"Würden die Menschen nicht besser werden, wenn sie nicht an
die Unsterblichkeit glaubten?!" fragt Arno Schmidt in seinem
Roman Das steinerne Herz. Er zielt mit dieser Frage auf ein Thema,
das ihn ein Leben lang beschäftigte: Als unsterblich, also
"als immerfort mitlebend", galten ihm allein die
Schriftsteller, deren Literatur dem liebend lesenden Auge mühelos
Brücken in abgesunkene Zeiten schlägt.
Doch Schmidt wäre nicht Schmidt, hätte er das Thema nicht auch
ironisch gewendet. Die Last unsterblichen Ruhmes malt er in Tina
oder über die Unsterblichkeit lustvoll aus: Die Berühmten müssen
sich nach ihrem Tod in einem höllischen Elysium für eine Ewigkeit
langweilen, bis man sie endlich vergessen hat. In Caliban über
Setebos sucht ein profaner Orpheus in einem unterweltlichen
Bauerndorf voller Hades-Schatten nach der verlorenen
Geliebten.
Jan Philipp Reemtsma hat für diesen Band aus dem umfangreichen Werk
Arno Schmidts Texte ausgewählt, die erzählend oder essayistisch
über den Nachruhm sinnieren und der Frage nach der
Geschichtlichkeit allen Seins überraschende Pointen abgewinnen.
"Jan Philipp Reemtsmas Auswahl von 23 betörenden Kurztexten bringt Schmidts antiautoritäre Waffen gegen alle erhabenen Größen, zumal die aus Weimar, in Stellung. Immer wieder Goethe: Hellsichtigkeit, Sarkasmus, ausufernde Schärfe geben den Ton an. Sagenhaft die Antwort auf die berüchtigte Rundfrage: "Nein, es ist nichts mit einem "Volk der Dichter & Denker"; war nie etwas; und kann es nicht sein." Das ewige Reden von den "Werken" der Kunst störte ihn, er bevorzugte die "Arbeiten" - das Diesseits im Jenseits."<br />Wolfgang Schreiber Süddeutsche Zeitung
»Alle hier vorgestellten Texte, es sind 23 an der Zahl, stellen eine gelungene Mischung aus Erzählungen und Essays dar, die uns diesen Autor wieder in Erinnerung rufen. Reemtsma ist es geglückt, die sprachliche und denkerische Akrobatik Arno Schmidts in dieser Sammlung vorzustellen, ohne einen belehrenden Nachgeschmack zu hinterlassen. ... Was sich beim Lesen von Arno Schmidt einstellt, das ist die reine sinnliche Freude an den Wörtern, am Umgang mit ihren Bedeutungshöfen und natürlich ist auch das Thema ertragreich denkerisch angestoßend; dass man lesend in die Geheimnisse der Endlichkeit eingeweiht wird, ohne es bemerkt zu haben, hat etwas von unangestrengter Zauberkunst an sich.«
Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, starb am 3. Juni 1979 in Celle. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 veröffentlichte Schmidt zahlreiche Erzählungen, literarische Radio-Essays und eine umfangreiche Fouque-Biographie (1958). Seit "Zettels Traum" (1970) erschienen seine Prosawerke in großformatigen Typoskriptbänden. Arno Schmidt erhielt den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main
Inhaltsangabe
Vorspiel Unsterblichkeit für Amateure Ich bin erst Sechzig Anachronismus als Vollendung Die aussterbende Erzählung Ein Leben im Voraus Ein unerledigter Fall Das heulende Haus Der Dichter und die Kritik Die Wasserlilie Goethe und Einer seiner Bewunderer Flucht vor dem Werk Die Pflicht des Lesers Der Platz, an dem ich schreibe Dankadresse zum GoethePreis Der Fall Ascher Julianische Tage Nachbarin, Tod und Solidus Tina oder über die Unsterblichkeit Caliban über Setebos Die Lange Grete Jan Philipp Reemtsma: Nachwort
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