Tokio Total - Mayer-Kuckuk, Finn

Finn Mayer-Kuckuk 

Tokio Total

Mein Leben als Langnase

Broschiertes Buch
 
Führen wir nicht mehr
Nicht lieferbar
5 Angebote ab € 4,94
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Andere Kunden interessierten sich auch für

Tokio Total

'Interessante und amüsante Geschichten von einem Japan-Kenner für Japan-Freunde. (...) Auch wenn der Autor Schattenseiten wie hohe Selbstmordrate, wachsende Obdachlosigkeit oder knallharte Justiz nicht verschweigt, so betrachtet er seine Gastgeber stets mit Zuneigung.' -- Abenteuer und Reisen

'Journalist Mayer-Kuckuk war dort, wo sonst nur Japaner sind. Seine Beobachtungen sind witzig, machen aber auch nachdenklich.' -- Jolie

"Ein hilfreiches, heiteres Buch nicht nur für alle, die nach Japan reisen wollen, sondern auch für Fans von Karaoke, Kirschbaumblüte, Manga, Sumo und Sushi." -- bild.de

Japan, wie es leibt und lebt - aus der Sicht einer deutschen Langnase!Japan - das ist Sushi, das ist Karaoke, das sind Hightech-Klos, die Kirschbaumblüte, Mangas und überfüllte U-Bahn-Waggons. Die Japaner - das sind fleißige, ulkige, freundliche Menschen, die ungewöhnlich alt werden, die wir mit laufenden Minikameras in der Hand kennen und die sich sehr für die deutsche Romantik begeistern. So weit unsere westeuropäischen Klischeevorstellungen. Nur: Wie ist es wirklich, als Deutscher in Japan zu leben? Es gibt noch viel zu lernen über jenes ferne Land, und nach der Lektüre dieses Buches wundert sich auch niemand mehr, dass Altpapier gebügelt wird, dass Themenrestaurants der letzte Schrei sind - und man so zum Abendessen in einer Gefängniszelle sitzt - und dass man sich anstatt "Viel Spaß" zum Abschied sagt "Streng Dich an".


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 218 S.
  • Seitenzahl: 218
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 135mm
  • Gewicht: 305g
  • ISBN-13: 9783442312115
  • ISBN-10: 3442312116
  • Best.Nr.: 27947496
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 11.11.2010

Die Launen des Eilands

Finn Mayer-Kuckuk hat seine Japan-Erfahrungen und "Recherchen zum seltsamen Japan" zunächst als Auslandsstudent, später als Korrespondent des "Handelsblatts", zu einem Buch gebündelt. Herausgekommen ist eine beobachtungsgenaue, gut recherchierte Langzeitstudie eines Langnasendaseins, die allerdings über die Aneinanderreihung von Missverständnissen und Kuriositätenparaden hinaus die dahinterliegende kulturelle Logik nicht immer offenlegt. Für Japananfänger gibt das Buch gleichwohl unterhaltsame Einblicke in Japans Firmenkultur und Konsumverhalten, Arbeitswut und Spieltrieb. Es erkennt im Kapitel "Tokio als Vergnügungspark" eine Verwirrung der Grenzen zwischen Scheinwelten und Realität, wenn es Stadtviertel wie das Elektronikviertel Akihabara oder das Techno- und Teenager-Paradies Shibuya als Themenparks beschreibt. Der hier noch gut beobachtete japanische "Sinn für Rollenspiel und Verkleidung" wird allerdings später etwas überzeichnet, wenn es im Kapitel "Tokio extrem" um popkulturelle Phänomene wie Cosplay (Costume Play), die Kultur und Warenwirtschaft der Otaku genannten Computerfreaks oder die systematisch antrainierte …

