Über Rechtfertigung, eine Versuchung - Walser, Martin

Martin Walser 

Über Rechtfertigung, eine Versuchung

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Über Rechtfertigung, eine Versuchung

Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne?
Zum Beispiel Josef K. im "Proceß" von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der "Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung", so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht.
Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns recht zu haben genügt, nennt Martin Walser eine Verarmung. Um deutlich zu machen, was uns abhandengekommen ist, geht er zurück in die Vergangenheit: von Kafka zu Augustinus; zu Luther, Calvin und Max Weber; zu Nietzsche und Karl Barth, in deren Gegenüberstellung das Buch seinen Höhepunkt hat. "Einschlafen", sagt er, "könnte ich ohne sie. Aber um aufzuwachen aus dieser und jener Verschlafenheit, brauche ich beide."
"Über Rechtfertigung" ist Gewissenserkundung und Suche, Annäherung an Vorbilder und Vordenker, um über "verführerische Sprachbewegungen" zu den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens vorzudringen. Oder zumindest zu einer Ahnung von dem, was fehlt.


Produktinformation

  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2012
  • 4. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 106 S. 210 mm
  • Seitenzahl: 112
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 133mm x 17mm
  • Gewicht: 224g
  • ISBN-13: 9783498073817
  • ISBN-10: 3498073818
  • Best.Nr.: 34502350
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.04.2012

Ein Kinnhaken für den Rechthabezwerg
Martin Walser hadert mit Gott – und kann doch nicht ohne Glauben leben: Seine große Harvard-Rede „Über Rechtfertigung“ liegt nun als Buch vor
„Empört Euch!“, rief 2010 Stéphane Hessel. Der Ruf scheint erhört worden zu sein. Allein im letzten halben Jahr haben wir einen Bundespräsidenten verjagt, das ausbeuterische Urheberrecht beklagt, in Bürgerkriegen und Revolutionen fremder Länder stets auf der richtigen Seite gestanden, das Bankgeheimnis der Schweiz für ungerecht erklärt und nicht einmal unsere eigene moralische Instanz Günter Grass geschont.
Wen inmitten dieser unerhörten Wunder moralischer Selbstvervollkommnung bisweilen der Verdacht beschlich, dass da gar nicht das jeweils durchaus diskussionswürdige Anliegen, sondern am Ende vor allem die Empörung selbst verhandelt wurde, der wird den Kampf aufnehmen müssen mit dem jüngsten Essay von Martin Walser. „Über Rechtfertigung. Eine Versuchung“ war ursprünglich eine Rede, die der Schriftsteller am 9. November des vergangenen Jahres an der Harvard University gehalten hat. Dass die vollständige Druckfassung im Wirbel um Walsers 85. Geburtstag …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der Theologe Jan-Heiner Tück kennt Martin Walsers Glaubensnöte schon. Wenn der Schriftsteller in diesem Essay erneut seinen Phantomschmerz den Glauben betreffend schreibend umkreist, hört Tück dennoch genau hin. Walser fragt nach der Rechtfertigung des Menschen und derjenigen Gottes, und Tück kann seine Sympathie für diese Art Selbsterkundung nicht verhehlen. Aber auch sein Unbehagen nicht, wenn Walser ihm eher in literarischer Hinsicht fasziniert zu sein scheint von Karl Barths "Römerbrief" und seiner dualistisch scheinenden Erwählungstheorie. Laut Tück jedoch geht Barth weiter hin zu einer Universalisierung, die Walser übersieht. Den Autor lädt er ein, mit ihm im theologischen Seminar zu klaren Begriffen zu gelangen, anstelle emphatisch Transzendenz zu beschwören.

© Perlentaucher Medien GmbH
Martin Walser, geb. 1927 in Wasserburg/Bodensee, lebt heute in Nußdorf/Bodensee. 1957 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und 1998, dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Corine - Internationaler Buchpreis; Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten 2008 ausgezeichnet.

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