quelle des Wehklagens noch nichts entdecken konnte. Mein Herz hämmerte wie wild, während ich mir die erste Schicht von Müllsäcken vornahm. Der Container war tief. Um alle Säcke herauszuholen, würde ich hineinsteigen müssen, wollte aber erst sicherstellen, dass ich dabei auf nichts trat. Drei Männer kamen aus dem Hintereingang gelaufen.

"Escalera, eine Leiter!", brüllte ich. "Yo necesito una escalera!"

Einer rannte zurück ins Haus, die beiden anderen begannen Müllsäcke herauszuziehen.

"Vorsichtig, vorsichtig!", rief ich. "Ich weiß nicht, wo es steckt!" Ich gebrauchte das Wort "es", weil es sich auch um ein Kätzchen handeln konnte, das jemand in den Müll geworfen hatte. Aufgeregte Katzen klingen manchmal wie weinende Babys. Trotzdem wussten wir alle, dass wir es nicht mit einer Katze zu tun hatten.

Endlich traf die Leiter ein. Rasch stieg ich hinauf und begann, vorsichtig weitere Müllsäcke herauszuheben. Sobald ich im Strahl meiner Taschenlampe ein Stück des schmutzigen Metallbodens erkennen konnte, stützte ich mich mit den Händen am Rand des Containers ab und ließ mich hinunter. Unten angekommen, griff ich aufs Geratewohl nach dem nächsten Sack und überzeugte mich davon, dass aus ihm nicht das Geräusch kam, ehe ich ihn über den Rand nach draußen stemmte.

'Langsam, Cindy', ermahnte ich mich. 'Du willst es doch nicht vermasseln.'

Mit jedem entfernten Müllsack kam ich dem Schreien ein wenig näher. Ich spürte, wie die Wut in mir hochstieg. Da hatte sich jemand viel Zeit fürs Vergraben genommen. In der untersten Schicht wurde ich endlich fündig - ein dreckverschmiertes neugeborenes Mädchen, an dessen Körper noch die Nabelschnur hing. Seine Augen waren fest zugekniffen, seine Schreie kräftig und tränenlos. Ich bat um etwas, worin ich es einwickeln konnte, und die Männer brachten mir ein frisches Tischtuch. Nachdem ich damit seinen Körper gesäubert und vor allem Mund und Nase so gründlich gereinigt hatte, wie es mir möglich war, hüllte ich es in das Tuch und hielt es hoch, damit jemand es mir abnehmen konnte. Dann hievte ich mich selbst aus dem Container.

Der Mann, der die Serviette geschwenkt hatte, reichte mir ein feuchtes Handtuch. Während ich mir damit Gesicht und Hände abwischte, fragte ich ihn nach seinem Namen.

"Martino Delacruz."

"Das haben Sie gut gemacht, Señor Delacruz!" Ich lächelte ihn an. "Bueno trabajo."

Der Mann hatte feuchte Augen.

Wenige Augenblicke später wurde mir das Bündel erneut in die Arme gedrückt. Ich fühlte mich immer noch ziemlich schmutzig, aber da ich die einzige Frau in der Runde war, erwartete man wohl von mir, dass ich mich mit solchen Sachen auskannte.

Zum Glück stimmte das auch mehr oder weniger, weil ich eine achtzehn Jahre jüngere Halbschwester hatte. Ihre Mutter Rina - meine Stiefmutter - war nach der Geburt sehr krank geworden, und dreimal dürfen Sie raten, wer einsprang, als mein Vater kurz vor dem Zusammenbruch stand.

Das Positive daran war die starke schwesterliche Bindung, die dadurch entstand, zumindest auf meiner Seite. Hannah Rosie Decker war das einzige Geschwisterchen, das ich besaß, und ich konnte mir keine bessere Schwester vorstellen. Ich vergötterte sie. Eigentlich mochte ich die gesamte Familie meines Vaters. Rinas Söhne waren großartige Jungs, und ich liebte und respektierte sie, sosehr man Stiefgeschwister lieben und respektieren kann. Rina kümmerte sich ganz wunderbar um meinen Vater - eine durchaus erwähnenswerte Tatsache, denn mit Dad auszukommen war nicht gerade einfach, wie ich aus eigener Erfahrung wusste.

"Hat jemand die 911 angerufen?"

"Yo hable." Delacruz reichte mir einen weiteren sauberen Lappen für mein immer noch schmutziges Gesicht.

"Danke, Señor." Ich hatte mir mittlerweile eine Serviette über die Schulter gelegt und wiegte das Baby an meiner Brust. "Meinen Sie, Sie könnten noch so eine Serviette organisieren, sie in ein wenig warmes Zuckerwasser tauchen und mir dann bringen?"

Der Mann eilte davon. Das Weinen des Babys hatte sich inzwischen in ein leises Schluchzen verwandelt. Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich auch meine eigenen Wangen feucht anfühlten. Ich war unglaublich erleichtert darüber, dass die Sache gut ausgegangen war. Delacruz kam bereits mit der zuckerwassergetränkten Serviette zurück. Ich schob der Kleinen eine Ecke des süßen, warmen Tuchs in den Mund. Sofort begann sie gierig zu saugen.