Weiter lesen

Die Launen des Eilands

Finn Mayer-Kuckuk hat seine Japan-Erfahrungen und "Recherchen zum seltsamen Japan" zunächst als Auslandsstudent, später als Korrespondent des "Handelsblatts", zu einem Buch gebündelt. Herausgekommen ist eine beobachtungsgenaue, gut recherchierte Langzeitstudie eines Langnasendaseins, die allerdings über die Aneinanderreihung von Missverständnissen und Kuriositätenparaden hinaus die dahinterliegende kulturelle Logik nicht immer offenlegt. Für Japananfänger gibt das Buch gleichwohl unterhaltsame Einblicke in Japans Firmenkultur und Konsumverhalten, Arbeitswut und Spieltrieb. Es erkennt im Kapitel "Tokio als Vergnügungspark" eine Verwirrung der Grenzen zwischen Scheinwelten und Realität, wenn es Stadtviertel wie das Elektronikviertel Akihabara oder das Techno- und Teenager-Paradies Shibuya als Themenparks beschreibt. Der hier noch gut beobachtete japanische "Sinn für Rollenspiel und Verkleidung" wird allerdings später etwas überzeichnet, wenn es im Kapitel "Tokio extrem" um popkulturelle Phänomene wie Cosplay (Costume Play), die Kultur und Warenwirtschaft der Otaku genannten Computerfreaks oder die systematisch antrainierte Niedlichkeit ("Kawaii Kultur") junger Japanerinnen geht. Interessanter sind aus dem Lebensalltag des Autors gegriffene Beobachtungen zur japanischen Kommunikation und Konsenskultur: "Die Gegenrede kommt erst nach einem großen Bogen von scheinbarer Zustimmung." Ferner überzeugen Kulturvergleiche und Gedankenspiele etwa über die für Japan typische "Grundneigung zu sinnloser Anstrengung" und die "Luftpolsterfolie des japanischen Alltags". Den Gesten, "Verbeugungen, Entschuldigungen und Danksagungen" stellt der Autor die deutsche Servicewüste gegenüber und analysiert ostwestliche Fremdbilder wie die überholte, aber in Deutschland weitverbreitete Vorstellung von der lebenslangen Festanstellung in Japan versus die japanische "Betonung des alten, schmiedeeisernen Deutschlands".

sg

"Tokio Total. Mein Leben als Langnase" von Finn Mayer-Kuckuk. Goldmann Verlag, München 2010. 224 Seiten. Broschiert, 14,95 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Finn Mayer-Kuckuk wurde 1974 in Bonn geboren. Nach dem Studium der japanischen Kultur und Literatur besuchte er die Holtzbrinck-Journalistenschule und lebte mehrere Jahre als Korrespondent des Handelsblatts in Tokio. Zurzeit wohnt er im Stadtteil Chaoyang in Peking.

Leseprobe zu "Tokio Total" von Finn Mayer-Kuckuk

PDF anzeigen

Leseprobe zu "Tokio Total" von Finn Mayer-Kuckuk

Tokio von oben, in der Dämmerung. Auf der Erde blinken in alle Richtungen die Lichter - wie ein zweiter Sternenhimmel. Um die großen Bahnhöfe herum wachsen Galaxien von Wolkenkratzern aus der Ebene. Sie scheinen von innen zu glühen, während die Werbebildschirme an ihren Fassaden grün, blau und rot flackern. Die großen Verkehrsadern treten zwischen den dunkleren Wohnvierteln hervor wie Sternbilder.

Das Beste ist: Dieser Blick kostet nichts. Oder fast nichts, denn ich stehe im obersten Stockwerk des örtlichen Rathauses in meinem Stadtteil Bunkyo. Zu dieser Aussichtsplattform kann jeder hinauffahren, der den Aufzug findet. Woanders zahlen Touristen zehn Euro für so einen Blick. Das Rathaus von Bunkyo liegt jedoch noch viel besser als die Empfehlungen der Reiseführer - die niedrig bebauten Wohnviertel ringsum geben den Blick über die Großstadtregion mit den weltweit meisten Einwohnern frei.

