Eine "verschleierte Selbstdarstellung" hat Stefan Zweig
sein Erasmus-Buch genannt, mit dem er "Größe und Grenzen des
Humanismus" aufzeigt - Triumph und Tragik eines großen, aber
zur Tat nicht entschlossenen Denkers, Erasmus von Rotterdam,
"der erste bewußte Europäer, der erste streitbare
Friedensfreund, der beredteste Anwalt des humanistischen, des weit-
und geistesfreundlichen Ideals", wurde durch seine Kritik an
der Theologie und der Kirche zum Wegbereiter der Reformation. Doch
er förderte sie nicht, distanzierte sich vielmehr mit seiner
eigenen Ansicht über den freien Willen des Menschen von Luthers
Meinung. Er riet, als Kurfürst Friedrich ihn im Glaubensstreit
zwischen Luther und dem Papst um sein Votum bat, bei deutlicher
Sympathie für die Erneuerung der Kirche, "angesehene und
unverdächtige Richter" einzusetzen. Erasmus wollte und konnte
seine eigene Meinung, vielleicht aus Furcht vor Verantwortung,
nicht ausschlaggebend werden lassen. Der wohl berühmteste und
gelehrteste Mensch seiner Zeit zog sich so in sich selbst zurück.
Denn "der freie, der unabhängige Geist, der sich keinem Dogma
bindet und für keine Partei entscheiden will, hat nirgends eine
Heimstatt auf Erden".
Stefan Zweig (1881-1942) wuchs als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien auf. Er schrieb Gedichte, Novellen, Dramen und Essays, die 1933 der Bücherverbrennung der Nazis zum Opfer fielen. Er lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg, emigrierte von dort nach England und 1941 nach Brasilien. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. Am 23. Februar 1942 schied er in Petrópolis, Brasilien, freiwillig aus dem Leben.
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