In der Ferne war das Heulen einer Sirene zu hören. "Nun wird es aber Zeit, dass du ins Krankenhaus kommst, meine Kleine. Du bist wirklich ein starkes Persönchen, das muss man dir lassen!"

Vorsichtig übergab ich sie wieder Delacruz. "'Por favor', bringen Sie sie den Sanitätern. Ich muss mir dringend die Hände waschen." Ich roch immer noch wie eine schon etwas faulige Frucht.

Vorsichtig setzte er sich mit dem kleinen Bündel in Bewegung. Am liebsten hätte ich die Szene fotografiert. Es war wirklich rührend, wie dieser Macho-Mann spanische Worte ins Ohr dieses winzigen Lebewesens gurrte. Die Polizeiarbeit kann einem manchmal das Herz brechen, aber es gibt auch Momente, die das wieder wettmachen.

Von der Last des Babys befreit, trat ich durch die Hintertür des 'Tango' und fragte einen der Spüler, wo ich mich waschen könne. Hinter mir schnappte jemand nach Luft. Ich drehte mich um. Ein dünner Mann, der eine Strickmütze trug, versuchte mich mit hektischen Handbewegungen zu verscheuchen. "Hierr wirrd Essen zuberreitet! In diesem Zustand können Sie nicht hierr herrein!"

"Ich habe dort draußen gerade fünfzehn Müllsäcke geöffnet und ein Baby aus dem Müllcontainer gerettet", erklärte ich und fixierte ihn dabei mit einem durchdringenden Blick. "Ich 'muss' mir die Hände waschen."

Mr. Strickmütze starrte mich verwirrt an. "Hierr? Ein 'bébé?'"

"Ja, Sir, hier! Ein 'bébé!'" Mein Blick fiel auf ein Spülbecken voll dampfender Seifenlauge. Wortlos ging ich hinüber und tauchte meine Hände in das Wasser. Und wenn schon! Das ganze Geschirr musste doch sowieso in die Spülmaschine, oder etwa nicht? Nachdem ich meine Hände gesäubert hatte, drehte ich das kalte Wasser auf und wusch mir das Gesicht. Einer der Küchenangestellten war so nett, mir ein sauberes Handtuch zu reichen.

Inzwischen war der Krankenwagen eingetroffen, rotes Licht blinkte durch die Fenster. Ich deutete auf Mr. Strickmütze und durchbohrte ihn erneut mit meinem Blick. "Ich bin gleich wieder da. Rühren Sie sich nicht von der Stelle."

Die Sanitäter hatten bereits die Nabelschnur durchtrennt. Ich sah ihnen dabei zu, wie sie das Baby säuberten. Eine kräftige dunkelhäutige Frau hielt es auf dem Arm, während ein dünner, leicht schwindsüchtig aussehender Junge vorsichtig das kleine Gesicht abwischte. Beide trugen Handschuhe.

"Wie geht es ihr?", fragte ich.

Sie blickten auf. Der dünne Junge grinste mich an.

Auf seinem Namensschild stand B. HANOVER. "Wie geht es ihr?", wiederholte ich.

"So weit gut ", antwortete die Frau. Sie hieß Y. Crumack.

"Das ist schön."

Ein paar Schritte weiter wartete die in Plastik verpackte Plazenta des Kindes darauf, ins Labor gebracht zu werden. Man würde sie auf Krankheiten und genetische Merkmale untersuchen, die möglicherweise Rückschlüsse auf die Identität der Kleinen zulassen würden. Ohne darüber nachzudenken, griff ich nach der Plastiktasche.

"Das brauchen wir noch", erklärte Crumack. "Es muss untersucht werden."

"Ja, ich weiß. Wo bringen Sie sie hin?"

"Ins Mid-City Pediatric Hospital", antwortete die Sanitäterin, die sich nun anschickte, das Baby im hinteren Teil des Krankenwagens auf einer Kinderliege festzuschnallen. Das kleine Mädchen hatte wieder zu schreien begonnen, was ich als positives Zeichen wertete. Ich reichte Crumack die Tüte mit der Plazenta.

"Sie klingt hungrig", stellte ich fest.

"Hungrig wie eine Löwin", bestätigte Crumack. "Ihr knurrt der Magen."

"Ihr Kopf sieht so seltsam aus ... irgendwie ... länglich? Was hat das zu bedeuten?"

"Das kommt wahrscheinlich von dem Druck während der Geburt. Hauptsache, er ist nicht gebrochen. Wenn man bedenkt, was alles hätte schief gehen können, hat sie großes Glück gehabt. Sie hätte etwas verschlucken und ersticken oder von dem ganzen Müll erdrückt werden können. Es ist wirklich gut gelaufen." Sie tätschelte mir die Schulter. "Und Sie haben dazu beigetragen."

Ich spürte, dass ich feuchte Augen bekam. "Sagen Sie das lieber Señor Delacruz", antwortete ich. "Er hat gute Ohren."

Der Mann konnte genug Englisch, um ein Kompliment zu verstehen. Er lächelte breit.

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