Japans Hauptstadt hat kein Gravitationszentrum, das sie zusammenhält. In Richtung der Vergnügungsviertel schimmert es rötlich, aus der Überstundenhölle des Bankenviertels fauchen grellweiße Fassadenscheinwerfer. Wer über Tokio hinwegblickt, sieht einen ganzen Kosmos unter sich ausgebreitet.

Manchmal genieße ich hier die Fernsicht, bevor ich auf dem Weg zu einem Termin in den Tunneln tief unter dem Gebäude in die U-Bahn steige.

Als Junge wollte ich Astronaut werden. Da es bis zur Erforschung fremder Planeten wohl noch ein wenig dauern wird, mache ich das Nächstbeste und erkunde Japan. Als Korrespondent des Handelsblatts schreibe ich vor allem über die Wirtschaft des Landes. Aber ich tauche auch tief in die Hauptstadt ein mit ihren etwa 150 000 Bars und Restaurants, den neonhellen Einkaufsstraßen, aber auch dunklen Ecken. In diesem Buch möchte ich Sie dahin führen, wo Touristen in Japan für gewöhnlich nicht hinkommen, und Ihnen dieses Land in Geschichten beschreiben, die meinen tiefen Respekt für seine Bevölkerung, aber auch all das Verwunderliche und Wunderbare an diesem Land ausdrücken.

Vom ersten Umgang mit Japanern - oder Die Laute des Erstaunens Tokio, das ist eine Klasse für sich. Als Weltmetropole ähnelt Japans Hauptstadt zwar durchaus New York oder Paris - vom Rest des Landes unterscheidet sie sich jedoch sehr. Das wahre Japan habe ich Jahre vor meinem Einsatz in Tokio bei einem Studienjahr in einer gottverlassenen Stadt auf dem Land kennengelernt. In Fukui war es zwar nicht sonderlich urban, dafür passierten aber umso skurrilere Dinge. Der Aufenthalt im ländlich-traditionellen Japan hat mir auch Gelegenheit gegeben, mich an die indirekte Ausdrucksweise der Japaner zu gewöhnen - die Laute des Erstaunens.

Tokio, 2009 "Mayersan kann das nicht essen", erklärte Yamahirasan und zog mir den Topf weg. Ich hatte mir gerade von der Suppe nehmen wollen. "Da sind Eingeweide drin", erklärte er den anderen vier Japanern. "Deutsche mögen so was nicht."

Ich machte einen enttäuschten Laut, während er mir den Griff zu der Tonschale mit schiefem Blick verwehrte. Eigentlich mochte ich Motsuni, eine dickflüssige Suppe aus Innereien. Ich verkniff mir meinen Protest jedoch. Yamahirasan war fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Wenn ich jetzt darauf bestanden hätte, eben doch Darm und Niere zu mögen, dann würde er vor den anderen Japanern das Gesicht verlieren. Herr Yamahira hatte in Holland gearbeitet und galt als Experte für Europäer.

Ich nickte also höflich, gab die Innereien auf und wollte mir stattdessen ein Scheibchen Sashimi von der Platte mit dem rohen Fisch nehmen.

"Sei vorsichtig", ermahnte mich Yamahirasan. "Du hast dir da ausgerechnet rohen Seeigel herausgepickt."

Auf genau den hatte ich es ja abgesehen. Glücklicherweise konnte ich rechtzeitig eines der schaumigen Scheibchen mit den Stäbchen aufpicken, bevor mir Yamahirasan die Schale wegzog.

"Komischer Ausländer! Na ja, dann probier mal." Er beobachtete mich beim Essen, als erwarte er im nächsten Augenblick einen Brechanfall.

Der Abend drohte, schwierig zu werden. Schon beim Hereinkommen war der Kellner untröstlich gewesen, dass er keine englische Speisekarte hatte anbieten können. "Es gibt keine Entschuldigung für unsere Unzulänglichkeit. Aber wir haben für Ihren amerikanischen Gast keine englische Speisekarte", sagte er an mir vorbei zu Yamahira.

"Alles in Ordnung", rief ich dem Mann auf Japanisch zu. "Solange Sie auch keine deutsche Karte haben, nehme ich einfach die japanische!" Er schaute nur verwirrt.

Als sich jedoch hinter dem nächsten Vorhang das eigentliche Lokal öffnete, war ich für die Behandlung als Außenseiter entschädigt. Der Laden lag im zweiten Untergeschoss eines Wolkenkratzers, doch der Innenarchitekt hatte die Atmosphäre eines Wirtshauses in der Bergeinsamkeit geschaffen. Die Illusion war so perfekt, dass der Besucher hinter den Papierfenstern die grün schimmernden Terrassen von Reisfeldern zu erahnen glaubte. Dahinter verbargen sich in Wirklichkeit dicke Betonwände.

Jede Gruppe von Gästen saß in einem eigenen stilisierten Häuschen an einem niedrigen Tisch. Den Boden bedeckten traditionelle Tatami, also schwere goldgelbe Matten aus Reisstroh und Binsen. Zu den Eingängen der Hütten führten Trittsteine, zwischen die grober Kies gestreut war wie im Steingarten. An einer Wand ergoss sich ein kleiner Wasserfall in einen Bach, der ein Rad mit Bambuskellen antrieb. Die Jungen und Mädchen vom Personal hatten traditionelle japanische Yukata an und brachten uns eine Speisekarte, die scheinbar per Hand auf eine Schriftrolle aus Bambusstreifen gepinselt war.

Yamahirasan füllte alle unsere Biergläser auf, die wir dann erhoben: "Kanpai!" - Prost.

Wir waren an diesem Abend sechs Leute, darunter ich als einziger Ausländer, wir alle in Hemd und Anzughose, der Standarduniform im Tokioter Sommerleben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich diese Treffen als Arbeit betrachten sollte oder als Vergnügen. Yamahirasan, sein Kollege und ich waren Journalisten. Wir versuchten an diesem Abend, aus den drei Wirtschaftsleuten herauszubekommen, was gerade in ihren Unternehmen passierte. Warum die Manager mit uns trinken gingen, weiß ich nicht so genau. Es kann nur zum Teil damit zu tun haben, dass wir die Rechnung bezahlten. So ungeheuer teuer war das Essen nicht. Vielleicht wollten sie sich wichtig machen, vielleicht wollten sie einfach Kontakte knüpfen. Yamahira-san, Universalredakteur für völlig verschiedene Themengebiete bei einer großen Zeitschrift, führte die Regie.

Als unsere Gläser mit Bier, Sake und Reisbranntwein plötzlich klirrend wackelten, blickte ich ängstlich auf. Ein Erdbeben? "Nein, Finnsan, das war nur die U-Bahn, die hinter dieser Wand fährt", sagte Yamahirasan.Als ich den Seeigel aß, spürte ich sechs Paar diskreter Blicke auf mir.

Leseprobe zu "Tokio Total" von Finn Mayer-Kuckuk

Tokio von oben, in der Dämmerung. Auf der Erde blinken in alle Richtungen die Lichter - wie ein zweiter Sternenhimmel. Um die großen Bahnhöfe herum wachsen Galaxien von Wolkenkratzern aus der Ebene. Sie scheinen von innen zu glühen, während die Werbebildschirme an ihren Fassaden grün, blau und rot flackern. Die großen Verkehrsadern treten zwischen den dunkleren Wohnvierteln hervor wie Sternbilder.

Das Beste ist: Dieser Blick kostet nichts. Oder fast nichts, denn ich stehe im obersten Stockwerk des örtlichen Rathauses in meinem Stadtteil Bunkyo. Zu dieser Aussichtsplattform kann jeder hinauffahren, der den Aufzug findet. Woanders zahlen Touristen zehn Euro für so einen Blick. Das Rathaus von Bunkyo liegt jedoch noch viel besser als die Empfehlungen der Reiseführer - die niedrig bebauten Wohnviertel ringsum geben den Blick über die Großstadtregion mit den weltweit meisten Einwohnern frei.

Japans Hauptstadt hat kein Gravitationszentrum, das sie zusammenhält. In Richtung der Vergnügungsviertel schimmert es rötlich, aus der Überstundenhölle des Bankenviertels fauchen grellweiße Fassadenscheinwerfer. Wer über Tokio hinwegblickt, sieht einen ganzen Kosmos unter sich ausgebreitet.

Manchmal genieße ich hier die Fernsicht, bevor ich auf dem Weg zu einem Termin in den Tunneln tief unter dem Gebäude in die U-Bahn steige.

Als Junge wollte ich Astronaut werden. Da es bis zur Erforschung fremder Planeten wohl noch ein wenig dauern wird, mache ich das Nächstbeste und erkunde Japan. Als Korrespondent des Handelsblatts schreibe ich vor allem über die Wirtschaft des Landes. Aber ich tauche auch tief in die Hauptstadt ein mit ihren etwa 150 000 Bars und Restaurants, den neonhellen Einkaufsstraßen, aber auch dunklen Ecken. In diesem Buch möchte ich Sie dahin führen, wo Touristen in Japan für gewöhnlich nicht hinkommen, und Ihnen dieses Land in Geschichten beschreiben, die meinen tiefen Respekt für seine Bevölkerung, aber auch all das Verwunderliche und Wunderbare an diesem Land ausdrücken.

Vom ersten Umgang mit Japanern - oder Die Laute des Erstaunens Tokio, das ist eine Klasse für sich. Als Weltmetropole ähnelt Japans Hauptstadt zwar durchaus New York oder Paris - vom Rest des Landes unterscheidet sie sich jedoch sehr. Das wahre Japan habe ich Jahre vor meinem Einsatz in Tokio bei einem Studienjahr in einer gottverlassenen Stadt auf dem Land kennengelernt. In Fukui war es zwar nicht sonderlich urban, dafür passierten aber umso skurrilere Dinge. Der Aufenthalt im ländlich-traditionellen Japan hat mir auch Gelegenheit gegeben, mich an die indirekte Ausdrucksweise der Japaner zu gewöhnen - die Laute des Erstaunens.

Tokio, 2009 "Mayersan kann das nicht essen", erklärte Yamahirasan und zog mir den Topf weg. Ich hatte mir gerade von der Suppe nehmen wollen. "Da sind Eingeweide drin", erklärte er den anderen vier Japanern. "Deutsche mögen so was nicht."

Ich machte einen enttäuschten Laut, während er mir den Griff zu der Tonschale mit schiefem Blick verwehrte. Eigentlich mochte ich Motsuni, eine dickflüssige Suppe aus Innereien. Ich verkniff mir meinen Protest jedoch. Yamahirasan war fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Wenn ich jetzt darauf bestanden hätte, eben doch Darm und Niere zu mögen, dann würde er vor den anderen Japanern das Gesicht verlieren. Herr Yamahira hatte in Holland gearbeitet und galt als Experte für Europäer.

Ich nickte also höflich, gab die Innereien auf und wollte mir stattdessen ein Scheibchen Sashimi von der Platte mit dem rohen Fisch nehmen.

"Sei vorsichtig", ermahnte mich Yamahirasan. "Du hast dir da ausgerechnet rohen Seeigel herausgepickt."

Auf genau den hatte ich es ja abgesehen. Glücklicherweise konnte ich rechtzeitig eines der schaumigen Scheibchen mit den Stäbchen aufpicken, bevor mir Yamahirasan die Schale wegzog.

"Komischer Ausländer! Na ja, dann probier mal." Er beobachtete mich beim Essen, als erwarte er im nächsten Augenblick einen Brechanfall.

Der Abend drohte, schwierig zu werden. Schon beim Hereinkommen war der Kellner untröstlich gewesen, dass er keine englische Speisekarte hatte anbieten können. "Es gibt keine Entschuldigung für unsere Unzulänglichkeit. Aber wir haben für Ihren amerikanischen Gast keine englische Speisekarte", sagte er an mir vorbei zu Yamahira.

"Alles in Ordnung", rief ich dem Mann auf Japanisch zu. "Solange Sie auch keine deutsche Karte haben, nehme ich einfach die japanische!" Er schaute nur verwirrt.

Als sich jedoch hinter dem nächsten Vorhang das eigentliche Lokal öffnete, war ich für die Behandlung als Außenseiter entschädigt. Der Laden lag im zweiten Untergeschoss eines Wolkenkratzers, doch der Innenarchitekt hatte die Atmosphäre eines Wirtshauses in der Bergeinsamkeit geschaffen. Die Illusion war so perfekt, dass der Besucher hinter den Papierfenstern die grün schimmernden Terrassen von Reisfeldern zu erahnen glaubte. Dahinter verbargen sich in Wirklichkeit dicke Betonwände.

Jede Gruppe von Gästen saß in einem eigenen stilisierten Häuschen an einem niedrigen Tisch. Den Boden bedeckten traditionelle Tatami, also schwere goldgelbe Matten aus Reisstroh und Binsen. Zu den Eingängen der Hütten führten Trittsteine, zwischen die grober Kies gestreut war wie im Steingarten. An einer Wand ergoss sich ein kleiner Wasserfall in einen Bach, der ein Rad mit Bambuskellen antrieb. Die Jungen und Mädchen vom Personal hatten traditionelle japanische Yukata an und brachten uns eine Speisekarte, die scheinbar per Hand auf eine Schriftrolle aus Bambusstreifen gepinselt war.

Yamahirasan füllte alle unsere Biergläser auf, die wir dann erhoben: "Kanpai!" - Prost.

Wir waren an diesem Abend sechs Leute, darunter ich als einziger Ausländer, wir alle in Hemd und Anzughose, der Standarduniform im Tokioter Sommerleben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich diese Treffen als Arbeit betrachten sollte oder als Vergnügen. Yamahirasan, sein Kollege und ich waren Journalisten. Wir versuchten an diesem Abend, aus den drei Wirtschaftsleuten herauszubekommen, was gerade in ihren Unternehmen passierte. Warum die Manager mit uns trinken gingen, weiß ich nicht so genau. Es kann nur zum Teil damit zu tun haben, dass wir die Rechnung bezahlten. So ungeheuer teuer war das Essen nicht. Vielleicht wollten sie sich wichtig machen, vielleicht wollten sie einfach Kontakte knüpfen. Yamahira-san, Universalredakteur für völlig verschiedene Themengebiete bei einer großen Zeitschrift, führte die Regie.

Als unsere Gläser mit Bier, Sake und Reisbranntwein plötzlich klirrend wackelten, blickte ich ängstlich auf. Ein Erdbeben? "Nein, Finnsan, das war nur die U-Bahn, die hinter dieser Wand fährt", sagte Yamahirasan.Als ich den Seeigel aß, spürte ich sechs Paar diskreter Blicke auf mir.

5 Marktplatz-Angebote für "Tokio Total" ab EUR 4,94

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
leichte Gebrauchsspuren 4,94 2,50 Banküberweisung, offene Rechnung, PayPal, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Modati/Buchland a.de 99,5% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 6,00 1,10 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung Oki11 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 8,00 2,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung Antiquariat Kisch & Co. 99,7% ansehen
wie neu 13,95 1,60 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung Hausmanns Büchershop 98,9% ansehen
Wie neu 13,95 1,60 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchversand Zorneding 99,1% ansehen